Was verleiht unserem Leben Orientierung und Stabilität? Sind es nicht die inneren Werte, die uns in guten wie in schlechten Zeiten den Weg weisen? Der Artikel stammt von Ruth Scheftschik, Therapeutin für Logotherapie und Existenzanalyse. © Ruth Scheftschik

In der gegenwärtigen Zeitqualität gehen neben zahlreichen schwierigen politischen Veränderungen die Entwicklungen in der Gesellschaft in einem atemberaubenden Tempo voran. Ständig müssen wir uns auf Änderungen und Neuerungen einstellen. Alles soll leichter, besser, schneller, großartiger werden. Es ist zudem wichtig, dass die Wirtschaft in Gang gehalten wird, damit unsere existentielle Sicherheit und ganz besonders der Wohlstand erhalten bleiben und möglichst auch noch weiter wachsen, wie es die Politiker formulieren.

Gleichzeitig wird es aus vielfältigen Gründen jedoch immer schwieriger, dieses zu bewerkstelligen. Das führt dazu, dass die Arbeitsbedingungen zunehmend angespannt und damit anstrengender werden. Für viele Berufsgruppen bleibt kaum noch Zeit, um Luft zu holen. Erfolg und Effizienz – wie immer das dann auch jeweils definiert wird – haben Priorität. Nur: Der einzelne Mensch verliert dadurch zunehmend die Verbindung zu sich selber, zu seinen eigentlichen, wahren Bedürfnissen, zur eigenen Mitte.

Es geht häufig auch der innere Bezug zur Arbeit verloren und damit die Freude an ihr. Eine weitere Folge sind zunehmende Spannungen zwischen den Kollegen und auch im Privatleben. Tradition, Konvention und Religion und die tiefe Verbundenheit mit der Natur, die früher dazu beigetragen haben, dem Leben einen tragenden Grund zu geben, haben an Bedeutung verloren. Auch im privaten, persönlichen Leben gibt es – heutzutage auch verstärkt als früher – immer wieder die Erfahrung, dass von heute auf morgen alles anders sein kann.

Zunehmend ahnen wir, dass eigentlich nichts wirklich sicher ist in dieser Welt und mancher fragt sich, auf was er sich noch verlassen kann. Und auch manch einer zweifelt an, ob er das alles noch so will und aushalten kann, was der Inhalt seines Lebens ist. Er fragt sich letztlich, ob manches in seinem Leben noch sinnvoll ist. Andere machen die Augen zu und klammern diese Ahnung bewusst oder unbewusst aus, weil sie ihnen Angst macht oder weil sie sich selbst als machtlos empfinden, etwas zu ändern an der Situation.

Sie machen weiter wie bisher, solange es noch einigermaßen funktioniert und suchen nach Ablenkung. Soeben ist das Wort ‚Sinn‘ zum ersten Mal aufgetaucht, in dem Satz „So manch einer fragt sich, ob manches in seinem Leben noch sinnvoll ist“, also in dem Wort ’sinn-voll‘.

Sinn und Entscheidungen

Es ist nicht nur die heutige unruhige und anstrengende Zeit, mit ihren schnell aufeinander folgenden Veränderungen, die nach Sinn fragen lässt, sondern tatsächlich stellen wir diese Frage schon seit eh und je, an jedem Tag und zwar mehr als einmal. Wir sind uns dessen allerdings weitgehend nicht bewusst. Deutlich wird es, wenn wir einmal gezielt darauf achten, wie häufig wir täglich die Sätze „das macht Sinn“ oder „das macht keinen Sinn“ gebrauchen.

Jeden Tag machen wir mehrmals folgende Aussagen: Ich finde es sinnvoll, dass…, das hat doch keinen Sinn, …, ich weiß nicht, ob das Sinn macht…“, es muss für mich schon Sinn haben, damit …; oder auch: „Es ist total unsinnig oder sinnlos, dass…“ und weitere Sätze dieser Art. Bei genauer Betrachtung sind sie nicht nur beiläufige Redewendungen und grammatikalische Satzausschmückungen, sondern sie sind ein wichtiges Mittel zur Entscheidungsfindung und somit zur Bestimmung der Richtung unseres Lebensweges.

Wir müssen ständig Entscheidungen treffen bzw. wählen, in Bezug auf das, was wir tun oder lassen wollen. Das heißt, in Bezug auf das, wie wir unser Leben gestalten, wie wir es formen wollen. Unser gesamtes Leben ist eine einzige Kette von Entscheidungen. Schon die Tatsache, ob ich aufstehe oder sitzenbleibe, hängt von einer Entscheidung ab oder ob ich mir einen Kaffee koche oder nicht. Den Entscheidungen liegt zu Grunde die Frage, ob und welchen Sinn das Ergebnis für mich macht und wie ich dieses Ergebnis bewerte.

Somit hat Sinnsuche auch mit Bewertungen zu tun; damit, dass ich nach dem schaue, was für mich wichtig, also wert-voll ist. Und das, was für mich wertvoll ist, hat einen Wert für mich, ist ein Wert, den ich anstrebe.

Werte sind Ziele und Markierungen auf dem Weg unseres Lebens, die, indem wir auf sie zugehen, diesem Weg einen Sinngehalt geben. Somit weisen Werte die Richtung, in die wir gehen und geben uns Orientierung. Werte anzustreben erzeugt das Sinngefühl, das uns Halt gibt in dieser Welt der wechselhaften Zustände und Ungewissheiten.

Ebenen von Sinn

Man kann die Sinnsuche drei Ebenen zuordnen: Die erste stellt sich so dar: Solange wir wissen, welche Ziele wir haben und was wir leisten können; wenn wir uns sicher fühlen, dass die Dinge so funktionieren, wie wir uns das vorstellen, solange fällt uns nicht auf, dass wir auf der Basis der Sinnfrage Entscheidungen treffen. Das Leben scheint ganz selbstverständlich zu fließen, ganz von alleine.

Deutlicher an die Oberfläche tritt die Frage nach Sinn auf der zweiten Ebene und hier wird sie ganz bewusst gestellt, nämlich dann, wenn es um einschneidende, den Weg gravierend verändernde Lebensentscheidungen geht, wie z. B. Berufswahl, Wohnortwechsel, Heirat. Insbesondere auch dann wird sie gestellt, wenn Blockaden im Leben auftreten; wenn schwierige Ereignisse den freien Fluss des Lebens blockieren, also bei Grenzsituationen wie z. B. bei schwerer Krankheit, Tod und Trennung von geliebten Menschen, Arbeitsplatzverlust; oder auch bei schwierigen, lang anhaltende Problematiken mit Mitmenschen.

Es gibt allerdings auch die Tatsache, dass Menschen nach Sinn fragen – oder andersherum gesagt – an einem Sinnlosigkeitsgefühl leiden, die im materiellen Bereich alles haben: einen stabilen Beruf, sichere finanzielle Verhältnisse, Gesundheit, eine funktionierende Partnerschaft, eine gesunde Familie; die somit eigentlich wunschlos glücklich sein müssten. Ein Grund hierfür ist häufig, dass diese Gruppe von Menschen Werte verwirklicht, die von außen her als erstrebenswert bezeichnet werden, die sozial gängig und akzeptiert, ja auch prestigeträchtig sind. Sie spüren jedoch tief in ihrem Inneren, dass dieser Weg eigentlich nicht mit dem übereinstimmt, was sie für sich selbst tatsächlich für wichtig empfinden. Etwas Wesentliches in ihnen scheint übergangen zu werden.

Wiederum andere Menschen können ein Sinnlosigkeitsgefühl nicht direkt ausdrücken, weil sie es selber nicht als solches erkennen können. Sie fühlen sich häufig müde, erschöpft, unausgeglichen, gereizt, obwohl sie genug, ja manchmal sogar zu viel schlafen, und sich auch gesund ernähren. Nicht wenige kompensieren ein unbewusstes Sinnlosigkeitsgefühl mit einer Sucht, in welcher Erscheinungsform auch immer, oder sie entwickeln eine Depression.

Bei Sucht brauchen wir nicht nur an Alkoholismus und harte Drogen zu denken. Im Prinzip kann alles zur Sucht werden: Z.B. Essen, Kaffee, Rauchen, Sex, arbeiten, fernsehen, in der Freizeit ständig auf Achse sein, Internet, Sport, einkaufen etc. Auf der körperlicher Ebene kann sich ein Mangel an Sinnerfüllung in Form von psychosomatischen Erkrankungen zeigen – also Erkrankungen, die zwar Symptome zeigen, für die die Ärzte jedoch keine körperlichen Ursachen finden können.

Auf dieser zweiten Ebene der Sinnfrage Antworten zu finden, ist oftmals nicht leicht, ja, manchmal sogar ausgesprochen schwer; manchmal auch deshalb, weil verschiedene Ziele, die uns gleich wichtig sind, im Widerspruch stehen können. Hier muss ein Werte-Konflikt ausgetragen werden. Ab und zu scheinen Lösungen auch überhaupt nicht erkennbar zu sein, sodass es zur Verzweiflung bzw. zu einer regelrechten Sinnkrise kommen kann. Hier ist dann Unterstützung von außen wichtig, indem andere Mensch mithelfen nach Sinn zu suchen; seien es Freunde, Familienangehörige oder auch professionelle Begleiter.

Lebenssinn

Die dritte Ebene der Sinnsuche teilt sich nochmals in zwei Fragen auf: Was ist der Sinn meines gesamten persönlichen Lebens? Was ist der Sinn von Leben überhaupt, von dieser Welt, vom Universum, von allem, das existiert?

Viktor Emil Frankl (1905-97), der Wiener Neurologe und Psychiater, der die ‚Dritte Wiener Schule der Psychotherapie‘ – die Logotherapie und Existenzanalyse – begründet hat, prägte das Wort ‚Übersinn‘, für das, nach dem hier gesucht wird. Übersinn ist als transzendenter Sinn gemeint; der Sinn, der jenseits/über all den verschiedenen Sinnmöglichkeiten der einzelnen Lebensspannen steht.

Die Beantwortung der zweiten dieser beiden Fragen – also „Was ist der Sinn von Leben überhaupt?“ ist am Wenigsten möglich. Sie ist letztlich dem Glauben zuzuordnen. Mögliche persönliche Antworten für diese Frage lassen sich am ehesten finden und erfahren im Bereich der Religionen, spirituellen Schulen oder auch in der Philosophie. Für die erste Frage der beiden „Was ist der Sinn meines gesamten ganz persönlichen Lebens?“ kann möglicherweise am Lebensende ein roter Faden entdeckt werden, den man als persönlichen Lebenssinn erkennen könnte.

Wenige Menschen haben das Glück, schon in frühen Jahren davon überzeugt zu sein, einen Lebenssinn gefunden zu haben, was dann auch als Berufung bezeichnet werden kann, für die sie sich mit Leib und Seele engagieren. Wenn es generell um die Beantwortung der Sinnfrage geht, verhält es sich so, dass es allgemeingültige Ergebnisse nicht gibt. Denn für jeden einzelnen Menschen gestaltet sich Sinn anders, also ganz individuell. Selbst innerhalb eines einzelnen Lebens können Sinninhalte variieren, je nach Situation oder je nach Lebensphase. Im Alter z.B. hat manches nicht mehr dieselbe Bedeutung wie in jungen Jahren.

Sinnfindung steht somit immer in Bezug zu einer einzelnen Person und richtet sich jeweils nach der spezifischen Situation, in der diese Person gerade steht. Die Frage nach dem Sinn in jeglicher Lebenssituation und in speziellen Lebensabschnitten ruft sozusagen Teilsinne hervor in der Spanne zwischen Geburt und Lebensende. Diese reihen sich aneinander wie Perlen auf einer Schnur und bilden den geschlossenen Kreis eines Lebens – wie eine Halskette, die begonnen und beendet wird am Verschluss und somit ein Ganzes ergibt. Der Faden, der die Perlen durchzieht, könnte dann als der persönliche Lebenssinn betrachtet werden.

Wann erlebt der Mensch etwas als sinnhaft?

Eine wichtige Eigenschaft von Sinn ist, dass durch ihn ein Gefühl eines inneren Zusammenhangs im Lebenslauf entsteht. Das gibt ein Gefühl der Kontinuität und Stabilität. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass unser Gehirn dazu neigt, Unvollständiges unmittelbar zu einem Ganzen zusammenzufügen: Blicken wir z. B. auf einen Kreis, bei dem ein Stück der Rundung fehlt, vervollständigt unser Gehirn ihn automatisch. Wir sehen ihn so, als sei er als ein Ganzer abgebildet.

Ist in einem Wort ein Buchstabe falsch gedruckt, so wird er vom Gehirn unwillkürlich korrigiert, sodass dem Leser der Schreibfehler unter Umständen nicht unmittelbar auffällt, und er liest das Wort automatisch korrekt. Somit scheint tief im Menschen ein Streben nach Ganzheit oder nach Absolutem verwurzelt zu sein, nach Kontinuität, ohne das er sichunsicher und hilflos fühlen würde. Zusätzlich zeigen die Untersuchungen, dass er das Bedürfnis verspürt, Neues in bekannte Zusammenhänge einzuordnen, verschiedene Fakten zu strukturieren und zu organisieren, um einen Überblick zu gewinnen. Eine ungewisse, unüberschaubare Welt wird somit kontrollierbarer.

Sinn fügt zusammen, vervollständigt also. Keiner möchte eigentlich etwas Sinnloses tun. Im Kern sind alle Menschen sinnsuchende Wesen, die nicht nur ihr Dasein einfach „herunterleben oder durchstehen“ wollen, sondern die sinnvoll leben wollen. Immer wieder Sinn zu spüren, zieht nach im Leben vorne und gibt Kraft. – Ohne ein Sinnempfinden entsteht ein Gefühl von Leere, Langeweile, Vergeblichkeit. Der Lebenszusammenhang bekäme ohne Sinn Löcher, es fehlten Stücke. Das ist schwer auszuhalten, denn auf einer tief unbewussten Ebene setzen wir die Gefühle von Leere, Langeweile mit Vergeblichkeit und Tod gleich, der ja nun wirklich unausweichlich ist. Ohne Sinngefühl würden wir ständig an ihn erinnert.

Sinnempfinden hat somit für uns auch die Funktion, uns die Angst zu nehmen, die Angst vor der Endlichkeit in dieser Welt.

Sinnprinzip des Lebens

Aber es gibt auch noch eine Betrachtungsweise aus der Gegenrichtung: Verschiedentlich wird der Tod als „Sinnprinzip des Lebens“ bezeichnet. Gemeint ist damit: Wenn wir die Tatsache des Todes nicht verdrängen, sondern sie in unser Leben integrieren und sie uns immer wieder vor Augen führen, dann kann uns dies helfen, dass wir bewusster nach einer für uns sinnvollen, befriedigenden Lebensgestaltung streben. Zu sehen ist das bei Menschen mit einer medizinischen Diagnose, die in verhältnismäßig kurzer Zeit auf den Tod hinaus läuft. Sie überdenken die noch verbleibende Lebensspanne gründlich, erkennen, was überflüssig ist und konzentrieren sich nur noch auf das, was für sie wirklich wichtig erscheint.

Viktor E. Frankl stellt fest: Sinn ist im Leben immer vorhanden. Wir müssen ihn suchen, und wenn wir das ernsthaft tun, können wir ihn auch finden. Wir täuschen uns, wenn wir sagen, wir müssten den Situationen des Lebens einen Sinn geben. Das würde bedeuten, dass das Leben an und für sich beliebig und sinnlos wäre und es hinge allein von uns ab, es wertvoll zu machen durch unsere Sinngebung.

Die Lebenserfahrung zeigt jedoch, dass es immer wieder Ereignisse und Situationen gibt, die nicht in der Weise verlaufen, wie wir es wollen wünschen bzw. angestrebt haben, so sehr wir uns auch bemühen; sie zeigt, dass längst nicht alle Wünsche erfüllbar sind. Wird an diesen Stellen unser Leben dadurch sinnlos?

Gerade in dieser Situation nämlich taucht die spezielle Frage nach dem Sinn ja auf; diese Frage, ‚warum denn alles so anders verläuft als gedacht‘. Wir fangen an, nach dem Sinn zu suchen, weil der, den wir geben wollten, nicht erfüllbar war. Wir suchen nach einer Antwort in Form einer erklärenden Aussage, die in der Situation stecken könnte, nach einer Bedeutung. Wenn wir tief genug graben, können wir oftmals erkennen, dass es gut war, letztendlich besser für uns, dass so mancher Wunsch sich nicht erfüllt hat, manche Situation anders verlaufen ist als geplant.

Darin können wir dann plötzlich den tatsächlichen, den gegebenen und vorhandenen Sinn entdecken. In diesem Zusammenhang betonte Frankl immer wieder, dass wir nicht prinzipiell vom Leben etwas einfordern können. Dass die Frage nicht lautet: “Leben, was hast du mir zu bieten?“, sondern, dass uns vom Leben Fragen gestellt werden und es uns herausfordert, sie zu beantworten.

Fragen, die von uns beantwortet werden wollen und müssen, damit das Leben weiterfließen kann und nicht stagniert. Das Leben fragt in einzelnen Situationen immer wieder: „Lieber Mensch, wie willst du auf sie antworten, wie mit ihnen umgehen?“. Das bedeutet, nach einer inneren Haltung zu suchen, mit der wir dieser Situation begegnen wollen und aus der heraus wir dann handeln. Wir werden vom Leben durchaus auch immer wieder fraglos beschenkt, ohne dass wir viel dazu tun müssen. In der Regel jedoch stellt es an uns Herausforderungen, die wir mit Hilfe der Sinnfrage beantworten können und sollen.

Dadurch formen wir unser Dasein auf unsere ganz individuelle Weise; wir formen damit auch unsere Persönlichkeit. Wenn wir es wagen, den nicht immer leichten und nicht immer schnellen Weg der bewussten Sinnfrage zu gehen, dann trägt das zu unserer Reifung bei und zu dem Gefühl eines erfüllten Lebens, trotz mancher unerfüllter Vorstellungen und Erwartungen.

Der Mensch als Sinnsuchender und Entscheidender

Der Mensch ist somit immer ein Suchender, ein fortwährend Entscheidender und ein Gestalter. Aber er ist auch einer, der verstehen will. Deswegen fragt er auch immer wieder: „Warum, weshalb“ und „Wozu, wofür?“ Der Philosoph und Dichter Friedrich Wilhelm Nietzsche formulierte sogar: “Wer ein Warum zu leben hat, verträgt fast jedes Wie.“ Oftmals sind der Schmerz und die Anstrengung nicht so sehr das Belastende in einer schwierigen Lage, sondern mehr quält die Frage: „Warum dieser Schmerz? Warum ausgerechnet ich? Wozu soll das gut sein?“ Nietzsche meint: Der Mensch scheint fast alles zu ertragen, sofern er einen Sinn darin sehen kann.

Viktor E. Frankl konnte dies eindrücklich in seinem eigenen Leben erfahren: Er stammte aus einer jüdischen Familie und war während des Zweiten Weltkrieges für drei Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern interniert. Er konnte beobachten, dass diejenigen Menschen, die ein Ziel vor Augen hatten, das sie noch erreichen wollten – eine spezielle Aufgabe, die ihnen am Herzen lag oder geliebte Menschen, die sie wiedersehen wollten – dass diese Menschen die größeren körperlichen und seelischen Widerstandskräfte besaßen, um die massiven Strapazen in der Gefangenschaft zu bewältigen.

Im Gegensatz dazu standen die Menschen, die nur den Blick auf das Elend und das Leiden hatten. Sie konnten nicht lange durchhalten, wurden bald krank und starben. Ihn selber hielten am Leben die Hoffnung, Angehörige wiederzusehen und die Hoffnung, dass er seine philosophisch-psychologischärztliche Arbeit, die einmal zu seinem Lebenswerk werden sollte und die er bereits schon vor dem Krieg begonnen hatte, dass er sie weiterführen und die Erkenntnisse daraus in die Welt tragen wollte, zum Wohle vieler. So war ausgerechnet das Konzentrationslager der Ort, an dem seine Sinnerkenntnisse bestätigt wurden.

Werte und Sinn

Eng mit dem Sinn hängt der Bereich der Werte zusammen. Sinn ist immer gerichtet auf ein Ziel oder Ergebnis. Werte sind etwas, das für den Menschen Bedeutung hat. Sie sind das, was ihn unmittelbar angeht; auch etwas, das sein Herz erwärmt; etwas, wofür er sich engagieren will; etwas, das ihm wesentlich, gehaltvoll, wichtig erscheint. Diese Werte anzustreben, erzeugt ein Sinngefühl.

Es genügt ihm nicht – wie bereits erwähnt -, einfach nur da zu sein, sondern der Mensch will auch etwas Sinnvolles tun oder erleben. Werte sind die Ziele; der Weg dorthin erzeugt den Sinn. Sinn steht in enger Verbindung mit Hingabe an eine Aufgabe oder an einen oder an mehrere Menschen, in Verbindung mit Engagement, auch mit Altruismus einerseits und mit Selbstverwirklichung andererseits. Aus Sinnerfüllung erwächst Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl bis hin zu einem Identitätsgefühl.

Was können wir unter dem Begriff ‚Wert‘ verstehen? Auch das Wort ‚Wert‘ ist schnell dahingesprochen, genauso wie ‚Sinn‘. Wir denken zu verstehen, was damit gemeint ist. Dem Bereich der Ethik gehört dieser Begriff maßgeblich an und auch die Sozialwissenschaften beschäftigen sich mit ihm, die Theologie und die Philosophie. Die Politiker sprechen immer wieder einmal von ‚Normen und Werten‘ oder auch vom ‚Wertewandel‘. Werteverfall oder -verlust, Wertblindheit, Wertekonflikt oder auch Wertvorstellung beschreiben Zustände oder stellen Zusammenhänge dar.

Im alltäglichen Sprachgebrauch taucht das Wort ‚Wert‘ immer wieder einmal auf, dennoch nicht so häufig wie ‚Sinn‘ und die damit entsprechend zusammengesetzten Wörter. Eher noch als Synonym für Sinn, z.B. in der Redewendung, „das hat doch keinen Wert, …‘ anstelle von „das hat doch keinen Sinn, …“. Wir fragen zunächst eher nach dem Sinn als nach den Werten. An der oberflächlichen Austauschbarkeit der Begriffe ‚Sinn‘ und ‚Werte‘ können wir ihren engen Zusammenhang jedoch erkennen.

Bitten Sie einmal jemanden spontan zu antworten auf folgende Frage oder testen Sie sich selbst: „Welches sind deine wichtigsten Werte, die du auch insbesondere an deine Kinder weitervermitteln wolltest? Sie werden ziemlich schnell merken, dass die erste, spontane Reaktion ein „hmm, ja … Werte? – hmm…“ sein wird. Und falls etwas dazu einfällt, kommt die Antwort bald ins Stocken. Wir sind uns unserer für uns gültigen Werte weitgehend nicht bewusst.

Es haben sich schon die Philosophen den Kopf darüber zerbrochen; darüber, was Werte eigentlich sind und welche Funktion sie in unserem persönlichen Leben haben und in der Gesellschaft. Sie haben festgestellt, dass es unterschiedliche Arten von Werten zu geben scheint und haben versucht, sie verschiedenen Kategorien zuzuordnen. Es gibt verschiedene Werte- Systeme: Politische, wie z. B. Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie; religiöse der verschiedenen Konfessionen und Religionen; weltanschauliche wie Materialismus, Darwinismus, Positivismus, etc; und schließlich philosophische, z. B. Platonismus, Idealismus, Aristotelismus, usw.

Bzgl. der Werte ist ein eigener Zweig innerhalb der Philosophie entstanden, benannt mit ‚Axiologie‘, was so viel heißt wie „Die Lehre von den Werten“. Sie sehen, Werte haben es in sich. Dass sie eine Funktion erfüllen, ist allen, die sich gezielt mit ihnen auseinandersetzen, deutlich. Und so kann ich nochmals wieder darauf hinweisen, dass Werte Ziele sind auf unserem Lebensweg – Wegmarkierungen. Sie ziehen uns nach vorne. Das Streben dorthin gibt uns Befriedigung und Erfüllung und erzeugt dadurch ein Gefühl von Richtigkeit, Wichtigkeit und damit von Sinnhaftigkeit.

Wir finden Halt im Leben und in dieser Welt, für deren Unzuverlässigkeit, Wandelbarkeit und Endlichkeit tief in uns ein Gespür vorhanden ist, auch wenn wir es nicht täglich bewusst wahrnehmen. Sinn und Werte haben in übertragener Bedeutung somit die Funktion, die die Wirbelsäule und die Knochen für den Körper haben. Sie halten unser Leben in Form und uns selbst aufrecht. Im Grunde genommen kann alles zu einem Wert erhoben werden. Gegenstände können Werte sein; Beziehungen zu Lebewesen – ob zu Menschen, Tieren, Pflanzen -, Eigenschaften, Zustände, Vorgänge, Ideen und Ideale ebenso.

Alles, auf das wir uns ausrichten, weil es uns wichtig ist und uns im Innersten berührt. Sobald wir etwas als wichtig für uns betrachten, es also als wichtig bewerten, wird es für uns zu einem Wert. Wir versehen es mit Wertschätzung.

Wandelbare Werte

Und so spüren Sie vielleicht bereits, dass auch Werte genauso individuell sind wie Sinn. Sie können je nach Person verschieden sein. Für jeden ergeben sich andere Ziel- und Wertsetzungen aus seinem ganz individuellen Lebensumfeld heraus. Und auch je nach Lebensabschnitt können sie sich ändern. In diesem Zusammenhang muss aber auch erwähnt werden, dass Werte nicht prinzipiell nach vorne ziehen. Werte können auch zu Blockaden werden, wenn sie überkommen sind; wenn sich also Situationen weiterentwickelt haben und die bestehenden Werte nicht mehr mit den neuen Umständen zusammenpassen.

Wir können uns bezüglich unserer Werteausrichtung jederzeit umentscheiden; ja wir können sogar unsere persönlichen Werte gesellschaftliche Normen und Werten entgegenstellen, wenn wir letztere nicht mit unserem Gewissen vereinbaren können. Werte können ebenso unterschiedlich sein von Gesellschaftssystem zu Gesellschaftssystem, von Zeitepoche zu Zeitepoche.

So erkennen wir, dass es nicht nur persönliche Werte gibt, sondern auch Werte, die von einer ganze Gruppe von Menschen, also einer Gesellschaft bevorzugt und festgelegt werden. Auch hier gibt es Werte die länger von Bestand sind und solche, die irgendwann einem Wandel unterliegen. Die unantastbare Würde des Menschen ist in unserem Grundgesetz fest verankert, ebenso die Achtung des Eigentums oder die Religionsfreiheit. Der Wert ‚Ehe‘ hat sich jedoch in den letzten Jahrzehnten verändert und Erweiterungen erfahren in Richtung Lebensgemeinschaft ohne Trauschein oder Eheschließung zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern.

Unveränderliche Werte

„Ja, aber…“ wird es vielleicht in manchem von Ihnen aufsteigen, „ja gibt es denn überhaupt keine stabilen Werte in dieser Welt? Wenn Werte so wichtig sind, um uns Stabilität und Sinn zu geben, sie sich aber dennoch auch wandeln können ebenso wie alles andere in dieser Welt, worauf können wir und dann noch verlassen?“ „Gibt es denn keine allgemeingültigen Werte, die alle Menschen betreffen und dabei unveränderlich sind?“ Ja, davon gibt es welche.

Der grundlegendste Wert, der wirklich jeden Menschen etwas angeht, ist die Liebe in ihrer ursprünglichsten und umfassendsten Form – nicht allein auf die erotische Liebe begrenzt. Ohne Liebe kann kein Mensch leben. Ganz besonders braucht das Kind sie, um gedeihen zu können, aber auch der Erwachsene – gleichgültig in welcher Altersstufe – lebt heraus aus dem Bedürfnis nach angenommen sein, nach Respekt und Bestätigung; auch eine wertschätzende Haltung sich selbst gegenüber gehört dazu.

Ist Liebe nicht in irgendeiner Form gegeben – und sei es, dass ich einen versöhnlichen Umgang mit mir selber habe -, wird der Mensch seelisch und auch körperlich krank. Ein anderer grundlegender Wert ist der Glaube, und zwar auch in seiner übergreifenden Form – nicht nur im religiösen Sinne: Der Mensch glaubt immer. Er glaubt an das, was er für wahr hält, was er täglich sieht, was ihn umgibt. Er glaubt an sich selbst, ansonsten könnte er überhaupt nichts zu Stande bringen. Und derjenige der behauptet, er würde an nichts glauben, glaubt dennoch an etwas, nämlich daran, dass er eben „an nichts glaubt“.

Hoffnung ist ein ebenso existenzieller Grundwert; genauso Mut, Freude, Vertrauen. Ohne ein gewisses Maß an Vertrauen, dass unser Tun zu einem gewünschten Ergebnis führen wird, wären alle Anstrengungen und Handlungen unmöglich. Ohne diese existenziellen Werte könnte kein Mensch die Ansprüche, die das Leben an jeden Einzelnen stellt, erfüllen und durchhalten. Erfahrungsgemäß können sie allerdings jedoch verdeckt sein durch problematische Lebenserfahrungen.

Sie können tief in uns verschüttet sein, obwohl sie immer vorhanden sind. Das führt dann zur Krise oder zu Blockierungen im Geistigpsychischen, die den freien Fluss des Lebens behindern. Werte haben immer etwas damit zu tun, dass wir uns nach ihnen ausrichten, dass wir sie anstreben; dass wir uns um sie bemühen müssen, sie pflegen müssen. Es hängt letztlich von unserer Entscheidung ab, ob wir sie als Bestandteil unseres Lebens betrachten oder nicht.

Bewusste Zuwendung zu Werten

Sie können vielleicht jetzt schon erahnen, dass sich in der bewussten Zuwendung zu den Werten ein sehr weites Feld eröffnet. Wenn man sich nur einmal allein einen einzelnen Wert genauer ansieht und ihn untersucht, um erkennen zu können, was er eigentlich aussagt und beinhaltet in seiner vollen Breite, Höhe und Tiefe, entdeckt man ein viel weiteres Spektrum an Aussagen als zunächst vermutet.

Das kann eine große Bereicherung sein und auch zu einer Neuorientierung und Neugestaltung des Lebens führen. Die bewusste, gezielte Auseinandersetzung mit einzelnen Werten trägt eine hohe Qualität in sich. Damit meine ich, dass der Blick auf das Leben geweitet wird und es ebenso eine größere Tiefendimension bekommt; sowohl das bisher gelebte Leben als auch das gegenwärtige und ebenso das zukünftige.

Wir können uns z.B. einen Wert hernehmen, der uns wichtig ist, z. B. ‚Hilfsbereitschaft‘ oder ‚Mut‘. Dann gehen wir unser bisheriges Leben in der Erinnerung durch und suchen danach, an welchen Stellen wir den entsprechenden Wert erfahren, aber auch selber gelebt haben. Wir können dabei wider Erwarten Situationen entdecken, in denen diese Werte verwirklicht wurden, die wir jedoch bereits vergessen haben. Wenn wir diesen Situationen nochmals nachspüren, fühlt sich unser Leben runder oder versöhnlicher an.

Gerade in Zeiten, in denen es uns nicht so gut geht, können wir dies tun. Wir werden in der Regel immer etwas entdecken, für das wir dankbar sein können oder das in uns ein Lächeln oder Freude hervorruft. Wir können durch die bewusste Zuwendung zu den Werten auch unseren zukünftigen Weg gezielter nach den eigenen Vorstellungen gestalten, was einen sehr viel höheren Grad an Lebenszufriedenheit gibt als möglicherweise bisher.

Werte-Bereiche

Viktor Frankl hat eine recht praktische Beschreibung und Unterteilung der Werte gegeben. Er unterscheidet zwar auch erst einmal ganz allgemein materielle Werte, geistige, religiöse, sittliche, ästhetische, soziale und persönliche Werte. Seine spezifische Unterteilung umfasst drei Gruppen, die drei verschiedene Möglichkeiten der persönlichen Sinnerfüllung ergeben und sozusagen „Hauptstraßen zum Sinn“ darstellen: die schöpferischen Werte (die mit kreativer Gestaltung zu tun haben), die Erlebniswerte (die dem Bereich des Erlebens und der Erfahrung zuzuordnen sind), die Einstellungswerte (die eine innere Haltung ausdrücken).

Schöpferische Werte

In dieser Gruppierung sind alle die Bereiche zusammengefasst, in denen etwas geschaffen und gestaltet wird, in denen etwas in die Welt hineingegeben wird. Das ist nicht nur künstlerisches Gestalten (bildlich, musikalisch, dichterisch, Schauspiel, Tanz), sondern auch basteln, handwerklich tätig sein, kochen und eine Essenstafel gestalten, einen Pullover stricken; ein Haus entwerfen und bauen; wissenschaftliche Forschung, Kranke pflegen; auch die berufliche Betätigung und die Erziehung der Kinder. Hierbei können wir sehen, dass es niemals nur das Spektakuläre ist, das einen schöpferischen Wert darstellt.

Erlebniswerte

Bei den Erlebniswerten handelt es sich um die innere Bereicherung des Erfahrens und Erlebens. Geht es bei den schöpferischen Werten darum, etwas Wertvolles in die Welt zu setzen, so wird durch die Erlebniswerte etwas Wertvolles aus der Welt aufgenommen bzw. etwas Gegebenes angenommen. Ich will auch hier einige Beispiele von vielen nennen: Musik hören, ein Gemälde betrachten, einen Spaziergang in der Natur machen, ein gutes Essen genießen, ein entspannendes Bad nehmen, ein gutes Gespräch mit Freund/ Freundin, die liebevolle Zuwendung oder die Liebe, die durch einen Menschen erfahren wird.

Dabei geht es bei den Erlebniswerten nicht um die Jagd nach Fun und Action oder darum, dass man andauernd auf Achse ist und von einem Erlebnistermin zum nächsten eilt. Die Jagd nach Erlebnissen führt früher oder später bei jedem Menschen zu einem Gefühl der Schalheit und inneren Leere und zur Erschöpfung. Die Erlebniswerte sind zu so zu verstehen, dass eine Verinnerlichung des Erlebten stattfindet; darum, dass die einzelne Wertmöglichkeit im Inneren berührt, in der Seele, im Herzen und mich so in Kontakt bringt mit mir selbst. Auf diese Weise sind Erlebniswerte Kraft spendende Zentren.

Einstellungswerte

Diese Werte haben bei V. E. Frankl eine besondere Bedeutung. Sie lassen Sinnerfüllung zu trotz unabänderlichem Schicksal. Man kann trotz fortdauernder Begrenzung (z.B. im gesundheitlichen Bereich oder im finanziellen) immer noch Werte finden und damit Sinn; z. B., dass der im Rollstuhl Sitzende anderen Menschen seelischen Beistand leistet, die ein ähnliches Schicksal haben und nicht damit zurechtkommen. Selbst in einer Situation größter äußerer Begrenzung bleibt dem Menschen jederzeit die innere Freiheit, wie er sich zu dieser unveränderbaren Gegebenheit verhalten will. Es kommt darauf an, wie er ein unabänderliches Leiden, ein unveränderbare Situation trägt.

Ich zitiere Frankl: „Tatsächlich: Auf das Tragen kommt es an – darauf, wie man das Schicksal trägt, sobald man es nicht mehr in die Hand nehmen, sondern vielmehr nur noch auf sich nehmen kann. Mit anderen Worten: Wo keine Handlung mehr möglich ist – die das Schicksal zu gestalten vermöchte -, dort ist es nötig, in der rechten Haltung dem Schicksal zu begegnen ….“ .

Wenn die Begrenzung akzeptiert werden kann ohne sich in der Opferrolle zu verlieren, ohne an der Enttäuschung bzgl. verlorener Möglichkeiten festzuhalten, dann sind im Rahmen des Gegebenen dennoch neue Wertmöglichkeiten zu entdecken, die Sinnerfüllung geben. Einstellungswerte haben damit zu tun, wie ich mich zu einer solchen Situation verhalte, ob ich ständig klage oder ob ich versuche, aus dem Gegebenen das Bestmögliche zu machen.

Einstellungswerte zu verwirklichen, stellt eine immense Lebensleistung dar und sie stehen den schöpferischen Werten und den Erlebniswerten in nichts nach, selbst wenn sie weit weniger augenfällig sind. Viktor Frankl gibt dieser Gruppe von Werten sogar den höheren Stellenwert gegenüber den Schöpferischen Werten und den Erlebniswerten. Denn wenn man gesund ist und die nötigen Mittel hat, dann fällt es relativ leicht, das Leben erfolgreich zu gestalten.

An einem anderen Zitat von ihm, das ein Extrem beschreibt, wird nochmals deutlich, weshalb er die Einstellungswerte so betont: “Wir, die wir in den Konzentrationslagern waren, erinnern uns an Männer, die durch die Baracken gingen und andere trösteten und dabei ihr letztes Stück Brot weggaben. Es waren vielleicht nicht viele, doch sind sie sind der lebende Beweis, dass dem Menschen alles genommen werden kann, nur eines nicht: die letzte der menschlichen Freiheiten, angesichts einer bestimmten Lage seine eigene Entscheidung zu treffen, seine eigene Haltung zu bestimmen.“

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Leben immer und ausnahmslos sinnvoll ist, sogar im Sterben, d.h. dort, wo es sonst tatsächlich keine anderen Möglichkeiten der Gestaltung mehr gibt. Auch dem Sterben kann mit einer Einstellung begegnet werden, die noch Sinn ergibt. Indem ich dem bevorstehenden, unausweichlichen Tod in Würde und Demut begegne und nicht versuche gegen ihn anzukämpfen, kann ich ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für die Zurückbleibenden dahingehend, dass selbst der Tod dem Menschen nicht die Würde nehmen kann. Das kann Vorbild sein für sie und sie dazu aufrufen, ihr Leben bewusst und sinnvoll zu gestalten.

Es müssen jedoch nicht nur diese schwerwiegenden Ereignisse sein, die nach Einstellungswerten verlangen. Es gibt viele Begebenheiten im alltäglichen Leben, bei denen wir unsere Vorstellungen und Wünsche nicht sofort oder auch überhaupt nicht umsetzen können. Auch hier kommt es darauf an, wie wir damit umgehen. Wir können Groll hegen, aggressiv, depressiv, gekränkt sein oder wir üben uns in Geduld und Vertrauen oder nehmen die Situation an und suchen nach Alternativen.

Sinn dieses Beitrags

Zum Ende dieses Beitrages werden Sie sich vielleicht fragen: „Und was fange ich jetzt damit an? … Wozu ist das jetzt gut? … – Also: Welchen Sinn macht das jetzt, dass ich genauer über Sinn und Werte Bescheid weiß? – Hmm…, merken Sie? … Da fragen Sie schon wieder nach dem Sinn…! –

Es macht den Sinn, dass Sie der Überschrift entsprechend erkennen, wie sehr die Frage nach dem Sinn und die Ausrichtung auf Werte unser Leben lenkt. Somit können Sie beginnen, bewusst diese Einsicht zu nutzen und mehr Einfluss auf ihr Leben nehmen, indem Sie einmal eine Bilanz Ihrer Werte machen und – wenn nötig – sie entrümpeln. Sie können sich neu ausrichten auf Werte, die mehr ihren eigenen Vorstellungen gemäß sind.

Oftmals haben wir nämlich unbemerkt Werte von anderen Menschen übernommen, in der Kindheit von Erziehungsberechtigten aber auch später noch als Erwachsene aus unserer Umgebung, ohne dass sie eigentlich uns selber entsprechen. Es geht bei dem bewussten Umgang mit den Werten darum, sich selbst mehr gerecht zu werden, authentischer zu leben.

Oder Sie können sich gemäß den Einstellungswerten bei unabänderlichen Dingen, bei denen es Ihnen schwerfällt sie zu akzeptieren oder mit ihnen umzugehen, auf den Weg machen und nach neuen Perspektiven suchen, die Ihnen helfen, das Gegebene besser tragen zu können. Sich bewusst mit der Sinn- und Wertefrage auseinander zu setzen ermöglicht es, dass wir weniger durch äußere Umstände gelebt werden, sondern dass wir unser Leben mehr selbst
bestimmen, in die Hand nehmen und nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten können.