Der Artikel stammt von Katharina Ohana und ist ein Auszug aus ihrem Buch „Mr. Right: Von der Kunst, den Richtigen zu finden. Und zu behalten“ erschienen im Gütersloher Verlagshaus/Random House. © Katharina Ohana

Während beim Verlieben zwangsläufig die Äußerlichkeiten des anderen im Mittelpunkt stehen (schließlich braucht es lange Zeit, um eine neue Person wirklich zu erfassen und am Anfang hat man ja nur Äußerlichkeiten als Anhaltspunkte), wird die Liebe dann später nur noch sehr wenig von diesen „Eye-Catchern“ bestimmt.

Verliebtsein ist ein kurzzeitiger Hormontrip des eigenen Gehirns, ein Endorphin-Rausch, der dabei helfen soll einen fremden Menschen an sich „heranzulassen“. Doch dieser spezielle Hormonschub fällt nach drei Monaten massiv ab und der Hormonspiegel ist dann spätestens nach zwei Jahren wieder auf dem Normalstand. Jetzt erst erfolgt ein „ehrlicher“ Austausch der Persönlichkeiten, ihre unbewussten Muster kommen voll zum Tragen: Nun kann man bei der gegenseitigen Anziehungskraft von Liebe sprechen – von einer mehr oder weniger reifen Liebe.

Doch in der Bilderflut unserer Medienwelt wird uns das Verliebtsein ständig als Liebe verkauft. Der Rausch des Anfangs, in Schmuckanzeigen, Sektwerbung und Erfolgsserien inszeniert, wird zum Maß, an dem wir unseren langweiligen Beziehungsalltag messen. Und deshalb glauben wir, die große Liebe wäre ein immerwährendes Andauern dieser ersten „rosaroten Phase“ und wir hätten eben noch nicht den Richtigen dafür gefunden: Die Liebe muss doch viel toller und überirdischer sein, als das, was wir mit unserem alltäglichen „Beziehungseinerlei“ haben. Oder wir halten den Kampf um Zuwendung, das Bangen und die kurzen Bestätigungsmomente, das „Karussell der Emotionen“ im ständigen Nähe-Distanz-Konflikt für Liebe, weil wir dieses „Zerren und Reißen“ so sehr gewohnt sind.

Doch Liebe ist, in ihrer reifen, gesunden Form, ein Gefühl, das nur existiert, wenn man es lebt und als etwas Konstantes, Verbindendes, Tragendes, liebe-volles erlebt. Man kann sie nicht durch Kalkulation herstellen oder vergrößern oder erkämpfen. Schmerzen, Ängste und Wut (die die Liebe immer auch verursacht), sind bei der gesunden Liebe nur seltene Randerscheinungen. Man versucht sie nicht durch Berechnung oder Leistung dauerhaft zu umgehen, sondern nimmt sie einfach hin, weil sie die Beziehung nicht dominieren.

Liebe widerspricht unserem kapitalistischen Denken. Daher muss auch jede Kalkulation, Optimierung und Ökonomisierung der Liebe immer wieder scheitern. Die Rechnungen von Selbstbeherrschung, Marktwert, Durchhaltevermögen gehen alle nicht auf. Man kann wirkliche Nähe, gelebtes Gefühl nicht durch Investitionen in sich oder die Beziehung erkaufen, weil eine Liebesbeziehung keine Geldanlage oder Firma ist und man sie nicht nach ökonomischen Regeln betreiben kann.

 


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Man kann in der Liebe durch Leistung keinen kalkulierbaren Gewinn erzielen – egal wie perfekt man aussieht, egal wie duldsam man ist, egal wie cool man auftritt oder wie sehr man versucht den anderen dahingehend zu verändern. Die eigenen Ansprüche an den anderen sind immer nur der Spiegel der eigenen emotionalen Defizite!

Nähe ist etwas, das man vorbehaltlos geben, aber niemals kontrollieren oder erzwingen kann. Tiefe Liebe ist eine Kombination von Vertrauen, schönen Erlebnissen und guten Gefühlen für den anderen. Sie passiert. Man kann sie weder erwirtschaften noch vertraglich absichern. Und gerade das Leistungsprinzip, das uns von unserem kapitalistischen Wertesystem für die große Liebe vorgegeben wird, ist ihr größter Gegner.

„Es gibt nichts Lächerlicheres, als einen Investment-Bänker, der glaubt, dass seine Modelfreundin ihn wirklich liebt.“ (Antonella, Model, New York)

Die Sehnsucht nach dem „Besten“, dem „Sieger“, ist die große Krankheit unserer Zeit. Medienbilder, grassierende Gier und falsche Versprechungen haben diese Denkweise so selbstverständlich werden lassen, dass weder hinterfragt wird, wer denn bestimmt, was „das Beste“ ist, noch was mit unserem Leben geschieht, auf der ewigen Jagd danach.

Wir glauben unsere Gefühle erst zulassen zu können, wenn „der Richtige“ kommt: Jemand, der unser verunsichertes Vertrauen und unserer Sehnsucht nach Liebe heilen soll. Er muss über alle Enttäuschungen und Zweifeln erhaben sein. Er muss „die Liebe wert sein“, die wir die ganze Zeit für ihn aufgespart haben, er muss unsere verzweifelte Sehnsucht stillen können.
Doch leider haben wir in unserem Wertesystem gelernt diesen tollen Traumpartner über völlig lieblosen Qualitäten zu erkennen.

Die Erwartungen an große Emotionen werden mit den Erwartungen an herausragende Äußerlichkeiten verwechselt. Doch was haben Charakterstärke und Nähe mit der PS-Zahl eines Autos zu tun, mit Luxusapartments und Reisen auf die Malediven? Und wer in einem teuren Auto sitzt und sich fragt, warum der Beifahrer nicht liebevoll ist oder warum dieser hübsche Mensch so mit Zuwendung geizt, hat den falschen Versprechungen unserer materiellen Werteordnung geglaubt, dass Luxus etwas mit innerer Stärke zu tun hat und schöne Menschen große Gefühle garantieren.

Doch das Leistungsdenken in der Liebe hat seine Ursache nicht alleine in unserer materiellen Werteordnung. Das kommerzielle Denken fällt auf fruchtbaren Boden: Unser mangelndes Selbstwertgefühl schreit und sehnt und hofft und ist so anfällig für die Versprechungen der Medien, diese hübsch verpackten Hoffnungen auf die Wiedergutmachung all unserer Enttäuschungen mit der Liebe.

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Katharina Ohana hat in Frankfurt und Berlin Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte studiert. Sie arbeitet als psychologische Beraterin, Moderatorin für verschiedene Fernsehsendungen und hat mehrere Bücher zum Thema Selbstwertgefühl und Selbstentwicklung geschrieben. Zurzeit promoviert Katharina Ohana an der Sigmund Freud Universität in Wien über das Thema Willensfreiheit.

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