Es gibt Situationen im Leben, da wünschen wir uns Hilfe. Wenn wir spüren, dass es nicht mehr ausreicht, sich zusammen zu reissen, ist der Zeitpunkt gekommen, etwas Neues auszuprobieren. Und die Kognitive Verhaltenstherapie ist eine vielversprechende Methode, sich von belastenden Gedanken und Gefühlen zu befreien. © Thomas Hohensee

Die Grundlage der Kognitiven Verhaltenstherapie ist die Überzeugung, dass wir so fühlen und uns so verhalten, wie wir denken. Emotionale Probleme sind danach nicht auf äußere Umstände zurückzuführen – weder auf traumatische Kindheitserlebnisse, noch auf genetische Dispositionen, noch auf ungünstige Lebensbedingungen – sondern auf unsere Bewertung dieser Umstände. Wie bitte? Wirft das nicht alles über den Haufen, was wir bisher dachten? Hören wir nicht an jeder Ecke etwas anderes, im Radio, im Fernsehen, in Filmen, in Romanen, in Songtexten?

Soll das etwa heißen, wir könnten von schlechter auf gute Laune umschalten, wie es uns gefällt? Soll das heißen, es liegt an uns, ob wir ein glückliches Leben führen? Soll es gar bedeuten, wir selbst seien Schuld, wenn wir unglücklich sind? Bereits der griechische Philosoph Epiktet (50 – 138) sagte: „Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen“.

Diese Philosophie der Stoiker nahm der us-amerikanische Psychologe Albert Ellis um 1955 zum Ausgangspunkt einer neuen Therapie, in der das ABC der Gefühle eine entscheidende Rolle spielt. Nicht die Dinge (A) lösen den Stress (C) aus, sondern die Vorstellungen (B) von den Dingen, so Ellis (er nannte seine Methode zunächst Rationale Therapie und änderte den Namen später in Rational-Emotive Verhaltentherapie, um deutlich zu machen, dass er weder die Gefühle vernachlässigte, noch die Bedeutung der Verhaltensänderung).

Etwa zur selben Zeit entdeckte Aaron T. Beck, ebenfalls amerikanischer Psychologe, das ABC der Gefühle und begründete die Kognitive Verhaltenstherapie. Ursprünglich war Beck angetreten, die Annahmen der (damals unter den Therapiemethoden noch führenden) Psychoanalyse zu bestätigen, musste aber feststellen, dass dies in der therapeutischen Praxis nicht gelang. Seine KlientInnen übten sich zwar in freier Assoziation und äußerten unbefangen ihre Gedanken, aber sie wussten nicht, auf welche Gedanken sie achten sollten, und so kamen die wesentlichen Dinge oft gar nicht zur Sprache.

Es half den KlientInnen auch nicht, dass ihr Problem in der Psychoanalyse einen – der griechischen Mythologie entlehnten – Namen bekam („Ödipuskomplex“). Erst als Beck auf die Idee kam, gezielt nach bestimmten – typischerweise Stress auslösenden – Gedanken zu fragen, bestätigten die KlientInnen, dass ihnen genau diese tatsächlich durch den Kopf gegangen waren. So fand Beck heraus, dass emotionale Probleme nicht durch das sogenannte Unbewusste verursacht wurden, sondern durch Denkfehler (z.B. fehlerhafte Schlussfolgerungen, mangelhafte Unterscheidung zwischen Fantasie und Realität und unvernünftige Einstellungen).

Psychische Störungen ähnelten damit eher Missverständnissen, als dass sie Ausdruck einer krankhaften Persönlichkeitsstruktur waren. Diese neuen Ansätze von Ellis und Beck stellten eine Revolution in der Psychotherapie dar. Als eine der wenigen Methoden konnte die Kognitive Verhaltenstherapie zudem in wissenschaftlichen Studien ihre Wirksamkeit nachweisen. In den USA gilt es heute beinahe schon als Behandlungsfehler, wenn z.B. bei den häufigsten Formen der klinischen Depressionen nicht Kognitive Verhaltenstherapie eingesetzt wird. Auch in Deutschland gewinnt diese Therapiemethode immer mehr Anhänger.

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Soll das heißen, dass jede/r es in der Hand hat, zu denken, zu fühlen und sich zu verhalten, wie es ihm/ihr beliebt?

Vielleicht können wir uns zunächst darauf einigen, dass Gefühle sich ständig ändern. Es ist unmöglich, dasselbe Gefühl in derselben Intensität endlos aufrechtzuerhalten. Wenn man seine Gefühle beobachtet, stellt man im Allgemeinen fest, dass ein Gefühl das andere ablöst. Wir schwanken zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Ärger und Gelassenheit, zwischen Angst und Vertrauen, zwischen Freude und Enttäuschung. Warum fühlen wir wann wie? Sind es die „Umstände“?

Auch in der Psychologie ging man – wie in der Alltagsmeinung – lange Zeit davon aus, dass Reize unmittelbar Reaktionen auslösen. In (heute ethisch umstrittenen) Tierexperimenten wurde versucht, diese Hypothese nachzuweisen. Gedanken galten als ein geistiges, also nicht greifbares Phänomen, dem keine größere Bedeutung zugesprochen wurde. Der reine Materialismus feierte Triumphe. Letztlich erwies sich die Reiz-Reaktions-These – jedenfalls bei allen höher entwickelten Lebewesen – als unhaltbar.

Trotzdem wäre es falsch, die orthodoxen Verhaltensforscher als Dummköpfe darzustellen. Es ging ihnen darum, naturwissenschaftliche Methoden in die Psychologie einzuführen, also zu beobachten, zu zählen, zu messen und zu experimentieren. Dass sie dabei Menschen nicht anders behandelten als Ratten, störte sie nicht.

Ebenso wie die PsychoanalytikerInnen waren sie Pioniere, die es überhaupt für möglich hielten, dass Menschen von ihren emotionalen Störungen geheilt werden könnten und Angst, Depressionen und andere emotionale Probleme nicht einfach Schicksal seien. Aber sie konnten nicht überzeugend erklären, dass unterschiedliche Menschen auf ein und dieselbe Erfahrung völlig verschieden reagieren.

Sehen wir uns das an einem Beispiel an: Zwei junge Frauen werden von ihrem Freund nach einjähriger Beziehung wegen einer anderen verlassen. Die eine – nennen wir sie Anna – ist verzweifelt und unternimmt einen Suizidversuch. Die zweite – nennen wir sie Bea – ist kurze Zeit mehr empört als traurig und findet nach wenigen Wochen eine neue Liebe.

Würden wir Anna und Bea fragen, was ihnen durch den Kopf geht, bekämen wir sehr unterschiedliche Antworten. Anna würde sagen: “Ich habe doch gewusst, dass ich eine komplette Versagerin bin. Wenn mich ein Mann richtig kennen lernt, merkt er, dass ich nichts tauge. Außerdem bin ich viel zu dick und mit meinem straßenköterblond kann ich mit den anderen Mädels nie mithalten. Es ist sinnlos. Es wird nie klappen. Niemand liebt mich. Das überlebe ich nicht“.

 

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Von Bea dagegen würden wir hören: “Dieser Spinner hat sowieso nie richtig zu mir gepasst. Ich mag Männer, die einfühlsam sind und gut zuhören können, nicht solche Selbstdarsteller. Wer nicht will, der hat schon. Der wird noch bereuen, dass er mir den Laufpass gegeben hat, aber dann ist es zu spät. Wenn ich will, kann ich viele Männer haben, so wie ich aussehe, aber da bin ich gar nicht scharf drauf, zumal sich die Geschichte mit Ben so gut anlässt. Es ist wunderbar. Ich habe das Gefühl, als würden wir uns schon lange kennen. Und falls es nicht klappen sollte, kann ich auch alleine glücklich sein“.

Während Anna sich selbst herabsetzt und eine rabenschwarze Zukunft malt, ist Bea von sich überzeugt und sicher, dass sie, so oder so, ein gutes Leben führen wird. Sind das nun die Gene? Nein, sagt die Kognitive Verhaltenstherapie: Wir alle können lernen, so zu denken, dass wir glücklich sind oder wenigstens so, dass wir keine Depression ausbilden und ein konstruktives Leben führen.

Es braucht selbstverständlich ein bisschen Übung, unsere Gedanken zu kontrollieren. Ein ständiger Strom von Fantasien, Träumen und Bildern zieht an unserem inneren Auge vorbei. Fast ununterbrochen hören wir innere Selbstgespräche und Dialoge. Aber wir können eingreifen. Wir können uns unserer Gedanken bewusst werden. Wir können bestimmte Gedanken festhalten, andere loslassen und durch vernünftigere ersetzen. Statt das Schlechteste anzunehmen, können wir uns das Bestmögliche vorstellen. Statt uns im Unglück versinken zu sehen, können wir einen Plan B und C ausarbeiten.

Wir können unsere irrationalen Einstellungen überprüfen, indem wir uns fragen Stimmt das, was ich denke, wirklich mit den Tatsachen überein? Hilft es mir, so zu denken, wie ich es zur Zeit tue?

Es geht bei der kognitiven Methode übrigens nicht darum, sich etwas einzureden. Niemand soll sich wahllos positive Affirmationen einhämmern. Das Umdenken funktioniert nur dann, wenn Sie sich wirklich von den neuen Gedanken überzeugen und sozusagen von niederdrückenden auf aufbauende Ideen umlernen.

Albert Ellis sah deshalb die von ihm entwickelte Rational-Emotive Verhaltentherapie, die der Kognitiven Therapie nach Beck sehr nahe steht, der Pädagogik eng verwandt und war sich sicher, dass Menschen, die sich bewusst machen, wie bestimmte Gedanken psychische Probleme verursachen, und das Umdenken trainieren, nicht psychisch erkranken.

Im Übrigen ist die Kognitive Therapie keinesfalls nur bei „Intellektuellen“ wirksam, sondern bei allen Menschen, die in der Lage sind, zu lernen. Das trifft auf die allermeisten zu. Heißt das nun, dass die Kognitive Therapie ganz furchtbar „verkopft“ ist? Darauf möchte ich mit dem Satz einer meiner Seminarteilnehmerinnen antworten: „Dafür hat Gott uns das Großhirn gegeben“.

Aber gilt das Ganze auch bei Extremsituationen? Ist das nicht eine schöne, kleine Theorie für gutsituierte Mitteleuropäer? Auf die Frage nach den Extremsituationen stelle ich gern die Gegenfrage: Leben Sie in einer solchen? Seien wir ehrlich, wie oft regen wir uns über Kleinigkeiten auf: den Stau, in dem wir stecken, die verpasste U-Bahn, den verregneten Sommer? Wie oft rufen wir: „Es ist furchtbar. Ich kann es nicht aushalten!“ bei Dingen, die allenfalls sehr unangenehm sind?

Aber gut, nehmen wir eine der Situationen, die in den gern publizierten Tabellen mit „Stresssituationen“ (inzwischen wissen sie ja, dass es nur Stressgedanken gibt, oder?) ganz oben steht: der Verlust eines geliebten Menschen. Kann man gelassen bleiben, wenn Angehörige sterben? Ich gebe zu, dass so ein Ereignis typischerweise mit Stress verknüpft wird. Aber ein direkter Zusammenhang zwischen dem Geschehen und der emotionalen Reaktion existiert nicht.

Typischerweise denken Menschen negativ, wenn ein Angehöriger stirbt. Sie steigern den Verlust ins Maßlose, zweifeln an ihren Fähigkeiten, allein zurechtzukommen oder sogar daran, ohne die verstorbene Person glücklich sein zu können. Oder sie gehen davon aus, dass der/die Verstorbene gern noch länger gelebt hätte und bemitleiden ihn. Aber ist das ohne Ausnahme so?

Nur selten wird darüber gesprochen, dass es auch Menschen gibt, die sich über den Tod von Verwandten freuen, weil sie die Person gehasst haben, von ihr gequält wurden oder es viel zu erben gibt. Oft empfinden Menschen neben ihrer Trauer auch Erleichterung, weil der Verstorbene lange an einer schweren Krankheit litt und nun erlöst ist.

Je nach Kultur und Weltanschauung schreiben Menschen dem Tod unterschiedliche Bedeutungen zu. Während die einen beispielsweise damit rechnen, ins Paradies (oder in die Hölle) zu kommen, sind andere von ihrer Wiedergeburt überzeugt. Wovon hängen die Gefühle beim Tod Angehöriger also wirklich ab? Ist es die Tatsache des Todes oder sind es die jeweiligen Gedanken?

Genauso verhält es sich, wenn wir an unseren eigenen Tod denken. Haben wir die Überzeugung, unser Leben habe sich erfüllt? Sind wir lebenssatt? Sind wir entsetzt, dass alles schon vorbei ist? Glauben wir an ein Weiterleben, in welcher Form auch immer? Fühlen wir uns aufgehoben oder allein gelassen?

Wir müssen die jeweiligen ungesunden Traditionen und allgemein üblichen negativen Überzeugungen nicht teilen. Wir sind in unserem Denken, Empfinden und Verhalten frei, vorausgesetzt dass wir von dieser Freiheit wissen. Ist das nicht wunderbar?