Sich besser zu erkennen und zu verstehen, ist ein uralter Wunsch der Menschen. Das Enneagramm bietet dafür einen vielversprechenden Ansatz. Der Artikel stammt von Ruth Scheftschik, Therapeutin für Logotherapie und Existenzanalyse. © Ruth Scheftschik

Über die Jahrhunderte und Jahrtausende der Menschheitsgeschichte hinweg wurde immer wieder versucht, eine Ordnung zu finden für die Erscheinungsformen des menschlichen Temperaments und Charakters. Denn schon im Altertum fiel auf, dass Menschen trotz der Einzigartigkeit ihrer Person immer wieder auch etliche markante Ähnlichkeiten in der Art ihres Auftretens haben. So entstanden
immer wieder Charakterlehren oder Typologien, die diese Ähnlichkeiten zu beschreiben und zu
erkunden suchten.

Eine davon, die bereits in den Alltagsgebrauch übergegangen ist, ist die Einteilung in Melancholiker, Phlegmatiker, Choleriker und Sanguiniker. Eine weitere unter anderen ist zum Beispiel der Myers-Briggs-Typenindikator, der teilweise im Coaching und im Personalwesen eingesetzt wird. Auch in literarischen Werken haben zahlreiche namhafte Dichter und Schriftsteller über die Jahrhunderte hinweg und unabhängig voneinander eine Menge eingehende charakterliche Beschreibungen ihrer Darsteller hinterlassen, die darauf hinweisen, dass es trotz aller Individualität verschiedene Gruppierungen von Charakteren gibt.

Das Enneagramm ist ebenso eine Persönlichkeitstypologie, ein Modell, das sehr dazu beiträgt, sich und seine Mitmenschen besser verstehen zu lernen. Nur wer sich selbst versteht, kann andere Menschen besser verstehen und ebenso die Konflikte, die durch zwischenmenschliche Beziehungen immer wieder aufgeworfen werden. Je eingehender die Beschäftigung mit dem Enneagramm stattfindet, desto mehr ist zu erkennen, wie vielschichtig, tiefgängig und präzise es in seinen Beschreibungen ist und wieviel Hilfestellung und Klärung dadurch erfahren werden kann.

Aber bereits schon ein allgemeineres Verstehen der verschiedenen Muster ermöglicht erfahrungsgemäß eine deutliche Erleichterung im Selbstverständnis und im Zusammenleben mit anderen Menschen. Darüber hinaus und im Gegensatz zu anderen Modellen ist das Enneagramm keine statische Beschreibung sondern ein Modell, mit dem dynamisch gearbeitet werden kann.

Im Enneagramm sind es neun verschiedene Persönlichkeitsstile bzw. Persönlichkeitsmuster, mit denen die unterschiedlichen Weisen des menschlichen Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handelns beschrieben werden. Die Individualität der einzelnen Person ist mit diesen Mustern verwoben. Diese enthalten sowohl starke, positive Eigenschaften als auch schwierige, hinderliche. Letztere blockieren in der Beziehung zu anderen Menschen und am erfolgreichen Vorankommen im eigenen Leben und sie verdecken die Stärken. Sie wiederholen sich immer wieder, laufen fast automatisch ab. Bemerken können wir sie höchstens dann, wenn wir an uns immer wieder dieselbe Verhaltensweise beobachten, obwohl wir eigentlich ganz anders handeln wollten.

Eine dazu passende Frage ist zum Beispiel: “Warum habe ich schon wieder so reagiert? Das wollte ich doch gar nicht.“ Oder wenn wir von anderen zu hören bekommen: „Das ist mal wieder typisch für dich.“ Auch wenn Menschen übereinander reden, hört man Sätze wie: “Das ist immer das Gleiche mit ihm/ihr. Sie oder er kann eben nicht anders.“

Eine spezifische charakterliche Grundveranlagung/Disposition bringt jeder Mensch bei der Geburt mit. Entscheidend geprägt wird sie jedoch in der frühen Kindheit durch die Erziehungseinflüsse von den Eltern, anderen Erziehungsberechtigten und Autoritätspersonen des frühen Erwachsenenlebens. Auch das Verhalten von Freunden in der Kindheit und Jugend und das gesamte Umfeld sind prägend.

Je nachdem, wie sich diese Einflüsse darstellen – unsensibel, unreflektiert und rigide oder unterstützend, fördernd – bilden sich mehr die ungünstigen Aspekte der Charakterveranlagung heraus oder es können sich die Stärken entwickeln. Die ungünstigen Reaktionsmuster sind letztlich Notlösungsprogramme, die das Kind entwickelt hat, um reale oder vermeintliche Liebesdefizite
auszugleichen und um der Angst vorzubeugen, aufgrund von Liebesverlust verlassen zu werden und damit der Welt hilflos ausgeliefert zu sein.

Jede der neun charakterlichen Grundanlagen geht mit dieser Situation anders um. Die so entstandenen Reaktionsmuster benötigen wir allerdings als Erwachsene nicht mehr, da wir jetzt selbst über unser Leben bestimmen können und auch müssen. Dennoch sind sie fest in uns verwurzelt. Man spricht hier auch von Fixierungen. Diese verursachen dann Blockaden im freien Fluss des Lebens und in zwischenmenschlichen Beziehungen gleich welcher Art, aber auch ganz besonders in intimen Beziehungen.

Die Arbeit mit dem Enneagramm ermöglicht es, diese Muster aufzuspüren, um sie dann verändern zu können. Wir lernen uns dabei selber besser kennen. Die Stärken und die Individualität werden herausgearbeitet und von den Fixierungen befreit. Somit kann das Leben entspannter, authentischer, freier und facettenreicher gestaltet werden. In der Kommunikation mit den Mitmenschen wird es dadurch möglich, so manche sich ständig wiederholende Konflikte aufzulösen oder gleich im Vorfeld zu vermeiden.

Besonders hilfreich sind Enneagramm-Kenntnisse in der Paarbeziehung, wenn jeder sein eigenes Muster kennt und das vom Partner bzw. der Partnerin. Dadurch können etliche Beziehungskonflikte besser verstanden, entschärft oder ihnen auch vorgebaut werden. Der Umgang miteinander wird lockerer – ja sogar humorvoller – und persönliche Angriffe werden weniger. Aber auch, wenn nur einer von beiden die Muster kennt, kann das zur Entlastung von Paarproblemen beitragen. Keines der neun Muster ist besser oder schlechter als ein anderes!

Die Befürchtung, die verschiedentlich auftaucht, der Einzelne würde durch das Enneagramm in eine „Schublade“ geschoben, ist unbegründet. Es zeigt uns lediglich die Blockierungen auf, durch die unser Leben eingeschränkt wird, und zeigt die Möglichkeiten, wie diese aufgelöst werden können. So holt uns das Enneagramm eher aus „Schubladen“ heraus, in denen wir durch die Fixierungen stecken.

Die Ursprünge des Enneagramms stammen aus dem weit gefassten Bereich der alten Weisheitslehren und sind damit schon sehr alt. Woher es genau stammt, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Es werden verschiedene Quellen im nahen und fernen Osten genannt. Insofern bestehen auch spirituelle Deutungen des Enneagramms dahingehend, dass wir mit seiner Hilfe unsere ursprüngliche, durch Konditionierungen unverfälschte Identität (wieder)finden können, unsere Authentizität und unseren innersten Wesenskern.

Das Enneagramm hat im Verlaufe des letzten Jahrhunderts einige grundlegende psychologische Überarbeitungen erfahren, sodass es mittlerweile in erster Linie als ein psychologisches Modell betrachtet werden kann. Der Bekanntheitsgrad des Enneagramms wird immer größer und zeigt sich auch an der anwachsenden Zahl von ausgebildeten Enneagramm-Trainern. Auch wird es von etlichen psychologischen Beratern und Therapeuten als zusätzliches Hilfsmittel zur Persönlichkeitsentwicklung herangezogen.

Spotlight auf die Persönlichkeitsmuster: In dieser Kurzfassung kann nur sehr oberflächlich angedeutet werden, in welche Richtung sich die einzelnen Muster bewegen. Im Enneagramm sind jedoch sehr viele weitere Schichten der Persönlichkeitsstruktur enthalten, sodass äußerst detailliert damit gearbeitet werden kann. Neben der Lektüre von inzwischen sehr zahlreichen Büchern – die Klassiker und Standard-Werke sind unten angeführt – ist es sehr hilfreich, Seminare zu besuchen, die mittlerweile immer häufiger angeboten werden.

Sehr spannend kann auch sein, wenn möglich, die Teilnahme an einer Enneagramm- Arbeitsgruppe zum Erfahrungsaustausch und zur Vertiefung. Im Internet gibt es zahlreiche Tests zur Bestimmung des eigenen Typus. Sie sind nur sehr begrenzt zuverlässig und ersetzen nicht die anderen vorgeschlagenen Vorgehensweisen.

Je mehr Persönlichkeitsentwicklung in den einzelnen Charaktermuster stattfindet, desto mehr nehmen die betreffenden Menschen allgemeinmenschliche Qualitäten an und lassen sich dadurch in ihrem Charaktermuster weniger leicht unterscheiden. Deshalb werden beim Kennenlernen des Enneagramms zunächst vorrangig die unentwickelten Eigenschaften in den Fokus gestellt, die ja auch letztlich unsere problematischen Anteile darstellen, die wir loswerden wollen.

Wenn wir unser eigenes Muster finden wollen, ist es ein hilfreicher Hinweis darauf zu achten, dass wir eher richtig liegen, dort, wo wir beim Lesen der Beschreibungen in uns eher ein flaues Gefühl in der Magengegend bzw. Ablehnung empfinden, als dort, wo wir Begeisterung spüren. Es geht nicht darum, das Muster zu wählen, das uns besonders sympathisch ist und das uns besonders sympathisch ist und das wir gerne hätten, sondern uns zu bemühen, ehrlich mit uns selber zu sein bzgl. unserer Schwächen, denn nur so können wir auch wirklich daran arbeiten, uns von ihnen zu befreien.

Muster Typ Eins: ReformerIn/PerfektionistIn

Der idealistische Typ mit hohen Prinzipien. Er will hoch hinaus. Mit dem, was ist, gibt er sich nicht zufrieden. Verändern will er sich, verändern will er auch die Welt. Menschen vom Typus Eins sind gewissenhaft, halten sich an ethische Grundsätze und verfügen über ein ausgeprägtes Gespür für Recht und Unrecht; fühlen sich moralisch aber gern auch überlegen. Sie neigen zu Perfektionismus. Sie kritisieren sich selbst und andere und haben Angst, Fehler zu machen. Sie gehen genau und systematisch vor, stellen an sich selbst – aber auch an die anderen – sehr hohe Anforderungen, können sich dabei jedoch auch zu Nörglern entwickeln. Geduld und Gelassenheit sind nicht ihre Stärken. Sie neigen zu unterschwelligem Zorn.

Als Kinder mussten sie immer brav sein. Sie lernten, sich gut zu betragen und schon früh Verantwortung zu übernehmen und vor allem in den Augen anderer korrekt zu sein. Weil sie viel kritisiert wurden, lernten sie, sich zu überwachen, um Fehler zu vermeiden. Sie sind sehr beschäftigt damit, was sie tun sollten und was getan werden muss.

Entwicklung: Wenn sie lernen, Geduld zu haben, sich mehr Zeit zu nehmen und die Dinge weniger engstirnig zu sehen, können sie sich auch dahin verändern und entwickeln, dass sie vieles so sein lassen können, wie es ist. Im Idealfall sind Einsen weise, scharfsichtig, realistisch, von edler Gesinnung und bringen die Angelegenheiten des Lebens und der Welt in einer ausgewogenen,
zielstrebigen Weise voran.

Muster Typ Zwei: HelferIn/GeberIn

Der sorgende, die Nähe zu anderen Menschen suchende Typ. Die Menschen von Typus Zwei möchten gebraucht werden. Für andere da zu sein, das ist für sie ihr Sinn. Sie sehen sich selbst aber nicht als hilfsbedürftig, selbst wenn sie Hilfe bräuchten. Sie neigen dazu, sich ihre eigenen Bedürfnisse nicht einzugestehen, sich bis an die Grenze ihrer Kräfte für andere aufzuopfern und sich deshalb zu vernachlässigen.

Sie stehen anderen Menschen nicht nur aus selbstlosen Absichten bei, sondern um sich unentbehrlich zu machen und dadurch Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen (Helfersyndrom). Sie möchten geliebt und geschätzt werden. Sie sind durchaus freundlich, großzügig und warmherzig, können aber auch sentimental, schmeichlerisch und unterwürfig agieren. Hinter diesem Verhalten, dessen Hintergrund sie sich nicht bewusst sind, steht das Verlangen nach Zuneigung und Anerkennung, welche sie in intimen Beziehungen auch manipulativ und aggressiv einfordern können. Als Kinder bekamen sie Liebe und Anerkennung, wenn sie die Bedürfnisse anderer erfüllten und gefällig waren. Daher entwickelten sie ein feines Gespür, um Stimmungen und Präferenzen anderer zu erkennen.

Entwicklung: Wenn Zweien lernen, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche besser wahrzunehmen und zu realisieren, wenn sie lernen, auch einmal mit sich selbst allein zu sein, ohne sich um andere zu kümmern, dann können sie die Liebe, nach der sie sich sehnen, auch in sich und zu sich selbst finden. Sie sind dann klare, aufrichtige, einfühlsame und warmherzige Menschen. Im Idealfall sind Zweien selbstlos und altruistisch unter Wahrung der Grenzen anderer und der eigenen Bedürfnisse. In diesem Fall halten sie ihre Liebe zu sich selbst genauso für selbstverständlich wie die Liebe zu ihren Mitmenschen.

Muster Typ Drei: MacherIn/Statusmensch

Die Menschen von Typ Drei genießen es, bewundert zu werden, und dafür tun sie sehr viel. Sie lieben ihr Image und tragen daher oft Masken, hinter denen sie kaum noch sichtbar sind in ihrem wirklichen Wesen. Es kann sein, dass sie sich mit Menschen oder Projekten identifizieren, zu denen sie nur eine geringe innere Beziehung haben, wenn sie ihnen nur Erfolg versprechen. Sie möchten für ihre Leistungen geliebt werden, mögen den Wettbewerb und sind oft besessen vom Gewinnen und vom Statusvergleich mit anderen.

Um ihre Ziele zu erreichen, sind sie häufig arbeitswütig und legen sich verschiedene Rollen zu, in die sie je nach Umfeld schlüpfen. Sie sind der anpassungsfähige, erfolgsorientierte Typ. Dreien sind selbstbewusst, attraktiv und charmant. Mit ihrem Ehrgeiz, ihrer Überlegenheit und ihrer Tatkräftigkeit laufen sie jedoch Gefahr, sich auf Statussymbole und ihre
Karriere zu versteifen.

Als Kinder wurden sie wegen ihrer Leistung geschätzt und lernten daher, ihre Gefühle abzustellen. Sie flüchten daher in permanente Aktivität und sie neigen zur Eitelkeit.

Entwicklung: Wenn sie jedoch sich selbst und anderen nichts mehr vormachen, sich zu sich selbst bekennen und die Image-Orientierung ablegen, sind sie klar wie quellfrisches Wasser. Im Idealfall sind Dreien gefestigte, aufrichtige und glaubwürdige Menschen, die man sich zum Vorbild nehmen kann; die auch andere Menschen zu ihrer eigenen Stärke führen können.

Muster Typ Vier: RomantikerIn/KünstlerIn

Die Menschen von Typ Vier lieben das Besondere. Sie werden vom Unerreichbaren angezogen; das Ideal ist nie im Hier und Jetzt. Sie sind auf der Suche nach dem „besonderen Schatz“. Die Welt ist ihnen zu profan. Deswegen gehen sie ein Stück weit in den inneren Widerstand zu ihr. Zugleich sehnen sie sich aber danach, wie alle anderen in ihr zuhause zu sein. Der romantische, selbstbeobachtende und künstlerisch begabte Typ. Er zeigt sich oft tragisch, traurig, sensibel; ist ruhig, zurückhaltend und sehr einfühlsam. Diese Menschen sind direkt, offen und emotional aufrichtig, können aber auch zu Unsicherheit und Missmut neigen. Manchmal fühlen sie sich minderwertig und vom normalen Leben ausgeschlossen, kommen sich verletzbar und verkrüppelt vor, und ziehen sich dann von der Welt zurück.

Als Kinder wurden sie oder fühlten sie sich verlassen, im Stich gelassen, vernachlässigt. Sie leiden unter dem Gefühl des Mangels und Verlusts. Sie neigen dazu, das Leben von sich fern zu halten, gefallen sich im Selbstmitleid. Sie genießen auch ein Stück weit die schwarze Stimmung der Melancholie und baden darin, bis sie sie dann aber auf unterschiedliche Art bekämpfen: fatalistisch, hyperaktiv, künstlerisch.

Entwicklung: Wenn sie sich bemühen, das Sehnsüchtige, Künstliche und Exzentrische abzustreifen, sich auch mit der Routine und den grauen Zwischentönen des Lebens anzufreunden, wird auch die „gewöhnliche“ Welt ein Ort für sie, an dem ihre unruhige Seele Ruhe findet. Im Idealfall sind Vieren inspiriert und außerordentlich kreativ, da sie die Fähigkeit besitzen, aus ihren Erfahrungen zu lernen und somit immer wieder neue Wege zu beschreiten. Sie haben ein großes Einfühlungsvermögen für die kleinen und großen Probleme der Menschen.

Muster Typ Fünf: BeobachterIn/ DenkerIn

Die Menschen von Typ Fünf brauchen Abstand von dem, was ihnen zu lebendig erscheint. Sie wahren emotionale Distanz zu anderen und schützen ihre Privatsphäre. Häufig ziehen sie sich zurück, ohne jedoch Ruhe zu finden. Sie geben vor, nichts zu brauchen, um nicht in etwas hineingezogen zu werden, was sich nicht selten in einem minimalistischen Lebensstil äußert. Der ernsthafte, vergeistigte Typ. Sie haben den Verstand in den Mittelpunkt des Daseins gerückt und versuchen, durch spezielles Wissen Verbindung zum eigenen Menschsein zu finden. Sie verbringen viel Zeit mit dem Studieren und anderen geistigen Beschäftigungen. Sie verfügen über eine außerordentliche Konzentrationsfähigkeit und einige von ihnen widmen sich mit Hingabe der Entwicklung neuer Technologien und komplizierter Gedankengebäude. Wenn sie Probleme haben, entwickeln sie sich zu Einzelgängern, Exzentrikern und Nihilisten.

Als Kinder mussten sie sich zurückziehen; entweder, weil sie sich völlig verlassen fühlten und sich deshalb von ihren Gefühlen lösen mussten, um zu überleben, oder weil die Familie psychisch so aufdringlich war, dass das Kind emotional dicht machen musste, um damit zurechtzukommen.

Entwicklung: Wenn sie ihre Einsamkeit tief genug spüren, wagen sie es, am lebendigen Leben teilzunehmen. Sie sind verständnisvoll, wissbegierig und geistig rege. Im Idealfall sind Fünfen sehr zuverlässige Freunde oder Entdecker, die ihrer Zeit voraus sind und die Welt mit völlig neuen Augen sehen.

Muster Typ Sechs: Loyale/SkeptikerIn

Menschen vom Typ Sechs erwecken manchmal den Eindruck, als bräuchten sie andere Menschen mehr als sich selbst. Sie gehen in der Gemeinschaft auf, besonders dann, wenn sie ihr gleichgesonnen sind. Sie besitzen fast zwei entgegengesetzte Seiten. Einerseits sind sie sehr engagiert, fleißig, zuverlässig, pflichtbewusst und loyal, können aber auch ängstlich, ausweichend und abwehrend reagieren und von Zweifeln geplagt sein. Grundsätzlich sind sie sehr auf Sicherheit bedacht. Ihre Schwachpunkte sind Argwohn und Selbstzweifel. Nicht selten sind sie unentschlossen und fühlen sich leicht angegriffen. Dann reagieren sie unter Umständen trotzig und rebellisch. Unter ihrem Muster liegt die Angst vor einer bedrohlichen Welt, in der die Gefahr besteht, ins Bodenlose zu fallen. Ein Teil der Menschen von Typ Sechs reagiert darauf mit Anpassung, der andere Teil sucht bewusst die Gefahr – z.B. durch Extremsportarten – um auf diese Weise mit der Angst bewusster umgehen zu können.

Als Kinder haben sie den Glauben an Autoritäten verloren. Sie hatten vor denen, die Macht über sie hatten, Angst und waren unfähig, für sich selbst zu handeln. Grund für den Mangel an Vertrauen war meist Bestrafung oder Erniedrigung durch die Eltern oder deren Unberechenbarkeit.

Entwicklung: Wenn sie zu spüren beginnen, dass sie „mehr“ sind, als nur einer unter anderen; wenn sie sich auf den Weg machen, sich selbst besser kennenzulernen und sich zu entfalten, dann finden sie Mut zu sich selbst, richten sie sich auf und gehen auch ihren eigenen Weg. Im Idealfall sind entwickelte Sechsen selbständige, selbstbewusste und gefestigte Menschen, die ein Herz für die Armen und Schwachen haben.

Muster Typ Sieben: GlücksucherIn/ OptimistIn

Die Menschen von Typ Sieben suchen die Lust, die Freude, das Glück und finden es oft auch. Und wenn sie es gefunden haben, jagen sie gleich neuem nach. Sie wirken glücklich, möchten gern in Hochstimmung bleiben. Und wenn die Niederungen des Daseins wenige Glücksgründe herzugeben scheinen, schwingen sie sich auf und suchen sie in den Wolken. Der eifrige, produktive Typ. Siebenen sind spontan, optimistisch und vielseitig. Ihre praktische, spielerische und temperamentvolle Veranlagung kann jedoch zu Unverbindlichkeit, Schlampigkeit und Disziplinlosigkeit eskalieren. Sie sind dann oberflächlich, flatterhaft, abenteuerlich und gehen in Feinschmeckermanier an das Leben heran. Sie sind unentwegt auf der Suche nach neuen Reizen und Anregungen, an denen sie aber schnell wieder das Interesse verlieren.

Als Kind haben sie ihre Angst dadurch zerstreut, dass sie in die grenzenlosen Möglichkeiten der Phantasie geflüchtet sind. Sie haben angenehme Erinnerungen an ihre Kindheit, auch wenn sie objektiv schwierig war. Sie bezaubern andere durch Schmeichelei.

Entwicklung: Wenn sie zu begreifen beginnen, dass auch das Dunkle eine Seite des Lebens ist und mit dazu gehört, beginnen sie das ganze Leben zu lieben. Sie kommen mehr in die Nüchternheit, Sachlichkeit, Klarheit und neigen weniger zu Übertreibungen. Im Idealfall richten Siebenen ihre Talente auf Ziele, die lohnenswert sind, und werden so zu zufriedenen, fröhlichen und erfüllten
Menschen.

Muster Typ Acht: Boss/Starke

Der energische, dominierende Typ. Die Menschen von Typ Acht sind tief in ihrer eigenen Kraft verwurzelt. Sie sind geradlinig, stark und selbstbewusst. Sie brauchen Herausforderungen, um ihre eigene Kraft zu spüren und sie brauchen sie, um andere besser durchschauen zu können. Sie sind kämpferisch, nehmen die Sache in die Hand und lieben Auseinandersetzungen. Kampf ist für sie
Leben, Leben ist für sie Kampf. Sie müssen die Kontrolle haben und neigen sehr dazu, Wut, Zorn und Kraft zur Schau zu stellen.

So wirken sie in ihrem Auftreten oft einschüchternd und geraten auch mit anderen auf Kollisionskurs. Ihre Entschlossenheit, Gewandtheit und Fürsorglichkeit kann leicht in Stolz und Herrschsucht ausarten. Sie haben Schwierigkeiten damit, andere an sich heranzulassen. Menschen vom Typ Acht haben einen exzessiven Lebensstil: Alles wird übertrieben. Sie neigen dazu, sich wenig dafür zu interessieren, ob sie die Grenzen der anderen übertreten.

Ihre Kindheit erlebten sie kämpferisch: Nur die Starken wurden respektiert, die Schwachen nicht. Sie überlebten die Kindheit, indem sie eine harte persönliche Haltung einnahmen. Sie glaubten, gegen ungerechte Nachteile zu kämpfen und überlebten durch alle Arten von Konfrontation, die Feinde zurückweichen ließ. Die einen oder anderen von Typus Acht scheuten auch nicht den körperlichen Einsatz in Form von Schlägen. In der Erwartung von Nachteilen lernten sie, sich selbst zu schützen. Konflikte schüchtern sie nicht ein.

Entwicklung: In der harten Schale steckt jedoch ein weicher Kern, der oft allerdings sehr schwer zu erreichen ist. So kennt und liebt das verborgene Kind in ihnen auch das zarte Spiel. Dann übernehmen sie für Menschen, die ihnen sehr nahe stehen und für die sie Sympathie empfinden die Rolle des Beschützers und des Förderers. Im Idealfall üben Achten Selbstbeherrschung, verwenden ihre Energie und Großmut auf die Verbesserung der Lebensumstände ihrer Mitmenschen, werden nicht selten als Helden verehrt und gehen manchmal in die Geschichte ein.

Muster Typ Neun: Friedliebende/VermittlerIn

Der gelassene, zurückhaltende Typ. Menschen von Typ Neun gehören zu den „Stillen im Lande“. Sie fühlen sich in ihrer eigenen, verborgenen Welt am wohlsten. Der Umtrieb in der Welt ist ihnen oft lästig und lenkt sie nur ab von dem, was sie in sich selbst erleben. So scheuen sie Konflikte und kehren Probleme meist allzu schnell unter den Teppich. Sie können zwar alle Standpunkte zu einem Thema sehen, ersetzen jedoch bereitwillig eigene Wünsche durch die anderer und die eigentlichen Ziele durch unwichtige Aktivitäten.

Sie haben gelernt, sich selbst nicht wichtig zu nehmen und haben deshalb keinen eigenen Standpunkt und können schwer Prioritäten setzen. Entscheidungen zu treffen, fällt ihnen deswegen schwer. Das führt insgesamt zu einer Neigung zu ausgeprägter Passivität und auch zu Starrsinn.

Als Kind fühlten sie sich übersehen. Ihre Bedürfnisse wurden nicht berücksichtigt. So lernten sie sich zu betäuben, ihre Energie von den eigenen Prioritäten abzuziehen und sich selbst zu vergessen.

Entwicklung: Im Grunde sind sie stabile, vertrauensvolle und empfängliche Naturen. Sie sind hilfsbereit, unbeschwert, gutherzig und sanftmütig, haben eine extreme Ausdauer und ruhen tief in sich. Beginnen die Neunen sich der Welt zu öffnen, wird sie auch für sie liebenswert. Im Idealfall umarmen Neunen die ganze Welt und lassen sich nicht unterkriegen. Da sie sich unterschiedlichen Standpunkten öffnen können sind sie gute Vermittler und sorgen dafür, dass sich Kontrahenten an einen Tisch setzen.

Ruth Scheftschik ist inzwischen fast 10 Jahre mit dem Enneagramm aktiv unterwegs und freut sich auf Ihre Fragen.

Buchempfehlungen
1) Don Richard Riso, Russ Hudson – Die Weisheit des Enneagramms – Mosaik bei Goldmann
2) Das Enneagramm unserer Beziehungen – Maria-Anne Gallen /Hans Neidhardt – roro
3) Uwe Böschemeyer- Du bist viel mehr: Wie wir werden, was wir sein könnten. – Ecowin Verlag
4) Helen Palmer u. Rita Höner – Das Enneagramm: Sich selbst und andere verstehen lernen – Droemer Knaur
5) Richard Rohr, Andreas Ebert – Das Enneagramm – Neun Gesichter der Seele – Claudius-Verlag