Denken und Gefühle wären ohne den Körper gar nicht möglich. Und ebenso wirken unsere Gedanken und das, was wir fühlen, auf unseren Körper ein. Wenn wir unseren Körper einbeziehen, dann ist uns nachhaltige Verhaltensänderung möglich.

In meinem Artikel “Embodiment – Wo bleibt der Körper?” schrieb ich darüber, dass es oft immer noch irgendwie unseriös und peinlich erscheint, Körperwahrnehmung zu lehren und zu lernen.

In einem Seminar mal kurz Pause machen und die Fußflächen auf dem Boden spüren? Da wird man leicht ins esoterische Eck abgeschoben oder nicht wirklich ernst genommen. Es genügt schon, bei einer mehrstündigen geschäftlichen Besprechung sein Bedürfnis kundzutun, eine Unterbrechung zu brauchen, um etwas zu essen; ganz zu schweigen davon, einen Spaziergang vorzuschlagen, um Luft zu schnappen und sich ein wenig im Freien zu bewegen.

Der Körper scheint irgendwie peinlich, unnötig oder gar lästig zu sein, was zählt ist das rationale Denken (das in dieser Sichtweise ohne den Körper auskommt).

In der Psychologie hatte der Mensch lange keinen Körper. Und das ist wohl teilweise noch immer so. In den letzten Jahren wurde allerdings in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen (v.a. Psychologie, Neurobiologie und Kognitionswissenschaft) zur Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche geforscht. Etabliert hat sich der Begriff Embodiment. Auch im Deutschen wird zumeist der englische Begriff verwendet. Die deutsche Übersetzung lautet Verkörperung.

 

Was ist mit Embodiment gemeint?

Das Konzept Embodiment geht davon aus, dass Körper und Geist (kognitives System und Psyche) in wechelseitigem Bezug stehen. Denken und Gefühle wären ohne den Körper gar nicht möglich. Und ebenso wirken unsere Gedanken und das, was wir fühlen, auf unseren Körper ein.

Unsere Körperhaltung beeinflusst unsere psychische Verfassung. Wenn ein Gefühl nicht die passende Verkörperung erfährt, kann es nicht aufrechterhalten werden, wie Maja Storch im Buch “Embodiment” schildert. Sie bringt folgendes Beispiel: Wenn sie so richtig wütend wäre, dann würde sie das Embodiment unterstützen, das zu ausgelassener Heiterkeit passt. Bei ihr wäre das: Den Brustkorb ganz weit werden lassen, den aufgeregten Atem in regelmäßig tiefe Atemzüge überführen, den Kopf leicht heben und einen Weitwinkelblick einnehmen.

Das heißt allerdings nicht, unerwünschte oder unangenehme Gefühl zu unterdrücken. Wichtig ist, sie erst einmal wahrzunehmen. Und das ist zunächst über den Körper möglich: bei mir kenne ich einen brennenden Klumpen im Bauch, gehetzen Atem sowie Druck im Kopf.

 

Eine gewünschte Verhaltensweise ermöglichen

Sehr folgenreich ist, dass wir durch Embodiment eine gewünschte Verhaltungsweise bzw. Verfassung ermöglichen können (“ermöglichen” ist mir hier lieber als “herstellen” oder “erzeugen”, was mir zu mechanisch klingt). Ja, die Annahme ist, dass wir ohne Einbezug des Körpers überhaupt keine nachhaltige Verhaltensänderung erreichen können. Ich möchte Ihnen dazu ein Beispiel bringen.

 

Beispiel Grenzen setzen und Nein sagen

Für viele Menschen ist Grenzen setzen ein Thema. Sie haben Schwierigkeiten damit, zu ihren Bedürfnissen zu stehen und Nein zu sagen. Stellen wir uns vor, jemand möchte das ändern. Und nehmen wir an, dieser Jemand ist eine Frau.

1. Schritt: Sich ein Ziel setzen

Das Ziel sollte positiv formuliert sein, also beinhalten, welche Verfassung sie erreichen will (nicht, was sie nicht mehr haben will), und zwar möglichst präzise.

Dazu ist es hilfreich, sich die gewünschte Handlung bzw. Verfassung auszumalen: Wie genau will sie in dieser Situation sein und agieren? Welche Bilder und Vergleiche fallen ihr dazu ein? Das ist etwas ganz Persönliches und kann nur von der betroffenen Person erarbeitet werden.

Wenn ich mich selbst in die Situation hineinversetze, dann nehme ich wahr: aufrecht, klarer Blick, meine Augen weich, Weite im Brustraum, mein Atem fließt gleichmäßig, ich spüre meine Füße auf dem Boden, ich nehme Standfestigkeit und gleichzeitig Flexibilität in meinen Gliedmaßen wahr, es fühlt sich geschmeidig an…

Als Bild kommt: wie eine Birke, sie wirkt stark und sanft zugleich, fest verwurzelt im Boden, mit grazilen Ästen. Ich möchte klar und freundlich sein wie eine Birke. Das wäre also mein Ziel.

2. Schritt: Embodiment erarbeiten

Nun gilt es, die ganz persönliche Form des Embodiments für dieses Bild zu entwickeln.

Um bei meinem Bild zu bleiben, würde das bei mir so aussehen: Mich so hinstellen, dass ich meine Füße stabil auf dem Boden spüre, die Knie leicht gebeugt, meine Wirbelsäule ist aufrecht und bewegt sich mit dem Becken leicht nach vorne und hinten sowie nach rechts und links, wobei auch leicht kreisende Bewegungen dabei sind, mein Blick ist geradeaus gerichtet, mein Blick ist aufmerksam und doch entspanne ich dabei meine Augen, sie fühlen sich weich an. Ich achte darauf, dass mein Atem gleichmäßig fließt und sich mein Brustkorb dehnen kann.

3. Schritt: Üben, üben, üben

Dieses Embodiment gilt es nun zu üben, am besten mehrmals täglich.

Wenn es sich einigermaßen sicher anfühlt, dann kann in einer mittelschweren Situation geübt werden. Beispielsweise könnte sich die Frau vornehmen, sich die Verkörperung zu vergegenwärtigen und auf die von ihr gewünschte Art Nein zu sagen, wenn der Kollege sie wiederum an einem Freitag Nachmittag bittet, etwas „dringendes noch diese Woche zu erledigen“, obwohl sie gerade unterwegs ins Wochenende ist.

Hier wird abzuwägen sein, was der Situation angemessen ist, d.h. was nur im eigenen Erleben bleibt, ohne dass es weiteren anwesenden Personen auffällt. Fester Stand, Atem – kein Thema. Ich würde allerdings meine kreisenden Hüftbewegungen nicht so ausführen, dass der Kollege sie wahrnimmt :-)

Momentan noch zu herausfordernd wäre vielleicht, gleich in Situationen mit dem Chef die neue Verfassung zu erproben. Aber auch das wird möglich, sobald sie „in Fleisch und Blut übergegangen“ ist. Damit das passiert, heißt es aber: Dran bleiben!

 

Embodiment und Kommunikation

Auch in die Kommunikation hält der Körper Einzug. Letzten Oktober ist das Buch “Embodied Communication: Kommunikation beginnt im Körper, nicht im Kopf” von Maja Storch und Wolfgang Tschacher erschienen. Ich werde das Buch in Kürze hier auf Leben-ohne-Limit vorstellen.

Was halten Sie von der Embodiment-Übung? Wollen Sie sie ausprobieren? Oder haben Sie das bereits getan – wie sind Ihre Erfahrungen?

Im dritten Teil meiner Artikelserie zu Embodiment möchte ich auf “Embodied Life” eingehen, einen Ansatz der mir persönlich sehr nahe steht.

Quellennachweis: Maja Storch, Benita Cantieni, Gerald Hüther, Wolfgang Tschacher: Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen. Huber 2006 (Ich habe das Buch in 1. Auflage, mittlerweile ist allerdings bereits die 2. Auflage erschienen).

 

Regina Schlager

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Regina Schlager öffnet als Coach, Autorin und Podcast-Gastgeberin Räume, um in lebendigen, kreativen und achtsamen Kontakt mit sich selbst, anderen und der Welt zu kommen und aus dieser Verbindung heraus zu handeln. Sie studierte Germanistik und Philosophie in Wien und arbeitete 20 Jahre lang in Beratungsunternehmen im Informations- und Wissensmanagement sowie der Aus- und Weiterbildung. Sie lebt in Zürich.