Scham verletzt uns im Innersten. Scham ist so unangenehm, dass wir am liebsten schweigen. Doch nur wenn wir uns der Scham stellen, können wir ihr Wesen erfahren. Und an ihr wachsen.

 

Dr. Stephan Marks ist Sozialwissenschaftler und Autor. Er leitete das Forschungsprojekt Geschichte und Erinnerung, war langjähriger Vorstandsvorsitzender von Erinnern und Lernen e.V. und ist Gründungsmitglied des Freiburger Instituts für Menschenrechtspädagogik. Stephan Marks bildet seit vielen Jahren Berufstätige, die mit Menschen arbeiten, über Menschenwürde und Scham fort, vorwiegend im deutschsprachigen Raum und in Lateinamerika.

 

Wie wirkt es sich aus, wenn wir Emotionen unterdrücken?

Auf diese Frage kann ich nur in Bezug auf die Scham antworten, für andere Emotionen fühle ich mich nicht kompetent: Wenn wir mit Schamgefühlen nicht bewußt umgehen, sondern sie unterdrücken, sie „los“ zu werden suchen, besteht die Gefahr, dass wir selbst „schamlos“ werden: Etwa indem andere beschämt, verachtet, bloßgestellt, ausgegrenzt oder schikaniert werden; indem andere arrogant, zynisch oder gewalttätig angegangen werden.

Es kann aber auch sein, dass abgewehrte Schamgefühle gegen sich selbst gerichtet werden, etwa indem man sich selbst klein macht oder sich in Depression oder Suchtverhalten flüchtet.

 

Welche Aufgabe hat die Scham?

Scham reguliert Zwischenmenschlichkeit. Sie reguliert, inwieweit wir uns vor anderen zeigen oder verbergen; inwieweit wir uns anderen öffnen oder verschließen; inwieweit wir mit den Konventionen, Normen und Erwartungen einer Gruppe oder Gesellschaft mitgehen oder unseren individuellen Weg gehen usw.

Wenn wir die jeweilige Botschaft der Scham verstehen, kann sie (gerade weil sie so schmerzhaft ist) ein machtvoller Anstoß für wichtige Entwicklungen werden. So kann uns z.B. die Scham für begangenes Unrecht zu moralischer Entwicklung anstacheln. Die Peinlichkeit, die zurückbleibt, wenn wir eine soziale Konvention verletzt haben, kann dafür sorgen, dass uns so etwas künftig nie wieder passiert.

 

Wie äußert sich Scham?

In einer akuten Situation kann sich Scham in körperlichen Symptomen zeigen wie z.B. Erröten, Schwitzen, Abwenden des Blicks oder dem Bedürfnis, zu fliehen. Massive Scham wirft uns in das so genannte Reptilienhirn zurück; Gehirnforscher haben auch beobachtet, dass dies mit einer Dysregulation von Sympatikus und Parasympathikus einhergeht. Dies macht es zunächst schwierig, Schamgefühle zu „merken“ und einen bewußten Umgang mit ihnen zu finden.

 


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Gibt es ein „gesundes“ Maß an Scham?

Schamforscher wie Micha Hilgers unterscheiden zwischen einem „gesunden Maß“ an Scham versus „traumatischer Scham“. Bei letzterer wird das Ich von Schamgefühlen überflutet und die in Frage 3 genannten genannten Prozesse treten auf. Bei gesunder Scham ist das Ich noch fähig, mit diesen Gefühlen umzugehen, sie zu „halten“, auszuhalten und daraus zu lernen.

 

In welchem Zusammenhang stehen Scham und Würde?

Scham ist, so Leon Wurmser, einer der wichtigsten Autoren zum Thema, die „Wächterin der menschlichen Würde“. Schamgefühle treten auf, wenn unsere Würde verletzt wurde, entweder durch andere oder durch uns selbst. Genauer betrachtet, wird dieses Gefühl ausgelöst, wenn unverzichtbare Grundbedürfnisse verletzt werden: nach Anerkennung (wenn wir z.B. mißachtet wurden), Schutz (wenn unsere Grenzen verletzt wurden), Zugehörigkeit (wenn wir die Normen einer Gruppe oder Gesellschaft verletzt haben) oder Integrität (wenn wir die eigenen Werte verletzt haben).

 

Inwieweit ist Scham kulturspezifisch?

Scham gehört zum Mensch-Sein, jeder Mensch kennt dieses Gefühl (außer ganz wenigen Ausnahmen, bei Gehirndefekten durch Geburtsfehler, Unfall oder Altersdemenz, die u.U. durch das Durchgangssyndrom noch verstärkt werden kann). Aber wofür wir uns jeweils schämen und wie wir mit Schamgefühlen umgehen: dies hängt auch ab von den Werten, Erwartungen, Schamgrenzen einer jeweiligen Gruppe oder Gesellschaft.

 

Ist Scham eine Prüfung des Mensch-Sein?

Als „Prüfung“ würde ich sie nicht bezeichnen, sie gehört zum Mensch-Sein und hat wichtige Aufgaben, gerade weil sie so schmerzhaft ist.

 

Wie können wir konstruktiv mit der Scham umgehen?

Konstruktiv mit Scham umgehen bedeutet, sie zuallererst zu „merken“ (in unserer Gesellschaft ist das Bewußtsein für diese Emotion ja weitgehend abgeschafft). Sobald wir „merken“, sind wir schon nicht mehr im Reptilienhirn, sondern bereits in höheren Gehirnfunktionen.

Dann sollten wir die Scham „normalisieren“: weil sie zum Mensch-Sein gehört. Teilnehmer an meinen Fortbildungen sagen zuweilen am Anfang: „Ich sag meinen Patienten: ‚Sie brauchen sich nicht zu schämen‘.“ Würden wir so z.B. mit Trauer umgehen? Würden wir einem Menschen, der den Tod eines Geliebten betrauert, sagen: „Sie brauchen nicht traurig zu sein“?! Gewiß nicht, natürlich darf er oder sie trauern. Übertragen auf das Thema Scham geht es mir darum, dass wir in der Arbeit mit Menschen „Räume“ bieten, in denen sie mit ihren Schamgefühlen sein dürfen – weil diese zum Mensch-Sein gehören.

 

Wie können wir dazu beitragen, andere Menschen weniger zu beschämen?

Menschen, die übervoll sind mit Schamgefühlen, sind in Gefahr, ihr eigenes „Zuviel“ an Scham dadurch „los“ zu werden, indem andere beschämt, verachtet, bloßgestellt usw. werden. Daher ist es zuallererst wichtig, sich seiner eigenen Schamgeschichte bewußt zu werden und für seine eigene Würde zu sorgen; das heißt: für eine gesunde Balance von Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit und Integrität.

 

Stephan Marks

Menschenwürde und Scham