Frei sein heisst, die Angst zu überwinden. Was das bedeutet, erfahren wir oftmals erst in persönlichen Krisen, die uns fordern, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Dorothe Fritzsche arbeitet seit 2003 selbständig als Coach und Trainerin und hat über 20 Jahre Erfahrung in der Erwachsenenbildung als Dozentin, Beraterin und Projektleiterin. Ihre Mission ist, Menschen zu vermitteln, dass Coaching eine Kunst ist, die ein hohes Maß an Wertschätzung, Empathie und Menschenliebe braucht. Und natürlich auch ein gerüttelt Maß an Fachwissen. All das versucht Dorothe Fritzsche in ihren Seminaren lebendig, authentisch und mit viel Humor anschaulich zu vermitteln. Dorothe Fritzsche lebt auf der Kanareninsel La Palma und reist regelmäßig für Coachings nach Deutschland.

„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ beobachtete bereits der Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Eine Sichtweise die für manche Menschen ungewohnt ist. Mit welcher Einstellung begegnen Sie schwierigen Situationen im Leben?

Es kommt ein wenig auf den Grad der Schwierigkeit an und ob es sich um eine eher sachlich-fachliche Thematik handelt oder um etwas sehr persönlich-emotionales. In weniger dramatischen Situationen atme ich tief durch und beschliesse zunächst einmal die Sache in Ruhe, eventuell auch mit etwas Distanz wahrzunehmen. Dann überlege ich sehr schnell, wie geht es jetzt weiter? Wie komme ich daraus? Was kann ich tun? Mein Leben hat mich zum Glück gelehrt, dass das der einzig sinnvolle Weg ist.

Natürlich gibt es auch schwierige Situationen, in denen ich erstmal auch meinen Gefühlen freien Lauf lassen muss, ich nenne das Psychohygiene. Danach geht der Blick nach vorne. Das ist die einzig sinnvolle Perspektive. Der Blick zurück ist insofern wichtig als dass sich hier die Frage stellt: was lerne ich daraus?

Ganz nüchtern betrachtet, zeigen uns persönliche Krisen lediglich, dass alte Strategien und Verhaltensmuster erst einmal nicht weiter helfen. „Dramatisch“ empfinden wir dagegen Gefühle wie Angst und Hilflosigkeit. Wie gelingt es, diese Phase zu überwinden und sich auf die Suche nach neuen Lösungen zu begeben?

Dass man eine solche Phase auch erstmal aushalten und durchleben muss ist ganz normal. Aber dann braucht es den einen Gedanken: wie komme ich da raus? Was hilft mir jetzt? Da ist ganz oft auch eine erste Hilfe das Gespräch mit nahestehenden, lieben Menschen. Wichtig ist hier wirklich zuhören, was Freunde zu sagen haben. Wer den anderen nur volljammert wird nicht profitieren. Wichtig also ist die innere Haltung dazu: ich spreche mit den Menschen damit sie mir helfen, mir Rat geben, ja mich auch trösten, aber vor allem brauche ich eine neue, eine andere Perspektive. Das hilft dann oft sehr schnell.

Die meisten Menschen wünschen sich glücklich zu sein. Was das genau bedeutet, können allerdings nur wenige für sich beantworten. Wie schaffen wir es, die für uns wichtigen Dinge im Leben zu entdecken?

Bedauerlicherweise schaffen das viele Menschen erst durch eine existenziell bedrohliche Krise, vor allem Krankheit, sei es die eigene oder die eines geliebten Menschen. Genau das weist aber auch auf eine Perspektive hin, die zwar vielen unangenehm ist, sie einzunehmen, dennoch ist sie hilfreich: das Leben vom Ende her zu denken. Das heisst, sich der Endlichkeit unserer Existenz zu stellen, uns zu fragen, worauf wollen wir in der letzten Stunde unseres Lebens zurückblicken, worauf würden wir uns wünschen zurückblicken zu können? Wahrscheinlich weniger auf Geld, Besitz und Erfolg im Beruf.

Es wird wohl viel mehr die Liebe sein, die wir erfahren haben, das Glück, Familie, tiefe Beziehungen erlebt zu haben und ähnliches, als wie gross unsere Autos, wie teuer unsere Häuser und wie exklusiv unsere Jobs gewesen sind. Was nährt uns seelisch, das ist die entscheidende Frage, was füllt uns? Was stiftet uns Sinn?

Letzterdings muss da jeder selbst die Antwort finden und manchem hilft es, sich in extreme Situationen zu versetzen – und damit meine ich keineswegs den Adrenalinschub durch irgendein spektakuläres Event, nein, manche ehrenamtliche Arbeit ermöglicht es, Kontakt mit anderen Realitäten aufzunehmen und sich einmal ganz anderen Fragen zu stellen. Das weitet und bietet neue Einsichten.

Was hindert uns, glücklich zu sein?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Mir scheint jedoch, dass viele Menschen blockiert sind durch tiefliegende Glaubenssätze, die sie daran hindern, sich selbst anzunehmen, so wie sie sind. Wir werden so sehr eingeschränkt, durch das, was wir glauben, was wir hätten sein oder werden sollen, dass es ewig an uns nagt, das niemals zu erreichen. Und selbst Professionelle (Psychologen, Therapeuten, Coaches) brauchen unter Umständen Jahrzehnte um sich von solchen Glaubenssätzen zu befreien, zumal es ja schon schwierig ist, sie überhaupt zu identifizieren und sich ihnen zuzuwenden, geschweige denn sich von dem Gegenteil selbst zu überzeugen. Das ist oft eine Herkulesarbeit.

Manchmal aber geschehen auch kleine Wunder und es bedarf nur eines Moments tiefer Erkenntnis, um sich von einem Glaubenssatz dauerhaft zu verabschieden. Wenn das im Coaching gelingt sind das goldene Momente, die mich immer sehr berühren und beglücken. Das ist vielleicht ein weiterer Aspekt: man muss dem Glück die Tür öffnen, also seine Seele weit machen, sich öffnen, für Begegnung, Vertrauen haben und Vertrauen schenken, an das Gute glauben, sich ehrlich machen gegenüber den eigenen Schwächen und Fehleinschätzungen, dankbar sein können, auch für ganz kleine Momente. Demut, vor der Natur, vor dem Schicksal anderer, dem eigenen Glück. Gefühle zulassen, laut lachen, die Tränen laufen lassen, Wut raus schreien (aber bitte irgendwo, wo es niemand hört).

Sich selbst Gutes tun und anderen das Glück gönnen. Wer häufig Gefühle wie Neid, Missgunst und Scham empfindet kann nicht glücklich werden und bedarf der Klärung. Glücklich macht, sich selbst anzunehmen, wie man ist und andere ebenso.

Wie ist Ihr Projekt „Auszeit in La Palma“ entstanden und was ist Ihr Anliegen?

Als die Idee der Auswanderung klare Züge annahm und La Palma als der mögliche Ort in Frage kam, als ich dann die Insel kennenlernte und schliesslich auf der Terrasse meines jetzigen Hauses diesen umwerfenden Blick auf den Atlantik sah, wusste ich, hier kann ich etwas anderes realisieren. Ich kann Menschen einen Ort anbieten, an dem Ihnen die Natur den Weg weist, zu sich selbst.

Die Idee war schnell da: einen Garten zu schaffen, eine grüne Oase, in der man nicht mehr hört als das Rauschen des Windes und des Ozeans, die Vögel und die Bienen in den Blumen, einen Ort fernab von allem Stress und Lärm des Alltags, an dem die Menschen zu sich selbst kommen können um einmal weit weg von allem nachzudenken und nachzuspüren, was ihnen wirklich wichtig ist. Diesen Ort anzubieten, die Zeit, die Ruhe und Musse, das zu tun, den Raum anzubieten für Selbstklärung, für neue Perspektiven, für Veränderung.

Welche Idee steckt hinter Ihrem Angebot der mehrtägigen Schweigewanderung?

Zu Schweigen ist für viele eine grosse Herausforderung, längere Zeit zu schweigen beinahe nicht vorstellbar. Schweigen bedarf einer grossen inneren Bereitschaft. Einer inneren Ruhe, der Fähigkeit, sich selbst zu genügen. In die Natur zu lauschen und in sich selbst.

Die Natur kann uns helfen, diesen Weg zu beschreiten. Sich ihrer Unausweichlichkeit zu stellen, ihrer Klarheit, sie ist, was sie ist. Sie konfrontiert uns mit sich und mit uns selbst. Gnadenlos. Sie nimmt uns auf, sie bietet uns ein Bett, einen Raum, Zeit, scheinbare Endlosigkeit, alles und Nichts. Sie bietet Leben und Tod, Helligkeit und Dunkelheit, Wärme und Kälte.

Sie ist alles und damit eine unglaubliche Quelle für tiefes Verstehen – auch unserer eigenen Existenz. Dazu bedarf es keiner Sprache, dazu bedarf es vielmehr der Aufmerksamkeit, der Begegnung mit ihr, sich weit machen, sich hingeben, lauschen. Und dann spüren, was es mit einem selbst macht. Tiefe Ruhe zieht ein, das Schweigen der Natur durchdringt die eigene Seele und lässt tiefen Frieden spüren.

Wir treten in Kommunikation mit uns selbst, auf eine ganz neue, andere Weise – ganz ohne Worte. Das bedarf einiger Zeit, denn uns in dieser Weise zu öffnen und uns zu uns selbst kommen zu lassen, ist in unserer schnellen und lärmigen Welt kaum möglich.

Wie reagieren Ihre Gäste auf die ungewohnte Umgebung, die Stille und den leeren Terminkalender? Wie fühlt es sich an, einfach mal Nichts zu tun?

Sie tun sich schwer. Es bedarf ein, zwei Einstiegstage, um erst einmal hier anzukommen. Wenn wir beginnen müssen sie sich erst einmal mit ganz einfachen Wahrnehmungsübungen befassen: hören, riechen, schmecken, tasten.. die Sinne schärfen. Wir üben das Nicht-sprechen. Das fällt schwer, noch viel schwerer aber fällt, die inneren Stimmen zum schweigen zu bringen. Es folgen Meditationsübungen, Gehmeditation auf einem nahe gelegenen Vulkan.

Die Teilnehmer verpflichten sich dann, mindestens 36 Stunden nicht zu sprechen. In dieser Zeit machen wir eine grössere Wanderung durch eine der beeindruckendsten Landschaften der Insel, dem Vulkangebiet an der Südspitze La Palmas. Hier werden die Teilnehmer einer extremen Landschaft ausgesetzt, Felsen, Lava, Schlackefelder mit bizarren Formen, unwegbares Gelände, Felskessel, in denen man nichts hört, gar nichts.

Dort und an verschiedenen Stellen verbleiben wir in Meditationen, versenken uns ganz in die Stille, den Wind, die Sonne. Am nächsten Tag brechen wir das Schweigen und sprechen über das Erlebte. Hier erweist sich in der Tat die inneren Stimmen zum Schweigen zu bringen als die grösste Herausforderung. Hier bedarf es regelmässiger Übung, auch zu Hause. Schweigestunden, Schweigetage, Meditation. Wer regelmässig übt, dem kann es gelingen, die innere Ruhe auch im grössten Lärm und Gewimmel herzustellen.

Was verbinden Sie mir den Worten von Rochefoucauld? „Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie anderswo zu suchen.“

Ja, wie soll man die Ruhe in sich selbst finden? Heute gelingt es wenigen in mitten der täglichen Lärm- und Informationsüberflutung, diese Ruhe noch zu finden. Manche erleben das an bestimmten Orten: im Wald, am Meer, in der Nacht, in einer Kirche, in einem Museum. Also doch Orte im aussen? Ja, und warum auch nicht?

Orte im Aussen helfen uns nach Innen zu schauen. Sie sind Metaphern, die den Weg ebnen. Sie erlauben uns in tranceähnliche Zustände zu geraten, in denen wir dann die Ruhe erleben. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal in Berlin in einer von Besuchern übervollen Ausstellung moderner Klassiker vor einem Bild von Jackson Pollock in eine tiefe Trance geraten bin. Ich war völlig weg, sah, hörte und registrierte nichts mehr und fühlte mich danach wie von einer weiten Reise zurückgekehrt, tief befriedigt und von einer grossen inneren Ruhe durchströmt.

Wenn das Aussen uns helfen kann nach Innen zu kommen, was wäre daran falsch? Allerdings einfach darauf zu hoffen, dass an solche an Plätzen schon irgendwas passiert, was uns zur Ruhe bringt, das reicht nicht. Innere Bereitschaft ist ganz wichtig, echte Suche, loslassen wollen, Kontrolle abgeben, das schaffen viele nicht.

Welche Momente haben Ihr Leben besonders beeinflusst?

Sicher waren es auch bei mir eher die Krisen, die mein Leben in Bewegung gebracht haben. Allen voran der Schlaganfall meines Lebensgefährten, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Damals hat er die Verantwortung für sein Leben ganz in meine Hände gegeben, da er vorübergehend nicht mehr ansprechbar war. Ich hatte damals grosse Angst, fühlte mich zunächst furchtbar hilflos und überfordert.

Gleichzeitig beschloss ich, die Herausforderung anzunehmen und zu kämpfen. Es hat sich gelohnt. Diese Erfahrung, die so voller Angst steckte, hat mich von jeglicher Angst befreit. Sie hat mir den Mut gebracht, ein neues Leben anzufangen, als Coach – und ein neues Leben anzufangen auf einer kleinen Insel weit draussen im Atlantik.

Sie hat mich gelehrt, dass es immer Lösungen gibt, dass Optimismus lohnt, dass es immer weiter geht, dass man auch die schlimmsten Momente durchsteht, dass man viel mehr aushält als man glaubt, dass man unendlich viel gewinnt, wenn man die Angst überwindet und sich traut. Dafür bin ich unglaublich dankbar.

Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Liebe, Glück, Nähe – das alles erleben zu dürfen ist wichtig. Wichtig ist auch, dass ich durch meine Arbeit einen kleinen Beitrag dazu leisten darf, dass es Menschen besser geht. Natürlich ist Gesundheit wichtig. Ich glaube allerdings, dass seelische Gesundheit eng mit der körperlichen verbunden ist.

Deshalb achte ich auf meine innere Balance, auf Zufriedenheit. Was nährt mich? Was zehrt? Was mich zehrt, muss ich ändern. Was mich nährt muss ich pflegen. Ganz wichtig: die Kraft zu haben, hinzunehmen, was ich nicht ändern kann – den Mut, zu ändern, was ich ändern kann und die Weisheit zu haben, das eine vom anderen zu unterscheiden. Ich bin bisher sehr beschenkt worden in diesem Leben – vor allem von anderen Menschen – und dafür bin ich unendlich dankbar.

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