„Karriere machen“ ist ein höchst individueller Prozess, der auch von den Bedingungen, in denen wir leben, geprägt ist. Eine Karriere ist nicht zwangsläufig von einem bestimmten Gehalt oder Insignien der Macht abhängig.

Christine Weiner arbeitet als Supervisorin, Coach und Beraterin, ist Projektleitern eines Mentoring-Programmes an der Hochschule Mannheim und begleitet zahlreiche Menschen. Sie ist Autorin mehrerer Bücher.

 

Regina Schlager interviewt Christine Weiner.

In Ihrem Buch “Ab durch die Decke. Erfolgsstrategien für Frauen, die nach oben wollen” geben Sie Frauen Tipps, die Karriere machen wollen. Was meinen Sie genau mit dem Begriff “Karriere”?

Eine erfüllte Karriere ist für mich der Moment, in dem ich meine ganz persönlichen Ziele erreicht habe und mich optimal verwirklicht fühle. Fragen wie: „Wo wollte ich einst hin?“, „Was wollte ich wagen?“ und „Was miteinander verbinden?“ spielen dabei eine große Rolle.

„Karriere machen“ ist also ein höchst individueller Prozess, der auch von den Bedingungen, in denen wir leben, geprägt ist. Eine Karriere ist nicht zwangsläufig von einem bestimmten Gehalt oder Insignien der Macht abhängig. Für einen Künstler kann Karriere bedeuten, bei einem bestimmten Festival mitzuwirken. Für eine Frau oder einen Mann, Familie und Beruf zu vereinbaren und dabei gut zu leben. Oder es ist ein bestimmtes Wissen damit verbunden, das heißt, jemand hat dann für sich Karriere gemacht, wenn er einen bestimmten Expertenstand erreichte. Wenn das auch mit Ansehen, Wirkungsmöglichkeiten und einem entsprechenden Gehalt verbunden ist – umso besser.

 

Wenn eine Frau Verantwortung übernehmen und positive Veränderung bewirken will, sind dafür nicht möglicherweise andere, neue Bilder hilfreicher als das der “gläsernen Decke”? Für mich klingt es sehr nach hierarchischer Organisation, wo es die oft zitierte Karriereleiter gibt, die man noch oben klettert, will man als erfolgreich gelten. 

Da haben Sie Recht. Ich bin ganz offen für neue Begriffe. Da es die noch gibt, muss man die Menschen mit den Begriffen ansprechen, die sie kennen. Dabei handelt es sich erst einmal um Überschriften. Im Text oder der Umsetzung ist dann viel Raum, neue Worte zu finden.

Und ich bestätige Ihre Meinung: Karriere ist heute nicht mehr linear zu denken, sondern eher wie ein Klettergerüst, auf dem es auch seitlich, mal wieder runter und dann wieder nach oben geht. Nicht die Position allein ist wichtig, sondern die Erfahrung, die man auf ihr sammelt.

Ich habe zum Beispiel vor vielen Jahren zwei Jahre in einer sehr gehobenen Partnervermittlung gearbeitet. Das war ein sogenannter Sidestep. Nach zwei Jahren wusste ich, dass ich alles gelernt habe, was ich lernen wollte und steuerte dem nächsten Punkt in meinem Leben zu. Sidesteps werden dann zu Karriereblockaden, wenn ich nicht mitbekomme, wann „genug“ ist. „Ups“, sagen dann viele, „sind denn schon 15 Jahre um?“

 

Wie können Frauen ihr Selbstbewusstsein stärken und zu dem stehen und das vertreten, was ihnen wirklich wichtig ist? Haben Sie da ein paar konkrete Hinweise?

In dem sie die Verantwortung für ihren beruflichen Weg übernehmen. Das ist eine Art Management, und wir werden dabei zu unserer eigenen Förderin und Führungskraft. Selbstbewusstsein kann sich nicht auf wackeligem Boden entwickeln, denn Selbstbewusstsein ist mit Standfestigkeit im eigenen Leben gleichzusetzen.

Damit dies gelingt, muss ein Mensch seine Stärken, Schwächen und Potentiale kennen und wissen, welche persönlichen Haltungen ihn fördern oder bremsen. Frauen wissen, so ist meine Erfahrung, viel eher aufzuzählen, was sie nicht können, bei was sie noch „nachlegen“ müssen. Sie fühlen sich oft zwar kompetent, aber der letzte Rest für eine Aufgabe fehlt dann noch.

Selbstbewusstsein bedeutet, gut zu wissen, was man kann, bereits geleistet hat und wie man die 80% Kompetenz schätzt, obwohl gerade 100% und mehr verlangt werden.

 

Inwiefern spielen Glaubenssätze eine Rolle dabei, dass sich das verwirklicht, was wir uns wünschen und zum Ziel setzen?

Glaubenssätze gestalten unser Leben unbemerkt. Bevor wir handeln oder ein Gefühl in uns bilden, steht der Glaubenssatz, der uns wie ein Richtungsweiser in eine negative oder positive Richtung lenkt. Wir sprechen mit uns und ermutigen uns selbst etwas zu tun, oder warnen uns etwas zu unterlassen.

Oft genug ist der Ton dieser inneren Dialoge nörgelig und abwertend. „Das war ja klar, dass das bei dir wieder mal nicht geklappt hat“, werten wir uns ab, obwohl wir uns vielleicht bemühten. Oder wir sagen zynisch „Du lernst das nie!“. Wenn wir uns aber selbst sagen, dass wir etwas nicht lernen werden, wird Veränderung schwer.

Glaubenssätze koppeln absolute, intensive Gefühle mit Bedeutungen über Dinge, Geschehnisse, Ideen usw., die durch die Erfahrung in der Vergangenheit belegbar sind. Dadurch werden Ursache-Wirkung-Regeln aufgestellt. Glaubenssätze können uns kraftvoll und lebendig sein lassen oder einschränken und krank stimmen. Glaubenssätze sind wie Programme. Da dieses Programm oft unbemerkt und unbewusst abläuft, kann es uns in unserer Handlungsfreiheit einschränken – deswegen ist es gut, seine inneren Strategien und Glaubenssätze gut zu kennen, bzw. die negativen rechtzeitig so zu betrachten, dass wieder die Unterstützung im Vordergrund steht.

 

Beobachten Sie Unterschiede in der Kommunikation von Männern und Frauen? Wenn es Unterschiede gibt, wäre eine Möglichkeit, dass sich Frauen den männlichen Formen anpassen. Oder aber die weiblichen Formen einzubringen und damit die Unterschiedlichkeit als Wert zu begrüßen. Sehen Sie in den Unternehmen bereits ein Verständnis für Diversität?

Wenn Frauen sich den Männern anpassen, ihre Regeln übernehmen und so auftreten, als wären sie ein Mann, dann braucht es eigentlich gar keine Frauen mehr, sondern man könnte dann gleich einen Mann nehmen. Das wäre viel direkter, denn das natürliche Design.

Unternehmen wünschen sich Frauen, damit etwas Neues, eine andere Haltung, ein neues Denken mit ihnen kommt. Allerdings befinden wir uns da noch in einem Prozess. Es ist etwa vergleichbar wie in vielen Familien. Männer sagen: „Ich würde ja im Haushalt mehr tun, aber meine Frau will nicht nur, dass ich helfe, nein, ich soll es wie eine Frau machen. Genauso die Wäsche sortieren, wie eine Frau putzen. Das nervt mich. Ich will wie ein Mann im Haushalt helfen.“

Das kann man gut auf die Führungsebenen übertragen. Frauen möchten führen, aber sie möchten dies wie Frauen tun. Das bringt Unordnung mit, denn die Männer möchten, dass ihr „Haushalt“ so geordnet und strukturiert bleibt, wie Männer ordnen und strukturieren. Viele haben bereits erkannt, dass Frauen etwas „anderes“ mitbringen und sich dadurch auch ein neues Bild ergibt. Das muss man akzeptieren, dem Neuen Raum geben und offen dafür sein, dass dadurch vielleicht etwas Besseres entsteht. Im Haushalt wie in den Unternehmen.

 


Amazon – Partnerlink

 

Wie wichtig sind „weibliche Qualitäten“ wie Intuition und Kooperation, wenn es um Führungsqualitäten geht?

Frauen bringen ja noch viel mehr mit oder auch viel weniger. Ich kenne viele Frauen, die kaum eine spürbare Intuition zeigen und auch von Netzwerken und kooperieren nicht viel verstehen. Ich kenne auch viele Männer, die weder intuitiv noch kooperativ sind.

Wir sind, meiner Meinung nach, an einem Punkt, wo wir aufhören müssen „männlich“ und „weiblich“ im Abgleich zu betrachten. Wenn sie einen Menschen für eine Aufgabe suchen, die Kooperation und Intuition verlangt, dann könnte es sein, dass es viele Frauen gibt, die das mitbringen, aber auch Männer. Die moderne Unternehmensführung ist an diesen beiden Aspekten interessiert, da muss man gar nicht mehr überzeugen.

Die Unternehmen, die das noch nicht erkannt haben, bezeichne ich als „Männergesangsvereine“. Die muss man doch gar nicht überzeugen? Das sind doch Dinosaurier, die eh aussterben. Ich bin eher dafür, die Energie dahingehend zu verwenden, dass man das optimale Unternehmen findet, in dem man sein Können verwirklichen kann.

 

Neulich habe ich eine Frau sagen hören: “Mit einer 80%-Stelle kann man keine leitende Position einnehmen. Es fallen viele Sitzungen an, da muss man einfach dabei sein, um zu wissen, was alles läuft.“ Ist es aus Ihrer Sicht möglich, eine Führungsposition in Teilzeit auszuüben?

Wenn Sie das möchten, dann finden Sie das Unternehmen, das schon so denkt und arbeitet. Wir müssen aufhören, uns mit alten Argumentationsketten aufzuhalten, weil sich dadurch nichts verändert und im eigenen Leben bewirkt.

Es gibt Unternehmen, die haben sich längst auf Teilzeitkarrieren ausgerichtet, und es gibt Unternehmen, da wird man durch Teilzeit wie eine Stehlampe ausgeknipst. Die Frage ist doch sehr persönlich: welche Strukturen brauche ich und welche Strukturen will ich schaffen, damit ich Teilzeit auf einem Markt Karriere machen kann, der noch nicht 100 % bereit ist.

Jetzt kommen Sie wieder in die Selbstverantwortung, denn es kann sich herausstellen, dass es diese Position zwar gibt, Sie dafür aber umziehen müssen. Wollen Sie? Oder Sie müssen die Verteilung der Familienaufgaben neu diskutieren. Das gehört zum Job dazu, und damit meine ich Ihren Job.

 

In meinem Umfeld, in meinen Coachings und in den Medien stoße ich in letzter Zeit vermehrt auf Frauen mit der Erfahrung von Erschöpfungszuständen bis hin zu Burn-Out. Da gibt es meines Erachtens eine individuelle Ebene und die Ebene des Systems (Unternehmen, Wirtschaft, Gesellschaft): Wie kann Frau für sich Sorge tragen, um gar nicht erst soweit zu kommen oder um wieder in ihre Kraft zu kommen? Was können Unternehmen beitragen, und braucht es darüber hinaus noch strukturelle Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft?

Ich möchte das Thema nicht so bei den Frauen sehen. Auch wenn man es nicht sagt, geht dann sofort das Thema „Vereinbarkeit“ los, das oft bei den Frauen gesehen wird, weil… vermutlich setze ich mich jetzt in die Nesseln… viele Frauen, so sie Mütter sind, dieses Thema schier pausenlos vor sich hertragen. Das stresst und macht aus Frauen Opfer!

Ich sehe das sehr nüchtern. Da ist ein Mensch, der will arbeiten, sich entwickeln und möchte darüber hinaus verschiedene Dinge miteinander verbinden. „Okay“, sage ich, „lass uns schauen, wie und wo du das herbekommst. Was kannst du als deine eigene Managerin, dein eigener Manager, unternehmen, damit sich dieses ‚Karriereziel‘ erfüllt?“.

Genau in diesem Moment stoße ich darauf, dass viele Menschen darüber noch gar nicht nachgedacht haben, sondern die Lösungen im Außen suchen. Mein Ziel ist es, das Außen zu finden, das zu meinen Wünschen passt. Der Schritt davor verlangt, erst einmal zu wissen, was ich will und mit dem Preis einverstanden zu sein, der möglicherweise damit verbunden ist. Die Erschöpfung kommt, wenn wir nur noch „rudern“, aber das Gewässer nicht mehr kennen. Das schlaucht, das gebe ich zu.

 

Frau Weiner, was bedeutet Erfolg für Sie ganz persönlich und was hat Sie in Ihrer eigenen beruflichen Laufbahn besonders unterstützt?

Ich hatte in meinem Leben etwa alle zehn Jahre einen großen beruflichen Umbruch. Angefangen habe ich mal als Erzieherin in einem Heim, dann kam BWL, dann der Journalismus, ich berate als Coach seit vielen Jahren und nun sind meine Aufgaben in der Hochschule dazugekommen. Daneben schreibe ich Romane.

Der Weg war nicht immer leicht, und manchmal ging mir die Puste auch aus. Gesteuert hat mich aber ein Wunsch und eine innere Haltung, die ich schon mit 21 Jahren hatte. Damals sagte eine Lehrerin zu mir: „Christine, jetzt hast du es geschafft und bist Erzieherin. Da bist du sicher stolz drauf!“ Ich kann heute noch das Unverständnis spüren, das in mir hochkam, und ich antwortete fast stotternd: „Aber Sie glauben doch nicht, dass das der einzige Beruf in meinem Leben bleibt?“.

Es ist an meiner eigenen Geschichte auch gut zu erkennen, wie Glaubenssätze wirken. Ich fand diesen Glaubenssatz sehr förderlich, ein anderer Mensch denkt vielleicht: „Niemals so, die hat einen Knall!“ Wie auch immer, mein Glaubenssatz hat mich in die Zufriedenheit gestaltet. In wenigen Wochen werde ich 55 Jahre sein und mein drittes Studium beginnen. Es gibt viel zu lernen, denke ich mir, packen wir´s an! :-)

 

Vielen Dank für das Interview!

Christine Weiner

Homepage Christine Weiner

Foto: © Timo Volz