2006 veröffentlichten Maja Storch, Benita Cantieni, Gerald Hüther und Wolfgang Tschacher “Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen.” Embodiment war davor bereits zum Thema geworden. Allerdings brauchten die Autoren damals, vor nun schon fast zehn Jahren, eine gehörige Portion Mut, um dieses Buch zu veröffentlichen: war doch die Gefahr groß, als Wissenschafter nicht mehr ernst genommen zu werden.

In den letzten Jahren hat sich aus meiner Sicht bereits einiges verändert. Und doch scheint es immer noch irgendwie verdächtig und nicht ganz seriös, Körperwahrnehmung zu lehren und zu lernen. Woher kommt das?

 

„Das klingt aber sehr esoterisch.“

Hier ein paar Erfahrungen aus meinem eigenen Leben: Vor sieben Jahren, als ich noch in einer internationalen Unternehmensberatungsfirma in Wien arbeitete, erzählte ich einer Kollegin von Feldenkrais, mit dem ich vor kurzem begonnen hatte. Ich sagte etwas von “Bewegungen achtsam ausführen, langsam, dadurch kann man dann Muster erkennen, es wird möglich, sich Alternativen anzueignen”. Sie reagierte sofort mit “Das klingt aber sehr esoterisch”. Bei mir löste das Unbehagen aus. Hatte ich zu viel von mir erzählt?

Damals hätte ich es auch nicht gewagt, bei einer Besprechung vorzuschlagen: “Wie wäre es, wenn wir für ein paar Sekunden eine Pause machen und uns auf unseren Atem konzentrieren?”, um vor einer Entscheidungsfindung Entschleunigung hineinzubringen. Weiterbildungen, in denen es um Kommunikation ging – also auch um Gefühle und Körpersprache -, wurden von den für die Aus- und Weiterbildung zuständigen Führungskräften als “nice to have”, aber nicht wirklich wichtig betrachtet. “Soft skills” eben, etwas das man Mitarbeitern vielleicht mal als “Zuckerl” gönnt, falls das Budget dafür vorhanden ist, um die Motivation von außen zu steuern, ohne sich allerdings viel davon zu versprechen. In der Schweiz, wo ich jetzt lebe, verpasst man da leicht das Etikett “Gschpürsch-mi-Kürsli”: da wird also gespürt, aber nichts “Gescheites gelernt”.

Ich musste mich dann auch ein paar Mal durch Mitarbeiterbefragungen quälen, in denen regelmäßig “Denken” und “Fühlen” als Gegensatz dargestellt wurden, als voneinander getrennt. “Was sind Sie? Ein Gefühlsmensch oder ein Denker?“ Mich für eines von beiden entscheiden zu müssen, fand ich absurd.

In den letzten Jahren hat hier allerdings eine Entwicklung stattgefunden, so mein Eindruck. In der Schweizer Mitgliedsfirma der Unternehmensberatung, in der ich arbeitete, werden den Mitarbeitern mittlerweile Yogakurse angeboten. Ich höre und lese von Firmen, die Achtsamkeitsprogramme einführen. “Mindfulness” und Körperarbeit verlieren etwas vom Unseriösen, Peinlichen, das ihnen anhaftete.

Und doch: Noch immer und schon wieder lese ich von den “besten Köpfen”, nach denen Unternehmen in Stelleninseraten suchen (oder jagen?). Aber halt, wo bleibt der Rest von uns? Ist das einfach eine gängige Formulierung oder aber Hinweis auf darin verborgene Denkhaltungen?

 

Unsere Denkhaltung der Trennung

Das Gehirn als Sitz des rationalen Denkens – unsere Zivilisation ist seit Jahrtausenden von einer Denkweise der Trennung geprägt: Geist – Materie, Mensch – Natur, Leben (Freizeit, Muße, Kunst) – Arbeit, Schönheit – Funktionalität.

Diese Abtrennung ist nichts, das in der Natur selbst angelegt ist. Es ist eine vom Menschen gemachte bzw. gedachte: eine Denkhaltung, ein Weltbild, die Geschichte, die wir uns erzählen. Damit verbunden ist eine gewisse Mentalität: Kampf ums Überleben, die Natur ist uns Menschen feindlich, wir müssen die Natur überwinden.

Eine Ausformulierung und Verschärfung erfuhr diese Denkhaltung insbesondere seit dem 17. Jahrhundet, als der Philosoph René Descartes schrieb: “Ich denke, also bin ich.” In der Folge entwickelte sich daraus ein wissenschaftliches Weltbild, das von einer Wertung geprägt ist: Denken ist höherwertiger als Fühlen und körperliches Empfinden.

Nun will ich nicht behaupten, dass alles, was unsere Zivilisation und Wissenschaft hervorgebracht hat, schlecht ist. Dass Fühlen und Spüren besser sei als Denken. Das würde bedeuten, selbst in diesen Dualismus und diese Wertung zu fallen. Menschen haben Technologien entwickelt, die das Leben bereichern. Und lange Zeit war vieles davon nicht nur funktional, sondern auch schön. Die Frage ist nur, in welchem Bewusstsein wir sie entwickeln und anwenden, und welche Zusammenhänge wir dabei im Blick haben.

Nehmen wir als Beispiel das Internet. Wir haben heute Möglichkeiten, uns miteinander zu vernetzen, zusammenzuarbeiten, gemeinsam etwas zu erschaffen wie nie zuvor. Wie gehen wir damit um?

Die Separation des Denkens vom Körper hat eine weitere, tiefere Dimension. Das Bild ist: Der Kopf mit dem Gehirn fungiert als Steuerungszentrale, die alles lenkt und im Griff hat. Das Körperliche, die Natur: das ist unberechenbar. (Daraus resultieren ja auch viele Witze über die undurchschaubaren Frauen mit ihren Gefühlen. “Seien Sie doch nicht so emotional”. Weiblichkeit wurde schon seit dem Anfang unserer Zivilisation mit Natur gleichgesetzt. Noch im 19. Jahrhundert sprach man Frauen die Fähigkeit zum Denken und Entscheiden ab. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts setzte sich das Recht durch, bei politischen Wahlen abzustimmen.)

Kontrollieren können wir das, was nach Regeln abläuft, wie eine Maschine oder ein Computer. (Und sogar hier ist absolute Kontrolle ja eine Illusion, oft eine gefährliche: Wenn wir z.B. denken, Kernenergie total im Griff zu haben.) Der menschliche Körper mit seinen Organen wurde lange als Maschine betrachtet. Ja, die ganze Welt wurde als eine gut geölte Maschine aufgefasst. Mit dem Computer kam dann die Computermetapher des menschlichen Gehirns auf. Große Hoffnungen wurden vor 50 Jahren in “künstliche Intelligenz” gelegt, auch wenn damit die Angst verbunden war, dass Roboter irgendwann die Macht übernehmen könnten. All dem liegt zugrunde: Wir befreien uns von der Natur.

Was genau bedeutet nun Embodiment? Welche Erkenntnisse gab es da in den letzten Jahren? Davon mehr in meinem nächsten Artikel.

Was ist Ihre Meinung dazu? Und haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich in Sachen Körperwahrnehmung und Gefühle, oder auch ganz andere?

 

Regina Schlager

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Regina Schlager öffnet als Coach, Autorin und Podcast-Gastgeberin Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln. Sie studierte Germanistik und Philosophie in Wien und arbeitete 20 Jahre lang in Beratungsunternehmen im Informations- und Wissensmanagement sowie der Aus- und Weiterbildung. Sie lebt in Zürich.