Der Artikel stammt von Stefanie Stahl (Gastautorinnen). © Stefanie Stahl

Wenn man etwas zum Thema Selbstwertgefühl liest oder hört, dann geht es meistens darum, unsicheren Menschen Mut zu machen, mehr an sich selbst zu glauben, sich selbst zu lieben und positiv zu denken. Selbstzweifel blockieren das Denken und drosseln die Tatkraft. Menschen, die unter einem geringen Selbstwert leiden, gestalten ihr Leben häufig in der Defensive. Sie wollen möglichst unangreifbar sein. Deswegen sind sie bestrebt Fehler und Konflikte zu vermeiden. Bevor sie einen Fehler machen, handeln sie lieber gar nicht. Bevor sie etwas Falsches sagen, halten sie lieber den Mund.

Menschen mit einem guten Selbstvertrauen sind weniger von der Angst geleitet Fehler zu machen, denn von der Aussicht auf Erfolg. Sie setzen sich Ziele und gehen darauf los. Von selbstunsicheren Menschen hört man hingegen häufig, dass ihr Werdegang eher von Zufällen und Widerfahrnissen bestimmt worden sei.

Wer in der Defensive lebt, wird geleitet und motiviert von dem Wunsch sich selbst zu beschützen. Die Gedanken kreisen einen nicht unerheblichen Teil der Zeit darum, wie man auf andere wirkt und was sie möglicherweise über einen denken. Viele Selbstunsichere finden es beispielsweise unangenehm, wenn sie das ganze Restaurant durchqueren müssen, um zur Toilette zu gehen. Sie fühlen sich dann wie auf dem Laufsteg. Tatsächlich beachtet sie kaum einer, weil die anderen Gäste andere Sorgen haben als den Selbstunsicheren zu begutachten.

Ein Paradoxon der Selbstunsicherheit ist, dass die Betroffenen sich sowohl zu wichtig als auch zu unwichtig nehmen. So meinen sie einerseits, dass sie vielen Mitmenschen unterlegen und nicht so viel Wert seien, andererseits imaginieren sie sich in den Mittelpunkt des Geschehens, weil sie ihre innere Aufmerksamkeit zu stark auf sich selbst konzentrieren. Der Verunsicherte, der das Restaurant durchquert, sieht sich vor seinem inneren Auge eben dies tun – er richtet seine innere Kamera auf sich selbst. Er ist der Protagonist des Films, der nur in seinem Kopf abläuft. Handlung und Titel des Films sind in einen Satz zu packen, der bspw. so lauten könnte: Mensch mit fettem Hintern geht durchs Restaurant und alle starren auf ihn!

Der Lösungsansatz liegt auf der Hand: Der Verunsicherte müsste einen Kameraschwenk vornehmen und den Fokus seiner Aufmerksamkeit auf die Umgebung anstatt auf sich selbst lenken. Dann würde er dort Menschen sehen, die genau wie er ihre Freuden und Nöte haben und er könnte Anteil an ihnen nehmen. Im Restaurant vielleicht nicht gerade, aber generell im Leben. Die Angst um sich selbst kann durch einen höheren Sinn beziehungsweise höhere Werte überwunden werden. Um dies an einem einfachen Beispiel zu verdeutlichen: Ein Mensch hat –verständlicherweise- Angst von einer Brücke in ein Gewässer zu springen. Diese überwindet er jedoch, um einem anderen Menschen das Leben zu retten. Er überwindet seine Angst, weil er seiner Handlung einen höheren Sinn verleiht.

 


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Das ständige Kreisen um die eigene Verwundbarkeit macht egozentrisch. Verunsicherte glauben zwar oft das Gegenteil sei richtig, so klagen sie gern, dass sie sich immer nur um die Bedürfnisse ihrer Nebenmenschen kümmerten und sich selbst ganz in den Hintergrund stellten, aber bei genauerem Hinsehen kann diese Behauptung nicht ganz unwidersprochen bleiben. Dies sei beispielhaft an der viel zitierten Harmonieliebe Selbstunsicherer erörtert. Der harmonieliebende Mensch hält mit seiner Meinung hinterm Berg, weil er sich nicht traut offen zu sein. Er hat Angst die Beziehung zu seinem Gegenüber zu gefährden, wenn er es kritisieren würde.

So findet Susanne beispielsweise, dass ihre Freundin Anita zu wenig Anteil an ihren, Susannes, Problemen nimmt und stattdessen nur von sich selbst spricht. Anstatt Anita hierauf anzusprechen, zieht sich Susanne aus dem Kontakt zurück. Hierdurch hat Anita keine Chance erhalten sich entweder a) zu entschuldigen oder b) die Sache aus ihrer Sicht richtig zu stellen und/oder c) es in Zukunft besser zu machen. So hätte sie beispielsweise auf Susannes Kritik hin sagen können: „Du hast Recht, es tut mir leid. Mein eigener Kummer lässt mich im Moment nur an mich denken. Ich gelobe Besserung.“

Dies hätte sie einander näher gebracht. Susannes Schweigen hingegen hat sie distanziert. Die höheren Werte beziehungsweise der höhere Sinn, der Susanne zur Überwindung ihrer Konfliktscheu, also ihrer Ich-Angst, hätte bewegen können wären: Freundschaft, Fairness, Zivilcourage gewesen. Diese Werte sollten höher wiegen als die Angst, um… ja, um was eigentlich? Die Angst Anita könnte böse oder verletzt sein und sie, Susanne, dann nicht mehr mögen?

Wenn Susanne sich jedoch stillschweigend aus dem Kontakt zurückzieht, dann ist das doch viel verletzender als ein offenes Wort und Anita hätte tatsächlich Grund verärgert zu sein. Das ist die Milchmädchenrechnung, die oft aufgestellt wird: Man vermeidet ein kleines Übel (ein offenes Wort) und tauscht es gegen das größere (Beziehungsabbruch) aus. Der Klassiker: Er wollte nur Zigaretten holen und kam nie wieder. Bis dahin fiel kein böses Wort.

Wenn Sie sich also das nächste Mal dabei ertappen, einen großen Bogen um ein fälliges offenes Wort zu machen, dann gehen Sie mal in sich und fragen sich, ob es nicht wichtigere und höhere Werte in der Beziehung zu Ihrer Ärger-Person gibt als den eigenen Selbstschutz. Dann fassen Sie sich ein Herz und sprechen das Problem an. Wie auch immer Ihre Zielperson reagiert, sie haben Ihr eine Chance gegeben. Mehr liegt nicht in Ihrer Verantwortung.

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Stefanie Stahl ist in Hamburg geboren und aufgewachsen und hat an der Universität Trier Psychologie studiert. Sie arbeitet als Psychotherapeutin, psychologische Sachverständige und Buchautorin in freier Praxis in Trier. Zudem hält sie im deutschsprachigen Raum Seminare zum Thema Bindungsangst