Manche Worte und Handlungen treffen ins Mark. Wir fühlen uns verletzt, bloßgestellt, traurig oder wütend. Wir reagieren sprachlos und können nicht fassen, was gerade passiert ist. Der Schmerz lähmt uns, unser Bauch krampft sich zusammen und ein flaues Gefühl breitet sich im Magen aus.

Wie gut es um unser Selbstbewusstsein und unsere Schlagfertigkeit bestellt ist, spüren wir besonders in Situationen, die uns fordern. Und letztendlich können wir nicht auf alles gefasst sein. Das Leben wird die eine oder andere Überraschung für uns parat halten.

Als mein Vorgesetzter im wöchentlichen Meeting vor versammelter Mannschaft meine neue Studie zum Thema Qualitätsmanagement zerriss und lächerlich machte, wäre ich am liebsten im Boden versunken. Warum bespricht er die Kritikpunkte nicht zuerst mit mir? Ich habe so viel Arbeit in diese Seiten gesteckt und mich zwischenzeitlich mit ihm angestimmt. Und dann lachen auch noch 2 Kollegen herzhaft und genießen sichtlich meine Niederlage.

Doch wie gehen wir mit dem Schmerz um? Manche Menschen fressen ihre Wut, ihre Traurigkeit, ihren Schmerz in sich hinein. Mit der Folge, dass die Situation für sie ungelöst bleibt. Viel schlimmer ist, sich die erlebte Demütigung immer wieder vor Augen zu führen. Dabei werden alte Wunden neu aufgerissen und wir kommen einer Klärung keinen Schritt näher. Andere wiederum erzählen unentwegt Freunden und Bekannten, was damals Schlimmes passiert ist. Auch sie halten das innere Feuer am lodern.

Vergeben – Von der Kraft loszulassen

An solchen unverarbeiteten Situationen haben wir oftmals schwer zu tragen. Und wenn wir uns den Prüfungen nicht stellen, wird der Rucksack mit unverarbeiteten Erlebnissen immer größer. Je nachtragender wir sind, desto bleiender erscheint uns die Vergangenheit. Aber mir ist doch Unrecht widerfahren! Ich kann darüber nicht hinwegsehen. Wie konnte dieser Mensch mir das antun? Manche Geschehnisse sind für einen wirklich sehr schwer zu verdauen.

Doch überlegen Sie einmal, wie Ihr Leben aussehen könnte, ohne diesen inneren Vorwurf. Das Vergangene wird damit nicht Ungeschehen. Sie treffen allerdings die bewusste Entscheidung, Ihren Fokus auf andere Dinge zu richten. Sie blicken nach vorne, anstatt nach hinten.

Verzeihen bedeutet auf keinen Fall, geschehenes Unrecht gut zu heißen oder gar zu legitimieren. Verzeihen beinhaltet vielmehr die Chance, sich selber zu heilen. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern. Allerdings liegt es an uns, den Moment unbeschwerter zu erleben. Was haben wir davon, wenn wir über Jahre oder gar Jahrzehnte Groll in uns tragen? Das erlebte Unrecht wird dadurch nicht kleiner. Im Gegenteil.

Ebenso bedeutet loslassen nicht, das leidige Thema einfach beiseite zu schieben, weil es unbequem ist. Es geht nicht nur um vergessen. Vergeben ist keine rein intellektuelle Angelegenheit. Auch wenn wir wissen, dass ständiges Grübeln uns Energie raubt und wir uns im Kreise drehen.

Wie kann ich verzeihen?

Richten Sie den Fokus auf sich und machen sich bewusst, was genau sie verletzt. Spüren Sie, welche Gefühle und Bedürfnisse dahinter stehen. Das hört sich oftmals leichter an, als es ist. Gerade wenn die Enttäuschung groß ist und die Wut in einem hochkocht. Doch sind wir nur wütend? Groll kann dabei eine sehr starke Energie besitzen, die andere Emotionen überdeckt.

Ich kann es kaum glauben. Nach all den Jahren des Zusammenlebens verlässt mich meine Partnerin. Sie spürt kaum noch Zuneigung und möchte aufgrund ihrer beruflicher Wünsche in eine andere Stadt ziehen. Was ist mit all den gemeinsamen Jahren, den schönen Erinnerungen? Bedeutet ihr das nichts? Ich fühle mich innerlich leer. Ich habe mich zum ersten Mal in einer Beziehung geöffnet und jetzt macht sie Schluss.

Die eigenen Gefühle zu erkennen, erfordert Mut und Geduld. Und das es sich nicht immer gut anfühlt, macht die Sache auch nicht leichter. Allzu gerne versuchen wir, unangenehme Gefühle zu ignorieren. Doch dieser Teil gehört auch zu uns. Um uns besser zu verstehen, ist es elementar, sich das einzugestehen. Das Verstehen und Verarbeiten von Gefühlen ist ein wichtiger Vorgang beim Verzeihen.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Franz Marc“]Wir sind nicht zu Richtern über unsere Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden![/pullquote2]

Ebenso wichtig kann ein klärendes Gespräch sein. Weiß die andere Person, dass sie uns verletzt hat? Dabei geht es nicht darum, anderen die Schuld für unsere Gefühle zu geben. Manchmal fallen Worte unachtsam. Wir reagieren deswegen nicht weniger verletzt. Klärende Worte helfen zumindest, dass sich ähnliche Situationen nicht wiederholen. Und was aus meiner Sicht ganz wichtig ist: Wir beziehen Position und machen deutlich, was uns wichtig ist.

Allerdings gibt es auch Menschen, die uns bewusst provozieren, die Situationen zu ihrem vermeintlichen Vorteil ausnutzen möchten. Diese Konfrontationen empfinde ich als besonders schmerzlich. Doch auch hier kann ich lernen und meine Schlüsse ziehen. Auf jeden Fall liegt es mit in meiner Hand, wer mich verletzt und mit wem ich meine kostbare Zeit verbringen möchte.

Sich selber vergeben

Anderen zu verzeihen, ist schon nicht leicht. Sich selber zu vergeben, fällt oftmals noch schwerer. Gerade wenn der innere Richter unbarmherzig ist. Verantwortung für eine vergangene Situation zu übernehmen, kann aus meiner Sicht allerdings nicht bedeuten, sich ewig zu grämen und an dieser Last womöglich zusammen zu brechen. Wem ist damit gedient?

Wie konnte ich damals nur so leichtsinnig sein? Immer noch sehe ich die Bilder des Autounfalls vor mir. Wir hatten vorher auf einer Party einiges getrunken. Trotzdem setzte ich mich ans Steuer, obwohl ich spürte, wie angetrunken ich war. Ich war einfach zu faul zu Fuß nach Hause zu gehen. Und dann übersah ich die rote Ampel …

Uns unterlaufen Fehler und Unachtsamkeiten. Ganz wichtig ist, sich diese ehrlich einzugestehen. Ebenso sich mit den betroffenen Personen auszusprechen. Manchmal gilt es auch, alte Schulden zu begleichen. Doch müssen wir den Blick wieder nach vorne zu richten. Das Leben geht weiter und wir können unsere Fähigkeiten jeden Tag neu einbringen.

Schaffen wir das nicht, macht es Sinn, sich Hilfe von Außen zu holen. Im Schmerz, in der Traurigkeit verlieren wir leicht die Orientierung, den Sinn für die größeren Zusammenhänge. Im Gram wird das Herz immer kleiner und lässt wenig Raum für Mitgefühl.

Was ist, wenn andere mir nicht verzeihen?

Manchmal sehen wir uns Schuldzuweisungen gegenüber. Ein anderer Mensch ist maßlos enttäuscht von uns. Auch hier sind wir natürlich nicht hilflos. Zunächst geht es um einen offenen Austausch, um zu klären, wie beide Parteien die heikle Situationen verstanden und gemeint haben. Ebenso wichtig ist es, eigene Irrtümer zuzugeben. „Ich habe da einen Fehler gemacht. Ich war wirklich unachtsam. Es tut mir leid.“ Kommen diese Worte aufrichtig und von Herzen, ist in der Regel schon viel gewonnen. Wir dürfen allerdings nicht erwarten, dass gleich alles eitel Sonnenschein ist. Unser Gegenüber braucht vielleicht noch ein wenig Zeit, um den Vorfall zu verarbeiten.

Werden wir allerdings als der ewige Lügner oder Verräter dargestellt, stimmt etwas nicht. Dann haben nicht wir ein Problem, sondern unser Gegenüber. Hier macht es sicherlich Sinn, erst einmal getrennte Wege zu gehen und dem anderen alles Gute zu wünschen. Leider werden Schuldzuweisungen auch gerne zur Manipulation verwendet. Es liegt an uns, dies zu erkennen und auf das „Spiel“ nicht einzugehen.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Phil Bosmans“]Wenn du nicht vergeben kannst, entsteht unverzüglich eine Mauer. Und eine Mauer ist der Anfang von einem Gefängnis.[/pullquote2]

Altes loszulassen bedeutet für mich, den Kopf frei zu bekommen. Dafür braucht jeder seine Zeit. Und es ist ganz wichtig, sich diesen Raum bewusst zu nehmen. Danach können wir wieder unbeschwerter und mit leichtem Gepäck durch das Leben schreiten.