Wir wünschen uns mehr Abwechslung, mehr Geld, mehr Leistung und merken oftmals gar nicht, wie wir die Schlagzahl in unserem Alltag erhöhen. Bis die ersten körperlichen Ausfallerscheinungen kommen. Doch muss es erst soweit kommen?

Markus Väth ist Diplom-Psychologe und Experte für Arbeitspsychologie mit den Schwerpunkten Burnout und Produktivität. Ursprünglich von der klinischen Seite der Psychologie kommend, wechselte Markus Väth bald ins Wirtschaftsfach, war zunächst Personaler und später Business Analyst in einem IT-Konzern. Er machte sich mit seiner Firma Mensch & Chance selbständig und widmet sich seither der Verwirklichung „psychologischen Managements“ in Organisationen mit den Schwerpuntken Stressmanagement, Burnout und psychologische Führung. Markus Väth ist Autor von Sachbüchern sowie eines Psychologie-Fachblogs. Sein Buch „Feierabend hab‘ ich, wenn ich tot bin“ wurde innerhalb von sechs Monaten viermal aufgelegt.

Der moderne Mensch verfällt leicht in einen Taumel von Aktivitäten und vergisst, sich Zeit für Erholung und zum Nachdenken zu reservieren. Wie kommt es, dass Muße zurzeit wenig Konjunktur hat?

Sobald man Pause macht, muss man sich rechtfertigen. Jeder soll ja heute produktiv sein und effizient; das Konzept von Nichtstun und Muße im klassischen Sinn passt nicht mehr ins Belohnungsschema das modernen Menschen. Hektik und Stress bedeuten für manche Menschen „ich werde gebraucht, ich bin wichtig“, nicht nur Belastung. Diese implizite Belohnung würden sie durch Ruhe und Muße nur gefährden. Deshalb hat Muße – trotz gegenteiliger Beteuerung vieler Menschen – wenig Chancen.

Zeitmanagement, Tools und Schnell-Lesetechniken versprechen, die Fülle an Aufgaben und Informationen bewältigen zu können. Doch macht es Sinn, das Rad der Betriebsamkeit schneller zu drehen? Brauchen wir nicht eher Muße, um herausfinden, was für uns überhaupt wichtig ist?

Schauen Sie, die Deutschen verbringen pro Tag bis zu 14 Stunden mit Informationsaufnahme und Berieselung. Das sind 14 Stunden meist sinnloser bzw. fragwürdiger Input, der letztendlich den Geist belastet und verwirrt. Tatsächlich leiden auch viele Unternehmen darunter, dass ihre Mitarbeiter nicht mehr richtig denken können – weil sie keine Zeit zum Denken haben, zum kreativen Output, wie man so schön sagt. Und weil in uns, selbst wenn wir Zeit haben, noch das Chaos und die Kakophonie der Kommunikation so stark nachhallt, entwickeln wir keine Klarheit und keine Konzentration.

Das moderne Leben beschert uns viele Annehmlichkeiten. Andererseits werden wir mit neue Aufgaben konfrontiert, wie zum Beispiel der Bewältigung der täglichen Informationsflut. Wie gehen Sie mit den vielen Nachrichten um?

Das Wichtigste ist der Mut, Dinge zu löschen bzw. wegzuwerfen. Ich habe mir eine periodische Müllabfuhr angewöhnt. Das betrifft Mails, Dokumente, Bilder, Videos und Kontakt-Karteileichen. Das alles beschwert und lenkt uns ab. Diese Müllabfuhr kann ich jedem wärmstens empfehlen. Zweitens ist es außerordentlich wichtig, Nein sagen zu können – eine leider im Allgemeinen unterentwickelte Fähigkeit. Wir werden von klein auf dazu konditioniert, immer Ja zu sagen: zu Eltern, Lehrern, zu unserem Chef etc. Wir müssen daher Abgrenzung, die physische Fähigkeit zum „Nein“ als Erwachsene wieder neu lernen.

Angestachelt von der eigenen Gier und den schönen Werbeversprechen, wünschen wir uns Erfolg. Wir möchten im Beruf die Karriereleiter emporklettern, viele Freunde haben, begehrt sein und uns um Geld möglichst keine Sorgen machen. Für manche werden Status und Ansehen sogar zur Droge. Doch kann es ein immer mehr und immer besser geben?

Reichtum und Karriere bedeuten nicht gleich Glück – es gibt reiche, unglückliche Menschen und arme, glückliche. Die Kontrollfrage lautet: Bin ich bereits abhängig von meiner Karriere, meinem Status, meinem Geld? Wer bin ich ohne mein Vermögen, mein Auto oder meinen schönen Laptop? Denn auf die innere Abhängigkeit folgt in der Regel die lähmende Verlustangst. Es gibt einen schönen Spruch: „Wir sollten Menschen lieben und Dinge benutzen. Aber wir lieben Dinge und benutzen Menschen.“ Daran kann man seine eigene Prioritätensetzung überprüfen.

 
 


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Was sind aus Ihrer Erfahrung typische Symptome für eine Erschöpfungsdepression (Burn Out)?

Man kann drei Symptombereiche unterscheiden: Leistung, Persönlichkeit und Gesundheit. Burnout ist eine Leistungs- und Überforderungskrankheit. Das bedeutet, man sieht in der Leistung des Betroffenen immer mehr Defizite: Konzentrationsschwierigkeiten, Fehler, Ausfallzeiten.

Auch mit der Person selbst geht eine Veränderung vor. Oft ziehen sich diese Menschen zurück, werden unleidlich, stumm bzw. zeigen destruktive Gefühlsausbrüche. Auch die Partnerschaft leidet. Manchmal bis zu dem Punkt, an dem Partner oder Kollegen sagen: „Den XY kenne ich eigentlich gar nicht mehr. Der hat sich total verändert.“

Und schließlich schaltet sich der Körper ein und winkt mit dem Zaunpfahl: Schlafstörungen, Tinnitus, Kopf- und Rückenschmerzen sind die Klassiker einer chronischen Überforderung. Und auf Ihren Körper sollten Sie hören, denn er lügt nie. Manche versuchen auf dieser Stufe dann, mit Drogen gegenzusteuern, aber das zögert den Zusammenbruch nur hinaus.

Welche Schritte empfehlen Sie, die destruktive Spirale der permanenten Überforderung zu verlassen?

Man sollte sich die eigenen Grenzen eingestehen und eine permanente Überforderung ernstnehmen. Das ist der erste Schritt. Als zweites machen Sie eine Bestandsaufnahme: Kommt die Überforderung aus meinen eigenen Erwartungen? Treibt mich etwas an? Bin ich vielleicht jemand, der ständige Bestätigung braucht? Oder liegen die Quellen eher im Außen, in einer objektiven Überforderung durch Arbeitsplatzgestaltung, schierer Arbeitsmenge etc.?

Vor der Heilung kommt immer die Diagnose. Daher sollte man nicht in einen Aktionismus verfallen, nach dem Motto: „Den Burnout schaff’ ich auch noch weg!“ Genau diese Haltung hat vielleicht die permanente Überforderung verursacht.

Finden Sie Ihre Bedürfnisse heraus und geben Sie ihnen Raum. Manche Menschen haben in der Überforderung den Kontakt zu sich, ihrer Seele und ihrem Körper völlig verloren. Diesen Kontakt muss man wieder herstellen und pflegen.

Achten Sie auf die Grundbedürfnisse. Genügend Schlaf, gesundes Essen und Bewegung sind die „Heilige Dreifaltigkeit“ der Burnout-Bekämpfung. Daran kommt man nicht vorbei.

Und schließlich: Wenn Sie wieder einigermaßen bei Kräften sind, erschaffen Sie sich eine berufliche und private Perspektive, die Ihnen Hoffnung bringt. Fragen Sie sich „Wie will ich wirklich leben?“ und versuchen Sie diese Vision umzusetzen.

Die meisten von uns wünschen sich in Ihrem Job Sicherheit, Selbstverwirklichung, Status, Abwechslung, interessante Aufgaben und soziales Miteinander. Sind diese Erwartungen an den Beruf überhaupt realistisch?

Nein. In jedem Job muss man Abstriche machen. Die ewige Jagd nach dem perfekten Job, der tollen Herausforderung etc. macht unglücklich und unzufrieden. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, hat das sehr schön veranschaulicht: „Was [..] die gängige Rede von Selbstverwirklichung anlangt, wage ich zu behaupten, dass sich der Mensch nur in dem Maße zu verwirklichen imstande ist, in dem er Sinn erfüllt.“ Diese Sinnverfolgung führt entlang beruflicher Höhen, aber eben auch Täler. Nur beides zusammen prägt uns zu dem Menschen, der wir sind.

Wie kamen Sie zu Ihrer Berufung als Coach?

Ich bin zwar Psychologe, wollte aber nie in die Therapie-Schiene. Nach dem Studium bin ich einige Zeit herumgegondelt und habe über Umwege schließlich in einer Personalabteilung und dann als Business Analyst in der IT-Branche gearbeitet. Das war eine sehr interessante Zeit, aber ich bin nun mal als Psychologe sozialisiert. Deswegen sagte ich mir 2005 „back to the roots“ und machte mich selbständig. Berufung ist mir dafür fast ein zu großes Wort. Ich kann gut mit Menschen, habe einen scharfen Blick für Probleme und Lösungen und arbeite gern im Wirtschaftskontext. That’s all.

Welche Gedanken kommen Ihnen zu den Worten von Jon Kabat-Zinn? „Mit unseren Handys und elektronischen Organizern sind wir inzwischen in der Lage, mit allem und jedem jederzeit in Kontakt zu treten. In diesem Prozess laufen wir Gefahr, niemals in Kontakt mit uns selbst zu sein.“

Dem stimme ich völlig zu. Wir richten unseren Blick zu sehr nach außen und reden und twittern uns zu Tode. Doch wer redet da eigentlich? Was ist das Zentrum meines „Seelen-Netzwerks“? Das bekommt nur heraus, wer innehält, schweigt und Zeit mit sich selbst verbringt.

Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Am wichtigsten ist mir meine Familie. Ich versuche, ein guter Ehemann und Vater zu sein. Das schaffe ich aber manchmal nicht aus eigener Kraft, deshalb ist mir mein christlicher Glaube ebenso wichtig. Aus meinem Glauben schöpfe ich Vertrauen und Kraft. Mein Beruf ist mir natürlich auch wichtig. Das betrifft sowohl Erfolg im herkömmlichen Sinn als auch eine gewisse intellektuelle Befriedigung. Und nicht zuletzt bereichert Musik mein Leben sehr.

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