Ein Interview mit Bettina Stackelberg über Selbstbewusstsein, Orientierung und was gesunder Egoismus bewirken kann.

Bettina Stackelberg, die Frau fürs Selbstbewusstsein®, unterstützt als Coach mit Empathie und Know-how Menschen dabei, selbstbewusster zu werden. Sie sieht sich als Begleiterin, die Menschen ermutigt, Zugang zu ihren Ressourcen zu finden, Neues zu entdecken und mit Bewährtem zu verbinden.

Was ist aus Ihrer Sicht der Vorteil eines selbstbewussten Lebens? Oder anders herum gefragt: Wie hoch ist der Preis, wenn ich mich stets an anderen orientiere?

Wenn ich mir meiner selbst bewusst bin, dann kenn ich mich aus mit mir – ich kenne meine Stärken und meine Schwächen. Und ich bin im Frieden mit mir, ich werte nicht mehr so sehr, sondern sehe: Ja, das bin ich. Punkt.

Dadurch bin ich viel unabhängiger von der Sichtweise und der Beurteilung anderer – es gibt keine nennenswerten blinden Flecken mehr, die mich überraschen oder verunsichern könnten. Beruflich werde ich dadurch erfolgreicher: Ich setze meine Stärken ein und baue sie mit einer gewissen Leichtigkeit und Freude aus. Im Zwischenmenschlichen bin ich, wenn ich selbstbewusst bin, deutlich sicherer: Ich weiß, mit welchen Menschen ich mich umgeben möchte, wer mir gut tut und wer nicht. Ich kenne meine Bedürfnisse und stehe für sie ein. Wenn ich selbstbewusst bin, lebe ich sehr viel gelassener – ich muss mich nicht mehr so sehr beweisen, ruhe in mir, kenne mich und mag mich.

Wenn ich mich stets an anderen orientiere, führe ich kein selbst-, sondern ein fremdbestimmtes Leben. Und das ist sicherlich manchmal durchaus bequemer, weil ich keine Verantwortung übernehmen muss und anderen die Schuld geben kann, wenn etwas schief läuft. Erfüllter, aktiver und damit immer zufriedener und auch glücklicher ist mein Leben sicherlich dann, wenn ich es selbstbewusst und eigenverantwortlich führe. Ich habe die Wahl.

Selbstbewusstsein ist aus meiner Sicht nicht nur positiv belegt. Sicheres Auftreten hat für manche Menschen auch den Beigeschmack von Egoismus und Arroganz. Wo ziehen Sie da die Grenze?

Schon der alte Paracelsus sagte: Es gibt keine Gifte. Es ist alles eine Frage der Dosierung. Weder zu viel noch zu wenig Selbstbewusstsein macht glücklich. Ein gut ausbalanciertes Selbstbewusstsein existiert nicht auf Kosten anderer, sondern friedlich neben den anderen.

Ich denke, als arrogant werden „normal“ selbstbewusste Menschen vor allem von denjenigen angesehen, die zu wenig Selbstbewusstsein haben – die im tiefsten Inneren vielleicht sogar ein wenig neidisch sind. Selbstbewusst ist ganz klar nicht gleichzusetzen mit Arroganz.

Im Gegenteil: Arrogante Menschen haben meines Erachtens ein sehr wackeliges Selbstbewusstsein! Der selbstbewusste Mensch ist gelassen – muss sich und der Welt nichts beweisen. Er weiß, was er kann und darstellt und muss dies nicht jedermann ständig unter die Nase reiben. Arrogante Menschen ziehen sich ihre Bestätigung aus dem Urteil bzw. der Wertung anderer, müssen angeben und von oben herab sein, um sich selbst zu erhöhen.

Ein Wort noch zum Egoismus: Ich plädiere aus ganzem Herzen für gesunden Egoismus. Nicht auf Kosten anderer, sondern aus gesunder Selbstfürsorge heraus. Was brauche ich, damit es mir gut geht? Dies darf durchaus meine Maxime sein. Dadurch setze ich klarere Grenzen, sage im richtigen Moment „Nein!“, lebe eigenverantwortlich und nicht in der Opferrolle.

Gemocht zu werden, ist für viele Menschen ein wichtiges Bedürfnis. Trete ich selbstbewusst auf und äußere ein klares Nein, darf ich allerdings auch mit der „Ablehnung“ klar kommen. Wie kann dieser Spagat aus Ihrer Sicht gut gemeistert werden?

Wenn ich beginne, Selbstfürsorge zu betreiben und im Zuge dessen auch Grenzen setze und „Nein!“ sage, werde ich schnell merken, wie gut mir das tut. Und das motiviert mich, es weiter zu üben und auszubauen. Sicherlich werde ich damit den einen oder anderen vor den Kopf stoßen. Jetzt passiert aber etwas Wunderbares: Wenn ich den ersten Schritt gemacht habe – mich also getraut habe, „Nein!“ zu sagen, dann wird mir das so gut tun, dass ich mit der Ablehnung des anderen deutlich besser umgehen kann als ich befürchtet habe.

Mein Harmoniebedürfnis schrumpft nämlich dann auf das gesunde Maß: Ich lerne zu unterscheiden, wann ich auf mich achten muss und wann ich auf den anderen Rücksicht nehmen kann. Und noch etwas werde ich entdecken: Viel mehr Menschen als ich dachte können recht gut mit dem Nein umgehen. Sie kündigen mir nicht gleich die Freundschaft, sondern zucken vielleicht nur mit den Schultern und sagen: „Macht nix, das nächste Mal vielleicht.“ Der Spagat ist also gar nicht so groß, wie er zuvor erscheinen mag. Und außerdem: Wenn sich aufgrund meines „Nein!“ Menschen dann von mir zurückziehen, dann soll das so sein. Wer nur meine Nähe sucht und mich mag, wenn ich zu allem Ja und Amen sage – den brauche ich nicht im Freundeskreis, oder?

Die ersten Lebensjahre üben großen Einfluss auf unsere Sichtweise aus. Wie können wir Kinder unterstützen, ein hilfreiches Bild von sich zu gewinnen?

Wir können die Kinder dazu ermutigen, sich selbst zu entdecken und sich auszuprobieren. Dabei ist es wichtig, dem Kind die größtmögliche Freiheit zu lassen – also bitte so wenig wie irgend möglich diese hemmenden, entmutigenden Sätze wie „Das kannst du nicht!“ oder „Dafür bist du noch zu klein!“ verwenden! Helfen wir den Kindern lieber, die Welt und sich selbst zu entdecken und zu erobern.

Zeigen wir dem Kind: „Du kannst das! Ich glaub an dich!“ Hilfestellung geben – ja. Das Kind unter die Käseglocke stellen und nichts selbst tun lassen – nein! Bestärken wir die Kinder darin, zu wachsen, immer mehr zu lernen, Stärken zu entwickeln und stolz darauf zu sein. Bestärken wir sie darin, Ihre Stärken auszubauen und machen wir ihnen klar, dass jeder Schwächen hat und das nicht so tragisch ist.

Außerdem können wir den Kindern klarmachen, dass sie ihren eigenen Kopf haben dürfen: Sie müssen nicht etwas gut finden und tun, was wir als Erwachsene gut finden. Es ist in Ordnung, wenn sie auch mal selbstbewusst „Nein!“ sagen – zum Beispiel zum verhassten „Gib der Tante mal ein Küsschen!“ Und sie dürfen gerne die grüne Hose zur Lieblingshose küren – auch wenn wir die scheußlich finden.

Am allerbesten funktioniert dies alles natürlich durch unser Vorbild – wir können viel reden und predigen, aber vorleben ist deutlich hilfreicher und effektiver. Wenn wir unseren Kindern zeigen, dass wir selbst mit uns im Frieden sind, dass wir gut auf uns aufpassen und für unsere Bedürfnisse einstehen, ohne über Leichen zu gehen – dann ist das die beste Erziehung.

 


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Welche Erlebnisse haben Ihr Selbstbild geprägt?

Mich hat zur „Frau fürs Selbstbewusstsein“ ganz klar nicht die Tatsache gemacht, dass mir das Selbstbewusstsein in die Wiege gelegt wurde. Ich habe es teilweise sehr schmerzhaft und über eine lange Zeit hinweg lernen müssen bzw. dürfen. Und genau deshalb bin ich dafür jetzt Expertin – dafür, dass man es lernen kann und unser Leben sehr bereichert.

Ein sehr wichtiger Punkt für diese meine Entwicklung war mit Sicherheit mein Vater, der nicht anders konnte als mich klein und unerheblich wirken zu lassen. Die Botschaften, die ich von ihm bekam, gingen oft in die Richtung: „Wer bist du schon, was kannst du schon, was hast du schon zu sagen?“ Heute – viele Jahre nach seinem Tod – weiß ich, dass er nicht anders konnte. Damals tat es natürlich sehr weh, nie zu genügen, immer nur ganz nett, aber nie mehr zu sein in seinen Augen. Zum Beispiel war seine Art der Anerkennung, als ich mein Examen bestanden hatte kein „Wie wunderbar, ich bin stolz auf dich!“, sondern nur ein „Erstaunlich – ich hätte nicht gedacht, dass du das durchziehst!“.

Es hat lange gebraucht, bis ich erkannte: „Bettina, im Gegenteil – Du hast wirklich eine Menge zu sagen, du bist wer und zwar ne ziemlich tolle, große, selbstbewusste Frau, die vielen Menschen etwas geben kann!“ Heute weiß ich das und wundere mich deshalb auch nicht mehr, dass zu meinen Vorträgen viele hundert Menschen kommen und viele –zigtausende meine Bücher kaufen.

Neben vielem anderen hat noch etwas mein Selbstbild und mein Selbstbewusstsein sehr geprägt: Ich war mit 13 Jahren schon 1,80 m groß (gut, dass ich seitdem nur noch 3 cm gewachsen bin *gg*). Und das war alles andere als schön: In meiner Seele war ich eigentlich noch das kleine Mädchen, das mit Puppen spielen und ansonsten in Ruh gelassen werden wollte. Auf der anderen Seite hatten durch meine Größe auch schon die „großen“ Jungs aus der Schule ein Auge auf mich geworfen. Was mir wiederum zwar einerseits sehr schmeichelte, mich andererseits aber in Angst und Schrecken versetzte. Mit dieser Schere im Kopf gut umgehen zu können, hat mich meiner selbst bewusst werden und reifen lassen.

Heutzutage komme ich schon längst sehr gut klar mit meiner Größe. Ganz selten nur noch ärgert es mich heute, wenn z.B. ein Mann die blöde Gleichung aufstellt „Große Frau = starke Frau = mir zu starke Frau, also Finger weg!“

Was mögen Sie an Ihrem Beruf besonders?

Wo soll ich da anfangen! ☺ Ich bin sehr neugierig auf Menschen und ihre Geschichten und fühl mich reich beschenkt, wenn diese Menschen mich z.B. im Coaching ein Stückweit in ihr Leben einladen und mich darin ein wenig umsehen lassen. Ich bin dankbar, dass ich Menschen unterstützen kann, sie ermutigen kann, mehr als bislang an sich und ihre Stärken zu glauben.

Ich genieße außerdem die Vielfalt, die mir meine verschiedenen Standbeine ermöglichen: Die Rampensau in mir findet es großartig, vor einen vollbesetzten Saal 500 Menschen im Vortrag etwas erzählen zu dürfen, das mir wichtig ist. Die Trainerin in mir freut sich über intensive mehrtägige Workshops mit Menschen, die wirklich etwas bewegen und sich weiterentwickeln wollen.

Der Coach in mir ist beglückt, wenn er in einer konzentrierten, achtsamen und wertschätzenden Atmosphäre seinen Klienten weiterhelfen kann. Und die ganz stille Frau, die das Alleinsein so sehr braucht zwischendurch, genießt es, in dieser Zeit dann Bücher schreiben zu dürfen, die sich gut verkaufen und Menschen etwas geben. Ich brenne für meine Sache, ich habe meine Berufung zum Beruf gemacht – und bin sehr zufrieden und oft glücklich deshalb.

Was fällt Ihnen spontan zu den Worten von Krishnamurti ein? „Ein Ideal ist eine Flucht vor dem, was du bist.“

Ein schönes Zitat, dem ich 100%ig zustimme. Es braucht Mut, Selbstbewusstsein und Stärke, mich so zu nehmen, wie ich bin. Das bedeutet ja nicht, dass ich nicht an mir arbeite, mich nicht weiterentwickeln möchte.

Aber dieses grundsätzliche mit-mir-Frieden-schließen ist eine wichtige Voraussetzung dafür. Erst, wenn ich mich annehme, kann ich konkrete Entscheidungen treffen, was ich beibehalten und was ich ändern möchte. Einem Ideal werden wir nie genügen können – denn Ideal und Mensch schließt sich aus. (Oder – anders gesehen: Der Mensch ist schon das Ideal! Er muss gar nichts mehr tun dafür.) Was hier aber wohl eher gemeint ist: Das Ideal als die „perfekte Version des Menschen“ – dies ist Perfektionismus und der ist anstrengend. Wenn ich nach Perfektion strebe, werde ich nie fertig, darf ich nie aufhören, nie stehen bleiben – denn ein bisschen mehr geht doch sicher noch. So bin ich der Hamster im Rad, renne und renne, bleibe nie stehen – und fliehe so vor mir selbst und der Realität. Ich muss nicht „Der Beste“ sein – es reicht, mein Bestes geben zu wollen.

Außerdem ist diese Flucht, dieses Streben nach Perfektion auch in gewisser Weise feige: Ich hab immer die Entschuldigung, dass ich ja noch nicht das Beste gegeben habe, dass ich ja noch auf dem Weg bin – so kann ich Kritik immer gut abwehren. „Sorry, aber ich bin ja noch nicht fertig, das wird noch besser!“ Um genau diese Themen gehts auch in meinem 4.Buch, welches im März 13 auf den Markt kommt: Gut reicht völlig. Selbstbewusste Wege aus der Perfektionsfalle. Beck kompakt im C.H.Beck Verlag.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Ich bin sehr dankbar und auch stolz darauf, dass ich sehr langjährige Freunde habe und die sind mir eigentlich das Wichtigste im Leben: Diese selbstgewählte, bewährte, unglaublich vertraute und mir nahe Handvoll Menschen.

Und natürlich ist mir mein Beruf sehr wichtig – zumal ich das Glück habe, noch nie in 22 Jahren Berufstätigkeit auch nur einen Tag lang gehadert zu haben, ob das der richtige Beruf für mich ist. Berufung, Leidenschaft, mein Brennen dafür – das ist mir wichtig.

Dann ist es mir sehr wichtig, immer genug Ruhe, Stille, Alleinsein, Unerreichbarkeit in meinem Leben zu haben. Das brauche ich als Ausgleich zu meiner intensiven und sehr nahen Arbeit mit Menschen. Diese Arbeit kann ich nur gut und gerne machen, wenn ich andererseits die Stille habe in ausreichendem Maße. Werte sind mir außerdem wichtig in meinem Leben: Werte wie Achtsamkeit, Authentizität, Neugier, Wertschätzung, Integrität, Beständigkeit und Freiheit. Diese Werte sind mir stets gute Fixsterne und Wegweiser, nach denen ich mein Denken und Handeln ausrichten kann. Sie helfen mir zu sehen, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin oder ob mich z.B. Entscheidungen eher entfernen von diesen Werten.

Und dann sind mir natürlich noch ein paar ganz profane Dinge wichtig: Ich koche leidenschaftlich gerne für mich alleine oder für Gäste, puzzle gerne auf meiner Terrasse an meinen Pflanzen herum. Ich liebe es, frühmorgens im Sommer im Ammersee zu schwimmen oder durch den Wald zu radeln. Yoga und Meditation möchte ich ebenfalls nicht mehr missen in meinem Leben.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Da kann ich mich nicht auf eines festlegen, es kommt auf den jeweiligen Lebensabschnitt
und meine Themen an. Im Augenblick (ich hab im Februar Geburtstag) passt mal wieder sehr gut
der Satz von Hugo von Hoffmannsthal: „Älter werden heisst schärfer zu trennen und inniger zu verbinden!“

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