Möchten Sie Ihrer inneren Stimme Ausdruck verleihen? Dann nehmen Sie am besten Papier und Stift in die Hand. Schreiben ist eine hervorragende Möglichkeit, die eigene Gedankenwelt zu erfahren, zu ordnen und damit Klarheit zu gewinnen.

Ulrike Scheuermann arbeitet seit 1997 als Sachbuchautorin, Psychologin und Vortragsrednerin. Mit Ihrer kreativen und klaren Art hilft Sie Menschen, sich auf das Wesentliche zu fokussieren und weiter zu wachsen. Im Oktober erscheint Ulrike Scheuermanns Buch „Das Leben wartet nicht – 7 Schritte zum Wesentlichen“ (Knaur) als Neuauflage unter dem Titel: „Wenn morgen mein letzter Tag wär – So finden Sie heraus, was im Leben wirklich zählt“.

„Wer reden kann, macht Eindruck – wer schreiben kann, macht Karriere“ Welche Idee steht hinter dem Titel Ihres Buches?

Ich höre im Coaching und in Seminaren viel zu häufig von Schreibenden, dass sie das Schreiben als lästige Quälerei erleben. Sie schreiben lediglich in Reaktion auf eine Anforderung von außen und dem entsprechend unter Druck. Schreiben kann aber viel mehr sein als ein notwendiges Textproduktionsübel. Es kann auf viele Arten dazu beitragen, sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln. So meine ich auch das „Karriere-Machen“ – in einem umfassenden Sinne: sich so zu entwickeln, wie es einem selbst und den eigenen Stärken und Zielen entspricht. Die eigene Berufung immer mehr zu verwirklichen. Bei seiner Arbeit so zu arbeiten, dass man sinnvoll arbeitet, bedeutsam für einen selbst und für andere.

Ich verstehe Schreiben zum Beispiel als ein inspirierendes Denk- und Lernwerkzeug, das neue und andersartige Ideen hervorbringt, die in allen beruflichen Bereichen nützlich sind. Es kann auch eine Gelegenheit für Schaffensfreude und Selbstbesinnung im ansonsten oft stressigen, außenorientierten Arbeitsalltag sein. Und man kann gerade dann, wenn man eine eigene Schreibstimme entwickelt, authentisch und überzeugend beim Leser ankommen.

Und das Schreibprodukt? Gute Texte können inspirieren und den Lesenden neue Denkanstöße geben, die nachwirken. So kann man seine Adressaten auch nachhaltig beeindrucken, überzeugen, zum Weiterdenken bringen. Und die Lesenden schließen immer vom Text auf den Autor: Fundierte und klug geschriebene Texte weisen Kompetenz nach und fördern den guten Eindruck von einer Person. Gerade für leise Menschen, die nicht durch große Worte auffallen (wollen), ist das eine hochinteressante Möglichkeit, Gehör zu finden.

Das Sprechen fällt den meisten Menschen leichter als das Schreiben. Woran liegt das?

Schreiben ist eine introvertierte Tätigkeit – wir müssen uns dafür nach innen, unserer eigenen Gedankenwelt zuwenden, die innere Sprache überhaupt erst einmal hören, um sie dann schreibend nach außen zu bringen. Im (Arbeits-)Alltag fehlen aber häufig Möglichkeiten, um in Ruhe zu arbeiten – und zu schreiben. Ständige Ablenkungen durch Anrufe, E-Mails, Gespräche und geschäftige Stimmung verhindern konzentriertes Arbeiten.

Es braucht eine gewisse Zeit des Umschaltens, um Abstand von diesem Außen zu gewinnen und sich auf sich selbst zu besinnen. Das schaffen Viele nicht so leicht. Es passt einfach nicht in den schnellen, lauten Alltag. Dazu muss man sich erst einmal die Störungen bewusst machen – und dann damit umgehen. Nicht immer kann man sie einfach ausschalten, zum Beispiel laute Kollegen oder Anrufe. Man kann allerdings selbst entscheiden, offline zu arbeiten oder Schreibzeiten in den ruhigen Morgen- oder Abendstunden zu planen.

Und eine Daueraufgabe beim Schreiben ist es wohl, den eigenen inneren Druck fernhalten, in einen Nebenbei-Modus schalten, in dem alle perfektionistischen Tendenzen auf später verschoben werden.

 


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Inwieweit kann Schreiben uns zu mehr Klarheit verhelfen?

Immer dann, wenn wir das Schreiben nicht nur als ein Werkzeug verstehen, um fertige Gedanken zu dokumentieren, sondern es entdeckend als Denkwerkzeug nutzen. „Ich schreibe, um herauszufinden, worüber ich nachdenke“, hat der Schriftsteller Edward Albee mal gesagt. Ich habe daraus einen eigenen Ansatz entwickelt: „Schreibdenken“. Während des Schreibens tauchen neue Gedankenwege auf, andere Ideen als jene, die Sie sonst im Kopf oder im Gespräch entwickeln. Meist denkt man auch viel konzentrierter als beim schweifenden Kopfdenken. Die meisten Schreibenden kennen das.

Man kann es aber mit vielen Schreibdenktechniken noch viel mehr fördern, und man kann auf einige Regeln achten: Beim Schreibdenken schreibt man möglichst unzensiert und assoziativ – alle bewertenden Gedanken werden verbannt. Man ist sich bewusst, dass kein anderer das liest, man schreibt eher schnell und kurz, fünf Minuten reichen meist, möglichst auch handschriftlich für schnelle Denkskizzen und andere Textbilder und am besten immer gleich mit Auswertung, um sich nach dem schnellen Vielschreiben gegen Ende auf das Wesentliche zu fokussieren: Wichtig ist immer, das Geschriebene auszuwerten. Zum Beispiel mit Kommentaren, Ergänzungen, Markierungen und Kernsätzen.

Manchmal begrenzen wir uns selbst durch überholte Vorstellungen oder lieb gewonnene Gewohnheiten. Wie können wir es schaffen, die Perspektive zu ändern und so neue Möglichkeiten zu erkunden?

Zum Beispiel durch Perspektivenwechsel im wörtlichen Sinne: Was würde eine andere Person über meine Situation denken? Was würde sie mir raten? Wie würde sie sich an meiner Stelle verhalten?

Der Wunsch nach Veränderung geht oftmals einher mit der Vorstellung, ein „besserer“ Mensch werden zu wollen. Oder noch drastischer formuliert: Nicht richtig zu sein. Wie wichtig ist es, sich selbst anzunehmen?

Es ist wohl das Wichtigste, oder? Um sich in seinem Tempo und in die wirklich eigene Richtung weiterzuentwickeln. Ich sehe diesen Hang und Zwang in unserer Gesellschaft zur ständigen Selbstoptimierung sehr kritisch. Sie wird uns überall nahegelegt, nicht zuletzt auch in den unzähligen Ratgebern, die uns versprechen, dadurch endlich glücklich, frei, reich usw. zu werden. Wir werden ständig mit immer großartigeren Idealmenschen und höheren Zielen konfrontiert: Filmstars, Erfolgsgeschichten. Daraus entwickeln wir immer höhere innere Idealvorstellungen. Diese sind absurd hoch und nicht wirklich erfüllbar bzw. sie passen für die einzelne Person gar nicht.

Ich beobachte dann häufig eine Dynamik: Es entsteht eine Kluft zwischen dem einzelnen, unperfekten Menschen und dem Idealbild, was er anstrebt. Die Schere zwischen innen und außen wird immer größer, je mehr wir uns am Außen orientieren. Wir merken dann, dass es bei uns nicht so ganz klappt, wie wir es uns ausgemalt haben. Umso mehr suchen wir im Außen nach Halt und Befriedigung. So entfernen wir uns noch weiter von uns selbst, orientieren uns noch mehr an den äußeren Idealen. Eine Weile war es der Filmstar. Jetzt ist es die Frau von Politiker xy. Dann ist es der Guru mit der neuen Psychomethode usw. Aber es ist eine Illusion, es gäbe den viel besseren Menschen als die Person, die ich bin.

Wie schaffen wir es, die für uns wichtigen Dinge im Leben zu entdecken? Also die eigenen Ziele zu finden und nicht irgendwelchen Glücksformeln hinterher zu laufen.

Bei sich selbst bleiben. Still werden, und ich meine damit innerlich still – ob man dabei still sitzt und meditiert oder läuft oder Musik hört, spielt keine Rolle. In sich hinein hören. Eigene Impulse wahrnehmen und verfolgen. Sich nicht reinreden lassen in diese eigenen Impulse.

Manchmal sind es gerade die schwierigen Momente im Leben, die uns innehalten lassen. Plötzlich spüren wir zum Beispiel, nicht mehr so weiter machen zu können wie bisher. Welche Chancen können sich aus diesen Augenblicken ergeben?

Die großen Richtungswechsel im Leben sind eben oft mit Schmerzen verbunden, mit Trennungen vom Bisherigen, von Gewohnheiten, von Menschen. Wir leben aber in einer Kultur, in der Schmerzen möglichst vermieden werden, in der wir alle auf Konsum mit schneller Bedürfnisbefriedigung und Vermeidung von Mühsal und Schwierigkeiten programmiert sind. Schmerzen gehören jedoch zur Entwicklung dazu, sie sind normal, es geht nicht ohne. Niemand, den ich gut kenne, kommt ohne Wachstumsschmerzen aus.

Das Leben läuft anders, als wir es gerne hätten, wie wir es uns per Wunsch ans Universum bestellt haben. Wenn wir akzeptieren, dass Schmerzen zu persönlicher Entwicklung dazugehören und dass wir oft auch gerade daran wachsen, können wir damit produktiv umgehen. Wir brauchen weniger Angst davor zu haben, und wenn wir nicht auf Vermeiden gepolt sind, können wir erst ungehindert weiterstreben. Dann wird freie Entwicklung möglich: Ich kann mich entscheiden, in welche Richtung ich gehen will. Ich kann annehmen, was mir das Schicksal hingeworfen hat, ohne zu hadern.

Was bedeutet Kreativität in Ihrem Leben?

Ich brauche einen hohen Anteil an Kreativität in meinem Leben, auch in meiner Arbeit. Wenn es über 50 Prozent, besser 70 Prozent sind, ist das gut. Deshalb schreibe ich Bücher, deshalb halte ich Vorträge. Das sind für mich die wichtigsten Möglichkeiten der kreativen Arbeit und des Selbstausdrucks, der auch zu anderen Menschen hin gerichtet ist. Und der Begriff „Schaffensfreude“ beschreibt für mich das, was bei Kreativität als Haltung im Vordergrund steht.

Schaffensfreude hat mich von klein auf begleitet. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem für kreative Impulse viel Raum und viele Möglichkeiten bestanden. Das kreative Tun hat meinen Tag bestimmt, manchmal habe ich andere Kinder beneidet, die weniger Schlaf brauchten – dann hätte ich noch mehr von meinen Ideen umsetzen können.

Welche Momente haben Ihr Leben besonders beeinflusst?

Immer wieder die, in denen ich durch Impulse von innen oder außen in Kontakt mit meiner ureigensten Kraft gekommen bin und vollkommen klar wusste, dass und wie ich sie frei umsetzen kann.

Was fällt Ihnen zu den Worten von Daisaku Ikeda ein? „Worte, die aus dem Herzen kommen, haben die Kraft, das Leben eines Menschen zu verändern.“

Da denke ich an das Schreiben mit der eigenen Schreibstimme. Es gibt viele wichtige Bücher und Hinweise zu gutem Schreibstil und zum souveränen Formulieren. Aber wie beim Reden ist es auch beim Schreiben nicht anders: Wer authentisch kommuniziert, kann sich alle möglichen rhetorischen „Schwächen“ erlauben.

Erst wenn Schreiben von innen kommt und diese innere Sprache sich anschließend im Text ausdrücken kann, wird Schreiben authentisch. Die eigene Schreibstimme erklingt – und die Lesenden empfinden den Text als stimmig, inspirierend, „echt“. Die Begeisterung für das Thema und andere positive Gefühle des Schreibenden übertragen sich unmittelbar auf die Lesenden. Leserinspiration und -resonanz entstehen nicht nur durch perfekt formulierte Sätze, sondern durch das Eigene, eben das von Herzen kommende, das sich darin ausdrückt. Auch die Schreibstimme kann man übrigens durch Schreibdenken fördern.

Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Ich will mich in meinem Tempo weiterentwickeln und meine beruflichen Ideen und kreativen Impulse in eine Form übersetzen, die auch anderen Menschen viel gibt. Ich will immer weiter dankbar dafür sein, dass ich hier – aufgewachsen unter dermaßen guten emotionalen, sozialen, wirtschaftlichen und z.B. auch menschenrechtlichen Bedingungen – meine Potenziale so sinnvoll verwirklichen konnte und kann. Das ist nicht selbstverständlich und das vergegenwärtige ich mir oft. Dafür muss ich nur einmal die neuesten Nachrichten von amnesty international lesen oder die Nachrichten sehen. Und ich möchte aufrichtig bleiben mit dem, was ich tue. Diese Verantwortung ist mir wichtig, denn ich arbeite mit Menschen und richte mich an Menschen – direkt oder vermittelt über meine Bücher und Vorträge.

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