Den passenden Lebensrhythmus zu finden, erfordert innere Reflektion und Achtsamkeit, denn ein hohes Lebenstempo beinhaltet nicht unbedingt mehr Lebensqualität. Das spüren wir spätestens dann, wenn unser Körper auf die Bremse tritt.

Petra Schuseil hat sich seit 2006 auf das Coaching spezialisiert und unterstützt ihre Klienten, ihr individuelles Lebenstempo zu finden. Davor führte sie ein abwechslungsreicher Lebensweg aus dem Hotelfamilienbetrieb in die 5-Stern-Hotellerie, später dann als selbständige Assistentin in internationale Werbeagenturen und Dienstleistungsunternehmen. Petra Schuseil kennt verschiedene Lebenstempi. Drei Jahre hat sie in Hong Kong verbracht und seit 2012 lebt sie in Richterswil am Zürichsee, wo die Uhren gemächlicher laufen. Ihr Buch „Finde dein Lebenstempo – Mit dem richtigen Tempo zu mehr Leben“ ist im Gabal Verlag erschienen.

Das Wort Tempo ist in vielen Bereichen positiv besetzt. Wir begrüßen es zum Beispiel, wenn die Technik immer leistungsfähiger wird, damit wir möglichst rasch unsere Wünsche und Aufgaben realisieren können: Schneller Reisen, schneller Arbeiten, schneller Konsumieren. Diese Geschwindigkeit hat allerdings ihren Preis und wirkt sich auf unser Lebenstempo aus. Was sind aus Ihrer Erfahrung die Folgen für den Einzelnen?

Viele meiner Klienten fühlen sich dadurch gehetzt und getrieben was zur völligen Erschöpfung führen kann. Sie packen ihren Terminkalender voll um noch mehr zu schaffen und zu leisten, was natürlich auf Dauer nicht möglich ist. Es ist ein Trugschluss.

Das persönliche Zeitmanagement versucht heutzutage oftmals den überfüllten Alltag zu regeln. Zwischen eigenen Wünschen und äußeren Anforderungen hin und her gerissen, hasten wir oftmals von Termin zu Termin und von Aufgabe zu Aufgabe. Mit zunehmender Anspannung können wir unsere Aktivitäten allerdings immer weniger genießen. Geht es nicht vielmehr darum, persönliche Freiräume zu schaffen und häufiger Nein zu sagen, um mehr Lebensqualität zu erhalten?

Genau darum geht es und das beschreibe ich ausführlich in meinem Buch. Persönliche Freiräume werden durch Pausen geschaffen und durch Zeitfenster, die im Kalender eingetragen werden. „Ein Termin mit mir selbst“. Die meisten Menschen wünschen sich übrigens wirklich mehr Zeit für sich selbst. Dabei wollen die einen entschleunigen. Es gibt aber auch genau so viele, die die Beschleunigung suchen, weil sie sich ausgebremst fühlen.

Manche denken sie müssten wer weiß was verändern, dabei sind es die kleinen Schritte im Alltag, die man jederzeit ausprobieren kann. Jetzt gleich mal 5 Minuten NIX machen und einfach nur aus dem Fenster schauen. Dabei regelmäßig tief ein- und ausatmen. Das ist nicht esoterisch sondern erfrischt Herz und Seele. Und macht den Kopf wieder frei für klare Gedanken. Oder am besten gleich mal um den Block gehen und frische Luft tanken. Das bringt einen auf andere Ideen und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich dadurch prima neu organisiert. Man erhält neuen Schwung und man beginnt sich zu entspannen.

Nein-sagen ist für viele ein großes und schwieriges Thema. In meinem Buch versuche ich Leichtigkeit reinzubringen. Nämlich mit jedem Nein sage ich JA zu etwas, das mir wichtig ist. Wenn man sich das klar gemacht hat, dann fällt es leichter. Das Nein-sagen. Einfache Fragen helfen bei der Entscheidung:
Muss ICH das tun? Nein. Damit sage ich Ja zu: die Aufgabe wird weiter delegiert.
Muss ich es JETZT tun? Nein. Damit sage ich JA zu: die Aufgabe wird morgen erledigt, jetzt erstmal das, mit dem ich begonnen habe.
Muss ich es SO tun? Nein. Damit sage ich JA zu: ich probiere etwas Neues aus und mache einen Verbesserungsvorschlag.

Ich habe keine Zeit, ist eine Redewendung, die vielen geläufig ist. Da jeder von uns 24 Stunden am Tag zur Verfügung hat, stimmt diese Aussage nur bedingt. Treffender ist wahrscheinlich die Formulierung: Andere Dinge sind mir momentan wichtiger. Doch um das eigene Lebenstempo zu finden, kommen wir nicht umhin, unsere Werte zu definieren. Ein Vorgang der Muße und Selbstreflektion erfordert. Warum fällt es vielen Menschen schwer diesen Schritt zu machen und vor allem das Ergebnis in den Tagesrhythmus einfließen zu lassen?

Hm. Das ist keine einfache Frage …. Ich erlebe bei meinen Lesern neben dem Interesse für mein Buch

– selbstverständlich erstmal die Bürde des Alltags und eine Ausweglosigkeit aus der Fremdbestimmung auszusteigen
– auch ein wenig Skepsis „schaffe ich das?“
– Bequemlichkeit, denn Veränderungen sind unbequem
– Angst vor Veränderung und vor der Konsequenz
– Angst vor dem Neuen und Ungewohnten

Bekanntermaßen lieben viele das Gewohnte und scheuen das Neue, weil sie nicht wissen was sie erwartet. Man könnte Fehler machen, man könnte eine falsche Entscheidung treffen. Deshalb klappt es besser, wenn man sich ein Ziel erklärt und sich genau vorstellt, wie es werden soll. Was genau soll anders werden? Was werde ich dann anders machen?

In meinem Buch beschreibe ich den (Lebens-)Trampelpfad, der sich im Laufe der Zeit ausgetreten hat. Ich schließe mich da nicht aus, dass ich auch gerne die eine oder andere Abkürzung nehme. Manche sagen deutlich: Ach, ist das anstrengend, darüber nachzudenken und gehen die gewohnten Wege. Dann kommt noch unser Alltag mit all unseren Verpflichtungen hinzu und die guten Vorsätze werden über Bord geworfen. Dran-bleiben ist das Zauberwort.

Es gibt sie aber die neugierigen Menschen, die sich auf den Weg machen und wenn ich beim Trampelpfad-Bild bleibe: Sie bauen einen Zaun oder eine Tür vor den Pfad, damit sie ihn nicht länger betreten können und nehmen es Schritt für Schritt mit dem neuen Weg auf. Natürlich lockt der Trampelpfad …. aber auf dem neuen Weg liegt das Ziel. Und das ist verlockend und erstrebenswert. Die Frage: Was kann ich jetzt gleich tun, um meinem gewünschten Lebenstempo ein Stückchen näher zu kommen?

 


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Wie haben Sie im Laufe der Zeit Ihr Lebenstempo gefunden?

Ich bin wirklich zeit- und lebenstempoklug geworden. Mein Nachdenken über meine Werte während eines 5-Tages-Seminars hat wesentlich dazu beigetragen. Die drei wichtigsten Werte in meinem Leben haben mir klar gemacht, was ich wirklich will und das fließt in meinen Alltag ein.

Dazu gehört z.B. die Freundschaft zu meinen Frankfurter Freundinnen und die damit verbundene Kommunikation und Reflektion.

Außerdem meine selbständige Tätigkeit.

Zeitklug wurde ich, weil ich dran geblieben bin. Ich setze mir selbst einen regelmäßigen Jour Fixe um mich an meine Vorhaben und Werte zu erinnern. Dabei reflektiere ich mit meinen Freundinnen aber auch mit meiner Coach.

Diese Werte-Übung beschreibe ich ausführlich in meinem Buch im 5. Kapitel – für Lebenstempo-Fortgeschrittene ;-).

In welcher Form gönnen Sie sich Auszeiten zum Regenerieren und um einen gewissen Abstand zu den Ereignissen zu gewinnen?

Seit Hongkong, wo ich fast 3 Jahre lebte, gehört Yoga zu meiner täglichen Praxis. Genauso das morgendliche Meditieren. Ich stärke damit mein Gleichgewicht. Ich gehe fast täglich eine halbe Stunde raus in die Natur, um den Kopf leer zu kriegen. Jetzt im Sommer springe ich in den See und schwimme einige Bahnen. Mit meinem Liebsten gehe ich am Wochenende Fahrradfahren oder wandern. Wenn ich mich gehetzt fühle, setze ich mich eine Weile an unseren Kachelofen und tue NICHTS.

An den Wochenenden nehme ich mir bewusst frei. Auch internetfrei. Ich liebe es, sonntags einer guten Predigt zu lauschen und die Lektüre der Sonntagszeitung.

Kreativität bietet die wunderbare Möglichkeit, sich auf eine neue Art kennen zu lernen. Leider spielt bei vielen Menschen der Leistungsgedanke eine große Rolle. Sie fangen gar nicht an zu malen oder zu tanzen, weil sie es angeblich nicht „richtig“ können, oder meinen, Kunstwerke produzieren zu müssen. Wie schaffen wir es, die Freude am Ausprobieren, am Experimentieren zu genießen und unsere Anforderungen zu reduzieren?

Wenn man den Impuls spürt, zu singen, zu rudern, Bogen zu schießen oder Stein zu hauen, dann bitte versuchen diesen Impuls wertzuschätzen und nicht weg zu rationalisieren. „Heißen Sie ihn neugierig willkommen“. Ich gebe wirklich ungern einen Rat, aber wenigstens ein Mal ausprobieren und sich eine Meinung bilden, ob diese Art der Kreativität einem liegt. Da träumen viele vom Malen … wenn sie dann aber den Pinsel in der Hand halten, wird schnell Realität, man will lieber zeichnen oder etwas aus Ton oder Holz formen. Ausprobieren ist wichtig, damit die Träume Realität werden sonst läuft man ihnen immer hinterher.

Wenn man sich seiner inneren und unbewussten Antreiber bewusst wird – kommt bei diesem Beispiel der innere Antreiber zum Vorschein: Ich bin OK, wenn ich perfekt bin.

Dann kann man versuchen mit sogenannten Erlaubern zu experimentieren. Man DARF Fehler machen, einen ersten Schritt ausprobieren, 80 Prozent ist auch schon sehr gut anstatt 120 Prozent ☺. Lebenszufriedenheit entsteht durch das Ausprobieren. Wie heißt es so schön? Wenn wir unser Lebensende spüren, sind wir über das am traurigsten, was wir alles nicht ausprobiert/gewagt haben!

Schöpferisch tätig zu sein, beinhaltet neue Wege zu gehen, weil der Verstand auf einmal weniger gefragt ist. Das war zumindest für mich am Anfang eine große Umstellung. Welche Möglichkeiten empfehlen Sie, sich auf diesen Prozess einzulassen?

Kleine Schritte gehen. Sich eher zu wenig vornehmen als zu viel. Kleine Etappen zurücklegen. Wie bei einer Bergbesteigung: Teilziele ansteuern und immer wieder Pausen machen. Umkehren ist auch möglich. Das vergessen viele. Ich auch manchmal. ;-).

Wie wichtig ist Kreativität in Ihrem Leben?

Es ist jetzt nichts was ich herbeigezaubert habe. Ich bin’s einfach ☺ . Andere Menschen haben andere Begabungen, sind vielleicht weniger kreativ. Das will ich aber gar nicht bewerten. Mir ist wichtig, dass ich meine Kreativität ausleben kann. Meine Art dies zu tun: indem ich schreibe, Ideen und Impulse entwickle, zuhöre, singe. Ich probiere auch mal eine neue Sprache wie z.B. Chinesisch aus oder melde mich zum Jodelkurs an ☺.

Welche Gedanken kommen Ihnen bei den Worten von Rachel Remen? „Früher oder später gelangen wir ans Ende all dessen, was wir kontrollieren können und finden das Leben, das dort auf uns wartet.“

Unser Leben ist endlich. Aus dieser Perspektive bin ich dankbar und glücklich. Niemand hat gesagt, dass es leicht geht. Alles hat seine Zeit und sein Tempo.

Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Neben dem Draußen-sein in der Natur: Mit anderen Menschen im Kontakt zu sein. Dazu gehört vor allem auch mein berufliches selbständiges Netzwerk mit meinen Klientinnen und Klienten, mit meiner Leserschaft, meinen KooperationspartnerInnen. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen macht mich glücklich. Danke für Ihre inspirierenden Fragen.

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