Unser Leben ist in ständiger Bewegung. Wir stellen uns den beruflichen Anforderungen, fühlen uns in der Familie gefordert, pflegen unsere Hobbys. Ständig liegt irgendetwas an. Wir sind für andere da, bringen uns ein, geben Auskunft, organisieren, werden mit Schicksalsschlägen konfrontiert. Und nach einem anstrengenden Tag ist der Berg an Aufgaben nicht unbedingt kleiner geworden.

Sind wir in dieser Tretmühle gefangen, ist es schwer mitzubekommen, was uns berührt. All die Äußerlichkeiten beanspruchen so viel Aufmerksamkeit, dass wenig Zeit für Reflexion und Selbsterkenntnis bleibt. Doch wie wollen wir Einsicht in die für uns wesentlichen Dinge erlangen, wenn wir uns kaum Raum gönnen, um mitzubekommen, was uns bewegt? Und vielleicht ist die Art, wie wir bislang mit den Unwägbarkeiten des Lebens umgehen, nicht die einzige Möglichkeit Ruhe und Gelassenheit wiederzufinden.

 

Worum kreisen Ihre Gedanken?

Unser Interesse an der Wirklichkeit ist oftmals erstaunlich gering. Wir grübeln, analysieren, planen unentwegt. Tun es immer wieder, weil wir es gewohnt sind. Wir versuchen, uns zu schützen, möchten begreifen, was gerade geschieht. Natürlich ist es sinnvoll, Situationen zu analysieren, vorausschauend zu denken und zu planen. Aber wenn wir anfangen zu grübeln, bekommen unsere Gedanken etwas Zwanghaftes. Wir drehen und wenden das Problem hundertfach. Und wir glauben vorrangig, dass es ein Problem gibt, für das schnell eine Lösung gefunden werden muss.

Doch was wir oftmals nicht wissen, ist, wie wir in Beziehung zu diesem Problem stehen. Wir möchten die unangenehmen Gefühle schnell loswerden und übersehen darüber leicht die tiefere Bedeutung. Stille und Achtsamkeit ermöglichen Abstand, ein Lösen aus alten Gewohnheiten. Und in diesem Loslösen steckt oftmals eine neue Lösung.

„Verlangsame dein Tempo und genieße dein Leben. Du verpasst nicht nur die Landschaft, wenn du zu schnell vorangehst – du verlierst auch das Gefühl dafür, wohin du gehst und warum du dorthin gehst.“ – Eddie Cantor

Versuchen Sie, für einen Augenblick Ihre Gedanken zu erkennen. Dabei geht es nicht darum keine Gedanken zu haben, oder besonders gute. Es geht nicht um blitzartige Erkenntnis, nicht um Erleuchtung oder irgendwelche spirituellen Höhepunkte. Schauen Sie einfach, was sich gerade zeigt, wie schnell die Gedanken kommen und gehen.

Was geschieht in den Momenten der Selbsterkenntnis? Wir bekommen Abstand zu unserer inneren Dramatik, all den (vermeintlich) wichtigen und dringenden Aufgaben. So kann ein Raum zwischen Reiz und Reaktion entstehen. Und wir haben die kostbare Möglichkeit zu erkennen, dass ich den Gedanken (m)eine Bedeutung gebe. Unsere Gedanken erscheinen wirklich. Das kommt uns ganz normal vor, so dass wir es bislang kaum hinterfragt haben.

 

Wie fühlt sich Ihr Körper an?

Nehmen Sie sich ebenso einen Moment Zeit für Ihren Körper. Wie fühlt sich Ihre Stirn an? Wie fühlen sich Ihre Augen an? Ihr Unterkiefer? Was empfinden Sie? Spüren Sie vielleicht Druck? Bleiben Sie für einen Moment dort. Gehen Sie weiter zu Ihren Armen, Ihren Händen. Spüren Sie sich, zumindest für einen Moment. Spüren Sie Ihre Füße, den Boden der uns trägt.

Wo im Körper drücken sich gerade Ihre Empfindungen, Ihre Stimmung aus? In welcher Form kommen Ihre Eindrücke zum Ausdruck? Zeigt sich die Anspannung vor allem im Nacken? Oder auch in den Beinen? Wo zeigt sich die Freude, die Lebenslust? Nehmen Sie auf eine neue Art Kontakt zu sich auf.

Selbsterkenntnis ermöglicht Kontakt. Nicht um sich selbstgefällig zurück zu lehnen, sondern um den jeweiligen Augenblick besser zu erkennen. Denn nur um ihn geht es. Wenn die Wellen sich beruhigen, können wir tiefer schauen, haben wir die Möglichkeit, auf den Grund unserer Gedanken und Gefühle schauen.

Gefühle sind wunderbarere Hinweise. Sie geben Rückmeldung, wie ich zu den Ereignissen in Beziehung stehe. Dabei sind Gefühle wie Gedanken weder gut noch schlecht. Die Frage ist viel mehr, wie ich sie wahrnehme, welche Bedeutung ich ihnen geben kann.

 

Raum für das Wesentliche

Der Lärm des Alltags, der Lärm unserer Gedanken und Erwartungen kann sehr laut sein, so dass wir leicht den Kontakt zu uns verlieren. Wenn wir die Situation für einen Moment vereinfachen, haben wir eine Chance, uns selbst zu sehen. Und das ist elementar für unser Wohlbefinden, für unsere Entwicklung. Sobald wir es schaffen, uns für ein paar Minuten von den Äußerlichkeiten zurück zu ziehen, haben wir die Chance, uns bewusster wahrzunehmen.

„Die modernste Form der menschlichen Armut ist das Keine-Zeit-Haben.“ – Ernst Ferstl

Üben Sie behutsam. Die ersten Male fühlt es sich wahrscheinlich noch ungewohnt an. Auch hier zeigen sich Zweifel. Mache ich es richtig, was mache ich hier überhaupt, was bringt es mir. Das ist vollkommen in Ordnung, schließlich wagen wir uns auf unbekanntes Terrain. Sie kennen das vielleicht aus dem Urlaub. Die ersten Tage spüren Sie noch eine gewisse Unruhe. Doch mit der Zeit fällt vieles von Ihnen ab. Sie können die Momente zunehmend genießen und unbeschwert in den Tag leben.

Diese besonderen Momente können Sie ganz unterschiedlich gestalten. Vielleicht schaffen Sie sich dafür einen speziellen Platz in den eigenen vier Wänden oder Sie bevorzugen manchmal einen Platz unter freiem Himmel. Probieren Sie aus, was Ihnen entgegen kommt. Schauen Sie, ob Sitzen Sie eher entspannt als leichte Bewegungen wie zum Beispiel Spazierengehen. Das ist ganz individuell und kann sich im Laufe der Zeit verändern.

 

Selbsterkenntnis wagen

Eine neue Programmierung ist nicht das Ziel. Davon haben wir genug. Vielmehr dürfen wir unsere Konditionierungen erkennen. Wahrnehmen, wie sie unseren Blick lenken und oftmals wenig mit dem jeweiligen Augenblick zu tun haben. Gönnen Sie sich Zeit für sich, um das Eigene zu entdecken. Die momentanen Gefühle und Gedanken sind ein Ausdruck wie ich jetzt sein kann. Und mit zunehmendem Üben beginnen wir zu verstehen, dass der verzweifelte Wunsch besser zu werden, selber zu einer Quelle des Leidens wird. Unsere Erkenntnisse, unsere Fähigkeiten wachsen im Laufe des Lebens.

Mit sich zu sein, ja sich zu sogar zu genügen, kann sehr befreiend sein. Loszulassen von all der Geschäftigkeit, dem ständigen Aktionismus. Zu spüren, dass wir viel weniger kämpfen müssen, dass es ein unmögliches Unterfangen ist, die Dinge im Griff zu haben. Diese Momente gebären Angst und Freude. Angst vor Kontrollverlust, Angst vor dem Unbekannten. Doch die Furcht ist nicht das Ende. Mit ein wenig Mut geht es weiter.

Hinter den alten Konzepten warten neue Möglichkeiten auf uns. Viele Begrenzungen, von denen wir uns einengen lassen, sind Phantasiebilder und Ängste. Wir können hindurchgehen und manchmal ist es noch nicht einmal schmerzhaft. Mit der Selbsterkenntnis kommt dann die Freude, weil wir uns ein Stück näher gekommen sind. Und vor allem wird uns zunehmend bewusst, dass es im Leben viel weniger Anstrengung bedarf, um glücklich zu sein.