Wir glauben gerne, zu unserem Glück fehlt etwas. Und diese Erlösung muss irgendwo da Draußen sein. Leider hält uns genau diese permanente Suche davon ab, den inneren Reichtum zu entdecken. Vielleicht brauchen wir gar nicht immer mehr, um froh zu sein. Vielleicht macht es eher Sinn, Gedanken und Aktivitäten auch einmal ruhen zu lassen. Sind es nicht gerade die stillen Momente, die helfen, Kontakt mit sich aufzunehmen?

Nina Ruge ist ein wahres Multitalent. Sie studierte Biologie und Germanistik, um eine Laufbahn als Lehrerin einzuschlagen. Seit 1987 arbeitet Sie als Moderatorin für so bekannte Formate wie das „heute journal“, „Leute heute“ und das „Wissenschaftsforum Petersberg“. Als Autorin und Herausgeberin hat Nina Ruge bislang 20 Bücher veröffentlicht. Weiterhin arbeitet Sie ehrenamtlich für verschiedene karitative Organisationen, ist nationale UNICEF-Botschafterin für Deutschland und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Das Lebensgefühl vieler Menschen heute ist geprägt von einem Gefühl des permanenten Getriebenseins, von innerer Unruhe sowie von ständiger Anforderung und Überforderung. Ist das nicht paradox, bei all den Annehmlichkeiten die wir genießen?

Ja, das ist paradox, und das ist der Humus für das Gefühl der Ohnmacht, das uns krank macht. Um mit der Kultband der 70er „Ton, Steine, Scherben“ zu sprechen: „Du glaubst, du sitzt am Steuer, doch ein anderer lenkt“. Innere Souveränität zurück gewinnen, Selbststeuerung, das ist es!

Wie haben Sie gespürt, dass tiefe innere Erkenntnis nicht unbedingt über Wissen führt?

Mein Beruf der Journalistin ist wunderbar für diesen Erkenntnisgewinn. Denn wir sind darauf gedrillt – und müssen es auch sein – nur das zu respektieren und zu verwerten, was rational hieb- und stichfest recherchiert ist. Alles andere muss ausgeblendet sein. Richtig so! Aber das ist nur das halbe Leben. Das verdrängen wir allerdings sehr gern.

Unser Beruf verleiht uns eine gewisse Macht: Über andere öffentlich zu urteilen – qua Institution Fernsehen, Online-Berichte, Print – kann hochkalorisches Futter für’s Ego sein. Wie jede Machtposition dazu verführt, sich abzuschneiden von der ‚anderen Seite‘ in uns, die nicht dominieren, nicht Recht haben, die nicht bewundert werden will. Diese ‚andere Seite‘ ist rational nicht fixierbar, sie entzieht sich dem Hype des Intellekts – und ist damit Mauerblümchen in unserer Gesellschaft.

Was bedeutet für Sie Spiritualität?

„Spiritualität“ ist eine schillernde Vokabel, weil sie so gnadenlos missbraucht wird. Was sich an Abra-Kadabra als „spirituell“ bezeichnet, ist leider so oft plumpe Geschäftemacherei – oder Guru-Hokuspokus. Also muss jeder für sich selbst definieren, ob er sich als „spirituell“ bezeichnen, ob er sein „Bewusstsein verändern“ möchte – oder ob er sich vielleicht als „Praktizierender Katholik, Evangele oder Buddhist“ etikettieren will.

Heute gibt es nicht mehr DEN Weg zu Gott, den die christliche Religion früheren Generationen weisen konnte. Jeder Mensch, der sich aufmacht, „die andere Seite“ in sich zu entdecken und in sein Alltagsleben zu holen, wird seinen eigenen Weg gehen müssen. Der KANN über Religion führen – muss es aber ganz und gar nicht.

Welche Rolle spielt Stille in Ihrem Leben?

Stille wird immer mehr zum Juwel. Ich liebe Popmusik, Oper, Rockkonzerte – UND die Stille. Dauerberieslung per Radio, Fernsehen, was auch immer legt meine Sensoren lahm. Stille öffnet Tore nach innen – wenn ich Stille bewusst nutze. Verordnete Lautlosigkeit ist keine Garantie für inneren Frieden. Räume der Stille haben nur dann belebende Wirkung, wenn ich sie aktiv nutze, um das geniale Geschenk des Lebens zu erfahren. Also suche ich Stille, regelmäßig und aktiv. Jeden Tag.

 


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Sie sprechen in Ihrem sehr persönlichen und inspirierenden Buch von einer lebenslangen Suche. Wonach forschen Sie genau?

Ich habe sehr früh erlebt, wie es ist, wenn Leben einen Grauschleier hat. Wenn ich sein Pulsieren nicht mehr spüre – wenn ich im Außen gefangen und innen leer geworden bin. Und so habe schon ganz jung, so mit zwölf, 13 Jahren, begonnen zu suchen. Ich wollte mich… lebendig fühlen, angstfrei, innerlich geborgen und stark. Und das bitte jeden Tag.

Manchmal scheint es leichter zu sein, sich im Außen abzulenken, als den eigenen Ängsten, Träumen und Bedürfnissen zu begegnen. Was macht es aus Ihrer Erfahrung so schwer, mit sich in Kontakt zu kommen?

Menschen, die einen starken Glauben leben, verlieren sich nicht im Außen. Und wie kommt es, dass einige wenige einen tiefen Glauben finden – die meisten anderen aber nicht? Oft wurden sie schon in jungen Jahren behutsam an den Glauben heran geführt. Sie lernten zum Beispiel, im tiefen Gebet Glück und Zufriedenheit zu finden. Jenseits solcher ‚Glaubensschule‘ sind wir aber ganz auf uns allein gestellt. Der eine findet vielleicht durch eine persönliche Katastrophe zu der Erkenntnis, dass ‚wahre Zufriedenheit‘ nicht vom Außen geliefert wird, sondern im Innen entdeckt werden will. Andere finden über ‚spirituelle Literatur‘ zum Wesentlichen – und wieder andere ganz praktisch durch karitatives Tun. Da dieser Weg aber kein kollektives gesellschaftliches Anliegen ist, ist es halt für den Einzelnen Zufall bis Fügung zu verdanken, wenn er sich dem Außen UND Innen zuwenden mag. Doch – ich habe den Eindruck – es werden immer mehr.

Die große Liebe wird in romantischen Filmen gerne als eine Erlösung zelebriert, in der die eigenen Probleme schwinden und sich in Luft auflösen. Als ob ein großes Wunder von Außen kommt und mich armes kleines Wesen rettet. Ist Liebe nicht eher die Fähigkeit selber lieben zu können und dabei andere und sich zu beschenken?

Ich fände es ja großartig, wenn wir den Kindern Unterricht in „Lebensschule“ anbieten könnten. Da würden wir ganz früh schon darüber sprechen, was denn „die Liebe“ alles sein kann – und wenn ja, wie viele… Und es würde ihnen vielleicht bewusst, wie gefährlich es ist, auf DIE große Liebe zu warten, die alles gut macht und uns erlöst. Sie lernten vielleicht, dass Liebe aus dem dankbaren Gefühl zu leben wächst, und das wir wahnsinnig viel davon haben, jeder von uns. Und wie gut es sich anfühlt, davon ganz viel zu verschenken – anstatt drauf zu warten, dass einer vorbei kommt und uns zuschüttet damit.

Sie arbeiten als Moderatorin, schreiben Bücher und engagieren sich für soziale Projekte. Woher nehmen Sie die beachtliche Schaffenskraft?

Wenn ich etwas bewege, schaffe, gestalte, dann fühle ich mich lebendig. Und dankbar zugleich. Ein super Motor!

Welche Gedanken kommen Ihnen bei den Worten von Mengzi? „Alles ist in uns selbst vorhanden, wenn wir in uns gehen und wahrhaftig sind.“

Jaaaa! Und wieder ist es ein ‚alter Chinese‘ – also ein Weiser aus dem östlichen Kulturkreis – der uns da beim Bewusstwerden hilft: Kein Zufall! Aber da gibt’s auch genug Westler, zum Beispiel den amerikanischen Prediger Stephen R. Covey: „Das Paradies ist kein Ort, wo man hingeht, sondern ein Bewusstseinszustand“. Es ist das Bewusstsein davon, dass alles, wonach ich mich im tiefsten Inneren sehne, schon da ist. Und es war schon immer da: Friede, das Glück zu leben, Zufriedenheit, innere Stärke, Balance, Souveränität – und Kraft. Meine Aufgabe im Leben ist es, mich mit diesem Kraftquell dauerhaft zu verbinden.

Was ist Ihnen im Leben wichtig?

…den GANZEN Weg zu gehen, nicht stehen bleiben. Und daraus die Kraft zu schöpfen, MARTIN BUBER zu folgen: „Mit sich beginnen, aber nicht bei sich enden. Bei sich anfangen, aber sich nicht selbst zum Ziel haben“.

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