Der Artikel stammt von Katharina Ohana und ist ein Auszug aus ihrem Buch „Gestatten: ICH: Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ erschienen im Gütersloher Verlagshaus/Random House. © Katharina Ohana

Probleme sind Aufgaben, die uns das Leben stellt. Und das Leben stellt uns immer wieder vor die gleichen Aufgaben, konfrontiert uns mit den unverarbeiteten Emotionen der Vergangenheit und fordert von uns ihre Bewältigung. Haben wir eine dieser Lebensaufgaben gelöst, kommen wir voran, fühlen uns sicherer, stärker, gelassener, können mit schwierigen Situationen besser umgehen und das Leben mehr genießen. Wir kommen der Freiheit ein Stück näher, wenn wir uns von der Fremdbestimmung durch alte Wunden lösen.

Versuchen wir die Schmerzen zu umgehen, treten wir auf der Stelle und geraten immer wieder in die gleiche Situation. Wir haben solange die gleiche Art von Beziehung, die gleiche Jobsituation, die gleiche Art von Freundschaften, Krankheiten, Süchten, bis wir die Aufgabe, die uns das Leben vorsetzt, wirklich angehen. Wir werden immer wieder und weiter darauf hingewiesen, wenn etwas nicht „gesund“, nicht gereift ist, wenn wir in Verhältnissen leben, in denen wir uns nicht entfalten können, die lieblos und rücksichtslos sind, in denen andere auf unsere Kosten ihren Interessen nachgehen.

Das Leben legt uns Stolpersteine in den Weg, die anfangs klein sind und wenn wir sie ignorieren, immer größer werden: Wir stehen immer wieder vor den selben Problemen, wenn wir uns weigern falsche Verhaltensmuster, falsche Regeln zu erkennen, umzudenken, bewusst umzulernen und neue Orientierung zu suchen.

Doch selbst wenn wir schon auf dem richtigen Weg sind, träumen wir noch oft genug davon, es möge einer kommen, der alles „gut macht“. So etwas passiert nicht. Es passiert nur, wenn wir gar nicht mehr daran denken. Es passiert, wenn wir das Problem vorher selbst gelöst haben und so weit sind, diesem tollen Menschen, dem tollen Angebot ge-wachsen zu sein. Nur wer sich mit Schwierigkeiten auseinander setzt, sie nicht verdrängt, nicht vor ihnen flieht oder sie anderen zuschiebt, bekommt etwas „geschenkt“. Wenn wir darauf warten, dass sich etwas von alleine löst, verhalten wir uns wie Kinder, die ihr Leben nicht selbst bestimmen können.

Es fällt schwer sich der Frage nach dem eigenen Glück aufrichtig zu stellen, wenn um uns herum scheinbar nur junge, glückliche, selbstbewusste, coole Leute an weißen Stränden herumtanzen, die alle keine Probleme zu kennen scheinen. Wir geben uns so viel Mühe glücklich zu sein, versuchen alle Vorgaben zu erfüllen – vielleicht haben wir uns ja nur noch nicht genug angestrengt und wenn wir nur erst dies oder das hätte, dann wäre doch endlich alles gut…?!

Wir suchen uns Ziele, die wir niemals verwirklichen können. Wir träumen von einem großen Talent, von großer Schönheit oder Jugend und da sie oft mit keinem Mittel der Welt zu erreichen sind, bleibt das System „Wenn-ich-das-hätte-würde alles-gut“ stabil. So können wir weiterhin glauben, die Probleme unseres Lebens würden sich mit dem Besitz dieser Dinge automatisch auflösen.

Tagträume sind wie Pflaster für die verwundete Seele und viel einfacher, als sich in die Untiefen der eigenen Gefühlsmuster zu begeben und die Ansprüche und das eigene Selbstbild zu hinterfragen. Lieber hoffen wir weiter, dass unser Glück von etwas Äußerem abhängt, als uns der Ursache unserer treibenden Sehnsucht nach diesen unerreichbaren Traumzielen zu stellen. Aber warum halten wir jahrelang Zustände voller Frustration und Unzufriedenheit aus, nur um uns nicht verändern zu müssen?

Unser Unterbewusstsein kennt keine Zeit, d.h. die Sorgen, Nöte und Sehnsüchte unserer Kindertage sind dort zeitlos archiviert, die Ängste und Seelenschmerzen sind so frisch, als wären sie eben erst passiert. Auch wenn wir heute lächeln über unsere Kinderängste und Kinderwünsche: Unsere Psyche betreibt viel Aufwand, damit wir sie in ihrer ursprünglichen Heftigkeit nicht wieder spüren müssen. Sie kreiert Verhaltensweisen und Welterklärungen, die unsere alten unverarbeiteten Ängste und die Wut nicht an die Oberfläche unseres aktuellen Lebens kommen lassen.

So lange es irgendwie geht versuchen wir mit den Glücksversprechen der Gesellschaft der Wahrheit unserer Gefühle zu entkommen, um diese schmerzvolle Einsichte und die unbequemen Konsequenzen zu vermeiden. Die Psyche will heilen – aber bitte ohne Schmerzen! Leider geht das nicht.

Darüber hinaus wird die ganze Ausrichtung unseres bisherigen Lebens durch die Einsicht in unsere Prägungen in Frage gestellt. Denn all unsere Ziele und Glaubensgrundsätze sind ja überschattet von den Defiziten und falschen Werten unserer Erziehung. Die Notwendigkeit der Trauer um die verlorene Zeit, die vergeudete Energie, die verpassten Gelegenheiten, ist ein großer Widerstand gegen die Wahrheit. Doch es braucht immer eine Zeit der Instabilität, um wirklich etwas zu ändern. Und daher kommen wir um diese irritierende, schmerzhafte Infragestellung nicht herum auf unserem Weg zur Freiheit.

Häufig gestehen wir uns erst ein, das wir nicht glücklich sind, uns leer und gejagt fühlen, wenn wir richtig zusammen brechen, unser Leben kollabiert und wir uns als totale Versager fühlen. Erst dann sind wir bereit dem Eingeständnis auch unbequeme Konsequenzen folgen zu lassen und wirklich etwas grundsätzlich zu ändern. Oft braucht es schockartige, existentiell bedrohliche Erlebnisse, eine schwere Krankheit, eine plötzlich gescheiterte Beziehung oder eine Kündigung im Job, um uns mit dem Verdrängten, mit dem Ursprung unserer Erfahrungsmuster wieder in Berührung bringen. Dann begreifen wir langsam, dass wir selbst etwas tun müssen, dass wir in etwas fest stecken, dass sich nicht mit dem nächsten Partner oder Job oder einem ausgiebigen Einkaufsbummel beheben lässt. Eine solche tiefgreifende Veränderung bereitet Mühe und Schmerzen, Unsicherheit und Angst.

Sie bringt unser ganzes Leben durcheinander und deshalb haben wir auch so lange wie möglich versucht, einen anderen, weniger schwierigen Weg zu finden. Unser Selbstwertgefühl wird durch die Einsicht, das etwas nicht stimmt mit unserem Leben, mit uns selbst, noch weiter angegriffen.

Wir können diese Ambivalenz auflösen, die in unserem Unterbewusstsein konservierten Kinderschmerzen, Kindersehnsüchte verarbeiten und dadurch freier und stärker werden und glücklicher. Dieser Wunsch muss nur größer sein als die Angst vor der Reinigung alter Wunden und Glaubensgrundsätze. Es erfordert viel Mut, diesen Weg zu gehen, aber er lohnt sich.

 


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Es gibt eindeutige Hinweise auf diese vergrabenen Altlasten: Brauchen wir äußere Anerkennung in einem Übermaß, um unser schlechtes Selbstwertgefühl zu kompensieren, uns durch den Besitz bestimmter Dinge gut zu fühlen? Haben wir eigentlich gar keinen Zugang zur Welt, rennen ständig hinter etwas her und betrachten gleichzeitig alles um uns herum wie „Fremdkörper“, die uns letztlich nicht wirklich erfüllen? Brauchen wir von diesen Fremdkörpern immer mehr und neuere, teurere, chicere, größere, schnellere, hübschere, ohne dass die Sehnsucht endlich Ruhe gibt? Wie weit können wir die schönen Sachen, unsere Erfolge genießen, für uns ausschöpfen, geben sie uns Kraft?

Oder suchen wir uns immer wieder Ziele, die völlig unrealistisch sind, die uns in der Utopie eines besseren Lebens festhalten? Glauben wir von manchen Menschen (oder ihrem Umfeld), sie könnten uns aufwerten und glücklicher machen? Stellen wir durch die Meinung anderer unseren Wert grundsätzlich in Frage oder erhebt uns jedes Lob in einen Rausch (der leider auch wieder schnell vergeht)? Ist uns die eigene Fassade wichtiger als ein ehrlicher Kontakt zu anderen, die dann auch um unsere Fehler und Schwächen wissen? Verbindet uns wirklich etwas mit den Menschen, mit denen wir uns umgeben? Können wir uns auf unseren Partner richtig einlassen, schaffen wir es ihm zu vertrauen?

Glauben wir sehnsüchtig, dass unser Glück sofort eintritt, wenn wir die Insignien des Erfolges nur hätten, dann ist das ein erster Hinweis darauf, dass wir damit alte Kindersehnsüchte stillen wollen. Eine wirklich glückliche Kindheit (und nicht eine, die wir uns als solche zurechtzimmern), mit genügend Liebe und Wertschätzung, lässt diese übermäßige, neurotische Sehnsucht nicht aufkommen.

Natürlich strebt auch ein Mensch mit einer gesunden Kindheit nach Anerkennung und Liebe, aber er hat nicht diese ihn treibende, „reißende“ Sehnsucht, die ihn abhängig macht, unfrei und fremdbestimmt, die ihn an seine Träume fesselt oder ihn immer weiter rennen lässt in der Hoffnung irgendwann im „totalen Hype“ anzukommen. Die Übergänge sind (wie immer) fließend. Eine unreife Persönlichkeit fällt nicht völlig heraus aus den Prinzipien des normalen Verhaltens. Sie übersteigert sie nur. Der Traum vom totalen Glück ist nur eine Steigerung des Traums vom Glück.

Neben den bewussten Tagträumen gibt es auch noch die Träume, die wir im Schlaf haben und deren Inhalt wir nicht steuern können. Manchmal empfinden wir sie als schön, manchmal erschrecken sie uns. Nur wenn sie uns emotional sehr stark berühren, können wir uns nach dem Aufwachen noch an sie erinnern, denn eigentlich sollten unsere Traumemotionen unseren Schlaf nicht stören. Die Erlebnisse des vergangenen Tages sollen dezent in den Traumbildern verarbeit werden. Sind wir aber in unserer Wachphase sehr stark emotional gefordert (auch wenn wir das gar nicht so stark wahrnehmen oder wahrnehmen wollen) oder wenn unsere Erlebnisse an verdrängte Gefühle anknüpfen, holen unsere Emotionen uns in ihrer Intensität oft in den Nachtträumen wieder ein.

Unsere Empfindungen sind dann in seltsamen Bildern verschlüsselt, um sie abzuschwächen und weiterhin vor unserem Bewusstsein zu „vertuschen“. In Schlafträumen ist unsere Psyche immer wieder mit unseren Ängsten und Sehnsüchten konfrontiert, die wir uns im wachen Zustand so nicht eingestehen können. Sie „dämmern“ herauf und fordern ihr Geltungsrecht ein – gegen alle Werte und Konventionen. Freud bezeichnete unsere Träume deshalb als „Königsweg zum Unterbewussten“.

Es gibt keine allgemeingültige Übersetzung der Traumsymbole: Das Unterbewusstsein jedes Menschen lässt seine Träume aus den eigenen Tageserlebnissen (Tagesresten) in Kombination mit den eigenen Emotionen, Lust- und Angstmustern entstehen. Dadurch ist die Bewertung der Traumsymbole zum größten Teil individuell. (Für den einen Menschen ist ein Hund etwas positives, etwas, dass er sich vielleicht immer gewünscht hat, weil er Hunde liebt. Jemand anderes hat dagegen Angst vor Hunden und wenn in seinen Träumen ein Hund vorkommt, steht das für etwas Bedrohliches. Andererseits empfinden die allermeisten Menschen es als wunderbar, wenn sie im Traum einfach fliegen können und fast jeder hat Angst, wenn er im Traum mit einem Flugzeug abstürzt.)

Ein eindeutiger Hinweis auf uneingestandene Ängste und Probleme sind Träume, die immer wiederkehren. Träumen wir regelmäßig davon aus großer Höhe herunter zu fallen oder nackt vor einer Menschenmenge zu stehen, ohne dass uns das je im Leben wirklich passiert wäre, können wir davon ausgehen, dass unsere Phantasie diese Situationen im Traum erschafft, um Hinweise zu geben auf verdrängte, drängende Gefühle.

Ihre Bedeutung wird häufig schon klar, wenn man nur die Worte beachtet, mit denen wir selbst diese Träume erzählen und unsere Emotionen dazu beschreiben: „In die Tiefe stürzen, ohne Halt“, „bloßgestellt von allen begafft werden“. Ein Traumtagebuch, in das wir die Träume direkt nach dem Aufwachen in Worte übersetzen, kann uns hier große Dienste bei der Selbsterkenntnis leisten. Wenn die Emotionen erst mal aufgeschrieben vor uns stehen, dann lassen sie sich nicht wieder so schnell verleugnen.

Ein anderer Hinweis auf Altlasten in unserem Unterbewusstsein, die unser aktuelles Leben beeinträchtigen, sind emotionale „Ausraster“. Immer wiederkehrende Wutattacken, aber auch plötzliches unvermitteltes Weinen oder völlige Gefühlstaubheit stehen für starke Gefühle, die aus dem Unterbewusstsein heraufdrängen. Meist werden sie durch eine vergleichbare Situation, die an unsere Erfahrungen der Kindheit anknüpft, hervorgerufen oder verstärken sich im Laufe der Zeit, die diese belastende Situation anhält. Denn durch unsere Sehnsucht nach Wiedergutmachung drängt uns unser Unterbewusstsein ja immer wieder in die Wiederholung der Vergangenheit – bis wir sie endgültig bewältigen und uns von den alten Ängsten und Sehnsüchten befreien.

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Katharina Ohana hat in Frankfurt und Berlin Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte studiert. Sie arbeitet als psychologische Beraterin, Moderatorin für verschiedene Fernsehsendungen und hat mehrere Bücher zum Thema Selbstwertgefühl und Selbstentwicklung geschrieben. Zurzeit promoviert Katharina Ohana an der Sigmund Freud Universität in Wien über das Thema Willensfreiheit.

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