Die eigenen Fähigkeiten wertzuschätzen und zu leben, ist manchmal kein leichtes Unterfangen. Besonders dann, wenn die Begabungen nicht in das gängige Raster passen.

Anne Heintze ist Gründerin und Inhaberin der Open-Mind-Akademie, die sich auf das Coaching von hochsensiblen und hochbegabten Menschen spezialisiert hat. Dabei geht es keineswegs um Genies oder Ausnahmetalente, sondern um Menschen, die sich oft einfach ein bisschen “anders” fühlen und die Ursache dafür zunächst gar nicht kennen.

Werden wir den Erwartungen anderer nicht gerecht, geraten wir leicht ins Abseits. Aus diesem Grund wird Hochsensibilität häufig als Last von den Betroffenen und dem Umfeld empfunden. Das führt leicht zu einem inneren Zwiespalt: Erfülle ich die Erwartungen der anderen oder gebe ich meiner inneren Stimme nach. Welche Hinweise können Sie den Betroffenen geben?

Wahrscheinlich kennen alle Menschen diesen Zwiespalt: Das, was von mir erwartet wird, ist nicht das, was ich bei völlig freier Entscheidung tun würde. Hochsensible Menschen leiden allerdings oft noch mehr darunter, denn ihre Bedürfnisse sind nun mal nicht für jedermann verständlich, sie fallen damit oft aus dem Rahmen des Gewohnten. Egal, ob es sich um die verstärkte Wahrnehmung der fünf körperlichen Sinne handelt (Hochsensibilität) oder um eine intensive Wahrnehmung der Feinsinne (Hochsensitivität), das Leben in einer Umwelt, die nicht für solche Sinnesausprägungen geschaffen wurde, ist nicht leicht.

Anpassen, Verstecken, Zurückhaltung bei einem hochsensiblen oder hochsensitiven Menschen , – ich sage der Einfachheit halber einfach „außergewöhnliche Menschen“ – führt langfristig zu nichts Gutem, das liegt auf der Hand. Die Auswirkungen können vielfältig sein: Körperliche, seelische oder psychische Beschwerden in unterschiedlicher Intensität.

Aber haben wir es nicht alles selbst in der Hand, unser Umfeld so zu schaffen, wie es uns gut tut? Ja, ich kenne alle Gegenargumente, warum das nicht gehen sollte. Ich kann sie aber nicht gelten lassen. Ich spreche mal von mir:

Ich meide Familienmitglieder, die mir nicht gut tun seit Jahren. Das geht sehr gut. Ich arbeite nur mit Menschen, mit denen ich mich persönlich wohl fühle, als Mitarbeiter, Dienstleister und Klienten. Ich suche mir sehr genau aus, mit wem ich meine Zeit verbringe und schütze mich vor allem, was mit nicht gut tut. Im übrigen Umfeld gilt das Gleiche: Was mir nicht gut tut mache ich nicht. Am Samstag wird mich niemand in einer Fußgängerzone finden und auch nicht auf einem Rockkonzert. Ich bin Weltmeister im Onlineshopping und mache nur Sport, wo ich mit mir und der Umgebung im Reinen bin…..etc.pp…

Ein gesundes Selbstwertgefühl resultiert auch aus der Wahrnehmung und Wertschätzung der eigenen Fähigkeiten. Sind es doch gerade unsere besonderen Begabungen, die die Welt bereichern. Wie schaffen Sie es, hochbegabte Menschen in Bezug auf Ihre Fähigkeiten zu unterstützen?

Das Allererste hierbei ist, dass diese Begabungen als solche anerkannt werden. Zu mir kommen natürlich nicht die Menschen, bei denen das schon so ist, sondern diejenigen, die mit ihren Begabungen und Gaben nicht im Reinen sind und sie meist als große Belastung empfinden. Es ist also wichtig, die individuellen Fähigkeiten und Begabungen zuerst einmal herauszufinden, dann sie lieben und schätzen zu lernen und anschließend ein Umfeld zu finden, in dem diese Gaben auch gelebt werden können. Denn das wollen sie sein: Lebbar. Solange das nicht so ist, werden sich hochbegabte Menschen immer fühlen, als führen sie mit ihrem Ferrari mit angezogener Handbremse durch eine Spielstrasse.

Leider ist aber das Selbstwertgefühl bei vielen außergewöhnlichen Menschen durch ihre Lebensgeschichte oft verletzt worden. Wenn ein Mensch von klein auf missachtet wird mit seinen Persönlichkeitsmerkmalen und belacht und gemobbt wird, ist es nicht leicht, ein gesundes Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl aufzubauen.

Ein schwaches Selbstwertgefühl und gering entwickeltes Selbstbewusstsein können leider leicht dazu führen, dass ein Mensch seine eigenen Gaben nicht erkennt. Es ist es aber nie zu spät, Selbstvertrauen und Selbstachtung auch in späteren Lebensjahren noch zu entwickeln. Die Akzeptanz der eigenen Person ist der erste Schritt, Akzeptanz durch andere zu erlangen. Dabei unterstütze ich meine Klienten. Es ist ein schönes Gefühl, sich selbst zu lieben.

Unser Verständnis von richtig und falsch wird in einem hohen Maße von unserer Familie und unserer Umgebung geprägt. Doch wenn wir in zunehmendem Maße unser eigenes Leben führen wollen, brauchen wir den Mut und die Klarheit, scheinbar Gegebenes zu hinterfragen. Inwieweit kann uns „Biografiearbeit“ dabei helfen?

“Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.” sagte Sören Kierkegaard.

Keine Geschichte ist so spannend wie die Eigene. Besonders für hochsensible, hochsensitive und hochbegabte Menschen ist sie wichtig. Warum? Sie wollen (sich und andere) verstehen. Sie wollen wissen, was (Rollen, Aufgaben, Funktionen) und wer (Wesen, Seele, Sein) sie heute sind. Hierfür gibt es nur den Blick zurück. Die Zukunft liegt in den Erfahrungen der Vergangenheit und deren Verarbeitung. Biografiearbeit kann darauf Einfluss nehmen, denn sie legt den Fokus auf die Zukunft.

Ausgehend von der gegenwärtigen Situation sucht sie die positiven, konstruktiven Kräfte im Menschen herauszuarbeiten und ihn anzuregen, Aktivität gegenüber dem eigenen Leben zu entwickeln. Sich sein Leben in “geführter” Form anschauen zu können ist eine Chance sich selbst und seine Vergangenheit mit anderen Augen zu sehen und folglich auch Veränderungen vorzunehmen.

Den Weg zurück zu gehen, lässt neue Perspektiven und ein neues Bewusstsein entstehen für die eigenen Stärken. Auch der Umgang mit Unsicherheiten verändert sich wesentlich. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit kann persönliche Sicherheit geben, das Selbstvertrauen stärken. Eine Beurteilung der erlebten Vergangenheit aus nachträglicher Sicht kann zu einer Integration der Biografie führen.

In der Rückschau auf das eigene Leben geschieht Einbettung wächst Verständnis für sich selbst. Biografiearbeit ermöglicht Perspektivenwechsel und Selbstvergewisserung.

Der Intellekt gilt in der westlichen Welt oftmals als die Krone der Schöpfung. Doch im Umgang mit Gefühlen und den eigenen Stimmungen hilft uns der IQ nur bedingt. Was sind aus Ihrer Erfahrung die Vorteile der emotionalen Intelligenz?

Die emotionale Intelligenz, die sich nur durch die Wahrnehmung der eigenen Gefühle entwickeln kann und Menschen empfänglich für die Gefühle der Menschen in ihrer Umgebung macht, ist eine wichtige Voraussetzung für ein befriedigendes Zusammenleben.

Der Begriff Emotionale Intelligenz wurde zur Beschreibung der Fähigkeit eingeführt, eigene und fremde Gefühle (korrekt) wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen. Dieses Konzept beruht auf der Theorie der multiplen Intelligenzen von Howard Gardner (interpersonale und intrapersonale Intelligenz), deren Kerngedanke auch als soziale Intelligenz bezeichnet wird.

Lange Zeit dachte man, dass die Intellektuelle Intelligenz (IQ oder Intelligenzquotient) entscheidend für den persönlichen und beruflichen Erfolg ist, doch diese Vorannahme wurde durch die Realität widerlegt. Hochintelligente Experten in leitenden Positionen scheiterten und wurden von Kollegen, die über entsprechende soziale und emotionale Kompetenzen verfügten, erfolgreich ersetzt. Damit kann der IQ nicht mehr als alleinige bestimmende Kennzahl für ein erfolgreiches Leben gelten.

Die Emotionale Intelligenz ist die Bildung des Herzens.

Welche Momente in Ihrem Leben haben Sie bewegt, den Beruf als Coach und Mentorin zu wählen?

Ich habe nicht gewählt, nicht wirklich. Es ist eine irgendwie logische Entwicklung seit meiner ersten Frage mit meiner Berufswahl. Ich ging mit 17 zum Arbeitsamt und sagte: Ich will mit Menschen arbeiten. Es folgten dann allerdings noch einige Umwege bis es dann endlich so weit war. Seit 1988 arbeite ich mit Menschen. Zuerst als Gesprächstherapeutin, dann als Heilpraktikerin mit dem Schwerpunkt Psychosomatik und Psychotherapie, später als Sterbebegleiterin, Kommunikationstrainerin und schließlich als Coach. Es hat sich so ergeben, als ich meiner Intuition zu folgen begann. Ich bin sehr glücklich und zufrieden mit dieser Entwicklung.

 


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Wie kamen Sie zu Ihrer Spezialisierung in Sachen Hochbegabung und Hochsensibilität?

Irgendwann kam einmal der Tag, an dem ich mir überlegte, mit welchen Menschen es mir persönlich am meisten Spaß macht zu arbeiten, welche Klienten am schnellsten ihre Ziele erreichten und welche Coachings am anspruchsvollsten waren. Es war leicht festzustellen, dass es sich um besonders anspruchsvolle Menschen, oft um schwierige Situationen und komplexe Fragestellungen handelte. Ich suchte nach den Gemeinsamkeiten, die all diese Menschen miteinander verbunden haben.

Diese wunderbaren Menschen waren redegewandt, hatten ein hohes Energielevel, einen wachen Verstand und waren ausgeprägt emphatisch. Es waren intelligente und sensible Menschen mit einem breiten Wahrnehmungsspektrum. Es waren Menschen, deren Leben nicht gradlinig verlaufen war. Es waren suchende Menschen und solche, die viele Fragen stellten. Die größte Gemeinsamkeit, die ich fand, war, dass all diese Menschen besonders begabt waren, entweder auf geistiger oder emotionaler Ebene.

Zeitgleich bekam ein Familienmitglied schwere Depressionen und begann eine Therapie. Im Verlauf dieser Therapie tauchte das Thema Hochbegabung mit all seinen möglichen Auswirkungen erstmals auf. Die Therapeutin stellte damals in den Raum, dass es einen Zusammenhang zwischen der Depression und Hochbegabung geben könnte und fragte nach, wie ist denn damit in der Familie aussieht. So begann ich mich auch mit mir selbst und meinen Wurzeln zu beschäftigen Ich begann zu recherchieren über die Themen Hochbegabung und Hochsensibilität und arbeitete mich immer tiefer in die Materie ein. Ein großes Puzzle fügte sich zusammen.

Sehr schnell war ich dann wieder bei der Überlegung, mit welchen Klienten ich am liebsten arbeite. Logischerweise beschloss ich sehr schnell, mich auf eben diese hochbegabten und hochsensiblen Menschen zu konzentrieren, entgegen dem Rat von vielen Menschen, es gäbe viel zu wenige, um davon leben zu können. Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Heute, viele Jahre später, weiß ich, dass ich ohne jeden Zweifel meiner Intuition gefolgt bin und mein Bauchgefühl über rationale, wirtschaftliche Erwägungen gestellt habe.

Gibt es einen Unterschied zwischen hochsensibel und hochsensitiv?

Ja, für mich persönlich und auch in meiner Erfahrung mit Tausenden von Menschen gibt es einen Unterschied.

Die meisten Experten, die sich mit Hochsensibilität beziehungsweise Hochsensitivität beschäftigen, verwenden diese Begriffe synonym. Grund dafür ist die Herkunft der Begriffe aus dem Englischen: „High sensitive person“ wurde zunächst übersetzt mit „hochsensible Person“. Später kam „hochsensitive Person“ als Übersetzung dazu, – vielleicht weil dieser Begriff neutraler klingt? Immerhin schwingt bei ihm nicht das „Sensibelchen“ mit.

Meiner Erfahrung nach ist es aber sehr sinnvoll, einen Unterschied zwischen Hochsensibilität und Hochsensitivität zu machen. Zwei ganz unterschiedliche Phänomene können mit diesen Worten beschrieben werden, auch wenn sie häufig gemeinsam auftreten:

Wer hochsensibel ist, verfügt über feiner ausgeprägte 5 körperliche Sinne als andere. Er oder sie hört, sieht, schmeckt, fühlt und riecht differenzierter. Das führt leicht zu Reizüberflutung, Hochsensible sind „zartbesaitet“. Gleichzeitig sind sie dadurch aber in der Lage, viel feinere Informationen wahrzunehmen und zu interpretieren. Ihre Saiten schwingen leichter, um bei diesem Bild zu bleiben. Kein Wunder, das so viele Hochsensible Künstler sind!

Wer hochsensitiv ist, muss nicht unbedingt über diese Schärfung der fünf physischen Sinne und nicht über diese Empfindsamkeit verfügen.

Stattdessen hat ein Mensch, der hochsensitiv ist, einen „sechsten“ oder „siebten“ Sinn. Hochsensitive sind das, was man „hellsichtig“ oder „hellfühlig“ nennt. Sie sind extrem empathisch, manchmal regelrecht medial. Sie haben Ahnungen, Visionen oder andere Empfindungen aus der „nicht-alltäglichen Wirklichkeit“.

Für Hochsensitive ist es selbstverständlich, dass es Energien außerhalb unserer alltäglichen Wahrnehmung gibt, denn sie nehmen sie direkt wahr. Manche Menschen haben diese Fähigkeiten schon seit frühester Kindheit. Bei anderen entwickeln sie sich erst im Erwachsenenalter.

Hochsensitivität und Hochsensibilität treten oft gemeinsam auf, aber nicht immer. Es gibt Hochsensible ohne ausgeprägte Empathie oder nicht-alltäglichen Wahrnehmungen, und es gibt Hochsensitive, deren alltägliche Sinne durchschnittlich ausgeprägt sind.

Die Unterscheidung der beiden Begriffe ist deswegen wichtig, weil beide Personengruppen unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Hochsensible Menschen müssen lernen, mit ihrer Empfindsamkeit zurechtzukommen. Sie müssen sich Ruhephasen gönnen, ihren Alltag an ihre zartbesaitete Natur anpassen und die Stärken ihrer Besonderheit kennenlernen.

Hochsensitive haben dagegen oft das Problem, dass sie über ihre Wahrnehmungen nur mit wenigen Menschen reden können. Sie müssen lernen, dass sie nicht „verrückt“ sind und wie sie ihre Fähigkeiten als Gabe nutzen können. Manchmal müssen sie auch lernen, zwischen alltäglichen und nicht-alltäglichen Wahrnehmungen zu unterscheiden.

Für all diese Lernaufgaben ist ein großes Maß an Wissen über die eigene Besonderheit wichtig. Die Erkenntnis „Ja, so bin ich“ wird durch die Differenzierung von Hochsensibilität und Hochsensitivität erleichtert. Es macht einen Unterschied.

Empfindsam oder empathisch, oder vielleicht beides – nur wer sich selbst versteht, kann lernen, seine Besonderheit zu wertschätzen.

Was kommt Ihnen spontan bei dem Zitat von Rachel Remen in den Sinn? „Früher oder später gelangen wir ans Ende all dessen, was wir kontrollieren können und finden das Leben, das dort auf uns wartet.“

Ich denke an Sinnfindung und daran, wie wichtig es für das seelische Wohlbefinden ist, die eigene Bestimmung zu finden. Dies geschieht oft erst dann, wenn wir bereit sind, die Kontrolle aufzugeben und zu akzeptieren, dass das Leben viel weiser ist, als alles, was wir planen können. Und auch das Wort Demut fällt mir hierzu ein….

Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Mir ist es in meinem Leben wichtig, dass es mir persönlich gut geht und dass es meiner Familie gut geht. Ich denke da an einen buddhistischen Satz, den ich erst nach und nach verinnerlichen konnte: „Der Meister kümmert sich immer zuerst um sich selbst, denn nur dann kann er für andere da sein.“ Das gilt für alle Menschen! Jeder hat das Recht, dass es ihm gut geht und je mehr es ihm gelingt, umso besser wird es auch den Menschen um ihn herum gehen, umso gesünder sind Körper und Geist und umso mehr kann er seiner Bestimmung folgen.

Ich könnte auch umkehren und sagen: „Liebe deinen Nächsten so wie dich selbst“ – dieses Gebot ist zwar alt, doch besitzt es gegenwärtig noch genauso viel Gültigkeit wie vor tausenden von Jahren. Auf jeden Fall ist Glück für mich, wenn ich für etwas Höheres leben kann, als nur für mich selbst.

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