Wenn wir unsere Gefühle verstecken oder gar unterdrücken, bedeutet es nicht, dass sie verschwinden. Wir haben sie lediglich für einen Augenblick nicht zum Ausdruck gebracht. Und zahlen dafür einen hohen Preis. Gefühlen wohnt eine Energie inne, die uns motiviert, Dinge zu verändern. Und diese Kraft zu unterdrücken, kostet ebenfalls Energie. Anstatt die Tatkraft zu nutzen, strengen wir uns also noch einmal an, damit nichts passiert. Sie geben Gas und treten gleichzeitig die Bremse. Hört sich irgendwie nicht besonders clever an, oder?

Aber ich kann doch nicht immer zeigen, wie es mir geht

Wir leben in einer Gemeinschaft, in einem Kulturkreis, der auf bestimmten Spielregeln beruht. Diese zu kennen und zu achten, macht natürlich Sinn. Es steht aber nirgendwo geschrieben, dass wir uns im Dienste der Gemeinschaft dauerhaft verleugnen sollen. Und am Anfang geht es auch nicht darum, immer seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

In der Begegnung mit anderen Menschen lernen wir uns kennen. Wir reagieren aufeinander, lieben uns, sind ärgerlich, neidisch, fröhlich, geizig, großzügig oder was auch immer. Im Miteinander spüren wir unsere Grenzen. Und das hat in der Regel mehr mit uns als mit den anderen zu tun.

Entfalten Sie Ihre Kraft

Oftmals haben wir Angst, uns zu zeigen. Wir haben Bedenken, anzuecken und nicht gemocht zu werden. Meinen vielleicht, das macht man nicht. Mit dem Ergebnis, dass viele von uns im Leben schauspielern. Bei so viel Selbstverleugnung sucht man dann irgendwann seine wahren Gefühle. Wir möchten höflich sein und sind im Grunde genommen unaufrichtig.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Anne Louise Germaine de Staël“]Es gehört viel Kraft dazu, Gefühle zu zeigen, die ins Lächerliche gezogen werden können.[/pullquote2]

Unterdrückte Emotionen entwickeln eine unheilvolle Dynamik, wenn sie im Verborgenen wirken. Nur weil wir uns eine zeitlang verstellt haben, aus Frust essen oder shoppen, sind die ursprünglichen Impulse nicht verschwunden. Wir betäuben uns lediglich, lenken uns ab. Natürlich alles in bester Absicht. Wir möchten anderen nicht weh tun, erlernte Normen nicht verletzen oder sind manchmal einfach ratlos.

Je mehr wir herunter schlucken und Theater spielen, desto unglücklicher werden wir. Eine zeitlang können wir es uns vielleicht noch schönreden, warum wir das alles machen. Aber irgendwann klappt das nicht mehr. Unser Bild im Spiegel sieht erschöpft aus. Die Augen schauen traurig, das Lächeln verschwindet. Und dann kommt der Zeitpunkt, an dem wir spüren, wir machen uns selber etwas vor. Oder unser Körper zeigt die rote Karte in Form von Schmerzen, Verspannungen und Krankheit. Leider ist es dann oftmals schwer, die ursprünglichen Zusammenhänge zu erkennen.

Zeigen Sie Ihr wahres Gesicht

Veränderung gelingt oftmals in mehreren kleinen Schritten. Am Anfang steht das Wahrnehmen und Benennen von Gefühlen. Und das ist aus meiner Erfahrung gar nicht so schwer. Richten Sie die Aufmerksamkeit verstärkt auf Ihre Reaktionen. Natürlich nicht den ganzen Tag, das wäre sicherlich zu anstrengend. Aber vielleicht eine Stunde am Tag. Achten Sie während dieser Phasen in erster Linie auf sich und weniger auf Ihre Umgebung. Hinterfragen Sie Ihre lieb gewonnenen Gewohnheiten. Nein, Sie brauchen nicht gleich mit dem Rauchen aufzuhören und können weiterhin Naschen oder wonach Ihnen gerade ist. Fragen Sie sich einfach, warum in bestimmten Augenblicken verstärkt die gleichen Bedürfnisse auftauchen.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Andrew Schmookler“]Wir können kein Mitgefühl für andere entwickeln, wenn wir jedes Fühlen in uns selbst vernichten. Die Fähigkeit, die eigenen wahren Gefühle anzunehmen, ist wiederum Bedingung dafür, andere dann tatsächlich in unser Herz lassen zu können.[/pullquote2]

Danach geht es ums Akzeptieren. Damit meine ich nicht, sich bequem zurück zu lehnen und zu sagen: So bin ich halt. Vielmehr gilt es anzunehmen, wie wir uns gerade fühlen. Ok, ich bin jetzt richtig wütend. Ich könnte schreien, aus dem Laden eine Achterbahn machen. Oder zu merken, dass ich verdammt neidisch auf meinen Kollegen bin. Und das fühlt sich in der Regel nicht so toll an. Da können die ersten Kratzer im Selbstverständnis auftauchen. In dieser Phase geht es weder ums Rechtfertigen oder Anklagen. Nur schauen, was momentan möglich ist.

Haben wir uns vom inneren Tollhaus ein wenig erholt, schauen wir, welche andere Reaktionen vorstellbar sind. Wie können wir noch reagieren? Inwiefern können wir unsere Gefühle noch zum Ausdruck bringen. Doch Vorsicht. Es reicht natürlich nicht, nur zu schauen, was andere machen oder die Konventionen vorgeben. Das Entscheidende ist, dass wir uns damit wohl fühlen. Etwas Neues zu lernen, braucht Zeit und wird oftmals von Unsicherheit begleitet.

Jetzt dürfen wir Üben. Uns ausprobieren. Lernen Sie sich kennen. Durch regelmäßiges Wiederholen bauen wir unsere Fertigkeiten und Fähigkeiten aus. Es geht nicht darum, irgendetwas stumpf einzustudieren und mechanisch zu handeln. Jeder Augenblick ist neu und einzigartig. Und Ihre Reaktionen dürfen das auch sein.

Entfalten Sie Ihre Kraft, indem Sie Ihren Gefühlen Ausdruck verleihen. Lernen Sie die Botschaften der Emotionen kennen und nutzen Sie deren Energie, anstatt permanent mit angezogener Handbremse zu fahren.