Was hindert mich daran, mich wertzuschätzen? Fühle ich mich erst liebenswert, wenn ich fleißiger, intelligenter oder sportlicher bin? Nehmen wir uns nicht mit all den Besonderheiten an, entsteht ein innerer Konflikt, eine Wunde, die ein Leben lang schmerzt. Bis wir erkennen, dass wir uns Liebe nicht durch Leistung verdienen müssen.

 

Wanda Dammann arbeitet als Sonderschullehrerin und Autorin und beschäftigt sich seit 2004 intensiv mit den Themen Selbstfindung, Heilung sowie persönliches Wachstum. Ihre Erfahrungen gibt Wanda Damman als Referentin weiter und hat 2012 ihr erstes Buch im Bereich Lebenshilfe/Psychologie publiziert.

 

Was sind aus Ihrer Erfahrung wichtige Gründe, dass es vielen Menschen schwerfällt zu sagen: „Ich mag mich.“?

Ich glaube die Gründe dafür sind sehr vielschichtig. Viele Menschen setzen sich in unserer heutigen Leistungsgesellschaft enorm unter Druck. Es geht sehr stark um Vergleiche – besser, schneller, belastbarer, erfolgreicher. Nicht Herz und Seele stehen im Vordergrund, sondern die Leistung. Viele lernen dabei schon in jungen Jahren, sich über Leistung zu definieren und messen auch ihren Selbstwert daran. Wenn dann das Gefühl oder die Sorge besteht, den gesellschaftlichen Ansprüchen nicht genügen zu können, wird der eigene Selbstwert schnell in Frage gestellt.

Zudem sind die Erfahrungen aus der Kindheit von enormer Bedeutung. Wer hier die Erfahrung gemacht hat, dass er mit all´ seinen Stärken und Schwächen geliebt wurde, dem fällt es auch als Erwachsener leichter zu sagen „Ich mag mich.“ Als Erwachsene können wir uns unabhängig machen von früheren, belastenden Erfahrungen und können nach und nach lernen, unsere Selbstliebe zu stärken. Wenn wir sagen „Ich mag mich.“, beinhaltet das, dass wir unseren eigenen Wert (er-)kennen und uns auch für unsere Bedürfnisse einsetzen. Dann nehmen wir uns selber wichtig.

 

Wie kann es gelingen, sich mehr anzunehmen und wertzuschätzen?

Es geht darum, Verständnis für sich selber zu entwickeln und die Selbstliebe zu erweitern. Hilfreich sind dabei vor allem zwei Aspekte: Die Auseinandersetzung mit belastenden Erfahrungen und deren Heilung sowie die Beschäftigung mit persönlichen Ressourcen.

Durch die Reflektion der eigenen Geschichte begreift man allmählich, warum man sich auf welche Art und Weise entwickelt hat und man lernt, Verständnis und Mitgefühl für sich selber zu entwickeln. Zu diesem Prozess gehört es, sich der eigenen Gefühle, Empfindungen und Bedürfnisse wieder bewusst zu werden und diese auch ernst zu nehmen. Während dieser Bewusstseinsarbeit lernt man ebenso, sich nicht mehr mit anderen zu vergleichen, sondern bei sich zu bleiben. Sich nicht zu fragen „Was denken andere über mich? Was würden andere tun?“, sondern wirklich ins eigene Herz, in die eigene Seele zu fühlen und sich zu fragen: „Was möchte ich denn? Was ist mir wichtig?“ Viele Menschen nehmen für diese innere Arbeit Hilfe von außen in Anspruch, weil es eine große Herausforderung sein kann, sich mit persönlichen Themen zu befassen und Stück für Stück daran zu wachsen.

Beim zweiten Aspekt geht es darum, den Blick für die eigenen Stärken und Kraftquellen zu weiten, also sich z. B. zu fragen: „Was macht mir Freude? Wofür bin ich dankbar? Welche Träume habe ich? Was habe ich schon geschafft in meinem Leben? Was tut mir gut? …“ Wem es schwer fällt, die eigenen Stärken zu entdecken, kann auch nahestehende Menschen fragen: „Was kann ich gut? Was magst du an mir?“ Oftmals fällt es uns nämlich schwer, unsere eigenen Stärken zu sehen und wertzuschätzen. Dann ist es heilsam, Menschen um uns zu haben, die uns dies spiegeln können. Menschen, die uns einfach so mögen, wie wir sind, die uns darin bestärken, unseren Weg zu gehen, uns Mut machen und uns immer wieder an unsere Ressourcen erinnern. Oft sind es kleine Schritte, die man dabei geht; nach und nach entsteht so ein immer größeres Bild der eigenen Annahme und Wertschätzung.

 

Lebenskrisen bringen uns oftmals an die Grenze des Belastbaren. So unangenehm diese schwierigen Situationen auch sind, bieten sie vielleicht auch Chancen für die eigene Entwicklung?

Ja, das glaube ich unbedingt. Erst in Krisenzeiten weiten wir oftmals unseren eigenen Horizont und öffnen uns für neue Möglichkeiten und Lösungswege. Wir sind in hohem Maße gefordert, weil unsere bisherigen Handlungsstrategien nicht mehr greifen.

In diesen Zeiten werden wir sehr stark auf uns selber zurückgeworfen und nehmen uns wieder stärker wahr: Wir gehen ins Innere, in unseren inneren Wesenskern, und erspüren unsere Gefühle, Empfindungen und Bedürfnisse. All´ das wird uns bewusster. Und in der Bewusstheit liegt der Schlüssel zur Wandlung, zur Veränderung und damit zur Weiterentwicklung. Krisen helfen uns dabei, uns selber immer besser kennenzulernen, auf allen Ebenen. Das ist oft hart, aber auch eine große Chance.

 

Heutzutage strömen viele Reize auf uns ein, die überwiegend mit dem Kopf verarbeitet werden. Wie wichtig ist Körperarbeit als Gegenpol, um sich besser zu spüren?

Ich glaube, dass es da keine allgemeingültige Aussage gibt. Alles, was uns dabei hilft, unsere innere Mitte zu finden und zu stärken, ist hilfreich, diesen Gegenpol zu schaffen; denn dieser besteht ja im Kern aus Herz und Seele. Der Körper ist eine Möglichkeit, diesen Bezug wieder herzustellen, aber eben eine unter vielen. So gibt es diverse Formen des Ausgleichs. Für den einen mag es Körperarbeit sein, für den anderen Meditation, für den nächsten ein Hobby, das ihn erfüllt und in dem er ganz aufgeht. Sport, gute Gespräche, lachen, mit Freunden zusammensein, kreativ werden, einem Hobby nachgehen … All´ dies sind Wege, um vom Kopf wieder ins Herz zu kommen. Vom Denken zum Fühlen. Da kann jeder auf seine eigene Entdeckungsreise gehen.

Hilfreich ist es sicherlich, sich immer wieder selber zu reflektieren und sich zu fragen: „Nehme ich mir genug Zeit, um mich selber zu spüren, um meine innere Mitte zu stärken?“ Wenn uns dies gelingt, sind wir auf einem guten Weg. Dann fällt es uns leichter, die vielen Reize, die auf uns einströmen, zu verarbeiten und uns ggf. auch davon abzugrenzen; denn auch das ist natürlich ein wichtiges und legitimes Mittel.

 

Ihr aktuelles Buch „Was mir guttut, wenn´s mir schlecht geht“ ist einfühlsam geschrieben und gibt wertvolle Hinweise für Zeiten, in denen es uns seelisch nicht so gut geht. Wie kam es, dass Sie dieses reichhaltige Ideen-Repertoire entwickelt haben?

Die Idee zu diesem Buch geht auf meine eigenen Erfahrungen zurück. In einer intensiven Lebenskrise verspürte ich den Wunsch, meine Möglichkeiten der Selbsthilfe zu stärken. Ich wünschte mir Hilfen, die mich in meinem Alltag unterstützen, aufbauen und mir Kraft geben können. Mir wurde bewusst, dass es nicht „die“ Hilfe gibt, sondern dass ich eine große Anzahl an Hilfen benötigte, um mich in meinem Alltag und auf meinem Weg der Selbstfindung unterstützen zu können. Ich wünschte mir ein Ideen-Repertoire, auf das ich jederzeit zurückgreifen und aus dem ich immer wieder neu schöpfen konnte. Ich begann damit, mir meine eigenen Hilfen aufzuschreiben. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus der Gedanke, dass diese Sammlung auch anderen Menschen eine Hilfe sein könnte. So nahm die Idee zu meinem Buch Gestalt an.

 


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Wie können wir es schaffen, die eigenen Bedürfnisse besser wahrzunehmen?

Da sich die Bedürfnisse unter den Gefühlen verbergen, liegt der erste Schritt in einer Annahme der eigenen Gefühle. Je mehr wir bereit sind, uns selber zu spüren und unsere Gefühle zuzulassen, desto deutlicher können wir unsere Bedürfnisse wahrnehmen. Dafür ist es hilfreich, immer wieder Phasen der Ruhe und Stille aufzusuchen. In diesen Momenten können wir einfach mit uns da sein und die Gefühle fließen lassen – manchmal helfen da schon 30 Sekunden, um die innere Ruhe zu stärken.

Das Ganze ist ein Entwicklungsprozess. Zu Anfang spürt man bei dieser inneren Arbeit vielleicht nur Unruhe und fühlt sich getrieben. Das ist in Ordnung. Auch das darf da sein. Wenn man die Gefühle und Empfindungen nicht verdrängt, sondern wahrnimmt und da sein lässt, ist das ein erster Schritt in Richtung „Annahme“. So kann nach und nach die innere Ruhe wachsen.

Wer einen weiteren Schritt gehen möchte, kann in die innere Stille hineinfragen: „Was brauche ich jetzt? Was tut mir gut?“ Wir brauchen dabei nicht denken, sondern dürfen einfach fühlen. In die Stille hineinspüren und schauen, was sich zeigen mag. Vielleicht erreicht uns dann ein wohltuender Gedanke, eine Idee, ein Gefühl, die Erinnerung an einen lieben Menschen oder ähnliches. Oftmals sind es gerade die kleinen Dinge, die dabei helfen, den ersten Schritt zu tun.

 

Was bedeutet Spiritualität für Sie?

Ich verbinde damit meine Sichtweise auf das Leben. Ich setze mich ganz bewusst mit den Fragen des Lebens auseinander: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Wie funktioniert das Leben? … Spiritualität lädt mich ein herauszufinden, welche Wahrheit für mich stimmig ist.

Ich persönlich glaube daran, dass es eine höhere Kraft gibt, die für uns alle da ist – ich nenne diese Kraft Gott. Diese Kraft schenkt mir die Gewissheit, dass alles was ich erlebe einen Sinn macht – dieser erschließt sich mir nicht immer und auch nicht sofort, aber er ist da. Davon bin ich fest überzeugt. Alles vermeintlich „Negative“ trägt immer auch etwas Gutes in sich. Die Kunst liegt darin, dies zu erkennen und darauf zu vertrauen, dass wir geführt werden auf unserem Weg. Oft liegt in einem „Loslassen“ der Schlüssel zur Lösung. Dieses Loslassen gelingt mir persönlich nur im Glauben an diese höhere Kraft.

Mein Glaube hat für mich etwas sehr Tröstliches. Er gibt mir das Gefühl, beschützt zu sein und geführt zu werden – wie ich das in meinem Alltag wahrnehme, ist sehr unterschiedlich. Das können Menschen sein, die meinen Weg kreuzen, Fügungen, besondere Erkenntnisse, schöne Erlebnisse, Meditationserfahrungen usw. Mir dieses Vertrauen, diese Verbindung zu dieser höheren Kraft zu schaffen und zu erhalten, ist für mich jeden Tag eine neue Aufgabe.

 

Wie tanken Sie Kraft und erholen sich?

Ich bin sehr gerne in der Natur, im Wald, im Grünen und genieße es, auch mit mir alleine zu sein. Dann genieße ich einfach die Ruhe, meditiere vielleicht oder lese ein gutes Buch. Gerade die Meditation gibt mir viel Kraft für den Tag, und auch Freundschaften, gute Gespräche bedeuten mir viel und geben mir Kraft.

 

Welche Gedanken kommen Ihnen bei den Worten von Glenn Turner? „Sich Sorgen zu machen ist wie im Schaukelstuhl zu sitzen. Es beschäftigt einen, bringt einen aber nirgendwo hin.“

Da muss ich erst mal schmunzeln. Diese Aussage kannte ich noch nicht, aber sie zeigt sehr deutlich und auf eindrückliche Weise, was Sorgen mit uns machen. Wir bewegen diese in uns hin und her, her und hin – aber wirklich verändern tut sich dadurch nichts. Während wir uns in einem gewöhnlichen Schaukelstuhl wohlfühlen, fühlen wir uns in diesem Schaukelstuhl ganz bestimmt nicht wohl. Es ist ein hilfreiches Bild, sich aus den eigenen Sorgen zu befreien und ihnen nicht länger nachzugehen!

 

Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Das verändert sich mit meiner eigenen Entwicklung. Momentan ist mir die Liebe in all´ ihren Facetten sehr wichtig – zum Leben, zu meinen Mitmenschen, zur Welt … Liebe, Verständnis und Mitgefühl sind die Basis, auf der sich ein liebevolles Miteinander entfalten kann. Dazu gehört für mich eine tiefe Verbundenheit zu mir nahestehenden Menschen, ein wohltuendes Miteinander und Austausch.

 

Wanda Damman

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