Der Artikel stammt von Ulrike Hensel (Gastautorinnen). © Ulrike Hensel

Als „hochsensibel“ werden Menschen bezeichnet, die anlagebedingt aufgrund eines leichter erregbaren Nervensystems eine deutlich höhere Empfindsamkeit und Empfindlichkeit gegenüber äußeren und inneren Reizen aufweisen. Diese Konstitution des Nervensystems bringt eine subtilere, umfangreichere, nuancenreichere und eindringlichere Wahrnehmung mit sich sowie eine ausgeprägte Feinfühligkeit, eine höhere emotionale Reaktivität und eine komplexere Informationsverarbeitung. Forschungen zufolge gehören 15-20 % der Menschen, Männer gleichermaßen wie Frauen, Gruppe der Hochsensiblen.

Was ist ein Problem und wofür kann es gut sein?

Die Diskussion über den Umgang mit persönlichen Problemen kann schon bei der Frage beginnen, was überhaupt als Problem anzusehen ist und was nicht. Jeder Mensch hat eine ganz subjektive Sicht auf Dinge, Menschen und Geschehnisse. Die individuelle Einschätzung ist geprägt von Vorerfahrungen, Überzeugungen und Glaubenssätzen und eben auch von grundlegenden Wesenszügen wie der Ausprägung der Sensibilität.

Im Coaching-Sprachgebrauch werden Probleme häufig als Herausforderungen bezeichnet, um ihnen etwas von der Dramatik zu nehmen und das Denken in Möglichkeiten anzuregen. Ich hänge der Sichtweise an, dass ein erkanntes Problem der Anstoß zu einer nützlichen Entwicklung sein kann.

In jedem Problem steckt der Ansatz zu dessen Bewältigung. Not macht erfinderisch, sagt man. „Wer etwas verändern will, braucht ein Problem“, lautet der Untertitel eines Buches von Michael Mary („Das Leben lässt fragen, wo du bleibst“), der genau dies zum Ausdruck bringt. Ein Problem, das wir uns trauen anzuschauen und anzupacken, birgt in sich die Chance zu einer überfälligen Veränderung.

Von konfliktscheu bis kämpferisch

Es gibt beide Extreme: die Hochsensiblen, die Auseinandersetzungen eher aus dem Wege gehen und diejenigen, die Konflikte zumeist offen ansprechen und Probleme unbedingt zeitnah klären wollen. Für die Vermeider geht es in erster Linie darum, sich vor Verletzungen zu schützen. Sie wissen um ihre hohe Emotionalität und haben ein großes Harmoniebedürfnis, daher scheuen sie schwierige Aussprachen und kontroverse Diskussionen.

Den anderen bedeutet das Zur-Sprache-Bringen von empfundenen Missständen und das Bereinigen von spürbaren Konflikten so viel, dass sie trotz ihres Aufgeregtseins erstaunlich mutig in Konfliktgespräche gehen. Ihre offensive, manchmal sogar kämpferische Art mag wie ein Widerspruch zu ihrer hohen Empfindlichkeit erscheinen. Letztlich aber ist ihre Vorgehensweise auch aus dem Wunsch nach Harmonie heraus zu erklären. Sie ersehnen den idealen Zustand der Konfliktfreiheit. Am liebsten würden sie alle Probleme aufspüren, auflösen und damit aus der Welt schaffen.

Der goldene Mittelweg liegt zwischen dem ängstlichen Vermeiden von Aussprachen und dem hartnäckigen Beharren auf vollständiger Problemlösung, die ohnehin als eine Illusion betrachtet werden kann. Nicht alle Kontroversen lassen sich auflösen, auch nicht mit noch so viel drüber reden. Und natürlich kann niemand von seinem Gegenüber erwarten, dass er/sie jederzeit für Problemgespräche zur Verfügung steht. Oftmals liegt die „Lösung“ im Anerkennen und Aushalten von Verschiedenheit. Es ist nun einmal so: Wo immer Menschen zusammenkommen, treffen auch unterschiedliche Interessen, Wertvorstellungen, Zielsetzungen aufeinander.

Friedliche Begegnungen werden möglich jenseits von „richtig“ und „falsch“. Es ist ganz viel erreicht, wenn die Beteiligten in einer nicht-aggressiven, respektvollen, empathischen Weise miteinander kommunizieren. Eine wunderbare Anleitung, wie das gelingen kann, liefert das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. (Buchtipp: Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation: Ein Gespräch mit Gabriele Seils, Marshall B. Rosenberg).

Die Art, wie hochsensible Menschen typischerweise mit Problemen umgehen, weist in mancher Hinsicht Besonderheiten auf, die ich gerne anhand von Äußerungen, die häufig an Hochsensible gerichtet werden, ausführen möchte.

„Du siehst Probleme, wo keine sind.“

Durch ihre differenzierte Wahrnehmung haben hochsensible Menschen sehr feine Antennen in Bezug auf minimale Veränderungen in der Umgebung, unterschwellige Konflikte, kaum fassbare Stimmungen, leiseste Widersprüche und kleinste Unstimmigkeiten. In der Kommunikation achten Hochsensible genau auf die Wortwahl und die Formulierungen, auch auf den Ton in der Stimme und auf Feinheiten in der Körpersprache ihres Gegenübers.

Eine Diskrepanz zwischen gesprochenem Wort auf der einen Seite sowie Mimik, Gestik und Körperhaltung auf der anderen fällt ihnen schnell auf und irritiert sie. Gegenwärtige Situationen werden von ihnen im Zusammenhang mit zurückliegenden Ereignissen und der zu erwartenden Entwicklung gesehen. Entsprechend haben sie ein Gespür für sich anbahnende Schwierigkeiten.

Dies mag mitunter wie eine unglaubliche Vorahnung anmuten, ist jedoch mit einer besonders aufmerksamen Beobachtung und einer intuitiven Vorausberechnung des weiteren Geschehens zu erklären. Da Hochsensible mit dieser Begabung hinsichtlich Wahrnehmung und Intuition (im Sinne von spontanem Zugriff auf unbewusstes Wissen) vielfach allein dastehen, entstehen Schwierigkeiten daraus, dass sie ein Problem (schon) sehen und andere (noch) nicht.

Sprechen Hochsensible an, was ihnen merkwürdig oder fragwürdig vorkommt, stoßen sie häufig auf Unverständnis und Ablehnung, weil das für sie Augenfällige für ihr nichtsensibles Gegenüber häufig noch unter der Wahrnehmungsschwelle bzw. allemal unter der Grenze liegt, wo etwas als Problem gesehen wird und der Thematisierung Wert erscheint. Hilfreich für beide Seiten ist es, wenn sie sich die grundlegenden Unterschiede sowohl in der Wahrnehmung als auch in der Auffassung bewusst machen.

„Du steigerst dich in etwas hinein.“

Probleme, die für andere relativ kleine, überschaubare Probleme sind (wenn überhaupt!), können sich für Hochsensible schnell zu einem überwältigenden Problem auswachsen. Ihre Eigenart, Eindrücke tief in sich aufzunehmen und intensiv zu empfinden, führt leicht dazu, dass sie in ein Gedankenkarussell und in einen Strudel der Gefühle geraten. Die schwierigen Dinge, die gerade im Vordergrund stehen, erscheinen dann übergroß. Sagt ihnen jedoch jemand, sie würden sich in etwas „hineinsteigern“, wirkt es in aller Regel kränkend auf sie, zeugt es doch davon, dass ihre gefühlte Not ignoriert bzw. nicht ernst genommen wird.

Schließlich liegt auch eine gewisse Logik in dem Geschehen: Wenn Hochsensible Eindrücke intensiver wahrnehmen und Gefühle stärker erleben als andere Menschen, ist es nur folgerichtig, dass auch problematische Umstände und Situationen heftiger und nachhaltiger auf sie wirken.

Für Hochsensible besteht die Entwicklungsmöglichkeit darin, durch wachsende Bewusstheit in den betreffenden Momenten die Dynamik durch ein Stopp zu unterbrechen, etwas Abstand von dem zu gewinnen, was gerade schwierig und belastend erscheint, um es dann relativieren und konstruktiv in Angriff nehmen zu können.

„Du machst alles so kompliziert.“

Die häufig anzutreffende Neigung Hochsensibler, die Dinge in einem größeren Kontext zu betrachten und in Erklärungen sehr weit auszuholen, ruft bei Nichthochsensiblen häufig Befremden hervor. Ihnen erscheint das wie ein unnötiges Verkomplizieren. Dabei ist es durchaus eine bemerkenswerte Stärke von Hochsensiblen, übergreifend und ganzheitlich zu denken und Komplexität zu erfassen.

Die Aufgabe für Hochsensible besteht darin, sich in Diskussionen in Einfachheit und Prägnanz zu üben und sich bewusst auf eine überschaubare Anzahl von Denkebenen zu begrenzen, wohl wissend, dass es immer noch weitere Dimensionen gibt. Die Reduktion von Komplexität macht herausfordernde Themenstellungen handhabbar und Problemlösungen greifbarer.

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