Das Wort Geborgenheit wurde 2004 im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs, der vom Deutschen Sprachrat und vom Goethe Institut initiiert wurde, zum zweitschönsten Wort der deutschen Sprache gekürt. Der Ausdruck gilt gemeinhin als unübersetzbar und fehlt etwa im Englischen, Französischen und Russischen. Andere Sprachen wählen stattdessen Übersetzungen, die nur einen Teilaspekt von Geborgenheit darstellen, wie z. B. Sicherheit oder Bestätigung. Somit ist „Geborgenheit“ ein weitgehend deutscher Begriff.

 

Was beinhaltet Geborgenheit?

Worte wirken zunächst einmal durch ihren Klang, durch die akustische Schwingung, die durch sie transportiert werden. Dadurch entstehen gedankliche Assoziationen, aber mehr noch gefühlsmäßige, die verbunden sind mit Erinnerungen an vergangene Erlebnisse. Es tauchen innere Bilder auf. Wir können unter Umständen auch Gerüche wiedererinnern, Geschmack oder ein Gefühl auf der Haut.

Geborgenheit: Wenn wir uns einmal ein wenig Zeit nehmen, uns für ein Weilchen an einen ruhigen Ort zurückziehen, vielleicht auch bei einem Spaziergang in der Natur, und uns entspannen, dann können wir dort mit geschlossenen oder halbgeschlossenen Augen das Wort ‚Geborgenheit‘ öfter vor uns hinsagen. Das kann auch nur still im Inneren geschehen. Wir fragen uns dann dabei, was dieses Wort für uns eigentlich bedeutet und warten ab, was in uns nach und nach aufsteigt.

Viele denken unmittelbar zunächst an Geborgenheit, die in einer Partnerschaft erlebt werden kann, an Zweisamkeit; an Kuscheln, aber auch vor allem an verstanden werden und angenommen sein, an frei fließenden Austausch und uneingeschränkte Verständigung. Es macht glücklich, wenn wir dieses dort tatsächlich erleben können und wir leiden, wenn wir feststellen, dass es sich mit Partner/in beiweitem nicht (mehr) so geborgen anfühlt, wie wir uns das wünschen würden. Oder mancher Single verspürt wohlmöglich eine große Sehnsucht nach dieser Form von Geborgenheit.

 

Andere Verknüpfungen könnten sein: Eine Tasse Tee oder ein Becher heiße Schokolade mit Sahne an einem kühlen Herbsttag trinken; der Duft von Kaffee, der am Sonntagmorgen durchs Haus zieht, wenn wir uns mehr Zeit zum Frühstücken nehmen und uns vielleicht im Schlafanzug gemütlich an den Tisch setzen können. Ein Stück frisch gebackener Hefekuchen unter dem Apfelbaum in Großmutters Garten.

Oder es fällt uns ein: Bei Kerzenlicht die Lieblingsmusik hören, in einem Aroma-Bad nach Feierabend entspannen. Oder wie wir als Kind unser Kuscheltier mit uns herumtrugen. Wir sehen vielleicht ein Lagerfeuer mit Freunden in der Jugend vor uns, ein Kaminfeuer in einer verschneiten Berghütte oder denken an ein intensives, tiefes Gespräch mit einem guten Freund oder einer guten Freundin. Es gibt unendlich viele und ganz individuelle Möglichkeiten, die von kleinsten Erlebnissen reichen bis zu umfassenden Szenen; von dem zarten Duft einer Rose, über eine Umarmung bis zu einem feierlichen Weihnachtsabend in der Kirche, den wir in der frühen Kindheit mit Erstaunen erlebt haben.

Manche/r wird auch feststellen, dass sie/er eigentlich gar nicht recht weiß, was er unter Geborgenheit verstehen soll. Denn es gibt auch Menschen, die diesen Wert kaum kennen, weil sie ihn in ihrer Kindheit nicht ausreichend erfahren haben. Man könnte auch sagen, ihnen fehlte die Nestwärme. Die Betreffenden mögen unter Umständen feststellen, dass sie sich mit Aktivitäten zuschütten und durch die Tage eilen, um einem Gefühl der inneren Leere oder Haltlosigkeit entkommen zu können. Oder es taucht immer einmal wieder eine Traurigkeit auf, von der sie nicht wissen, woher sie kommt.

Auch das kann passieren: Zu viele Anforderungen aus der äußeren Welt lassen keinen Raum mehr für einen Rückzug in die Geborgenheit. Zum Beispiel kann es Menschen betreffen, die beruflich sehr viel reisen und vorwiegend in Hotels übernachten müssen. Dabei geht Geborgenheit verloren und die Gefahr für ein BurnOut wächst. Aber auch der ganz normale Berufsalltag kann Geborgenheit verdrängen, weil einfach zu viele Anforderungen Raum einnehmen.

 

Geborgenheit der Kindheit

Psychologen und Pädagogen betrachten die Erfahrung von Geborgenheit in der Kindheit als wesentlich für die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit. Sie schafft Urvertrauen. Geborgenheit entsteht durch emotionale Zuwendung und Unterstützung. Erfährt ein Kind zu wenig davon, dann erhält es zu wenig Zustimmung zu seinem Sein, so wie es ist. Es fehlen Rückhalt und Bestärkung, was innere Unsicherheit hinterlässt. Die Identitätsfindung wird erschwert und kommt nicht zur freien Entfaltung, da ein Teil der Lebensenergie dafür verwendet werden muss, sich innerlich irgendwie zu stabilisieren, anstatt sich auszuprobieren, um nach und nach kraftvoll auf das Leben zugehen zu können. Der Weg zu einem authentischen Leben wird blockiert.

Fehlende Geborgenheit in der Kindheit kann zu seelischem Schmerz führen, den das Kind ins Unbewusste verdrängt, damit es ihn nicht mehr spüren muss und weil es sich nicht anders zu helfen weiß. Es gibt unterschiedliche Abwehr- bzw. Verdrängungsmechanismen, mit denen seelischer Schmerz während des Lebens „unter der Decke“ gehalten werden kann. Er ist dadurch aber nicht verschwunden, sondern wirkt aus dem Verborgenen, ohne dass er direkt erkennbar ist.

Bei manchen Menschen macht er sich – wie bereits erwähnt – durch eine unterschwellige, immer wiederkehrende Traurigkeit oder aber auch durch eine Tendenz zu Wut bemerkbar, letzteres speziell dann, wenn der Betreffende in irgendeiner Form Ablehnung erfährt. Bei beiden Emotionen ist zunächst nicht zu erkennen, womit sie eigentlich zusammenhängen. Krisenhafte Lebenssituationen bringen den Menschen dann häufig mit verdrängtem Schmerz in Berührung, wobei dann oftmals professionelle Unterstützung angeraten ist, durch deren Begleitung es leichter wird, sich den Schmerz anzusehen, ihm standzuhalten, um ihn dann heilen zu können.

Ein Mangel an Geborgenheit und infolge verdrängter seelischer Schmerz können sogar dazu führen, dass der eine oder andere im Erwachsenenleben auf Grund dessen nicht nur depressive Verstimmungen sondern „ausgewachsene“ Depressionen entwickelt, die behandlungsbedürftig sind. Dennoch: Einen gewissen Grad an Geborgenheit muss jeder Mensch, der lebt, einmal erfahren haben, denn sonst könnte er überhaupt nicht existieren, sonst wäre zu leben für ihn unmöglich, denn jegliches Vertrauen würde ihm fehlen. Ohne jegliches Vertrauen würde er von den Eindrücken der Welt buchstäblich er-drückt.

Psychologen heben auch hervor, dass Geborgenheit die Voraussetzung für kindliches Spiel ist. Warum? Weil das Kind sich sicher fühlt, „den Rücken frei hat“ und sich unbekümmert seinem phantasiereichen, kreativem Spiel hingeben kann, ohne etwas befürchten zu müssen. Das gilt für den Erwachsenen genauso. Geborgenheit stärkt ihm den Rücken, um mit all seiner Energie offen auf die Welt zugehen und sich in ihr verwirklichen zu können.

 

Überforderung und Verlorenheit

Geborgenheit ist mehr als Gemütlichkeit oder Heimeligkeit. Mehr noch könnte sie mit einem inneren Heimatgefühl verglichen werden. Wenn wir eine Heimat – eine Beheimatung – erlebt haben, dann trauen wir uns auch immer wieder hinaus ins unbekannte Leben, weil wir wissen, wir können zurückkehren an einen vertrauten Ort, an dem wir willkommen sind und Zustimmung erfahren. Ein Ort, an dem wir uns sicher fühlen können. In der Fremde und im späteren Leben begleitet uns dann ein inneres Gefühlsbild der Heimat und tröstet uns, wenn es einmal hart her geht. Dadurch fühlen wir, dass wir Wurzeln in der Welt haben.

Fehlt dies alles, kann schnell ein Gefühl der Verlorenheit und Überforderung entstehen. Ohne ausgeprägte Wurzeln können wir kaum Kraft aus „der Erde“ ziehen. Uns fehlt es auch an Standfestigkeit. Es kann anstrengend werden, wenn die Winde dann einmal stärker wehen. Alles, was außen um uns herumwirbelt, wird dann schnell zu viel. Die Folge davon kann unter Umständen sein, dass der Betroffene unmerklich die Tendenz hat, ständig an etwas anzuhaften, das er dann auch schwer loslassen kann (wie das Kuscheltier in der Kindheit), obwohl die Sache, oder auch ein Mensch, ihm eventuell gar nicht (mehr) gut tut.

Gerade ungute Paarbeziehungen können oft schwer gelöst werden, weil bei einem der Partner oder auch bei beiden eine große Angst vor Geborgenheitsverlust entsteht beim Gedanken an Trennung. „Lieber zu zweit einsam, als alleine einsam“. So bleibt doch wenigstens vermeintlich ein kleines Quäntchen an Geborgenheit übrig. Wiederum andere Menschen kommen einfach nicht recht voran im Leben, weil sie ihre Identität – ihre innere Heimat – nicht recht kennen.

 

In dem Wort Geborgenheit steckt ‚bergen‘ und auch ‚verbergen‘. Etwas zu bergen bedeutet unter anderem „ es herausholen, in Sicherheit bringen, retten“. So holt uns Geborgenheit heraus aus einem Umfeld, das uns belastet. Sie gibt uns Sicherheit und Schutz, denn bergen bedeutet auch „beinhalten, umhüllen, einschließen.“ Indem sie uns umhüllt und einschließt, versteckt sie uns vor den Anstrengungen und Anforderungen der Welt. Wir haben einen geschützten Ort, wo wir nicht so schnell gefunden werden können; ein Raum, der vorrangig nur uns oder nur uns zusammen mit ganz wenig vertrauten Menschen gehört.

Hier kommen wir zur Ruhe, können ausruhen und wieder neue Kraft aufnehmen. Wir können emotionale Zuwendung und Unterstützung finden. Wir fühlen uns aufgehoben und verstanden. Wenn wir etwas auf-heben, nehmen wir es in die Hände. Geborgenheit hebt uns auf, wenn wir durch die Anstrengungen des Lebens dabei sind, in die Knie zu gehen und hüllt schützend ihre starken Hände um uns. Sie gibt uns eine tragende Basis. Umhüllende oder tragende Hände sind das häufigste Symbol für Geborgenheit, gleich gefolgt von Bildern der Umarmung, die ja auch umhüllt. (Siehe google-Suche: Bilder der Geborgenheit).

Geborgenheit bedeutet, ankommen können, so sein zu dürfen wie wir sind, sich nicht verbiegen zu müssen. Nichts leisten zu müssen, um Anerkennung zu finden, loslassen dürfen. Gegenseitiges Geben und Nehmen in Akzeptanz und Liebe. Sie bedeutet Ruhe, innerer Frieden, Harmonie und das Empfinden “alles ist gut“ im Moment.

 

Bei Geborgenheit denken wir – wie erwähnt – häufig in erster Linie an Bezogensein auf andere Menschen, denn das ist unsere Ur-Erfahrung von Geborgenheit. Daneben sahen wir eingangs, dass auch Situationen mit einer besonderen Atmosphäre Geborgenheit vermitteln können. Beides im Alltagsleben immer wieder zu erfahren, erleichtert uns das Leben und gibt uns Kraft. Es geht aber auch darum, dass die Urerfahrung von Geborgenheit es uns möglich macht, dass wir Geborgenheit auch in uns selbst finden können, unabhängig von anderen Menschen, und dass wir letztlich auch ein Gefühl des Aufgehobenseins im Leben ganz allgemein empfinden können.

Es gibt ja genügend Menschen, die alleine leben, zumindest phasenweise, wobei es bei den einen unfreiwillig geschieht, es aber auch andere gibt, die bewusst das Single-Sein wählen. Insbesondere bei denen, die das Alleinsein freiwillig gewählt haben, wird deutlich, dass Geborgenheit auch außerhalb von Beziehungen zu finden sein muss. Enge Freundschaften sind hier durchaus wichtig, aber selbst auch nicht unbedingt für alle Menschen.

Menschen, die in sich selbst Geborgenheit erleben und sich in der Welt geborgen fühlen, haben intuitiv ein Gespür dafür, wissen es aber auch konkret, wie sie sich das Leben einrichten können, sodass sie Stabilität und Regeneration finden können. Nicht umsonst richten wir z.B. unser Zuhause nach unserem Geschmack ein, hängen Bilder auf und dekorieren auf andere Weise. Wir laden Freunde zum Essen ein oder treffen uns mit ihnen in einer gemütlichen Kneipe. Wir rufen also z.B. mit Hilfe von Gemütlichkeit ein Gefühl der Geborgenheit hervor.

 

Geborgenheit in uns selbst finden

Das sind durchaus wichtige Äußerlichkeiten. Noch viel wichtiger jedoch ist, um Geborgenheit in uns selbst zu erleben, dass wir nicht nur materielle Werte anstreben, sondern dass wir auch andere Gebiete in unserem Leben finden können, die uns von Herzen wichtig sind, die wir mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit betreiben. Das können künstlerische Betätigungen sein, Lesen und die Beschäftigung mit speziellen Wissensgebieten, regelmäßig Sport treiben, Musik machen und vieles andere, das auch einen geistig-ideellen Wert hat.

Grundsätzlich geht es jedoch – wie auch überall sonst im Leben – darum, eine gute Beziehung zu uns selbst zu haben, uns sehr gut selbst zu kennen mit unseren Fähigkeiten, Stärken, Bedürfnissen, Wünschen, auch mit unseren Ängsten, inneren Nöten und Schwachstellen. Und es geht darum, uns in all diesem zu bejahen. Dadurch fühlen wir uns innerlich ausgefüllt und erfüllt. Sobald dieses in größerem Ausmaß fehlt, entsteht in uns ein Leerraum, in den dann sehr schnell Ängste hineinwuchern.

Nicht zuletzt ist zu erwähnen, dass viele Menschen durch eine spirituelle, religiöse Ausrichtung und Praxis gleich welcher Art Geborgenheit erfahren, durch die sie durch alles Auf und Ab des Lebens getragen werden. Was sind erste Maßnahmen, wie ein Mensch Geborgenheit finden kann, der sie bislang noch kaum erlebt hat? Wie können wir sie wiederfinden, wenn wir sie durch den täglichen Zeitdruck aus den Augen verloren haben?

 

Geborgenheit erleben

Suchen wir zunächst einmal nach Situationen in unserem bisherigen Leben, in denen wir uns möglicherweise doch annährend geborgen gefühlt haben könnten oder zumindest uns sehr wohl gefühlt haben. Oft finden sich dabei doch unerwartet Situationen, die wir vergessen haben. Dann fragen wir weiter: War ich in dieser Situation alleine oder war jemand anderes außer mir dabei anwesend? Was habe ich in dieser Situation getan? Was habe ich gedacht? Wie habe ich mich körperlich gefühlt? Alle Sinnesebenen sind wichtig: Was habe ich damals gesehen, gehört, gespürt, geschmeckt?

Überlegen wir, ob und wie wir diese Situation wiederholen können.

Fragen wir uns, in welchen Situationen wir das Gefühl haben: „Hier darf ich sein; hier bin ich sicher. Es ist alles in Ordnung. Ich darf mich geben, wie ich bin. Ich kann mir und anderen vertrauen.“

Denken wir darüber nach, ob wir selbst nicht sogar anderen Personen ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln konnten, irgendwann im Leben. Wo haben wir also Geborgenheit auch anderen ermöglicht?

Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt, um Geborgenheit in sich selbst zu finden, ist – wie oben erwähnt – sich selbst so gut wie möglich zu erforschen nach den eigenen Wünschen, Bedürfnissen, Interessen, Fähigkeiten, Begabungen, aber auch sich seine Schwachstellen ehrlich einzugestehen und sich selbst liebevoll in allem zu akzeptieren.

Und auch das ist nicht zu vergessen: Ein Interesse an anderen Menschen kann auch zu Geborgenheit beitragen. Wir können durch sie lernen, werden durch sie gespiegelt und können uns auf diese Weise selber finden. Wir können Zufriedenheit erfahren, indem wir uns für ihr Schicksal interessieren und ihnen Mitgefühl zukommen lassen, eventuell auch Unterstützung und Hilfe. Wenn wir Interesse und Liebe geben, kommt beides auch immer wieder zu uns zurück, nicht immer sofort, aber oftmals an anderer Stelle, wo wir sie nicht erwartet haben.

 

Offensichtlich ist Geborgenheit – unabhängig davon, in welchem Ausmaß wir sie bislang erleben konnten – ein wichtiger Faktor zur Regeneration und wir sehnen uns im Grunde nach ihr. Wie sieht es bei Ihnen aus? Geben Sie ihr in Ihrem Leben Raum und pflegen Sie diese besondere Ecke bewusst oder lassen Sie sie sich nehmen durch die Anforderungen des Alltags?