Wie gelingt es, den eigenen Herzensweg zu gehen? Woher den Mut nehmen, wie mit den Ängsten und Zweifeln umgehen?

Sabrina Gundert begleitet Frauen dabei, ihren eigenen Weg zu entdecken – und ihm zu folgen. Ihr Herzblut – das sie in Workshops und Büchern weitergibt – sind das Schreiben, die Natur und das Gehen des eigenen Herzensweges.

 

Regina Schlager interviewt Sabrina Gundert.

Sabrina, du hast dich bereits in jungen Jahren entschieden, deine Leidenschaft zum Beruf zu machen: das Schreiben. Was hat dir geholfen, diese Entscheidung zu treffen?

Nach meiner Journalistenausbildung und dem Geographiestudium hatte ich zunächst geplant, mir einen sicheren Job in der Geographie zu suchen. Denn der Verstand sagte: Das Schreiben ist viel zu unsicher! Und: Ich wollte niemals selbständig sein!

Doch das Herzblut war stärker und nach einigen Monaten im geographischen Bereich wusste ich: Ich muss dem Schreiben folgen!

Es war mehr ein inneres Ziehen, eine Sehnsucht, eine Richtung, die außer Frage stand, der ich gefolgt bin. Dabei ist das Schreiben mehr und mehr zu einer Art Fahrzeug für mich geworden – ein Mittel, dass mich zu mir, meinem innersten Wesenskern, zu meinen Wünschen, Träumen und Visionen führt. Und auch: Zu meiner Berufung und in die Stille.

 

Wie gehst du mit Ängsten und Zweifeln um?

Ich nehme sie mit auf den Weg. Vor einiger Zeit habe ich mal den Satz gelesen: Mut heißt nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz Angst weiterzugehen. Wenn ich bemerke, dass Angst aufkommt, nehme ich sie achtsam wahr, atme mit ihr, bleibe bewusst. Und gehe weiter. Mit ihr.

Denn ja, auch das stimmt: Da wo die Angst ist, geht es lang – und dort warten meist die größten Geschenke auf uns!

Auch Zweifel werden immer wieder auftauchen auf dem Weg. Aber sie werden weniger. Weil sich, wenn wir dem Herzen folgen, die Frage Soll ich diesen Weg gehen? gar nicht mehr stellt. Wir gehen einfach.

 

Wie haben andere auf deine Entscheidung reagiert? Kamen da Bedenken oder eher Unterstützung von außen? Und wie hat das auf dich gewirkt?

Zunächst waren da vor allem Bedenken: Hast du dir das gut überlegt? Wie soll das gehen? Dich einfach so selbständig machen? Du wirst sicherlich scheitern! Das wird nicht gutgehen! waren Sätze, die ich häufig zu hören bekam. Es waren oft die Ängste der anderen. Die dann wiederum teilweise meine eigenen Ängste hervorgelockt haben.

Was wir auch erkennen dürfen: Wenn wir unserem Weg folgen, macht das anderen oft erst einmal Angst. Denn mit unserem Gehen zeigen wir: Es ist möglich, dem eigenen Weg zu folgen! Plötzlich ist da kein Raum mehr, sich bequem zurückzulehnen und überzeugt zu sagen: Es geht nicht!

Aber es gab auch die Menschen, die mich bestärkt und unterstützt haben. Menschen, die selbst ihrem Weg gefolgt sind. Und sie waren unglaublich wichtig. Haben sie mir doch gezeigt, dass ich nicht vollkommen verrückt bin, sondern in guter Gesellschaft – denn wenn wir uns achtsam umschauen, entdecken wir andere, die die gleiche Sehnsucht in sich tragen wie wir.

Vor allem auch die Geschichten der Frauen, die ich für das Buch „Auf dem Herzensweg“ getroffen und interviewt habe, sind noch heute kraftvoller Reiseproviant für mich. Sie haben mir gezeigt: Auch wenn eine heute viel Geld hat, vielleicht in einem tollen Haus mit einer glücklichen Familie wohnt – so gab und gibt es doch auch bei ihr Höhen, Tiefen und Turbulenzen.

 

In deinem Buch „Auf dem Herzensweg – Lebensgeschichten spiritueller Frauen“ porträtierst du zehn Frauen. Ich finde, das sind wunderbar inspirierende Geschichten. Wie ist es dazu gekommen, und wie hast du die Arbeit an diesem Buch erlebt?

Als sehr fließend. Die Idee zu dem Buch hatte ich, als ich selbst auf meinen Herzensweg aufgebrochen bin. Damals habe ich mir so sehr ein Buch gewünscht, das ich aufschlage und sehe: Ah, anderen Menschen geht es genauso, sie haben auch Ängste, Zweifel, begegnen Herausforderungen! Mit „Auf dem Herzensweg“ habe ich mir meinen Reiseproviant quasi selbst geschrieben. Und entdeckt, dass er auch für viele andere Menschen sehr wertvoll ist.

Über eine spontane Internetsuche habe ich damals einen Verlag für das Buch gefunden – noch ehe ich überhaupt eine Zeile geschrieben hatte. Und auch die Frauen sagten alle gleich zu. Von der Idee bis zum Bucherscheinen war es ein Jahr. Ein Jahr, in dem sich eines ins andere fügte, ein wahrliches Im-Fluss-sein.

 

Was bedeutet Spiritualität für dich selbst?

Präsent zu sein. Mich immer wieder ganz bewusst mit dem jetzigen Moment zu verbinden – raus aus dem Kopf, rein ins Leben. Bewusst leben. Und mich erinnern: Daran, dass ich mit allem verbunden bin. Dieses All-eins-sein spüren. Beispielsweise beim Singen am Feuer, einem Spaziergang im Wald oder einfach in der Stille an einem Morgen im Bett.

 


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Im Oktober 2014 ist dann auch „Hab Mut und geh – Das Herzensweg-Praxisbuch“ erschienen. Darin finden sich viele Übungen. Möchtest du vielleicht eine herausgreifen und unseren Leserinnen und Lesern kurz vorstellen, die du als besonders kraftvoll erlebst?

Für mich sind immer wieder die Übungen besonders, die eine wirkliche Veränderung bringen. Einen Perspektivwechsel, eine innere Weite: Statt eingefahrener Denkmuster all die Möglichkeiten meines Lebens wieder spüren!

So können wir uns fragen: Wie sähe mein Leben aus, wenn ich sicher sein könnte, dass nichts passiert? Wenn ich sicher sein könnte, dass mir nichts passiert? Was wäre anders? Wie sähe es aus, mein Leben? Und schreibend (in der Gegenwartsform!) oder malend dem ersten Impuls folgen, der auftaucht. Es geht nicht darum, möglichst perfekt zu schreiben oder zu zeichnen – sondern darum, einfach dem zu folgen, was jetzt da ist. Und gespannt zu bleiben, was sich uns zeigt.

 

Viele Menschen fragen sich: Woher den Mut nehmen, um sich selbst treu zu sein und Schritte zu setzen, die auch Risiko in sich bergen? Du hast dich selbständig gemacht. Wie konntest du selbst das „Hab Mut und geh“ umsetzen?

Für mich war es keine Frage von: Soll ich gehen oder nicht? Anna Platsch, die ich für „Auf dem Herzensweg“ interviewt habe, hat einmal sehr schön gesagt: Oft sehen solche Schritte von außen aus wie Mut – doch innerlich sind sie eigentlich eine Notwendigkeit. So erlebe ich es auch immer wieder.

Es ist dieser innerer Ruf, die Sehnsucht im Herzen, das Knarzen im Leben oder wie immer es jede für sich nennt, das uns ab einem gewissen Punkt einfach losgehen lässt.

 

Meiner Erfahrung nach wird die Öffnung des Herzens möglich, wenn ich den Boden buchstäblich unter den Füßen spüre und meine Mitte stärke. Daraus erwachsen Kraft und Sicherheit: kein Konzept, sondern körperlich erlebbar. Gibt es da auch für dich einen Zusammenhang?

Bei mir war es mehr ein „den Boden unter den Füßen verlieren“. Viele vermeintliche Sicherheiten sind mit der Selbständigkeit weggebrochen – nicht nur finanzielle Aspekte, auch Menschen, Zukunftspläne, Dinge, von denen ich geglaubt hatte, sie würden immer bleiben.

So lernte ich, immer wieder zurück in den jetzigen Moment zu kommen. Es war die Achtsamkeit, die mich trug und die mir wieder neuen Boden unter den Füßen gab. An diesem Punkt erfahre ich auch immer wieder dieses „im Leben stehen“: Den Boden unter den Füßen spüren. Mich fragen: Wie fühlt sich der Boden unter meinen Füßen an?

In besonders intensiven Umbruchzeiten, habe ich mir diese Frage bei jeder Gelegenheit gestellt: auf dem Weg zum Bus, an der Supermarktkasse, am Schreibtisch. Es ist eine einfache und doch unglaublich wirkungsvolle Frage, weil sie unsere ewig gleichen Gedanken unterbricht und uns wieder verbindet mit diesem Augenblick – genau jetzt.

 

Heute gibst du neben dem Schreiben auch Workshops und begleitest in Einzelsitzungen. Bei welchen Herausforderungen und Fragen unterstützt du hier? Und was wird Teilnehmerinnen dadurch möglich?

Meist geht es um Ängste, Zweifel, die Frage danach, wie ich meinem Weg konkret folgen kann. Oder die Suche nach dem, was mich ausmacht – was für Talente, Träume, Herzenswünsche stecken in mir? Was habe ich zu geben? Wie kann ich mich einbringen?

Das können wir herausfinden, wenn wir wieder in Kontakt mit uns selbst kommen. Wenn wir den Fragen nachspüren: Was möchte ich eigentlich? Was macht mich lebendig? Das ist vor allem für Frauen ein großes Thema, denn viele haben in der Vergangenheit gelernt, einen Job zu machen, den andere für sie ausgesucht haben oder eigene Wünsche stets hintenanzustellen.

Doch in jeder von uns gibt es diese innere Flamme, das, was uns lebendig macht. Es braucht meist nur ein wenig Zeit und konkrete Fragen, um zu entdecken, wie dieser innere Funke für uns ganz persönlich aussieht.

Ein anderes Thema ist: Den großen Berg, der sich oft vor uns auftut, wenn wir Veränderungen in unserem Leben anstoßen wollen, in kleine Schritte zu unterteilen und damit zu sehen: Es ist möglich, diesem Weg zu folgen.

Seit diesem Jahr gibt es online die Herzensweg-Akademie. In ihr nähern wir uns jeden Monat einem anderen Thema, dem wir unweigerlich auf unserem Weg begegnen. Es war ein großer Wunsch von mir, solch einen kontinuierlichen Raum zu kreieren, in dem Menschen sich mit anderen Menschen auf dem Weg verbinden können. Denn oft fühlen wir uns furchtbar alleine mit unseren Themen – und bemerken im Austausch, wie ähnlich sie einander doch sind.

 

Angenommen, eine Leserin oder eine Leser dieses Interviews möchte sich auf den Weg machen, kann aber nur ganz leichtes Gepäck mitnehmen. Aus deiner Erfahrung und Sicht heraus, was empfiehlst du loszulassen?

Nichts. Denn der Gedanke: Oh je, das muss ich jetzt erst einmal loslassen, um überhaupt losgehen zu können! erzeugt Druck. Stattdessen: Einfach losgehen. Einen ersten Schritt machen. Der Weg selbst lässt immer mehr die Dinge von uns abfallen, die nie wirklich zu uns gehört haben. Und während wir so vielleicht mit einem schweren Koffer starten, haben wir mit der Zeit nur noch eine leichte Umhängetasche mit dabei – welch Freude!

 

Danke für das Gespräch, Sabrina!

Sabrina Gundert

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