Der Artikel stammt von Katharina Ohana (Gastautorinnen) und ist ein Auszug aus ihrem Buch „Gestatten: ICH: Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ erschienen im Gütersloher Verlagshaus/Random House. © Katharina Ohana

Warum verhalten wir uns nicht richtig, obwohl wir eigentlich genau wissen, was das Richtige wäre? Warum fürchten wir uns so sehr vor der Veränderung, den Konsequenzen des richtigen Verhaltens? Warum sind wir schwach? Und warum schaffen es einige Menschen, trotz Unsicherheit, Angst und Schmerzen, an sich zu arbeiten, sich den eigenen Problemen zu stellen – und so viele andere aber nicht?

Kant schreibt in seinem berühmten Aufsatz zum Thema `Was ist Aufklärung?´: “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ (Kant: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, 1784)

Kant und die Aufklärung haben sich bemüht den Menschen freier und selbstverantwortlicher zu machen, indem sie von ihm forderten über die (gesellschaftlichen) Verhältnisse zu reflektieren und sich selbst eine neue, vernünftigere Moral zu schaffen, entgegen der damals noch allgegenwärtigen Leitung durch die Kirche. Moralisches Verhalten sollte nicht länger mit Gottesfürchtigkeit begründet werden, sondern sich aus der Vernunft ergeben.

Auch wenn Kant von emotionalen Verhaltensmustern und der Stärke der Prägungen in der Kindheit noch nichts wusste und seine idealisierte Verstandesleistung mittlerweile zur Diskussion steht, ist seine Aussage über die Selbstverschuldung der eigenen Unmündigkeit aus „mangelndem Entschluss und Mut“ sehr interessant. Demnach wären Mut und Entschlusskraft die revolutionären Gefühle, die die alte Menschheitsfrage beantworten, warum einige Menschen Verantwortung für ihr Leben, ihre eigene Meinung, ihre eigenen Werte und Bewertungen übernehmen und andere nicht.

Der Blick nach innen erfordert Mut. Als Kinder sind wir oft von unseren Eltern ent-mutigt worden, ihre mangelnde Wertschätzung, ihr Fehlverhalten haben uns den Mut genommen, unseren eigenen Weg zu finden. Wir müssen Mut und Entschlusskraft als etwas erkennen und erfahren lernen, das uns weiter bringt in Richtung Freiheit und Glück. Wir fürchten uns vor unserem Unterbewusstsein und seinen gehorteten Ängsten, die dorthin verdrängte Wut, die uneingestandenen Sehnsüchte, die Schatten der Vergangenheit. Aber in genau diesen unverheilten Wunden, liegt die größte Gefahr für das Glück unseres Lebens.

Gerade das, was wir selbst nicht sehen wollen, nehmen die Menschen in unserem Umfeld um so deutlicher wahr, leiden darunter, ärgeren sich darüber. Gerade weil wir uns der Infantilität unserer Ängste und Wünsche nicht bewusst werden wollen, sind wir so angreifbar. Doch wenn wir um unsere wunden Punkte selbst wissen, wer sollte uns dann noch damit verletzen können? Wäre es nicht ein Stück Freiheit, jemandem, der einen schmerzhaft auf einen Fehler aufmerksam macht, zu entgegnen: „Ich weiß, und ich arbeite daran!“ Hätten wir den Angreifer dadurch nicht schachmatt gesetzt? Wie würden wir selbst auf jemanden reagieren, der diese Größe hätte, diese Reife?

Mut ist der Moment sich mit der Kraft seines Verstandes die eigenen Wunden anzusehen, das eigene Versagen bei der Umsetzung seiner Wünsche und Träume einzugestehen: Warum möchte ich etwas sein, etwas haben (was für mich unerreichbar ist)? Warum kann ich das Leben in seiner Banalität nicht akzeptieren und in seinen realen Möglichkeiten leben?

„Erkenne dich selbst“ – dieser Satz von Sokrates, der auch über dem Eingang zum Orakel von Delphi steht, begründet unsere abendländische Kultur. Er ist der nächste Schlüssel zur Tür der Freiheit: Jeder Veränderung muss Erkenntnis voran gehen. Durch die richtige Analyse unserer Verhaltensmuster und Werteprägungen, unserer Grundkonflikte, beginnen wir lebens- und glücksfeindliche Werte und Denkmuster in Frage zu stellen. Nur so können wir sie nach und nach ablegen und uns neue Orientierung suchen und unser Leben verändern.

Wir müssen erkennen, was unsere Ängste und Zwänge, das „innere Reißen“ verursacht, was uns in die Sehnsucht nach Wiedergutmachung treibt, uns anfällig macht für die falschen Wege zur Erfüllung. Wir müssen verstehen, wie wir zu unserer Weltsicht und unseren Denkmustern, unserem schlechten Selbstwertgefühl gekommen sind, was uns zu Getriebenen macht. Auf dem Weg zur Freiheit müssen wir die Zusammenhänge, die Entstehungsgeschichte unseres Selbstbildes und Selbstwertes verstehen lernen, genauso wie die Werte unserer Familie, unserer Gesellschaft, das offizielle Richtig und Falsch, das uns fremdbestimmt und uns über unsere Ängste manipuliert. Wir müssen unsere Unfreiheit begreifen, um frei zu werden.

Verstehen ist, entgegen unserem Bild von kalter Logik, ein gefühlter „Aha-Moment“, ein emotionaler Vorgang: Es macht „klick“ und wir haben das Gefühl, den richtigen, wahren Zusammenhang erkannt zu haben. Wir „spüren“ es, wenn wir plötzlich kapieren, warum zwei plus zwei vier ergibt oder wenn wir erfassen, dass wir deshalb vom Ehrgeiz durchs Leben gepeitscht werden, weil unsere Eltern auf unsere Leistungen fixiert waren oder wenig Zeit und wirkliche Aufmerksamkeit für uns hatten und uns damit ständig ein Gefühl von Wertlosigkeit vermittelten.

Die Erkenntnisse über uns selbst, die „Wahrheit“ über das, was unser Leben bestimmt, ist eine Emotion, die uns in ihrer Stärke tief berührt. Alte Gefühle tauchen auf, die Enttäuschungen und Schocks unserer Kindheit werden uns bewusst, die Angst vor Zurückweisung, vor der überlebensbedrohenden Einsamkeit.

 


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Wir kamen auf die Welt voller Lebens- und Entfaltungsdrang und diese unverstellte Direktheit unserer Liebe, diese Scham- und Schuldlosigkeit konfrontierte die uns umgebenden Erwachsenen mit ihren eigenen Hemmungen, unbewussten Enttäuschungen, weckt verdrängte Schmerzen und Wut. Sätze wie: “Was willst Du denn schon wieder?!“, „Das kleine Fräulein weiß ja mal wieder genau, wo es was zu holen gibt!“, “Sei doch nicht so langsam!“, „Du gehst mir heute mal wieder echt auf die Nerven!“, vermitteln Kindern schon im Kleinkindalter allein durch den Tonfall: Ich bin nicht richtig. So wird Lebendigkeit, Liebesbedürftigkeit und Lebenslust mit „schlecht“ bewertet und nach und nach gebremst durch Schuldgefühle.

Schuld wird selten direkt zugewiesen, sondern wirkt durch die elterliche Überforderung unterschwellig auf die heranreifende Psyche des Kindes. Schauen wir anderen Eltern im Umgang mit ihren Kindern zu, wird uns schnell die Tragweite dieser Tatsache bewusst – und was das für unser eigenes Leben bedeutet. Auf Dauer können diese Schuldgefühle, dieses „Ich bin nicht richtig“ ganze Leben zerstören. „Ich kenne nur ein Mittel, um mit meinem Gewissen Frieden zu machen, und das heißt leiden, so viel es geht. So viel Leid wie möglich erfahren“, schrieb Saint-Exupéry an seine Frau, zog in den Krieg und stürzte ab.

Auch wenn wir schon lange unglücklich sind, neigen wir leider dazu zu glauben, es hätte nichts mit unserer Vergangenheit, mit unseren alten Erfahrungsmustern zu tun. Wir halten daran fest, dass unsere Kindheit wunderbar war oder wir alles längst hinter uns gelassen haben. Wir versuchen der unfassbaren Frage zu entgehen: Warum waren die Menschen, die uns erzeugten, nicht stärker, warum haben sie nicht ihre Verantwortung getragen, warum haben sie uns in unserer Einzigartigkeit nicht erkannt und uns besser geholfen diese Einzigartigkeit optimal zu entwickeln?

Warum haben sie uns so viele Steine in den Weg gelegt, ihre Schwächen und Probleme an uns ausgelassen, uns missbraucht für ihr eigenes schwaches kleines Selbst? Und um es erneut zu betonen: Die Gefühle, die mit diesen Fragen herauf kommen, sind so schlimm, so tief und verzweifelt, dass wir sie damals in der Kindheit bei ihrer Entstehung verdrängen mussten, weil wir sie nicht verarbeiten konnten und auch jetzt noch alles tun, lieber weiter in unglücklichen, verqueren oder oberflächlichen Beziehungen leben mit unbefriedigenden Jobs, gefangen in unserer Sehnsucht – nur um sie nicht mehr zu spüren.

Doch wir müssen den alten Schmerz wieder heraufholen aus der Tiefe unseres Unterbewusstseins, um ihn für immer los zu werden. Wenn wir uns diesen Gefühlen nicht stellen, unsere Seele nicht von ihnen reinigen, bleibt unser Leben durch diese alten, offenen Wunden beeinflusst. Jede Begegnung mit anderen Menschen wird wieder und wieder unter der Spannung unerfüllter Wünsche und gleichzeitiger Angst vor Zurückweisung stehen, jedem unserer Ziele haftet diese Unfreiheit und Ohnmacht an.

Neben den Gefühlen der Verzweiflung hindert uns noch etwas anderes an der Einsicht über unsere Vergangenheit: Wir wollen nicht ablassen von unserem Anspruch auf Wiedergutmachung der schlimmen Kindheitserfahrungen. Unser verletztes Selbstwertgefühl tut sich schwer die Grenzen der (erwachsenen) Realität anzunehmen, zu akzeptieren, dass es die „glückselige Seinsvergessenheit der Kindheit“, das Paradies für uns nicht gab – und auch niemals geben wird. Wir wollen unsere Eltern nicht vom Thron unserer Anerkennung stürzen, denn dann fiele auch unsere Hoffnung auf Wiedergutmachung mit hinunter. So verzeihen wir ihnen, noch bevor die wirkliche Auseinandersetzung begonnen hat. Wie sollten wir auch weiterhin mit ihnen umgehen, wenn wir ihre Schwächen erkennen und die Konflikte offen legen? Am Ende schicken sie uns womöglich weg und dann müssen wir für immer die Hoffnung auf die ersehnte Anerkennung begraben … .

Doch wenn unsere Eltern sich lieblos und schwach verhalten haben, haben wir dann nicht ein Recht wirklich wütend auf sie zu sein, obwohl gerade sie uns unser Leben schenkten, uns (doch irgendwie) großgezogen haben?! Und wenn die eigenen Eltern uns kein starkes Selbstwertgefühl zugestanden haben, waren dann wir Kinder falsch oder unsere Eltern? Die Bibel schreibt: Ehre Vater und Mutter. Aber was ist, wenn sie es nicht verdienen? Dürfen wir unsere Eltern lieben und ihnen gleichzeitig Vorwürfe machen wegen ihres Versagens?

Ja, das dürfen wir! Und dieses „dürfen“ ist begründet mit dem Recht auf Freiheit und Stärke: Wir werden frei, wenn wir unsere Schuldgefühle hinterfragen, denn der Boden unserer Schuldgefühle und unseres mangelnden Selbstwertgefühls sind der Frust und die unterdrückte Wut auf die Schwäche unserer Eltern. Solange wir sie gegen uns selbst richten, werden wir immer weiter die Fehler bei uns selbst suchen, ohne sie beheben zu können.

Wenn wir unsere Eltern mit ihrem Fehlverhalten konfrontieren, reden sie sich meist heraus, behaupten wir würden übertreiben, hätten nichts mitbekommen von belastenden Umständen, wir hätten unser Unglück selbst zu verantworten oder sie seien eigentlich die viel größeren Opfer. Doch Eltern waren immer zuerst da! Sie haben uns geschaffen und nicht umgekehrt.

Es ist für unsere Eltern fast unmöglich, Fehler einzugestehen, die Einsicht zuzulassen, die geliebten Kinder aus der eigenen Schwäche heraus behindert, vernachlässigt und schlecht behandelt zu haben. Die meisten Eltern können diese Verantwortung nicht auf sich nehmen, denn dazu müssten sie sehr stark sein und gerade das waren sie ja nicht, sonst hätten sie sich nicht so falsch verhalten. Die Wahrheit über die Vergangenheit bereitet beiden Seiten viel Schmerz. Deshalb kommen wir oft viel zu schnell überein, dass alles doch nicht so schlimm gewesen sei, dass Psychologen häufig falsch liegen, immer nur alles auf die armen Eltern schieben, ohnehin übertreiben und überhaupt alle erst mal selbst auf die Couch gehören. Letzteres mag sogar stimmen, es hilft uns nur selbst sehr wenig dabei glücklich zu werden.

Wer je von seinen Eltern gehört hat: „Es tut mir leid. Ich habe mir die größte Mühe gegeben und trotzdem viele Fehler gemacht. Ich wusste es nicht besser, aber heute sehe ich es…“, der weiß, was diese Sätze für eine Wirkung haben können für unseren Seelenfrieden, für unser Selbstwertgefühl und gegen all die Selbstzweifel, die wir so lange mit uns herumgetragen haben. Das Aussprechen dieser Sätze kann bei Kindern und Eltern viel Erlösung, Versöhnung und Verständigung bewirken. Sie machen den eigenen Weg zu einem neuen Selbstbild und einem stabilen Selbstwertgefühl nicht unnötig, aber erleichtern ihn ungemein.

Leider werden die meisten Menschen, die erkennen, welchen Einfluss das unreife Verhalten ihrer Eltern auf ihr Leben und ihr Unglück hatte, diese Sätze niemals zu hören bekommen. Sie müssen selbst ihre Gewissheit finden, dass sie als Kinder vollkommen richtig waren und die Eltern leider zu schwach, das zu erkennen und zu respektieren. Sie müssen sich selbst den Wert einräumen, denen ihnen ihre Eltern versagten und versagen.

Es ist sehr wichtig für unseren Verarbeitungsprozess, die Wut und die Trauer über die Verhältnisse in der eigenen Familie zuzulassen. Doch mit ihren Schwächen haben unsere Eltern nicht nur uns das Leben schwer gemacht, sondern auch sich selbst. So schwierig es ist, sie zur Rede zu stellen, so wichtig ist es von dieser Anklage auch irgendwann Abstand zu nehmen. Denn die Vergangenheit ist ja nun mal nicht mehr zu ändern und eine bessere Kindheit und stärkere Eltern können nicht mehr eingeklagt werden.

Nachdem wir uns erst mit allen Fasern unserer Seele gegen die Erkenntnis der Schwächen und beschwerenden Einflüsse unserer Eltern auf unser Leben gesträubt haben, halten wir dann oft jahrelang an der Anklage fest. Wir wollen sie nicht aus ihrer Schuld entlassen, ihnen nicht die Absolution erteilen.

Doch wenn wir die Verantwortung für unser Glück nicht vollständig selbst übernehmen, vergeuden wir nur weitere Lebenszeit in falschen Mustern. Wir können das Schuldgeständnis unserer Eltern nicht erzwingen, uns die Gerechtigkeit nicht durch Klage oder „Weiterleiden“ erpressen. Am Ende kann nur Mitgefühl (mit uns selbst und mit ihnen) uns unseren Frieden bringen – und vielleicht noch ein Kopfschütteln darüber, dass das Schicksaal oft so seltsame Wege geht.

Wir sollten unseren Eltern verzeihen, aber nicht aus irgendeinem christlichen Demutsgebot heraus, sondern aus ganz selbstbezogenen, lebensnotwendigen Gründen: Die Einsicht in die Verantwortung für unser eigenes Leben ist Teil eines gesundenden Selbstwertgefühls. Unser erwachsenes Ich kann jetzt selbst die Verantwortung übernehmen für das Kind in uns, kann es trösten und seinen Gefühlen und Ängsten Geltung verschaffen. Wenn wir unseren Wert nicht von unseren Eltern bestätigt bekommen, müssen wir ihn uns selbst geben. Wir selbst müssen jetzt für unser inneres Kind sorgen, wir selbst müssen ihm die Liebe entgegen bringen, die es immer vermisst hat. Wenn wir selbst nicht die Verantwortung für unser (Un-) Glück, unser Leben, unsere Freiheit tragen wollen, bleiben wir immer weiter in diesen Kinderproblemen stecken.

Es sind nicht (mehr) die Eltern, die äußere Welt, die uns am Glücklichsein hindert: Es sind unsere Erwartungen an diese äußere Welt (an unsere Partner, Freunde und Kollegen), die uns in unserer Unfreiheit und unserem Unglück festhalten. Denn es sind die Erwartungen von hilflosen Kindern. Niemand wird sie mehr erfüllen – außer wir selbst. Daran werden wir wachsen und der Lohn ist: Freiheit und tiefe, gesunde Beziehungen zu anderen Menschen. Beides haben die, die an uns schuldig geworden sind, niemals erreicht. Wir können es besser machen als die anderen. Wir können stärker sein als unsere Eltern.

(Fortsetzung: [fancy_link link=“https://leben-ohne-limit.com/5767/selbstwertgefuhl-der-schluessel-zum-persoenlichen-glueck/“ variation=“black“]Selbstwertgefühl – Der Schlüssel zum persönlichen Glück[/fancy_link])

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