Damit wir uns langfristig gut fühlen, dürfen wir erst einmal heraus finden, was wir dafür brauchen. Eine Aufgabe, die nur auf den ersten Blick leicht erscheint. Um befriedigende Antworten zu finden, braucht es Zeit und den Mut, sich nicht mit schnellen Antworten abzufinden.

Beatrix Schmiedel ist Coach, Keynote Speaker und Autorin. Sie befasst sich mit dem, was Menschen und Unternehmen antreibt und besser macht. In ihren Kolumnen schreibt sie darüber, welche Fragen und Lehren wir aus unserem Alltag ziehen können und regt dazu an, mit jeder von ihnen eine bessere Version von sich selbst zu werden. An der Ruhr-Universität Bochum hat Beatrix Schmiedel Sozialpsychologie und Germanistik studiert.

Was verstehen Sie unter Selbstfürsorge und wie wichtig ist sie für das eigene Wohlbefinden?

Ich glaube daran, dass wir alle zu jedem Zeitpunkt unser Leben in der Hand halten, aber uns oft davor scheuen, die Entscheidung für uns selbst zu treffen. Das genau ist aber Selbstfürsorge, in einem ganz un-egoistischen Sinn: Wenn jeder für sich sorgt, ist für jeden gesorgt. Das schließt nicht aus, dass ich mich nicht auch um andere kümmern kann. Und es ist auch völlig in Ordnung, sich selbst mal zurück zu stellen für einen anderen. Selbstfürsorge heißt schauen: Womit geht es mir gut, was brauche ich und wo sind meine Grenzen? Selbstfürsorge und eine wache Wahrnehmung des „Was ist gerade gut für mich?“, im richtigen Moment auch mal „Nein“ sagen, das sind wichtige Bestandteile von Wohlbefinden.

Wie erstelle ich ein persönliches Leitbild und wozu brauche ich es?

Für den einzelnen Menschen wäre ein konkretes Leitbild höchst selten, meist fragen sich Unternehmen danach. Für den einzelnen Menschen sind es in meinem Verständnis die Fragen: Was treibt mich an? Wie kann ich die beste Version meiner selbst werden? Wo sind meine Grenzen und wann fühle ich mich erfüllt? Vielleicht auch die Frage: Woran glaube ich?

Ein Leitbild ist ein Leuchtturm, kein Hafen. Es ist unser Wegweiser für kritische Situationen, in denen wir vielleicht nicht wissen, wie wir uns verhalten sollen. Und es hat immer Konsequenzen für meinen Alltag. Ein Beispiel: Wenn Ehrlichkeit und integeres Handeln mein Leuchtturm sind, wie gehe ich damit um, wenn ein Familienmitglied oder Freund etwas Unrechtes getan hat?

Welche Fragen helfen mir, mein Mission Statement zu entwickeln?

Wenn ein Leitbild der Leuchtturm ist, das „Wohin?“, dann ist ein Mission Statement die Beschreibung, wofür ich hier bin. Oder welches mein „Projekt“ hier ist, auf welchem Weg ich mich befinde.

Je allgemeiner ich es formuliere, umso mehr Gestaltungsmöglichkeiten habe ich. Und es kommt auf den Blickwinkel an. Will ich ein Mission Statement für mein ganzes Leben festlegen, kommt das der Sinnfrage gleich. Hingegen ist das Mission Statement beim Bau eines Hauses deutlich einfacher zu formulieren.

Steve Pavlina hat zur Sinnfrage einen guten Tipp: Du fragst dich, wozu du hier bist? Nimm dir Zettel und Stift. Schreibe alles auf, was dir dazu einfällt. Wenn dir erst mal nichts mehr einfällt, lege es beiseite und mach am nächsten Tag weiter. Dann, wenn du etwas aufschreibst, bei dem du anfängst zu weinen, bist du nah dran.

Wie spüre ich, dass mein Leitbild stimmig ist und nicht nur an der Oberfläche kratzt?

Speziell bei Unternehmensleitbildern sieht man das an zweierlei: Den Konsequenzen – was bedeuten Leitsätze oder Leitbilder für den Alltag? Woran merkt ein Außenstehender, dass das Leitbild gelebt wird? Und an den Formulierungen selbst. Alles, was sich nach Marketing-Bla-Bla anhört, fällt durch. Und je mehr Leitsätze, desto schlimmer. Die gesamte christliche Welt funktioniert nach 10 Geboten. Wozu braucht ein Unternehmen weitere 15 Leitsätze, die Selbstverständlichkeiten festlegen? Leitbilder müssen authentisch sein und strahlen zuallererst nach innen, zu den Mitarbeitern. Deshalb sollten die auch einem Leitbild mitarbeiten.

Warum gelingt Veränderung oftmals nur in persönlichen Krisensituationen?

Die meisten Menschen richten es sich gern bequem ein, davon kann sich kaum einer frei machen. Eine Veränderung wird oftmals als Bedrohung wahrgenommen. Fallen wir in eine Krise – Jobverlust, Krankeit, Trennungen etc. – sind wir gezwungen, etwas zu verändern, weil sonst unser Überleben gefährdet ist. Also gehen wir schwerfällig los und sagen am Ende: „Das war das Beste, was mir passieren konnte!“ Das meint auch der Begriff Resilienz – wieder aufstehen können, Krisen bewältigen und daraus lernen. Ein bisschen auch ein neuer Mensch werden und sich darauf besinnen, wer man eigentlich ist. Das verlieren wir im Alltag oft aus den Augen.

Was ist die Idee Ihres Buches und wie kamen Sie auf den Titel?

„Das Brathuhn in der Badewanne“ ist eine Sammlung meiner wöchentlichen Kolumnen, 52 aus 130. Das Besondere an denen ist, dass es Alltagsgeschichten sind, die immer mit einer Frage an den Leser enden. Sie soll ihn zum reflektieren seiner Lebens- und Denkumstände anregen und kann ihm zeigen: Hey, du hast es in der Hand, wie du lebst! Dabei sind die Geschichten kurz, schnell zu lesen und eben als Gedankenanstoß gedacht – deshalb auch die vielen Fragen.

Der Titel ist einerseits eine Kombination aus den Titeln zweier Kolumnen, übrigens den beiden ersten im Buch. Aber ich wollte auch einen Titel haben, der sofort ein Bild im Kopf entstehen lässt. Einen Titel, der ein bisschen kurios ist, damit das Auge und der Geist darüber stolpern.

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf und was gefällt Ihnen daran besonders?

Ich habe Sozialpsychologie und Germanistik studiert – sowohl Worte als auch das Beobachten von Interaktion liegen mir anscheinend ein bisschen im Blut. Nach einigen Jahren im Marketing beschloss ich, dass da noch mehr kommen soll und machte verschiedene Coaching- und Therapieausbildungen. So ist eine Art „roter Faden“ entstanden, der nicht von vornherein geplant war, aber sich richtig anfühlt.

Heute gefällt mir besonders die Vielfalt der Aufträge und Projekte. Gestern ein Vortrag, heute ein großes Hotel und ein Leitbildprozess, morgen ein Kommunikationstraining und übermorgen im Café sitzen und schreiben.
Ich kann mitgestalten und meinen Kunden Fragen stellen, die Veränderung hervorrufen. Das macht mir großen Spaß.

Welche Gedanken kommen Ihnen bei den Worten von Helen Hayes?
„Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden, wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen.“

Spielen regt den Geist an, egal in welcher Form. Ich bin allerdings kein guter Verlierer bei Brettspielen, meine Familie spricht heute noch augenzwinkernd von meinen Mensch-ärgere-dich-nicht-Ausrastern.

Nichtsdestotrotz: Spielen heißt, den Gedanken eine andere Bahn geben oder etwas in einem ungefährlichen Rahmen ausprobieren, vielleicht den Alltag außen vor lassen, Geselligkeit, oft ein Zusammenspiel aus nicht alltäglicher Optik und Haptik. Insofern – ja, wir sollten viel mehr spielen. Und ich sollte Spiele nicht ganz so ernst nehmen, zumindest nicht Mensch-ärgere-dich-nicht.

Was würden Sie unternehmen, wenn Sie sich 1 Jahr lang um Geld keine Gedanken machen müssten?

Reisen. Die Welt sehen, Stoff für Geschichten sammeln und Unternehmer auf der ganzen Welt persönlich fragen, was sie antreibt und besser werden lässt.

Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Die Freiheit, das zu tun, was mich glücklich macht. Meine Familie und engen Freunde. Beweglich zu bleiben, immer wieder etwas Neues zu entdecken und das Gefühl, nicht stehen zu bleiben – im Sinne von unflexibel festhängen. Und die Haltung, dass ich es in der Hand habe, wie ich lebe und mich nicht einfach den Umständen zu ergeben.

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