Warum ist Bewusstheit so wichtig? Weil es die Grundlage für eine tiefere Beziehung zu sich und zu anderen ist. Unsere Erlebnisse und Gefühle sind oft durch den Filter des Verstandes gelaufen. Und das in der Regel nicht nur einmal. Die Frage ist, was von unseren ursprünglichen Impulsen übrig bleibt oder in welche Form unser Verstand das Vorhandene presst. Selbst das aktivste, konzentrierteste Denken ist nicht dasselbe wie Bewusstheit.

Allzu leicht bleiben wir im Kreisverkehr von Gedanken und Gewohnheiten stecken. Wiederholen Dinge, drücken uns vor Schwierigkeiten, investieren viel Energie. Wir reiben uns oftmals auf unter dem Einfluss von Gefühlen. Geraten in Stress, fühlen uns angegriffen, geraten in Wut. Sei es im Privaten oder im Beruf. Und irgendwann denken wir vielleicht, das sei halt der normale Wahnsinn und sind schon froh, wenn es einen Tag mal ruhiger zugeht.
 
Bewusstheit verändert die Art, wie wir sehen, was wir sehen und fühlen. Je weniger wir von Gewohnheiten und Erwartungen beeinflusst werden, desto mehr Spielraum für Neues eröffnet sich. Wir fangen an, uns und die Bedingungen besser zu verstehen, erkennen zunehmend, was uns und andere berührt.

 
 

Bewusstheit als innere Haltung

Bewusstheit geht für mich mit einer fragenden Haltung einher. Sind die Dinge wirklich so, wie ich sie bisher wahrgenommen habe? Oder gibt es auch andere Möglichkeiten? Es geht darum zu akzeptieren, dass wir vielleicht viel weniger wissen und wahrnehmen, als wir glauben. Es geht um weniger behaupten, sondern um beobachten. Geduld mit sich und den neuen Informationen zu haben. Geduld, diese Dinge auf sich wirken zu lassen.
 
Fragen können unbequem sein. Gerade wenn Antworten fehlen, was uns möglicherweise verlegen macht. Doch es geht hier nicht darum, wie früher in der Schule schnell eine passende Formulierung parat zu haben. Manche Einsichten brauchen eben länger, gerade wenn wir Neuland betreten. Fragen bleiben selten ohne Wirkung. Auch wenn sich nicht gleich eine Antwort einstellt.

In welche Richtung bringen mich meine Fragen?
Welche Annahmen liegen meinen Fragen zugrunde?
Wie viel Zeit lasse ich mir mit meinen Antworten?
Was nehme ich (auch in mir) bewusst wahr?
Inwiefern verändern Gefühle meine Wahrnehmung?

 
Ebenso werden wahrscheinlich Sichtweisen zutage treten, die uns erschrecken. Gefühle die unbequem sind. Ich spüre zum Beispiel, dass ich noch eine Menge Ärger und Enttäuschung mit mir herum trage. Davon bin ich zunächst alles andere als begeistert. Doch ich bin auch dankbar. Jetzt kann ich diesen Gefühlen Raum geben und bewusster hinschauen, wie ich damit umgehe.

 

Das große Ganze beginnt im Kleinen

Wir sind mit unserem Sehen und den daraus folgenden Reaktionen oft schnell unterwegs. Nehmen die Dinge begrenzt wahr, ähnlich wie durch den Sucher einer Kamera. Einmal aus Gewohnheit, aber eben auch weil oft wenig Zeit zur Verfügung steht. Darüber hinaus vergessen wir leicht: es geht auch anders. Deswegen halte ich es für wichtig, dass wir uns Zeit nehmen, um neue Eindrücke zu sammeln und dadurch unsere Wahrnehmung erweitern.

In diesen Momenten können wir unsere Aufmerksamkeit wie einen Scheinwerfer auf das Geschehen richten. Die Geschwindigkeit aus dem Alltag nehmen, indem wir ein paar mal entspannt ein- und ausatmen. Uns eine zeitlang auf eine Sache konzentrieren. Dadurch entsteht die kostbare Möglichkeit, den Augenblick einmal in Zeitlupe wie unter einem Vergrößerungsglas zu beobachten.

„Eine Änderung des Bewusstseins verändert unbewusst auch das Sein.“ – Gerhard Uhlenbruck

 

Bewusstheit lenken

Dem Moment mehr Aufmerksamkeit zu schenken, ist ein wichtiger Schritt. Doch dann tauchen schnell weitere Fragen auf. Was fange ich mit diesen neuen Eindrücken an? In Bezug auf was kann ich denn bewusster werden? Worauf soll ich mich konzentrieren? Aus meiner Erfahrung bieten die folgenden Fragen eine gute Hilfestellung. Dabei finde ich ganz wichtig, sich nicht unter Druck setzen. Es geht nicht darum, auf einmal alles anders machen zu wollen. Das wäre eine völlige Überforderung. 
 
In welcher Form bewerte ich? Inwiefern halte ich Dinge für richtig oder falsch? In der Mathematik geht es nach Logik, hier gibt es richtige und falsche Antworten. Doch diese Schlussfolgerungen lassen sich selten auf das Leben übertragen. Natürlich besitzen wir die wertvollen Fähigkeiten zu unterscheiden, zu differenzieren, zu analysieren. Ob diese Ergebnisse in der jeweiligen Situation dann für irgendjemanden gut oder schlecht sind, obliegt unserer Bewertung. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass wir uns unserer Annahmen, Bewertungen, Urteile erst einmal bewusst werden.

Wie persönlich nehme ich die Dinge? Wenn ich das Geschehen in erster Linie auf mich beziehe, wird es schnell eng und kompliziert. Unbewusst projizieren wir unsere Gedanken und Vorstellungen auf Menschen und Dinge. Und ärgern uns, wenn es anders läuft. Werden anderen gegenüber ungehalten, weil sie unsere Erwartungen nicht erfüllen. Natürlich hat das Geschehen mit mir zu tun. Aber eben nicht nur mit mir. Das bei sich zu erkennen, ist gar nicht so einfach. Zu schnell packen uns die Gefühle, gehen mit einem durch.

Was empfinde ich in diesem Moment? Welche Bedürfnisse spüre ich? Sich der eigenen Gefühle bewusster zu werden, bedeutet nicht, sie alle ungehemmt ausleben zu können. Vielmehr können wir spüren, was uns berührt und bewegt. Ein wichtiger Schritt in Richtung Selbsterkenntnis.

 

Widerstand

Es wäre eine völlige Überforderung, von sich zu erwarten, gleich alles „richtig“ zu machen und plötzlich sehr viel bewusster zu leben. Wir wissen ja auch noch gar nicht, wohin die Reise überhaupt geht. Vielmehr geht es ein um schrittweises Üben sowie viel Wohlwollen sich selbst gegenüber. Manche Erkenntnisse sind wahrscheinlich unbequem. Gerade bei unangenehmen und wenig populären Gefühlen wie Stolz, Neid und Eifersucht. Zu erkennen, dass auch solche Schattenseiten in einem wohnen. Doch warum sollten wir davon verschont bleiben? Hier gilt es, sich für den Mut Anerkennung zu schenken, weil wir tiefer schauen. Und dabei bleiben, wenn es unbequem wird.
 
Besonders am Anfang ist es eine Herausforderung, die Ursachen und Zusammenhänge für unser Verhalten zu erkennen. Gewohnheiten sind stark. Deshalb macht es Sinn, zu üben, wenn wir nicht allzu aufgewühlt sind. Weiterhin besteht die Versuchung nach den ersten Erfolgserlebnissen zu sagen: Wunderbar, jetzt habe ich es verstanden. Und schalten womöglich ab. Einsicht dagegen wächst von Tag zu Tag. Es bleibt eine stetige Aufgabe, sich der eigenen Voreingenommenheit bewusst zu sein und weiter zu üben.

 

Lass alles ruhen und begegne Dir selbst

Wenn ich mich für etwas interessiere, beginnt in der Regel ein Lernprozess. Ich schaue genauer hin, bin bereit, Zeit zu investieren. Ab diesem Punkt wird es leichter, weil mich das Thema berührt. Im Grunde genommen geht es darum, immer mal wieder frei und unbenommen wahrzunehmen, zu experimentieren. Und von der Feststellung loszulassen, wie es zu sein hat. Kleine Veränderungen entfalten auf Dauer eine große Kraft. Mit der Zeit spüren wir, wie zunehmende Bewusstheit unsere Wahrnehmung verändert. Wir entwickeln auf einmal mehr Verständnis und Mitgefühl, erkennen neue Zusammenhänge und Möglichkeiten. Dies wird unsere Beziehung zu uns und anderen grundlegend verändern.

Um Bewusstheit zu entwickeln, gibt es mehrere Möglichkeiten.

Entspannung – Müßiggang kann sehr produktiv sein. Oder anders ausgedrückt: Wenn wir uns keine Pausen gönnen, nehmen Lebensqualität und Produktivität rapide ab. Bei einem Spaziergang fällt ein gedanklicher Ortswechsel oft leichter als am Schreibtisch. Suchen wir uns einen Ort an dem wir uns wohlfühlen, an dem alles denkbar ist.

Reflexion – Gönnen Sie sich Zeit zum Innehalten. Am besten über den Tag verteilt. Vielleicht 5 Minuten am Morgen und 5 Minuten am Abend. Hier können Sie sich zum Beispiel auf Ihren Atem konzentrieren. Wie fühlt es sich an, wenn die Luft in Ihren Körper strömt? Wie unterschiedlich ist Ihre Atmung? Ebenso besteht die Möglichkeit, ein Tagebuch zu führen, in das Sie stichpunktartig Ihre Eindrücke schreiben. Zu Beginn fällt uns das vielleicht ein wenig schwer. Doch das bewusste Aufschreiben verändert mit der Zeit unsere Wahrnehmung. Und natürlich tut es gut, die eigenen Eindrücke mit jemand anderem auszutauschen. Dieses sich ausdrücken, hilft, erlebtes zu verarbeiten, zu reflektieren. Zudem erfahren wir durch unser Gegenüber eine neue Perspektive.
 
Meditation – Es gibt sehr unterschiedliche Formen der Meditation. Diese hier zu erläutern, würde den Rahmen des Artikels sprengen. Im Kern ist Meditation ein erprobter Weg, sich der inneren Bilder und Gedanken bewusster zu werden. Nach und nach erfahren wir dadurch mehr über unser „Innenleben“.

„Tue einfach was du tust – mit so viel Bewusstheit wie möglich. Das ist alles. Mehr ist nicht nötig. Das Leben kümmert sich um die Details.“ – Samarpan

 

Vom Leben berührt werden

Jeder Mensch ist einzigartig durch seine besondere Kombination an Erfahrungen und Lebensumständen. Deswegen dürfen wir auch selbst heraus finden, was für uns stimmig ist, für uns funktioniert. Anleitung und Austausch sind hilfreich, doch den Weg können nur wir gehen. Aus eigener Kraft, aus eigener Motivation. Gerade zu Anfang fällt das manchmal schwer, weil Fragen auftauchen, neue Erkenntnisse uns vielleicht erst einmal verwirren. Für mich sind es allerdings genau diese Momente, die das Leben ausmachen. Vor allem was wäre, wenn wir keine Neugier, kein Interesse, keine Fragen mehr an das Leben, an den Augenblick haben?

Ich kann mich nur von Vorstellungen und Gewohnheiten lösen, sofern ich diese erkannt und verstanden habe. Bewusstheit ist ein Weg, sich der inneren Bilder bewusster zu werden. Eindrücke entstehen durch die Wahrnehmung eines Betrachters, in dessen Bewusstsein sie sich entfalten. Es liegt an unserer aufmerksamen und sensiblen Haltung, ob wir uns berühren lassen. Tiefgehende Veränderung ist eine Angelegenheit des Inneren. Wir können vielleicht manches im Außen für kurze Zeit ändern. Doch wenn es keine Angelegenheit des Herzens ist, wird diese Veränderung nicht von Dauer sein.
 
All das trägt bei mir dazu bei, das Leben intensiver zu erleben. Mein Umfeld und mich besser zu verstehen. Mitgefühl zu entwickeln. Immer wieder mal inne zu halten, zu entschleunigen, um zu erkennen, was mich berührt. Wie meine Gefühle mein Denken beeinflussen und umgekehrt. Mit Hilfe von Selbsterkenntniss wächst die Fähigkeit, neue Wege auszuprobieren, mein Verhalten leichter zu steuern, Klarheit zu entwickeln. Und vor allem eine tiefere Beziehung zu mir und meinen Mitmenschen aufzubauen.

Jeder Augenblick, den wir bewusst leben, wird uns auf eine besondere Art berühren.

 

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