Sind Sie eher ein ruhiger und stiller Zeitgenosse? Introvertiertheit betrifft viele von uns. Und das ist auch gut so. Dank Dr. Sylvia Löhken erscheinen die „leisen“ Qualitäten auf einmal in einem ganz anderen Licht.

Dr. Sylvia Löhken ist Expertin für intro- und extrovertierte Kommunikation. Seit 2003 coacht und trainiert sie Fach- und Führungskräfte mit wissenschaftlichem, administrativem oder IT-Hintergrund, die ihre kommunikative Kompetenz verbessern wollen. Mit ihrer Erfahrung als Wissenschaftlerin und als Managerin in einer großen internationalen Organisation kennt sie wichtige Arbeitsumfelder ihrer Kundinnen und Kunden: Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Forschung, Management und Beratung sowie japanische, amerikanische und deutsche Kommunikation. Dr. Sylvia Löhken ist promovierte Linguistin und zertifiziert als Coach und Reiss Profile Master. Das Portal Vortragsredner.de machte sie zur Vortragsrednerin des Jahres 2012.

Mit Ihrem aktuellen Buch „Leise Menschen – starke Wirkung“ scheinen Sie vielen Menschen aus der Seele zu sprechen.
 Was war für Sie der Anstoß für das Thema Introvertiertheit?

Es gab gleich zwei Anstöße – da konnte ich nicht ausbüchsen.☺ Erstens bin ich selbst introvertiert. Deshalb habe ich mich oft gefragt, warum ich Dinge anders empfinde oder angehe als „Extros“. Warum mir bestimmte Trainingsmethoden nicht zusagen, warum ich bestimmte Tipps nicht hilfreich finde, warum ich es abends selten genieße, nach einem langen Tag mit Freunden oder Kollegen in der Bar zu sitzen. Warum ich manche Dinge überhaupt nicht anstrengend finde, die andere stressen. Erst dadurch bin ich der Sache auf die Spur gekommen.

Zweitens sind viele meiner Lieblingskunden introvertiert. Und für diese Menschen gab es keinen Kommunikationsratgeber, der ihre Stärken und Bedürfnisse berücksichtigt, der ihnen hilft, mit sich selbst, aber auch mit den Extros um sich herum klarzukommen. Und auch Extrovertierte konnten nur schwer herausfinden, wie ihre introvertierten Partner, Kinder, Kolleginnen und Chefs eigentlich ticken. Daraus wurde dann ein Arbeitsauftrag: von mir an mich.

Wir sind umgeben von leisen Menschen – und manchmal sind wir es sogar selbst. Immerhin sind 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung introvertiert – wir reden hier also nicht über eine Minderheit.

Sie können sich ja einmal testen – der Test aus dem Buch ist auf meiner Website kostenlos zugänglich. Hier der Link: [fancy_link link=“http://www.leise-menschen.com/online-test“ target=“blank“ variation=“black“]Introvertiert oder Extrovertiert?[/fancy_link]

Auf welche Stärken können stille Menschen bauen? Worauf bezieht sich der Zusatz „starke Wirkung“?

Mit dem Begriff „starke Wirkung“ wollte ich ausdrücken, dass Intros genauso erfolgreich, cool und glücklich sein können wie Extros, wenn sie Zugang zu ihren eigenen Stärken haben. Sie erreichen ihre Lebensziele nur anders. Introvertiert heißt wörtlich „nach innen gewandt“. Die Stärken leiser Menschen lassen sich allesamt davon ableiten, dass sie dem, was in ihnen vorgeht, viel Energie und Aufmerksamkeit widmen. Deshalb können sie zum Beispiel gut beobachten und zuhören, strukturiert denken, lange konzentriert bei einer Sache bleiben, sich in andere einfühlen oder auch dann die Ruhe behalten, wenn sich die Ereignisse überschlagen.

Eine Übersicht über intro- und extrovertierte Stärken gibt es übrigens auf meinem Blog: [fancy_link link=“http://blog.leise-menschen.com/2012-08/intro-und-extro-starken-in-einer-nicht-so-leisen-phase/“ target=“blank“ variation=“black“]Intro- und Extro-Stärken – in einer nicht so leisen Phase[/fancy_link]

Vergleiche im persönlichen Bereich sind selten hilfreich,
 weil ich wahrscheinlich immer Menschen finden werde,
 die intelligenter, schöner oder redegewandter sind. Was ist aus Ihrer Sicht ein guter Weg, sich auf die eigenen Fähigkeiten zu besinnen?

Es ist schon ein guter Weg, sich auf die Suche nach den eigenen Stärken zu begeben und diese dann auch zu leben. Sie sind es ja auch, die uns unverwechselbar machen. Darum geht es viel eher auf der Suche nach persönlicher Erfüllung: nicht im absoluten Bereich der oder die Beste in etwas zu werden (da ist immer nur ein Platz frei…). Stattdessen ist es viel schöner und am Ende erfüllender, ein möglichst guter Joachim Hilbert oder eine möglichst gute Sylvia Löhken werden zu wollen.

Dazu gehört erstens ein Wissen über die Fähigkeiten und Stärken, die wir haben. Zweitens sollten wir wissen, welche Werte und Motive es sind, die uns im Leben antreiben. Auch die hat jede Person in unverwechselbarer Zusammensetzung. Ist es Macht oder Teamzugehörigkeit, Essen oder Status, Gemeinschaft oder Sicherheit? Der aus meiner Sicht beste Ansatz, das herauszufinden, ist ein persönliches Reiss-Profil. Ich habe viele Tests verglichen und habe nichts Besseres und Konkreteres gefunden. Wer seine Kompetenzen und seine Motive kennt, ist am Anfang eines vielversprechenden Weges zu sich selbst: denn der hat dann eine solide Basis.

 


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Wettkampf funktioniert oft nach der Devise, besser als die Konkurrenz zu sein.
 Ist es nicht hilfreicher, selbst sein Bestes zu geben, als stets auf die anderen zu schielen?

Ja, da sind wir einer Meinung. Menschen mögen aus verschiedenen Gründen Wettbewerb: zum Beispiel, weil sie siegen wollen, weil sie im Status steigen wollen oder weil sie an Einfluss gewinnen wollen. Oder sie mögen Wettbewerb aus ähnlichen Gründen gerade nicht: weil ihnen der Sieg gar nicht so wichtig ist wie Harmonie, weil sie lieber gleich als herausgehoben sind oder weil sie lieber andere unterstützen, als Einfluss auf sie auszuüben. Deshalb kann Wettbewerb nicht für jede(n) die gleiche Bedeutung haben. Genau das lässt sich herausfinden. Und dann kann ich befolgen, was die extrovertierte Dolly Parton uns rät: „Finde heraus, wer du bist – und dann mach es mit Absicht.“ (Original: Find out who you are, and do it on purpose.)

Inwieweit gehen Frauen und Männer anders mit ihrer Introvertiertheit um?

Ich glaube, es gibt wichtigere Aspekte als das Geschlecht. Wenn wir aufwachsen, lernen wir, bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zu schätzen. Dieser soziale Anteil unserer Persönlichkeit prägt uns, weil es unsere Gehirne prägt. Dann kommt es darauf an, was ein heranwachsendes Kind über seine Bezugspersonen zu seiner Introversion lernt: Ist es in Ordnung, wenn man nur einen oder zwei gute Freunde hat? Wenn man sich auf turbulenten Familienfeiern gern einmal zurückzieht? Wenn man in Ruhe und ganz vertieft an einer Sache sitzt?

Wer solche „In-Ordnung-Signale“ bekommt, kann seine introvertierten Neigungen leichter und selbstbewusster leben als ein Kind, das von seinen Eltern zum Psychologen geschleppt wird, weil es „nicht beliebt genug“ ist. Das ist leider eine wahre Geschichte aus den USA, die Susan Cain in ihrem Buch „Still“ erzählt. Damit sind wir bei einem weiteren Punkt: Auch die Kulturen, in denen wir aufwachsen, unterscheiden sich. Brasilien und die USA haben eher extrovertierte, Japan und Finnland eher introvertierte Kommunikationskulturen. Auch das prägt uns beim Heranwachsen. Und klar gibt es in jeder Kultur „weibliche“ und „männliche“ Eigenschaften, die erwünscht oder weniger erwünscht sind…

Worauf achten Sie, wenn Sie neue Menschen kennen lernen?

Worauf ich achte, wenn ich Menschen kennenlerne? Hm, kommt drauf an, wo, wie und warum ich jemanden treffe. Aber Menschen sind mein Beruf, da bringe ich eine gewisse Grundneugier mit. Vor allem auch, weil ich weiß, was da manchmal unter einer eher unauffälligen Oberfläche liegt. Über Menschen lernen – das ist für mich eine der spannendsten Aktivitäten überhaupt…

Persönliche Veränderung ist für viele Menschen ein wichtiges Thema.
 Gerade zum Jahreswechsel werden viele gute Vorsätze gemacht. Was macht aus Ihrer Sicht die Veränderung von Gewohnheiten so anspruchsvoll?

Unser Gehirn. Das operiert vernünftigerweise im Energiesparmodus. Und das bedeutet: Gewohnheiten werden bevorzugt. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, mir eine neue Gewohnheit anzueignen – und zwar so, dass mein Gehirn mich nicht sabotiert. Das heißt konkret: Lieber nur eine Sache ändern, und die in allmählichen, kleinen Schritten. Lieber beharrlich sein als in kurzer Zeit riesige Schritte machen wollen. Und vor allem: mir klarmachen, wozu es mir persönlich wichtig ist, dass ich mir diese neue Gewohnheit aneigne.

Ein Beispiel: Ich bin kein Sportfan, aber ich treibe trotzdem regelmäßig Sport: nur aus anderen Gründen. Ich will gern gesund sein, auch mit 95 Jahren noch. Und im T-Shirt will ich einen ordentlichen Bizeps haben… ☺ Diese beiden Motive reichen, um mich zu den Hanteln greifen zu lassen oder in den Liegestütz zu gehen.

Was ist Ihnen besonders wichtig im Leben?
 Wie gehen Sie damit um, durch Ihren Bestseller auf einmal im Rampenlicht zu stehen?

Ich will, solange ich lebe, weiter lernen und anderen Menschen auf ihrem Weg weiterhelfen. Jetzt gerade geht es mir konkret darum, Intros und Extros bei ihrer Zusammenarbeit und im Zusammenleben zu helfen. Das Rampenlicht, von dem Sie sprechen, sorgt dafür, dass ich genug von diesen wichtigen Dingen zu tun habe. Und ich achte auf regelmäßige Rückzugsphasen, um meine Batterien aufzuladen: täglich!

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[fancy_link link=“http://www.leise-menschen.com“ target=“blank“ variation=“black“]Leise Menschen – starke Wirkung![/fancy_link]