Haben Sie das Gefühl ständig unter Druck zu stehen und kommen nur schwer zur Ruhe, weil es anscheinend immer etwas zu tun gibt? Leider geht das vielen Menschen so. Schade ist vor allem, dass wir durch unsere ständige Betriebsamkeit nicht zufriedener werden. Doch es geht auch anders. Warum das Sinn macht, erklärt Ihnen Stephan Grünewald.

Stephan Grünewald ist Mitbegründer und Geschäftsführer des rheingold Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung. Der Diplom-Psychologe und ausgebildete Psychotherapeut ist ein gefragter Experte in Fernsehen, Presse und Wirtschaft. 2006 erschien im Campus Verlag sein Buch „Deutschland auf der Couch“, in dem er eine aufrüttelnde Analyse unseres Landes vornimmt. Seine Wahlheimat Köln nahm er augenzwinkernd in „Köln auf der Couch“ unter die Lupe, das ebenfalls zum Bestseller wurde.

Die beruflichen Rahmenbedingungen haben sich in den letzten 2 Jahrzehnten stark verändert. Der Druck des Shareholder Value verlangt zunehmend Effizienz, die fortschreitende Globalisierung lagert Prozesse in alle Erdteile aus und die Halbwertszeit von Wissen wird immer geringer. Was hingegen gleich geblieben ist, sind unsere Bedürfnisse nach Sicherheit, Anerkennung und Zugehörigkeit. Wie reagieren Menschen auf diese Divergenz?

Sie stürzen sich einerseits in einer Art besinnungsloser Betriebsamkeit. Man folgt mehr oder minder bereitwillig dem modernen Effizienzdiktat und dynamisiert das Hamsterrad. Im Arbeitskontext ist mitunter der Werkstolz früher Zeiten durch einen Erschöpfungsstolz ersetzt worden. Man ist nicht mehr stolz auf das Produkt seiner Arbeit, sondern auf den Grad der Erschöpfung, der aus der Überbetriebsamkeit resultiert. Das abendliche Gefühl der Ausgelaugtheit wird so zum Gradmesser persönlicher Produktivität. Eine seelisch und gesundheitlich bedenkliche Entwicklung.

Andererseits gibt es eine wachsende Sehnsucht nach Zuflucht und Entschleunigung. Der Schrebergarten gewinnt selbst bei jungen Paaren an Prestige als kreative Ruheoase. Es gibt einen Trend zur Heimat und zur regionalen Verortung, weil die Heimat an Zustände mütterlicher Geborgenheit und Fürsorge erinnert. Die derzeit mit über 1,2 Millionen Abonnenten erfolgreichste deutsche Zeitschrift ist die Landlust, die die Menschen wieder für den Rhythmus der Jahreszeiten sensibilisiert und das Interesse auf den persönlichen Nahbereich lenkt.

Werbung und Medien scheuen kaum Anstrengungen, Konsumenten rund um die Uhr mit Informationen und Unterhaltung zu versorgen. Wie wirkt sich das auf unsere Kreativität und unser Leben aus? Oder anders gefragt: Wie kann ich eigene Träume entwickeln, wenn ich ständig mit vorgefertigten Träumen überschüttet werde?

Die eigenen Träume entwickeln sich heute immer noch – Nacht für Nacht. Voraussetzung für die eigenen Träume ist die Stilllegung unserer Motorik. Wir können im Schlafe nichts anrichten, dafür eröffnet sich eine gedankliche Narrenfreiheit. Die nächtlichen Träume rücken meist sinnbildlich in den Blick, was am Tage untergegangen ist: Sehnsüchte, denen wir nicht nachgegangen sind, Probleme, die wir nicht bearbeitet haben. Unsere Träume sind daher provokativ und unbequem. Sie legen den Finger in die Tageswunde und fordern uns auf unser Leben anders zu gestalten.

Träume sind daher so wichtig für die seelische Regeneration und für Kreativität. Allerdings laufen wir Gefahr, den Zugang zu unseren Träumen zu verlieren. Meist spüren wir der Verwunderlichkeit unserer Träume nicht mehr nach, sondern greifen direkt zum Smartphone und checken unsere Mails. Wir springen also morgens abrupt wieder in den Businessmodus. Wir betreiben business as usual – fürs Querdenken und Innehalten gibt es heute keinen Raum mehr.

Die mediale Traumfabrik tastet nicht unsere nächtlichen Träume an, aber sie enteignet immer stärker unsere Tagträume. Tagträume haben eine kompensatorische Funktion. Indem wir im Tagtraum den Chef kleinmachen, die Nationalelf zum WM-Sieg schießen oder die tollsten Frauen verführen, trösten wir uns über unsere alltägliche Begrenztheit hinweg. Hätte Brüderle an der Bar nur getagträumt, wäre ihm einiges erspart geblieben.

Diese Tageskompensation übernehmen derzeit immer stärker das Internet und das Smartphone. Statt in den Tagtraum abzugleiten, zücken wir das Handy oder gehen an den Computer. Wir ballern virtuell alle Anspannungen weg. Auf Facebook trösten wir uns damit, dass wir doch Hunderte von virtuellen Freunden haben. Wir glauben, dass wir Regierungen stürzen könnten, wenn wir nur alle gemeinsam clicken. Im erotischen Bereich ist das Internet zu einer gewaltigen Masturbationsmaschine geworden, die uns erlaubt jederzeit im „Handumdrehen“ Spannungen abzubauen.

In unserer Freizeit locken Erlebniswelten, verheißen die schönsten Orte der Welt Abwechslung vom tristen Alltag und üppige Sortimente in den Geschäften erinnern an das Paradies. Eigentlich müssten wir zufrieden und dankbar sein. Doch mehr Konsum scheint nicht automatisch glücklicher zu machen. Kehrt bei vielen eine Ernüchterung ein, weil die Glücksversprechen sich nicht einstellen?

Die Paradies-Sehnsucht ist heute zu einem Paradies-Anspruch geworden. Unser Ideal ist das glücksmaximierte Vollkaskoleben. Wie im Internet soll sich auf Knopfdruck jede Seite des Lebens öffnen lassen. Google ist zu einem göttlichen Schöpfungsversprechen geworden: wir können uns die ganze Welt ergoogeln. Aber in dem Maße wie das Paradies nicht mit dem Jenseits verbunden ist, sondern zu einem Diesseitsanspruch geworden ist, der sich hier und jetzt einlösen soll, schwindet die Akzeptanz der Menschen für den grauen Alltag.

 


Amazon – Partnerlink

 

Wir sind es mittlerweile gewohnt, schnelle Antworten auf viele Fragen zu finden. Dank Suchmaschinen und Internet-Foren ist die „Lösung“ nur wenige Mausklicks entfernt. Ist uns dabei vielleicht die Geduld abhanden gekommen, eigene Wege abseits der vorgefertigten Meinungen zu suchen?

Wartezeiten oder Langeweile, Widersprüche, Widerstände, Zähigkeiten, Mühsal, und Alter werden heute nicht mehr als naturgeben hingenommen, sondern als Betriebsstörung zu eliminieren gesucht. Aber diese beunruhigenden Phasen des Übergangs, des Schwebens, der Langeweile sind der Nährboden für die Entwicklung eigener Ideen und Wege.

Zeitmanagement und Schnell-Lesetechniken versprechen, die Fülle an Aufgaben und Informationen bewältigen zu können. Doch macht es Sinn, das Rad der Betriebsamkeit immer schneller zu drehen? Brauchen wir nicht viel eher Muße, um herausfinden, was für uns überhaupt wichtig ist?

Schnelligkeit wird häufig mit Effizienz verwechselt. Wer immer nur schnell und spontan handelt, produziert die ewige Wiederkehr des Gleichen. Das schnell drehende Hamsterrad schafft Erwartungssicherheit: man ist immer in den gleichen Drehungen gefangen. Das Neue entsteht nur, wenn wir aus dem Effizienz-Karussell aussteigen. Wir brauchen Dehnungsfugen im Alltag – Zeit zwischen den Handlungsakten, die nicht verplant ist und in der wir zweckfrei spintisieren können.

Das Schweifen und Träumen ist der Königsweg zu unseren unbewussten Sehnsüchten. Aber in der unverplanten Zeit fühlen wir uns auch oft auf uns zurückgeworfen. Die ungelösten Probleme stürzen auf uns ein. Wir geraten in Stimmungsschwanken und spüren die ungeheure Riskanz unseres Lebens. Von daher ist die Tendenz groß, diese schöpferischen Zustände der Selbstbesinnung durch besinnungslose Betriebsamkeit zu eliminieren.

Der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman warnte bereits vor 30 Jahren vor einer zunehmenden Trivialisierung unseres Lebens durch die Medien. Wie bewerten Sie heute seine These „Wir amüsieren uns zu Tode“?

Das Amüsement und die Genussfähigkeit wird heute auf dem Altar der Leistungsgesellschaft geopfert. Genussformen wie Rauchen, Trinken, Essen, Träumen sind heute nicht mehr anerkannt. Wir erleben heute ein liberales Paradox. Das Andersein ist erlaubt. Es ist unerheblich, ob wir schwul, jüdisch oder sozialistisch sind. Aber das Anderswerden wird tabuisiert. Wir führen einen verdeckten Feldzug gegen die Langeweile, gegen Zustände des selbstverlorenen Genießens oder des selbsterkennenden Träumen oder Trauern. Wenn Postman heute ein zweites Mal klingeln würde, müsste es heißen: Wir stressen uns zu Tode.

Die Werbung ist voll von gut aussehenden, erfolgreichen und glücklichen Menschen. Wie beeinflussen solche Botschaften das Selbstwertgefühl?

Viele Menschen erleben Deutschland als Zweiklassengesellschaft – nicht nur in ökonomischer Hinsicht. Von daher gibt es zwei diametral entgegengesetzte Umgangsformen mit den multiplen Perfektionsansprüchen. Entweder ich versuche irgendwie mitzuhalten, um nicht als Looser dazustehen. Dann betreibe ich viel Aufwand in Richtung Fitness und Body Performance. Oder ich resigniere und fette entspannt vor dem Fernseher meine Finger in der Chipstüte.

Wie kamen es dazu, dass Sie Psychologie studiert haben und was verbinden Sie mit Ihrem Beruf?

Mich haben schon als Kind die seltsamen Irrungen und Wirrungen der Seele interessiert. Mit 15 stand für mich fest, dass ich Psychologie studiere. Ich hatte mit Wilhelm Salber einen faszinierenden Professor, der noch mit Anna Freud befreundet war. Der Wunsch die geheime Logik unseres gesellschaftlichen und persönlichen Lebens zu verstehen, treibt bis heute meine Forschungsarbeit an.

Was fällt Ihnen zu den Worten von Antonio Porchia ein? „Es gibt Träume, die Ruhe brauchen.“

Ruhe und motorische Stilllegung ist ja die Voraussetzung dafür, dass wir erst träumen. Aber ein Traum kann auch zu einem Lebenstraum werden, zu einer fixen, sinnigen Idee, was mir mit unserem Leben anstellen wollen, was wir bewirken wollen. Hier hilft die Ruhe alleine nicht weiter, sondern hier ist Beharrlichkeit wichtig. Mich faszinieren Menschen wie Sigmund Freud oder Gustav Mahler, die trotzt aller äußeren oder inneren Widerstände an ihrem Lebenstraum festhalten und ihn in die Wirklichkeit retten.

Was ist Ihnen im Leben neben der Psychologie wichtig?

Fußball, Familie und Frikadellen.

[image_frame style=“shadow“ align=“left“ alt=“Stephan Grünewald“ title=“Stephan Grünewald“]https://leben-ohne-limit.com/wp-content/uploads/2013/10/Interview-StephanGruenewald.jpg[/image_frame]

[fancy_link link=“http://www.stephangruenewald.de/“ target=“blank“ variation=“black“]www.stephangruenewald.de[/fancy_link]
[fancy_link link=“http://www.rheingold-marktforschung.de/“ target=“blank“ variation=“black“]www.rheingold-marktforschung.de[/fancy_link]