Der Artikel stammt von Lea Hamann, Coach und Seminarleiterin. © Lea Hamann

Wir leben in einer Gesellschaft in der Frauen gleichberechtigt sind. Gibt es heute noch besondere Herausforderungen für Frauen, die sich selbständig machen? Wie kann man diesen Weg meistern?

Der Weg in die berufliche Selbständigkeit ist ein Weg, der nicht immer einfach ist. Wer den Weg in die Selbständigkeit betritt, erklärt sich bereit, seine eigenen Fähigkeiten in die Welt einzubringen und daraus einen Beruf zu entwickeln. Doch es sind nicht nur unsere Stärken, die uns auf diesem Weg begegnen – wir werden auch mit unseren inneren Baustellen konfrontiert. Wer sich darauf einlässt und bereit ist, an sich selbst zu arbeiten wird bemerken, dass dadurch auch die eigene Selbständigkeit weiter wächst.

In meiner Arbeit als Coach begleite ich vor allem Frauen dabei, ihr eigenes Business zu entwickeln. Dabei ist mir aufgefallen, dass es für Frauen eine besondere Herausforderung – aber auch eine besondere Chance ist, den Weg in die berufliche Selbständigkeit zu beschreiten.

Mädchen für alles – Für alle sorgen, nur nicht für dich

Wenn Männer sich selbständig machen, beginnen sie meistens damit zu überlegen, was sie beruflich machen wollen. Bei Frauen ist oftmals das Gegenteil der Fall. Vielen Frauen wird zunächst einmal bewusst, wie viele Aufgaben sie bereits übernommen haben. Viele Frauen kümmern sich bereits um so viele Dinge, dass es für die berufliche Selbständigkeit gar keinen Platz gibt. Der erste Schritt für viele Frauen ist daher, sich darüber bewusst zu werden, welche Elemente den Raum ihres Lebens füllen.

Es ist hilfreich, sich ein Bild vom Raum des eigenen Lebens zu zeichnen und alles hineinzuschreiben, das den Raum des Lebens momentan füllt.
• Notieren Sie sich die Aufgaben, die Sie jede Woche übernehmen.
• Notieren Sie sich die Personen, für die Sie sorgen.
• Betrachten Sie Ihr Bild und nehmen Sie wahr, was den größten Teil Ihrer Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.
• Machen Sie sich bewusst, was von all diesen Aktivitäten wirklich stimmig ist. Gibt es etwas, dass Sie gerne aus Ihrem Leben verabschieden würden?

Es geht an dieser Stelle selbstverständlich nicht darum, die Verantwortung für die eigenen Kinder loszulassen, die noch sehr klein sind – manchmal geht es lediglich darum sich von einer ehrenamtlichen Tätigkeit zu befreien oder aufzuhören immer für Freunde und Bekannte einzuspringen und ständig nur für andere zu sorgen.

Wer den Weg in die eigene Selbständigkeit beschreitet, braucht eine Portion gesunden Egoismus. Das bedeutet, dass wir einen Raum in unserem Leben entwickeln, der uns selbst gehört. Sie dürfen Zeiten einplanen, in denen Sie nicht gestört werden. So hat Ihr eigenes Business einen Wachstumsraum, in dem es langsam gedeihen kann. Die Zeit für Ihre Selbständigkeit kann übrigens auch kurz sein. Selbst wenn Sie jede Woche nur 1-2 Stunden Zeit für Ihre Selbständigkeit verwenden können, kann sich daraus etwas entwickeln.

Die eigenen Stärken kennen und nutzen

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich mich bei Beginn meiner eigenen Selbständigkeit sehr oft mit meinem Partner verglichen habe. Mir fiel auf, dass er in der Lage ist, ziemlich konstant jeden Tag dieselbe Menge an Arbeit zu erledigen. Bei mir sah das allerdings ganz anders aus. Es gab Phasen, in denen war ich so aktiv, dass ich doppelt so viel erledigen konnte, wie sonst. Dann gab es aber auch Zeiten, in denen ich sehr ruhebedürftig war und gerade nur das Nötigste erledigte.

Einige Jahre habe ich diese Besonderheit als Schwäche gesehen. Ich versuchte nach Kräften, genauso zu funktionieren wie ein Mann. Doch je mehr Frauen ich kennengelernt habe und mich mit ihnen ausgetauscht habe, wurde mir klar, dass ich mit diesem Phänomen nicht alleine bin. Mit der Zeit habe ich erkannt, dass Frauen einen eigenen Rhythmus haben, der sich in ihrem Leben und Arbeiten bemerkbar macht.

Das Experiment, mich auf meinen eigenen Rhythmus einzulassen, war sehr erfolgreich. Mir fiel auf, dass ich leistungsfähiger und gesünder bleibe, wenn ich meinem Rhythmus folge. Wenn meine kreative Phase da ist, erledige ich mehr. Kommt die Ruhephase, gönne ich mir mehr Zeit für mich selbst. Natürlich gibt es auch feste Termine, die man nicht aufschieben kann, doch wenn ich die beweglichen Bereiche meiner Selbständigkeit an meinen eigenen Rhythmus anpasse, fügt sich das Ganze meistens sehr harmonisch.

Wir leben in einer Welt in der vor allem unsere Berufe von Männern geprägt wurden. Selbstverständlich haben Männer die Berufe an ihre eigenen Bedürfnisse angepasst, so dass ihre Stärken zur Geltung kommen. Als Frau sollten wir darauf achten, unsere eigene Besonderheit und Stärke kennenzulernen. Wenn wir unserer Weiblichkeit auf entspannte Weise Raum geben, kann ein Beruf entstehen, mit dem wir uns auf lange Sicht wohl fühlen.

Die Begegnung von Frauen und Männern im Beruf

Auch wenn wir in einer Welt leben, in der Frauen gesetzlich gleichberechtigt sind, so tragen wir oft noch immer viele alte Überzeugungen in unseren Köpfen, die unsere Erfahrung im Alltag prägen. Für viele Frauen – ob selbständig oder nicht – ist die Begegnung mit Männern im Berufsbereich eine Herausforderung. Selbst wenn es nur darum geht einem Webdesigner klar zu machen, wie er die Vision für eine Webseite umsetzen soll, geraten viele Frauen ins Schlingern. Denn oftmals tragen wir als Frau ein Bild in uns, dass uns sagt wie wir als Frau sein sollten: Zurückhaltend und zufrieden mit dem was wir bekommen.

Wenn eine Frau zu sich steht und ihre eigene Stärke lebt, gerät sie leicht in Konflikt mit dem alten Frauenbild. Das alte Frauenbild besagt, dass Frauen eher sanft sein sollen. Oftmals legen Frauen ihre Weiblichkeit ab und betonen ihre männliche Seite, weil wir Jahrhunderte lang geprägt wurden, beruflichen Erfolg als eine männliche Qualität zu deuten.

Es ist hilfreich, sich bewusst zu machen wenn diese alten inneren Bilder getriggert werden. Meistens erkennt man das daran, dass in manchen Situationen ein ungutes Gefühl aufkommt. Anstatt zu versuchen, dem alten Frauenbild gerecht zu werden, dürfen wir diese alten Bilder über Bord werfen und durch neue Bilder ersetzen.

Da jeder Mensch eine weibliche und eine männliche Seite besitzt, beginnt die Grenze zwischen den Geschlechtern sowieso immer mehr zu verschwimmen – und das ist gut so. Letzten Endes ist die Tatsache, ob wir eine Frau oder ein Mann sind, in unserer Selbständigkeit Nebensache. Wichtig ist, dass wir anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen, unsere eigenen Stärken kennen und uns erlauben, erfolgreich zu werden.

Die erfolgreiche Frau

Je mehr Frauen sich erlauben, den Weg in ihre berufliche Selbständigkeit so zu gestalten, dass sie sich damit wohlfühlen, umso besser. Denn Frauen, die auf ihre eigenen Bedürfnisse eingehen, entwickeln automatisch eine Selbständigkeit die zu ihnen passt.

Jede Frau die selbstbewusst ihren Weg geht, zeigt eine mögliche Variation dieses Wegs auf. Es gibt kein Rezept das für alle passt. Es gibt kein Bild das für alle gültig ist. Aber es gibt die Möglichkeit, das Rezept für deine eigene Selbständigkeit zusammenzustellen, die sich gut anfühlt.

Wenn Frauen sich Erfolg erlauben und ganz selbstverständlich ihren Weg gehen, kann sich in unserem Bewusstsein ein neues Bild entwickeln – das Bild von einer entspannten, starken, erfolgreichen Frau.