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Udo Baer – Vom Innehalten und Loslassen

Wenn schwierige Gefühle zur Last werden, macht es Sinn, noch einmal nach hinten zu schauen. Was ist noch nicht verarbeitet? Gibt es vielleicht etwas Unerledigtes?

Dr. Udo Baer ist Diplom-Pädagoge, Autor, Kreativer Leibtherapeut, Mitbegründer und Geschäftsführer der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Vorsitzender der Stiftung Würde und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP).

Was ist der Sinn von Gefühlen?

Gefühle sind dazu da, spontanes Verhalten gegenüber der Umwelt zu lenken. Angst lässt vor Gefahren zurückschrecken, Ärger setzt den Impuls, etwas zu verändern, Neugier bewirkt, sich dem Interessierenden zuzuwenden usw.

Traurigkeit anzunehmen, ist manchmal gar nicht so einfach. Wie kann es gelingen, sich der Traurigkeit anzunähern, einen Zugang zu ihr zu finden?

Am wichtigsten ist es, zu respektieren, dass Traurigkeit ein nützliches Gefühl ist. Die meisten Menschen, die Schwierigkeiten haben mit ihrer Traurigkeit, spüren zumindest einen Anflug dieses Gefühls. Diesen Hauch der Traurigkeit ernst zu nehmen und ihm zu lauschen, dort hin zu spüren, ist der erste Schritt. Unterstützen kann man dies, indem z. B. eine Musik angehört wird, die in diesem Moment gerade in den Sinn kommt …

Unliebsame Geschehnisse möchten wir gerne verdrängen. Warum ist Trauern so wichtig?

Trauern ist das Gefühl des Loslassens. Nach meinen Erfahrungen können Menschen, ohne zu trauern, nicht loslassen. Nur Verdrängen. Aber: Verdrängtes kommt wieder und Verdrängen kostet Lebensenergie.

Schweres zu akzeptieren, fällt leichter, wenn wir den Geschehnissen einen Sinn geben können. Was sind hilfreiche Fragestellungen, die uns darin unterstützen?

Wenn einem Schlimmes widerfährt, kann es für manche Menschen hilfreich sein, dem nachträglich einen Sinn zu geben. Ich denke, dass vieles, was Menschen angetan wird, sinnlos ist. Schlimm bleibt schlimm. Aber wir Menschen können Mist in Gold verwandeln, indem wir uns zum Beipsiel dafür einsetzen, dass anderen Menschen nicht das gleiche geschieht. Aus schlimmen, schweren Erfahrungen Schlussfolgerungen für ein sinnhaftes Handeln zu ziehen, das erleichtert.

Mein Erleben wird seit langem von einer Leere und Traurigkeit begleitet, die ich nur schwer fassen kann. Welche Möglichkeiten kennen Sie, um dem Schleier der Schwermut zu begegnen?

Wenn es alleine nicht gelingt und schon lange dauert, ist Therapie sinnvoll, die solche Gefühlen nachgeht. Hilfreiche Fragen können sein: Was hat mein Leben beschwert? Was habe ich verloren oder nie gehabt? Wann und bei welchen Menschen bin ich ins Leere gegangen? Bei welchen Menschen ist es anders und wird mein Blick erwidert, findet meine Stimme Gehör, kann ich berühren und berührt werden? …

 


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Wie wirken Traumata?

Ein Trauma ist eine existenzielle Erschütterung des Menschen, die die aktuellen Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt und nachhaltige Folgen hat. Die meisten Menschen brauchen Unterstützung anderer Menschen, um die traumatische Erfahrung und ihre Folgen zu bewältigen. Traumata sind meist Beziehungserfahrungen. Beziehungs-Verletzungen brauchen Beziehungs-Heilung, brauchen neue Beziehungserfahrungen. Das kann mit Menschen aus dem privaten Umkreis gelingen oder mit professioneller Hilfe, also Therapie.

Welche Bedeutung hat Achtsamkeit für Sie?

Ohne für mich und meine Umwelt und vor allem auch andere Menschen achtsam zu sein, kann ich weder mich noch sie würdigen. Achtsamkeit braucht Sinne, Achtsamkeit braucht Innehalten, Achtsamkeit ist Spüren im Hier und Jetzt.

Wie tanken Sie Kraft und erholen sich?

Spielen, lesen, Musik hören, mit geliebten Menschen zusammen sein.

Welche Gedanken kommen Ihnen bei den Worten von Fritz Perls? „Das Schöne ist, dass sobald wir den Mut aufbringen, dem Unangenehmen zu begegnen, es fast immer verschwindet und sich in etwas Angenehmes, etwas Schönes oder Wirkliches verwandelt.“

Stimmt für vieles, was in uns selbst als unangenehm empfunden wird. Ist so allgemein aber zu vereinfachend. Täter verschinden nicht, Wunden heilen meist nur langsam, Narben bleiben. Richtig und wichtig ist: Wenn ich mich dem, woran ich leide, nicht zuwende, gibt es keine Veränderung. Die Zeit heilt nicht alle Wunden.

Was verleiht Ihrem Leben einen tieferen Sinn?

Der Kampf für die Würdigung der Menschen.

Dr. Udo Baer

Vorträge, Seminare, Kompetenztage

About the Author

Joachim HilbertJoachim Hilbert Vor 10 Jahren begann meine Reise nach Innen, denn ich suchte Antworten auf 3 Fragen. Was berührt mich? Woran habe ich Freude? Was verleiht meinem Leben Sinn? Dafür gibt es natürlich keine allgemein gültigen Lösungen. Mit meinen Artikeln möchte ich anregen, Antworten auf diese Fragen zu finden und hinter die Fassaden und Gewohnheiten zu schauen, damit sich unser innerer Reichtum offenbart. VisionView all posts by Joachim Hilbert

  1. Richard12-25-2016

    Achtsamkeit ist natürlich Grundlage für den Grad unsere Bewusstheit und damit unserer Gefühlslage und unserer spirituellen Entwicklung allgemein. Sie ist das Gegenstück zu Unbewusstheit, die Verdrängung begünstigt. Sie ist damit auch entscheidend bei der Frage, wie viel Akzeptanz wir in unserem Leben haben und wieviel Scham, Schuld, Angst, Wut, Groll wir immer noch weiter mit uns schleppen, bewusst oder unbewusst. Letztlich sind das Ursachen für Energieblockaden, die sich als Leere und Trauer ausdrücken können. Ob das alles rein westlich/mental/verhaltenstherapeutisch auch heute noch sinnvoll angegangen werden sollte finde ich schon fraglich. Schließlich gibt es sehr gute Erfahrungen mit Energiemethoden. Auch ein eher schamanisches Herangehen basierend auf Karma-Weisheiten sollen wir aus meiner Sicht nicht ganz ausschließen, zumindest wenn nach Jahrzehnten der Anwendung von anerkannten und erforschten Methoden kein Erfolg gesehen wird.

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