Verstehen wir einen Konflikt als Chance, ist es leichter, miteinander in Kontakt zu kommen. Anstatt verbissen gegeneinander zu argumentieren. Die meisten wünschen sich harmonische Beziehungen, die uns möglichst wenig Energie abverlangen. Doch ich glaube, Beziehungen leben auch von Spannung, von Gegensätzlichkeit, von Reibung.

Warum ist das so? Weil wir in uns in diesen Momenten auf eine neue Art kennenlernen. Individualität bereichert das Miteinander. Wir haben die Möglichkeit, unsere Sichtweise zu hinterfragen. Und vor allem merken wir, wie reif unsere Beziehung ist. Wenn mal nicht die Sonne scheint, wir erst einmal nicht weiter wissen und vielleicht sogar wütend aufeinander sind.

Worum geht es im Kern?

Die erste große Hürde die es in Konflikten zu bewältigen gilt, ist, zu erkennen worum es eigentlich geht. Oft streiten wir über Oberflächlichkeiten. Der wahre Kern wird leicht übersehen. Da werden Spuren von Zahnpasta im Waschbecken moniert, mit Unverständnis auf den Preis des neuen Kleides reagiert. Doch was stört uns daran genau?

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Karl Jaspers“]Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen.[/pullquote2]

Drücken wir den Ärger aus, was der Streit mit uns macht, bekommen Kontroversen eine andere Qualität. Wir reden von unseren Bedürfnissen und Ängsten, anstatt andere mit Vorwürfen zu überhäufen. Damit ist zwar noch keine Lösung in Sicht, doch wir sind im Dialog. Wir nutzen bewusst den Konflikt als Chance, um einander besser kennen zu lernen.

Möglichkeiten, einem Streit zu begegnen

Ausblenden – Es gibt Menschen, die möchten Konflikte am liebsten meiden. Vielleicht weil sie Harmonie über alles stellen, vielleicht auch Angst vor Auseinandersetzungen haben. Konflikte auszublenden, sie zu übersehen, ist auf Dauer keine gewinnbringende Lösung. Unstimmigkeiten verschwinden nicht, indem ich die Augen verschließe. Eintracht fühlt sich zunächst angenehmer an. Künstliche Harmonie hat auf Dauer allerdings ihren Preis, da wichtige Anliegen unausgesprochen bleiben.

Konfrontation – Wenn Meinungen aufeinander prallen, kann es schon mal laut werden. Da wird dann schnell verbissen gekämpft, wessen Anliegen wichtiger ist. Natürlich ist es wichtig, für die eigenen Belange einzustehen. Doch unsere Beziehung wird belastet, wenn wir einander nicht zuhören. Und vor allem gibt in einer Beziehung auf Dauer keine Gewinner und Verlierer. Was erheblich leidet, ist die Qualität unserer Beziehung.

Kompromiss – Ein Klassiker ist der Kompromiss. Beide gehen aufeinander zu und treffen sich irgendwo in der Mitte. Damit zeigen wir, dass wir das Anliegen unseres Gegenübers wichtig nehmen und bereit sind, Abstriche zu machen. In Letzterem steckt allerdings auch eine Gefahr. Manchmal gibt es keinen Kompromiss, der für beide Seiten zufriedenstellend ist.

Win Win – Wenn wir spüren, dass ein Kompromiss für beide Seiten nicht gewinnbringend ist, dürfen wir kreativ werden und neue Möglichkeiten ausloten. Gibt es vielleicht eine andere Herangehensweise, das Anliegen zu lösen? Hier gilt es bewusst, unbefangen und kreativ an das Thema heran zu gehen. Nach einer Lösung zu suchen, die beiden hilft und damit die Beziehung stärkt.

Gegensätze wahren – Die Spannung eines Konfliktes auszuhalten, ist nicht leicht. Deswegen wird gerne nach einer schnellen Lösung Ausschau gehalten, damit wir uns mit dem unangenehmen Thema nicht mehr beschäftigen müssen. Doch manchmal dürfen wir uns eingestehen, dass es momentan keine befriedigende Lösung gibt. Vielleicht braucht eine Lösung noch Zeit. Und wir die Reife, die Gegensätze stehen zu lassen.

Phasen einer Auseinandersetzung

Wenn wir uns mit unterschiedlichen Meinungen und Bedürfnisse auseinander setzen, gibt es für mich drei wesentliche Phasen. Jede einzelne ist wichtig und gilt es bewusst zu durchlaufen.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Joseph Joubert“]Es ist besser, ein Problem zu erörtern, ohne es zu entscheiden, als zu entscheiden, ohne es erörtert zu haben. [/pullquote2]

Interesse – Mir ist wichtig, mein Gegenüber zu verstehen. Deswegen höre ich genau hin, was sie/er zu sagen hat. Ich versuche zu verstehen, worum es genau geht, welche Bedürfnisse dahinter stehen. In dieser Phase geht es nicht um den Austausch von Argumenten, sondern um Verstehen.

Mitteilen – Jetzt geht es darum, meinen Standpunkt mitzuteilen. Was ist mir wichtig? Was erhoffe ich mir von einer Lösung? Unsere Mitmenschen können nicht hellsehen. Deswegen sind sie auf unsere Offenheit angewiesen.

Diskussion– Jetzt haben beide Seiten die Möglichkeit, verschiedene Sichtweisen abzuwägen. Nachdem wir verstanden haben, worum es geht, können wir anfangen zu diskutieren, Argumente auszutauschen. Da kann es schon mal emotional zugehen. Solange beide Seiten das Gefühl haben, gesehen und respektiert zu werden, ist das aus meiner Sicht kein Problem.

Und wir dürfen einen wesentlichen Aspekt bei Konflikten im Hinterkopf behalten: In Beziehungen gibt es auf Dauer keine Sieger. Eine Beziehung ist ein Miteinander, bedarf des Ausgleiches. Es kann nicht darum gehen, Recht zu haben, womöglich als „Sieger“ dazustehen. Streiten ist kein Kampf, sondern ein Austausch auf Augenhöhe.

Konflikt als Chance begreifen

Kontroversen sind eine gute Möglichkeit, uns kennenzulernen. Unsere Individualität in Bezug auf Werte, Bedürfnisse, Stimmungen, Fähigkeiten, Erfahrungen und Glaubenssätzen. Im ersten Moment erscheint das anstrengend. Die Wenigsten von uns freuen sich wahrscheinlich über Auseinandersetzungen, kosten sie doch Energie und Zeit. Gleichwohl bieten sie die wunderbare Möglichkeit, unseren Beziehungen ein stabiles Fundament zu verleihen.

Meinungsverschiedenheiten zeigen Grenzen auf. Doch Grenzen müssen nicht ausschließen. Gerade hier ist es wichtig, wieder in Kontakt zu kommen. Wenn wir weniger Angst haben, abgelehnt zu werden, können wir den Konflikt als Chance begreifen und aufeinander zugehen. Wir haben die kostbare Chance, über uns hinaus zu wachsen, aus dem Du und Ich etwas Größeres, Gemeinsames werden zu lassen.