Wie beeinflusst Selbstwert unser Lebensgefühl? In einem Interview beantwortet die Autorin und Psychologin Stefanie Stahl diese Frage und was man gegen innere Zerrissenheit unternehmen kann.

Stefanie Stahl ist in Hamburg geboren und aufgewachsen und hat an der Universität Trier Psychologie studiert. Sie arbeitet als Psychotherapeutin, psychologische Sachverständige und Buchautorin in freier Praxis in Trier. Zudem hält sie im deutschsprachigen Raum Seminare zum Thema Bindungsangst.

Wie wirkt sich ein geringes Selbstwertgefühl auf den Umgang mit anderen Menschen aus?

Menschen mit einem labilen Selbstwertgefühl verarbeiten dieses auf unterschiedliche Weisen. Die einen sind immer auf Harmonie und Ausgleich bedacht, um bloß nirgendwo anzuecken. Sie halten sich mit Kritik und Ärger zurück, weil sie die Beziehung zum Anderen nicht belasten wollen. Hierdurch belasten sie die Beziehung jedoch langfristig umso mehr, weil der unterdrückte Ärger häufig dazu führt, dass man die Zielperson irgendwann nicht mehr mag und sich von ihr zurückzieht. Bis dahin fiel kein böses Wort. Die Zielperson hat also keine Chance zu einer Klärung erhalten.

Es gibt aber auch Selbstwertlabile, die ihr Problem genau in die andere Richtung kompensieren: Sie sind im zwischenmenschlichen Kontakt recht streitbar und reagieren schnell zickig. Diese Betroffenen haben sich die Verteidigung ihrer persönlichen Grenzen auf die Fahne geschrieben und sie schießen häufig mit Kanonen auf Spatzen. Durch ihr scheinbar starkes Auftreten vermutet man bei Ihnen häufig kein Selbstwertproblem und auch die Betroffenen selbst sind sich hierüber nicht unbedingt bewusst.

Allen Selbstwertgeschädigten ist gemeinsam, dass sie aufgrund ihrer Unterlegenheitsgefühle leicht eine besondere Stärke und Dominanz in ihr Gegenüber projizieren, was von leichten bis zu starken Wahrnehmungsverzerrungen führen kann.

Um hierfür ein Beispiel zu nennen: Ein Mensch, der sich unterlegen fühlt, hat ein stärkeres Machtbedürfnis als ein Mensch, der sich mit seinen Mitmenschen auf Augenhöhe wähnt. Der scheinbar Unterlegene reflektiert aber in der Regel seinen Machtwunsch nicht und ist stattdessen geneigt, diesen auf das scheinbar starke Gegenüber zu projizieren.

So wird der scheinbar Starke dann schnell zum „Täter“ stilisiert, obwohl er objektiv gesehen gar nichts getan hat. Derartige Projektionen und Wahrnehmungsverzerrungen stellen eine ungeheure Belastung für das menschliche Miteinander dar. Ich möchte behaupten, dass die persönliche Reflexion der Königsweg zu einer besseren Welt ist.

Welche Bedeutung haben die Wörter Selbst, Wert und Gefühl?

Umgangssprachlich gibt es ja viele Synonyme, wie Selbstsicherheit, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Diese in ihrer Bedeutung genau zu differenzieren ist eher etwas für psychologische Feinschmecker und wäre mir persönlich etwas zu akademisch. Deswegen schreibe ich in meinem Buch, dass mir der Begriff Selbstwertgefühl am besten gefällt, weil am Ende das Gefühl steht. Denn es ist das innere Gefühl, das sich einstellt, wenn man sich nicht genügend zutraut, was so viel Macht über einen hat.

Ein geringes Selbstwertgefühl als solches ist zwar nicht fühlbar, aber die Gefühle der Angst und Scham. Und genau diese stellen sich ja ein, wenn man an sich zweifelt und Angst hat zu versagen oder abgelehnt zu werden. Damit einhergehen können auch Gefühle der Hilflosigkeit und Trauer. All diese Gefühle sind in der Regel schlechte innere Berater und lähmen uns. Die Vernunft mit ihren viel besseren Argumenten steht da zumeist auf verlorenem Posten.

 


Amazon – Partnerlink

 

Was sind häufig die Ursachen für ein geringes Selbstbewusstsein?

Ein geringes Selbstwertgefühl kann man im Großen und Ganzen auf zwei Ursachen zurückführen: 1. Genetische Veranlagung und 2. Kindheitsbedingungen. Menschen kommen mit einer unterschiedlichen Veranlagung zur Schüchternheit und Ängstlichkeit auf die Welt. Wenn dann noch problematische Entwicklungsbedingungen hinzukommen, dann wird der Betroffene wahrscheinlich ein Selbstwertproblem entwickeln.

Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl hatten häufig eine schwierige Kindheit. Die Botschaft „Wir lieben Dich, so wie du bist“ haben sie von ihren Eltern nicht erhalten. Die Kinder haben gelernt, wenn sie geliebt werden wollen, die Erwartungen ihrer Eltern erfüllen zu müssen. Aber auch bei einem liebevollen Elternhaus kann sich ein geringes Selbstwertgefühl ausbilden, wenn die Eltern – oder der gleichgeschlechtliche Elternteil – selbst darunter leidet und seine Angst unbewusst in sein Kind hineinträgt.

Wenn Eltern ihrem Kind immer wieder vermitteln sehr vorsichtig zu sein, dann kann das bei dem Kind die Empfindung auslösen, dass ihm nicht viel zugetraut wird und die Welt da draußen gefährlich ist. Natürlich können auch Defizite in der Person selbst zu einem geringen Selbstwert fühlen. So spielt zum Beispiel bei vielen Frauen die äußere Erscheinung eine wichtige Rolle. Wer da mit einer unglücklichen Veranlagung auf die Welt kommt, hat es leider schon schwerer.

Innere Zerrissenheit macht es manchmal schwer, die eigene Person anzunehmen. Gerade wenn die inneren „Stimmen“ einem so unterschiedliche Botschaften wie „Du schaffst das nie.“, „Die neue Stelle hört sich interessant an.“ und „Ich sollte lieber bescheiden sein.“ einflüstern.

Man muss sich im ersten Schritt bewusst machen, dass es sich hierbei um die Stimme der Angst oder um die Stimme der Depression handelt. Dann sollte man sich überlegen, wie gut einen diese Stimme in der Vergangenheit beraten hat?

Gefühle wie Angst und Depression sind häufig schlechte Berater, weil sie wenig über die Realität aussagen, sondern einem eigentlich nur mitteilen, wovor man Angst hat. Sie vertun sich ständig, wie viele Menschen im Rückblick erkennen. In einer Firma wären sie als Berater wegen ihrer schlechten Prognosen schon längst entlassen worden. Nur der betroffene Mensch wird nicht müde ihnen Glauben zu schenken.

Im zweiten Schritt sollte man einen ganz bewussten Abstand einlegen zwischen dieser Stimme und der Realität, indem man sich zum Beispiel sagt: Ah ja, du bist es wieder, die Angst! Dir kann ich keinen Glauben schenken, weil Du schon so häufig Katastrophen prophezeit hast, die nie eingetreten sind!“

Im dritten Schritt sollte man sich seiner Stärken bewusst werden und hierfür einen eigenen Satz finden, wie beispielsweise: „Das schaff ich!“ und dies mit einer Situation verknüpfen, in der man erfolgreich war und spüren, wie dieser Satz sich innerlich anfühlt. Mit diesem Satz und diesem Gefühl sollte man gedanklich in die Zukunft gehen und sich fragen, wie sich sein Leben hierdurch verändern würde?

Und letztlich sollte man sich auch immer fragen: Was kann mir eigentlich im schlimmsten Fall passieren? Selbstzweifel und Ängste bleiben nämlich häufig im Diffusen stecken.

Was fällt Ihnen spontan zu den Worten von Oscar Wilde ein? „Sei du selbst. Alle anderen sind bereits vergeben.“

Der ist ganz witzig und trifft es auch. Wir haben ja alle eine Sehnsucht nach Authentizität und trauen uns häufig nicht, wir selbst zu sein. Dabei sind die Schwächen, die wir bei uns wähnen, meistens gar nicht so dramatisch. Schlimmer sind meistens die Methoden, mit denen wir sie bekämpfen, so beispielsweise durch Unaufrichtigkeit, Abwertung des Gegenübers oder übertriebene Geltungssucht.

Welche Situationen haben Ihr Selbstwertgefühl geprägt?

Das sind weniger einzelne Situationen als sehr unterstützende Eltern. Meine Eltern haben mir ein gutes Selbstwertgefühl vermittelt. Dies hat dazu geführt, dass ich mir Dinge zugetraut und erfolgreich bewältigt habe, was mich wiederum bestärkt hat.

Aus Niederlagen, die es auch gab, habe ich immer den Lerneffekt gezogen. Rückblickend haben die mich sogar am weitesten gebracht.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Mir ist es wichtig, mich immer besser selbst zu erkennen und dadurch auch meine Mitmenschen möglichst richtig zu beurteilen. Je mehr blinde Flecken ein Mensch nämlich hat, desto mehr ist er geneigt, seine eigenen Probleme auf sein Gegenüber zu übertragen.

Mit meinen Erkenntnissen möchte ich dann möglichst vielen anderen helfen. Davon abgesehen, bin ich froh, wenn ich gesund bleibe und noch eine Menge Spaß habe.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Davon habe ich drei:
– Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!
– Wem soll das schlechte Leben nutzen?
– Und: Gott sei Dank, was soll`s!

[image_frame style=“shadow“ align=“left“ alt=“Stefanie Stahl“ title=“Stefanie Stahl“]https://leben-ohne-limit.com/wp-content/uploads/2013/02/Interview-StefanieStahl.jpg[/image_frame]

[fancy_link link=“http://www.stefaniestahl.de“ target=“blank“ variation=“black“]www.StefanieStahl.de[/fancy_link]