Der Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „Warum es uns so schwer fällt, das Richtige zu tun“ von Winfried Neun erschienen im Verlag BusinessVillage. © BusinessVillage

Wer kennt nicht die alltäglichen Erfahrungen mit den kleinen und großen Krisen unseres Lebens. Aber warum haben wir so große Angst vor Krisen? Warum erschweren uns Krisen das zu tun, was wichtig ist? Oder helfen uns Krisen vielleicht sogar dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen? Warum fällt es uns so schwer, aus Krisen zu lernen? Was bedeutet eine Krise wirklich für uns Menschen und für die Wirtschaft?

Lernen aus Krisen und Fehlern helfen uns das Richtige zu tun!

Entscheidend ist hierbei, wie gut wir mit Fehlern und Fehleinschätzungen umgehen können. Fehler machen heißt auch Lernen – aber dieses Lernen findet zu selten statt – warum?

Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass es uns sehr schwerfällt, die gemachten Fehler auch wirklich einzugestehen. Denn nur, wen wir uns bewusst machen, dass wir einen Fehler gemacht haben, können wir auch daraus lernen. Aber warum fällt es uns eigentlich so schwer, Fehler einzugestehen? Der Grund liegt in vier zentralen Ursachen:

1. Recht haben tut gut – Unrecht haben schmerzt!

Die amerikanische Psychologin Kathryn Schulz schrieb in einem ihrer Aufsätze: „Von allen Fehlern, die wir machen, ist unsere Vorstellung von Fehlern wohl unser größter Fehler überhaupt, unser Metafehler“. Was sie damit meint, ist die irrläufige Meinung, dass Fehler machen ein Zeichen von Schwäche, Ignoranz, Unwissenheit oder gar mangelnder Intelligenz ist. Denn diese Vorstellung ist falsch – nur wer irrt, kann seine kognitiven Erkenntnisfähigkeiten, also seine Erfahrungen ausbauen. Zwar verschafft uns Recht haben ein Gefühl der Souveränität und Gelassenheit, führt aber auch dazu, dass wir übermäßiges Selbstvertrauen entwickeln und damit unsere Umwelt nicht mehr richtig wahrnehmen.

Es fällt uns immer schwerer, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, da wir Fehler nicht zulassen und damit ein ausgewogenes Bewusstsein zu „richtig und falsch“ kippen kann. Das schmerzhafte Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben, bringt uns aber auf den Boden der Realität zurück und lässt uns unsere eigene und die von Dritten beschriebene Lebenssituation viel realistischer und ehrlicher erkennen. Begangene Fehler helfen zu objektivieren und besser zu beurteilen – vorausgesetzt man sieht die positive statt nur die schmerzliche Seite des Fehlers.

2. Fehler machen ist kostspielig und unangenehm!

In der Tat kann so mancher Fehler teuer werden – aber eben nicht alle Fehler. Unser Körper reagiert jedoch sehr unangenehm auf Fehler. Neurowissenschaftler haben festgestellt, dass unser Gehirn auf Fehler mit ganz speziellen Signalen reagiert, Frustration, Demütigung, Schuldgefühl und Entmutigung sind nur einige Auswirkungen dieser Signale. Die dabei entstehende Scham, sich eventuell blamiert zu haben, verstärkt noch diesen Rückzugeffekt und die Ablehnung der Wahrheit.

Der frühere BP-Chef tat sich im Juni 2010 so schwer, vor den US-Abgeordneten zuzugeben, einen Fehler begangen zu haben. Er hat keine Frage richtig beantworten wollen und die Ursache für die Ölkatastrophe blieb vorerst ungeklärt. Die Scham war größer als die Verpflichtung zur objektiven Aufklärung des Sachverhaltes. Ein typisches Verhalten in Situationen, wo dem Betroffenen klar wird, dass er einen Fehler gemacht hat.

Die Belastung für unser Erfahrungsgedächtnis ist so groß, dass wir lieber leugnen oder dementieren. Ein positiverer Umgang mit Fehlern würde allen Beteiligten helfen. Die Aufklärung wäre schneller möglich und der Schaden bei dem Betroffenen könnte in Grenzen gehalten werden. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine veränderte Einstellung unser Gesellschaft gegenüber Fehlern. Fehler zuzugeben darf nicht in Scham und am Pranger enden, sondern muss positiv gewürdigt werden und zeigen, dass Fehler zwar unangenehm und belastend sein können, aber auch ein Weg, um zukünftig das Richtige zu tun.

3. Negatives Wissen ist nicht gewünscht!

Ironischerweise spielt beim Lernen negatives Wissen eine zentrale Rolle. Das Wissen über Dinge, die nicht zielführend sind oder nicht den Erfolg bringen, den man sich eigentlich wünscht, ist genauso wichtig wie das Wissen über die Vorgehensweisen, die funktionieren. Ein Lernforscher begründet dies damit, dass wir beim Bewusstwerden von negativem Wissen, also bei Fehlern, gleichzeitig auch ein Bedürfnis oder einen automatischen Impuls für das Richtige auslösen. Das Richtige wird also dadurch mit initiiert, dass wir bewusst und frei von Blockaden unser negatives Wissen verarbeiten. Damit bilden Fehler einen existenziellen Beitrag für die Entwicklung unserer Willensstärke.

Erst durch die Erfahrung beider Seiten gelingt es uns, einen freien Willen zu entwickeln und damit eine gute Entscheidung zu treffen. Oftmals liegen wir jedoch gerade deswegen mit unserem Urteil falsch, weil wir die negativen Erfahrungen nicht bewusst zulassen. Komplexe Zusammenhänge werden erst durch die Kombination von positivem und negativem Wissen entflochten und damit lösbar. Somit ist Erfahrungswissen, das durch Fehler gewonnen wurde, ein wesentlicher Erfolgstreiber in unserer Entscheidungsfindung. Diesen Motor sollten wir jedoch wesentlich intensiver nutzen und vor allem zulassen.

4. Eine falsche Fehlerkultur blockiert!

Wer aus Fehlern lernen will, braucht ein Umfeld, das dies auch zulässt. Wenn wir uns in einer Fehlerkultur bewegen, bei der Fehler immer als existenzielles Versagen oder als Misserfolg dargestellt werden, dann werden wir die Chance des Lernens durch negatives Wissen nur eingeschränkt zulassen. Die Suche nach Schuldigen ist auch die Suche nach Vollkommenheit und diese anzustreben ist legitim – sie aber vorauszusetzen strafbar. Wer glaubt, er wäre perfekt, hört auf, es zu werden, so ein altes Sprichwort.

Die grundsätzliche Akzeptanz des Unvollkommenen in uns erzeugt eine positive Fehlerkultur in Gesellschaft und Unternehmen. Die freie Kommunikation und der kontinuierliche Austausch über potenzielle oder begangene Fehler in Unternehmen schafft die Basis für einen angstfreien Dialog. Unternehmen, die es gelernt haben, diesen angstfreien Dialog aufzubauen, sind nachweislich erfolgreicher als andere Unternehmen, die eine bestrafende Fehlerkultur bevorzugen. Somit ist erkennbar, dass die Art und Weise des Umgangs mit Fehlern einen hohen Beitrag für das Lernen darstellt.

Die Evolution durch Lernen aus Fehlern basiert auch auf den Umfeldeinflüssen und den Normen unserer Gesellschaft. Normen, die es gilt zu überdenken und zu diskutieren.

 

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Das Gefühl, besser sein zu müssen, macht uns blind!

Wie wir gesehen haben, ist das Lernen aus Fehlern eine Chance, als Persönlichkeit zu reifen und sein Unternehmen erfolgreicher zu machen. Krisen erzeugen dabei Situationen, in denen Fehler erst entdeckt werden, und dennoch werden diese Situationen falsch interpretiert oder bewertet. Diese Fehleinschätzung basiert nicht nur auf einer eventuell falschen Einschätzung der Realität, sondern auch auf dem sogenannten Herausforderungssyndrom, das den modernen Menschen ständig verfolgt.

Wir Menschen definieren uns immer im Vergleich zu anderen. Als soziales Wesen ist uns dies quasi angeboren und prägt unser Verhalten. Wir schöpfen Kraft aus den Vergleichen mit anderen und entwickeln eine klare Zielvorstellung, was wir wollen. Dies funktioniert jedoch nur dann, wenn der Vergleich mit anderen nicht zu negativ wird. Stellen wir fest, dass alle um uns herum ein Buch geschrieben haben, oder einen Doktortitel haben, oder vermögend sind, dann wird aus dieser positiven Motivationskraft schnell ein Tal der Tränen.

Selbstzweifel entstehen und Unsicherheit macht sich breit. Wenn ich ständig das Gefühl habe, aus mir etwas Besseres machen zu müssen, dann leide ich unter dem contender syndrom oder Herausforderungssyndrom. Hierbei beherrscht mich die Sorge, nicht alles Erdenkliche erreicht zu haben und ich will immer mehr – auch wenn es meine Möglichkeiten überschreitet. Durch einen ständigen Soll-/Ist-Vergleich vergessen wir uns selbst und verlieren unsere Ich-Bezogenheit. Meine Risikobereitschaft steigt sogar so weit, dass ich körperliche oder psychische Schäden in Kauf nehme.

Ich bin nicht mehr in meiner Mitte, sondern ein Getriebener der Wünsche aller anderen. Ich nehme die Umwelt nur noch im Blickwinkel dieses Soll-/Ist-Vergleiches wahr und erkenne damit nur meine scheinbare Unzulänglichkeit, aber nicht die Chance der Krise. Krisen werden dann zur Bestätigung der Diskrepanz zwischen dem aktuellen Stand (so bin ich), dem idealen Zustand (so möchte ich sein) und dem Soll-Zustand (das erwarten andere von mir). Ein Lernen ist dabei nicht möglich, denn diese Zweifel und Abwägungen verbrauchen Kraft und positive Stimmungen.

Im Zeitalter der sozialen Netzwerke breitet sich dieses Syndrom virusartig aus. Jeder kann bei jedem erkennen, wo er dem Soll-Zustand scheinbar nicht gerecht wird. Der Wunsch nach mehr wächst, was eine Casting-Show nach der anderen entstehen lässt. Jeder glaubt, alles schaffen zu können, gleichgültig zu welchem Preis. Ich muss nur auf mich vertrauen und hartnäckig sein. Niederlagen werden nicht als Lernplattform akzeptiert, sondern schöngeredet oder verharmlost. Und genau hier liegt das Problem. Wer sich nicht bewusst mit seinen Niederlagen beschäftigt, wird auch nicht erfolgreich sein können. Die Jagd nach dem Unmöglichen und der unbegrenzten Möglichkeiten versperrt den Blick auf das Machbare und damit auch Erfolg versprechende.

Der Erfolg wird zur blinden Sucht und damit zur Behinderung. Dabei ist es so einfach. Wir sind nicht nur erfolgreich, wenn wir siegen, sondern auch, wenn wir aufgeben. Gerade im Aufgaben erkennen wir unsere Grenzen und wir schärfen den Blick auf unsere Potenziale. Man verliert keine Energie durch das unbedachte Nacheifern von Vorbildern oder das Verfolgen von unerreichbaren Zielen. Man wird weniger neidisch und zufriedener. Und ganz ehrlich, wie oft eröffnet sich uns erst dann ein neuer Weg, wenn wir erkannt haben, dass der alte Weg nicht erfolgreich sein wird.

Daher ist ein ehrliches „Nein“ oftmals besser als ein verlogenes „Ja“, um Energie zu sparen und nicht den falschen Idealen nachzurennen. Den wirklich befriedigenden Erfolg definieren wir sowieso selbst und da sind es oftmals gerade die kleinen Erfolge, die uns zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

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Winfried Neun ist einer der bekanntesten und profiliertesten Innovationsberater Deutschlands. Als Gründer und Geschäftsführer der K.O.M.® Kommunikations- und Managementberatung verfügt Winfried Neun über die Erfahrungen von mehr als 20 Jahren selbstständiger Beratungstätigkeit. Er ist gefragter Referent auf Kongressen und Symposien, Fachautor in namhaften Printmedien sowie im Fernsehbereich und in diversen mittelständischen Unternehmen als Beirat aktiv.

BusinessVillage ist der Verlag für die Wirtschaft. Mit dem Fokus auf Business, Psychologie, Karriere und Management bieten wir unseren Lesern aktuelles Fachwissen für das individuelle und fachliche Vorankommen. Renommierte Autoren vermitteln in unseren Sach- und Fachbüchern aktuelle, fundierte und verständlich aufbereitete Informationen mit Nutzwert.

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