Haben mutige Menschen weniger Angst? Wahrscheinlich nicht. Sie haben vielmehr die Courage, sich ihre Furcht einzugestehen, sowie den unbändigen Wunsch mehr über sich zu erfahren, weiter zu gehen und die eigenen Grenzen zu erkunden.

 

Ute Kranz, von Beruf Kommunikationswirtin, reist mit Leidenschaft. Seit acht Jahren ist sie mehrere Monate im Jahr auf eigene Faust unterwegs. Immer auf der Suche nach neuen Erlebnissen, Abenteuern und dem Sinn des Lebens. Ihre Hobbys neben dem Reisen sind Schreiben und Fotografieren.

 

In den letzten Jahren warst du viel unterwegs und hast mehrere Kontinente bereist. Was hat dir diese Zeit gegeben?



Das Reisen war für mich immer eine Mischung aus Abenteuer, Selbstfindung und Flucht vor dem stressigen Alltag zu Hause. In den vielen sehr unterschiedlichen Ländern und Kulturen habe ich mich nicht nur selbst besser kennen und schätzen gelernt, sondern auch eine sehr gute Menschenkenntnis erworben, die es mir heute unter anderem ermöglicht, mit Menschen jeglicher sozialer Herkunft an einem Tisch zu sitzen und mich blendend zu verstehen; selbst ohne gemeinsame Sprache. 



Auch hat sich erst durch das Reisen meine Liebe zum künstlerischen Arbeiten herausgestellt – eine Seite, die durch meinen Fulltime-Job als Managerin über viele Jahre hinweg überhaupt nicht zur Geltung kam oder besser gesagt völlig unentdeckt blieb. Die wichtigsten Aspekte des Reisens sind für mich aber insbesondere die vielen besonderen Erlebnisse und Begegnungen unterwegs, die nicht nur unvergesslich, sondern auch unglaublich wertvoll und zudem unbezahlbar sind.

 




Wie empfindest du das Leben in Deutschland, wenn du von deinen Reisen zurück kommst?



Die Empfindungen hängen in ihrer Intensität stark davon ab, aus welchem Land ich gerade zurückgekehrt bin. Je fremder die Kultur im Vergleich zu unserer, umso mehr stelle ich das Leben in Deutschland in Frage. Einerseits bin ich gerne in meinen eigenen vier Wänden, umgeben von Gewohntem, Solidem und Alltäglichem. Andererseits nerven mich diverse Dinge wie zum Beispiel das extreme Konsumverhalten, bei dem Tier- und Umweltschutz zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse gänzlich ausblendet wird.



Noch in den ersten Tagen nach meiner Rückkehr finde ich die Deutschen irgendwie zu schwerfällig, zu wenig individuell und authentisch. Und ehe ich mich versehe, bin ich kurze Zeit später schon wieder in der Schublade der Leidenschaftslosen, Unspontanen, Nachdenklichen und Stromschwimmer untergetaucht. Das Reisen half mir bisher dabei, aufzuwachen, zu reflektieren und zu versuchen, meinen eigenen Weg zu gehen – auch, wenn es zwischendurch nicht immer einfach war.



 

Im Juli willst du deinen nächsten Plan in die Realität umsetzen: Ohne Job, Plan und Ziel dein Leben bestreiten! Wie kamst du auf die Idee, deine Arbeit erst einmal aufzugeben? Was ist das Ziel des Versuches?

Ich habe schon früh recht gut verdient und konnte mir seither im Rahmen des Möglichen alles leisten. Obwohl vielleicht so mancher gerne an meiner Stelle wäre (hohes Einkommen, große Wohnung, Designer-Klamotten, Autos, Reisen usw.), erfüllt mich diese Art zu leben inzwischen nicht mehr. In den vergangenen Jahren hat sich herausgestellt, dass durch meinen zeitintensiven Beruf genau die Dinge auf der Strecke geblieben sind, die man für Geld nicht kaufen kann, wozu ich besonders Zeit, Liebe, Freundschaft und Gesundheit zählen würde.



Der Grund für die Aufgabe meines Jobs hatte gleich mehrere Gründe: Neben meiner unbändigen Reiseleidenschaft stelle ich bereits seit ein paar Jahren fest, dass ich selbst bei nur vierzig Arbeitsstunden pro Woche keine vollständige Erholung an den Wochenenden oder im Urlaub mehr erzielen kann. Zudem nerven mich die ständig steigenden Ausgaben für Status, Versicherungen und sonstige Verpflichtungen. 



Ziel dieses Vorhabens wird sein, eine Weile aus unserem Sozialsystem auszusteigen, die nächsten ein bis zwei Jahre von meinem Ersparten zu leben und in dieser Zeit eine Lösung zu finden, wie ich trotz geringer Mittel und mit wenig Aufwand ein erfülltes Leben führen kann. Die Zeit ist jedenfalls definitiv zu schade, um sie vor dem PC in einem Büro mit Hofblick zu verbringen.

 




Es erfordert Mut, sich den eigenen Ängsten zu stellen. Wie gelingt dir das?



Schon als Kind war ich mehr die Abenteuerlustige als die Ängstliche, wodurch bis heute der Drang überwiegt, neue und ungewohnte Wege zu beschreiten. Wenn Ängste aufkommen, versuche ich rational an das Problem heranzugehen und eine Lösung zu finden, wie ich der Situation mehr Sicherheit verleihen kann. Durch das Reisen habe ich zudem gelernt, dass es immer einen Weg gibt und man alles schaffen kann, wenn man nur will. Ein weiterer wichtiger Punkt ist auch, dass ich mir vertrauen kann und weiß, dass meine Entscheidungen vielleicht nicht immer richtig, aber wenigstens sinnvoll und realistisch durchführbar sind.

 

Ute Kranz

 




Was glaubst du, macht den Unterschied zwischen dir und den vielen anderen Menschen, die gern neue Wege ausprobieren möchten, es aber nicht schaffen? Kannst du ihnen ein paar Tipps mit auf den Weg geben?



Nehmen wir als Beispiel den Autor des Buches »Die 4-Stunden-Woche«. Wir sehen den Titel, lesen vielleicht sogar den Inhalt und denken doch insgeheim, dass diese Lebensweise für uns niemals umsetzbar wäre. Soll heißen, wir denken gar nicht erst darüber nach, ob es möglicherweise doch einen Weg in diese Richtung gäbe, sondern ersticken die Idee direkt im Keim und stecken den Kopf wieder wie gewohnt in den Sand.



So komisch es klingen mag, aber ich glaube, dass man für eine Veränderung immer eine gewisse Form von Druck verspüren muss; sei es ein zu stressiger Job, ständige Auseinandersetzungen mit Kollegen oder dem Chef, Warnsignale des Körpers oder einfach das ständige Gefühl des Unglücklichseins. Ich habe auf Reisen zum Beispiel immer diese große Freiheit genossen und mich danach zu Hause in meinem goldenen Käfig gefangen und eingesperrt gefühlt. In einem Monat werde ich diese Tür dann endlich öffnen können.




 

Wie wichtig ist das Schreiben für dich? Welchen Gewinn ziehst du für dich daraus?



Das Schreiben und Literatur allgemein hatte immer schon einen hohen Stellenwert, weil es – wie die Musik – ein wunderbares Medium für die Vermittlung von Gedanken, Emotionen und Informationen ist. Obwohl mir meine Deutschlehrerin damals permanent die Unfähigkeit im Beherrschen der deutschen Sprache bescheinigte, empfand ich das fast tägliche Tagebuch-Schreiben in meiner Jugend als sehr gutes Mittel, meine Probleme zu verarbeiten.



Durch meinen Blog habe ich dann festgestellt, dass das Teilen meiner Gedanken und Erlebnisse auch anderen hilft, wodurch sich meine anfängliche Sorge um meine Privatsphäre als nichtig herausgestellt hat. Letzten Endes bin ich ein Mensch wie jeder andere auch – mit Bedürfnissen, Gefühlen, Ängsten, Zweifeln und Fragen -, weshalb alles Geschriebene einfach nur menschlich ist. Ein großer Gewinn ist darüber hinaus der Austausch mit Lesern, die ähnliche oder andere Erfahrungen gemacht haben und somit eine gute Reflektion und persönliche Weiterentwicklung ermöglicht wird.




 

In einem deiner Artikel schreibst du: “Irgendwie bin ich in fast allem ein Spätzünder. Obwohl die Zeit immer schneller zu laufen scheint, brauche ich für viele Dinge einfach länger als andere. Der Grund: Ich möchte immer sicher gehen, dass meine Entscheidungen zu 100% richtig sind.“ Woran erkennst du für dich, dass eine Entscheidung stimmig ist?



Eigentlich ist es paradox: Obwohl sich ohnehin erst im Nachhinein herausstellt, ob eine Entscheidung richtig oder falsch war, wäge ich alle erdenklichen Pros und Contras zigfach gegeneinander ab. Vielleicht liegt es daran, dass ich ungern Fehler mache. Vielleicht denke ich auch einfach zu viel nach. Entscheidend sollte aber am Ende sein, dass man überhaupt Entscheidungen trifft – egal, wie lange man dafür braucht.



Stimmig fühlt sich für mich eine Entscheidung an, wenn Bauch, Herz und Kopf sich einig sind, dass die Vorteile überwiegen und die Perspektiven sich lohnen, den Schritt zu wagen.




 

Was bedeutet Einsamkeit für dich und wie gehst du damit um?

Einsamkeit kenne ich eigentlich nur durch partnerschaftliche Beziehungen, in denen zwar physisch jemand da war, mir aber letzten Endes der Zusammenhalt gefehlt hat. Alleine fühle ich mich eigentlich nie einsam und bin gern mit mir zusammen. Ich liebe die Natur und genieße die Ruhe, in der ich meinen Gedanken – sozusagen als kleine Auszeit – freien Lauf lassen kann. Wichtig ist bei alldem, dass ich ein intaktes, soziales Umfeld um mich herum habe, das im Falle eines Falles für mich da ist.

 




Welche Gedanken kommen dir bei den Worten von Sergio Barbaren? – „Lass Dich nicht von Deinen Ängsten daran hindern, Deine Träume wahr zu machen.“



Mir persönlich fällt es schwer zu unterscheiden, welche meiner Träume ich wirklich gern leben würde und welche davon besser einfach nur Träume bleiben sollten. Viele werden sich nie erfüllen und andere wiederum wären vielleicht realisierbar, aber am Ende doch unrealistisch. Wenn wir wieder lernen, mehr auf unsere Gefühle zu vertrauen und uns weniger von dem beeinflussen lassen, was ständig von außen auf uns einprasselt, kann man meines Erachtens sehr gut für sich herausfinden, welcher Traum einer Verwirklichung lohnt. Wenn man überzeugt ist, dass die Erfüllung eines Traumes es wert ist, wird man auch die Kraft und den Mut dafür finden.




 

Was ist dir im Leben wichtig?



Das Schöne ist, dass das Leben in unterschiedlichen Phasen abläuft. Während bei mir mit 25 noch die materiellen Dinge im Vordergrund standen, lege ich heute mehr Wert auf die Dinge, die man für Geld nicht kaufen kann. Am Ende wird es wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass die eigene Zufriedenheit den höchsten Stellenwert erhält, die bestenfalls mit Gesundheit, guten Freunden, einer Partnerschaft und einem erfüllenden Beruf einhergeht.

 

Ute Kranz

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