Wir alle kennen den Druck von Erwartungen. Angefangen bei unserer Herkunftsfamilie, über die Schule, dem Arbeitsplatz, in unseren privaten Beziehungen, sozialen Medien und bis hin zu den Einflüssen und Prägungen durch die weitere Gesellschaft – überall kann unangenehmer Erwartungsdruck auftreten.

Der Kreis schließt sich in den Erwartungen, die du bis zum heutigen Tag übernommen hast und nun an dich selbst stellst. Dies könnte sich zum Beispiel so anhören: Ich muss einen bestimmten Beruf ergreifen. Ich muss eine Familie gründen. Ich muss immer höflich sein. Ich darf nicht egoistisch sein. Ich muss erfolgreich sein. Ich darf nicht für mich sorgen. Ich darf nicht zeigen, wie es mir wirklich geht. Ich muss immer gut drauf sein. Ich tue besser so, als ob nichts ist.

 

Das Leben nach den Erwartungen Anderer ausrichten

Solche Erwartungen sind es, die Wirkung in deinem Leben entfalten und sich in deinen Entscheidungen zeigen; darin wie du sein und was du tun möchtest; sie haben Anteil daran, wie du dich selbst siehst, wie du deinen Körper wahrnimmst, welchen Menschen du dich zuwendest, was dir wichtig erscheint, welche Pläne du schmiedest oder wie du dich in Beziehungen und Konflikten gibst.

Erwartungen, die einfach so übernommen werden, die du an dich delegieren hast lassen und nach denen du dich richtest, haben Konsequenzen. Es entsteht Druck; und auch wenn du in der Lage bist, Erwartungen zu erfüllen, können dahinter tiefe Gefühle liegen, nicht zu genügen, nicht richtig zu sein und anders sein zu müssen, als du eigentlich bist.

 

Erwartungen sind versteckte Bedingungen

Diesen Teil der Erwartung lassen wir normalerweise weg. Die oben genannten Sätze könnten komplettiert beispielsweise so lauten:
– Ich muss einen bestimmten Beruf ergreifen, um Anerkennung zu finden.
– Ich muss eine Familie gründen, um glücklich zu sein.
– Ich muss immer höflich sein, um dabei sein zu dürfen.
– Ich darf nicht egoistisch sein, um Solidarität zu erleben.
– Ich muss erfolgreich sein, um wertvoll zu sein.
– Ich darf nicht für mich sorgen, damit mich niemand angreift oder mit Schweigen bestraft.
– Ich darf nicht zeigen, wie es mir wirklich geht, damit ich nicht geschlagen werde.
– Ich muss immer gut drauf sein, um geliebt zu werden.

Du kannst sehen: Erwartungen sind so gesehen eigentlich harte Wenn-Dann Bedingungen. Ich muss eine Erwartung erfüllen, um an eine Ressource zu kommen, die eigentlich frei verfügbar sein sollte; namentlich Liebe, Anerkennung, Solidarität, Wichtigkeit oder auch die Unverletzlichkeit der eigenen Grenzen.

 

Die Grundregel allen Erwartungsdrucks: Nicht spüren, nicht prüfen

Der Schlüssel, damit du dich Erwartungen anpasst, ist die Fähigkeit, nicht zu spüren und nicht zu prüfen. So stelle ich die Bedürfnisse anderer Menschen immer über meine eigenen Wahrnehmungen und Vorstellungen, die zu benennen und auszudrücken ich dadurch langsam aber sicher verlerne.

Oft ist es in Familien oder Gruppen regelrecht verboten, zu spüren und auszudrücken, was wichtig für einen selbst ist – Stichwort „Sei nicht egoistisch“, „du bist so kompliziert“, „jetzt sei doch nicht so“. So lernen wir, uns an Erwartungen anderer zu orientieren und verlerne, diese mit meinen eigenen Wertvorstellungen und Wünschen abzugleichen. „Nicht spüren, nicht prüfen“ wird zu einer nur indirekt wahrnehmbaren, allgemeingültigen Lebensregel, die uns umgibt wie die Luft, die wir atmen.

 

Sehnsucht und Druck hängen zusammen

Dies kann lange gut gehen. Sobald du den Erwartungen aber nicht mehr entsprechen kannst oder diese nicht mehr erfüllen magst, so kommst du unter Druck; oder besser gesagt: Du wirst dir neben der Sehnsucht nach einem anderen Leben des Drucks bewusst, unter dem du ständig lebst.

In dieser Übergangsphase kommen die meisten Menschen, die unter Erwartungsdruck leiden, zu mir. Zum einen ist Druck, Leid und unstimmiges Verhalten vorhanden, während gleichzeitig schon neue Möglichkeiten spürbar werden als Sehnsucht nach einem besseren Leben, nach mehr Wahlfreiheit und guten Grenzen.

 

Im März 2018 unterrichtet Elmar Kruithoff zum Thema dieses Artikels ein Seminar in Zürich. Der Frühbucherrabatt gilt noch bis einschließlich dem 15.12.2017.

Titel: Wege aus Druck und Unklarheit finden Datum: 3. und 4. März 2018 Ort: Zürich

Nähere Informationen zum Seminar mit Elmar Kruithoff

 

Die Übungen

Dies ist eine kurze Darstellung meiner Sichtweise. Ich hoffe, dass ich dir trotzdem ein paar Ideen an die Hand geben kann sowie einen kleinen Geschmack der inneren Arbeit, die ich in meinen Kursen und in Einzelsitzungen anbiete. Dazu hier drei kleine Übungen, um sich mit Erwartungen ein wenig auseinanderzusetzen. Es reicht nicht, diese Übungen nur zu überfliegen; nur wenn du dir Zeit nimmst, sie auszuprobieren, wirst du etwas Neues über dich erfahren.

 

Übung 1: Erwartungen bzw. Bedingungen auffinden und in Worte fassen

Druck ist oft nur diffus wahrnehmbar, weil er für uns so gewohnt ist. Ein erster Schritt besteht daher darin, die Erwartungen bzw. Bedingungen dahinter einmal genau in Worte zu fassen. Erwartungen in Form von starren Regeln, Geboten oder Verboten sind dafür zunächst am besten geeignet:
– Ich muss …
– Ich sollte …
– Es ist verboten …
– Ich darf auf keinen Fall …

Nimm dir Zeit, eine Liste anzulegen mit allen Geboten und Verboten, deren Erfüllung du von dir selbst erwartest. Achte darauf, dass Gebote und Verbote nicht nur Handlungen betreffen, sondern auch bestimmte Gedanken, Gefühle usw betreffen können.

Wenn du magst, kannst du zu jeder Zeile ein „Sonst“ hinzufügen. Überlege dir, was passieren würde oder was du befürchtest, wenn du diese Erwartung nicht erfüllen würdest – und schreibe es zu der entsprechenden Erwartung dazu.

 

Übung 2: Verlangsamung und Verankerung

Langsam voranzugehen ist eine wichtige Fähigkeit, speziell wenn du in Leid gefangen bist. Gefangen zu sein bedeutet, dass du deinen Körper nur noch oberflächlich spürst und ohne zu prüfen übernimmst, was an Gedanken und Gefühlen in dir herumschwirrt.

Gehst du jedoch langsam voran und nimmst dir Zeit, deines Körpers gewahr zu werden und deine Aufmerksamkeit zu sammeln, so ist es möglich, offen und neugierig zu werden auf das, was in dir passiert.

Nimm zur Übung einmal Zeit, deine Liste anzuschauen und gleichzeitig deinen Körper wahrzunehmen. Hier sind dein Körper und deine Atmung … und dort sind die Erwartungen aufgeschrieben. Nimm dir Zeit, diesen Erwartungen einfach Gesellschaft zu leisten. Es kann hilfreich sein, eine oder beide Hände auf deinen Körper zu legen, um dir zu helfen wirklich präsent zu sein.

In dieser Übung geht es darum, ganz bei dir zu sein. Je klarer du bei dir sein kannst, desto offener und bedingungsloser kannst du sehen, was sich in dir (oder um dich herum) abspielt. In solch einem Moment tauchst du auf aus dem, was deine Sicht einschränkt.

 

Übung 3: Erwartungsdruck wahrnehmen und diesen nutzen lernen

Verstoße ich gegen eine Regel, dann bekomme ich zum Beispiel das Gefühl, ich nehme mir etwas heraus, was mir nicht zusteht. Vielleicht schwebt auch eine Drohung im Raum, dass mir etwas Schlimmes passieren wird; oder ich bin in der Gefahr, nicht mehr dazuzugehören oder bestraft zu werden. So entstehen Scham und Schuld, und es können auch andere Gefühle auftreten, wie Neid oder Ärger auf andere, die sich nicht an meine Regeln halten – und mir somit den Spiegel vorhalten.

Aktive Erwartungen erkennst du also daran, dass du dich schlecht fühlst. Generell steckt darin ein „Sei anders als du bist“; und dieser Druck fühlt sich nicht gut an – und ist in zweierlei Hinsicht nutzbar.

Wie kann ich dies für mich nutzen? Erwartungen sind gefüllt mit den Regeln, Idealen, (unerfüllten) Wünschen, Ideen, Wertvorstellungen oder Bedürfnissen anderer Menschen – inklusive des Drucks, sich diesen anzupassen und sich zu eigen zu machen. Dass sich dies nicht gut anfühlt macht Sinn. Kann ich den Druck als unangenehmes Gefühl wahrnehmen, so kann ich im ersten Schritt das Gefühl verstehen. Ich kann sehen: „Achtung! Etwas in mir macht Druck. Das fühlt sich nicht gut an. Hier läuft etwas falsch“.

Gleichzeitig kannst du daraus ableiten, was du stattdessen brauchst. Du kannst dies in einem zweiten Schritt aktiv einladen, in dem du beispielsweise sagst: „Ich nehme mir Zeit, wahrzunehmen was es stattdessen bräuchte.“ Oder als Satzergänzung: „Anstatt Druck braucht es …“ oder „Im Kern und ohne Druck betrachtet wünsche ich mir …“

Sei neugierig, was hier als Gegenwert des Drucks auftaucht, z.B. Verbindung, Anerkennung, Sammlung. Sobald ich verstehe, dass es dem Druck zum Beispiel um Verbindung und ein Gefühl des Dazugehörens geht, kann ich anfangen mich zu entspannen. Je mehr ich verstehe, um was es eigentlich geht, desto leichter fällt es, dem Erwartungsdruck gegenüber gelassen zu bleiben – und gleichzeitig den positiven und konstruktiven Aspekten zu folgen, die darin enthalten sind.

 

Elmar Kruithoff

Homepage Elmar Kruithoff
Interview mit Elmar Kruithoff

Elmar Kruithoff ist Diplom-Psychologe und der Gründer des Zentrums für Focusing-Kompetenzen. Er arbeitet mit Menschen daran, ihre Beziehungen, Entscheidungen und Selbstfürsorge zu verbessern, indem sie lernen, ihr inneres Erleben achtsam zu explorieren und ihr inneres Handeln in Richtung Empathie und Akzeptanz zu verändern.