Die meisten von uns wünschen sich ein reiches, abwechslungsreiches Leben. Gut drauf sein, ein toller Job, Party ohne Ende, Reisen, Fitness, Freunde und natürlich Wohlstand. Ja, das ist es. Das wird uns zumindest in den Medien, auf Plakaten an fast jeder Straßenecke suggeriert. Und man könnte es auch fast glauben. So muss das pralle Leben sein.

Wäre da nur nicht die eigene Wirklichkeit, auch manchmal abfällig Alltag genannt. Irgendwie fühlt sich der ganz anders an als die glitzernde, prickelnde, fröhliche Werbewelt. Da gibt es Momente der Freude, der Eifersucht, der Müdigkeit, der Angst, der Neugierde, der Achtsamkeit, der Gelassenheit, der Wut und der Traurigkeit. Sie alle betreten die Bühne und halten uns mächtig auf Trab.

Her mit dem schönen Leben

Und was ist daran verkehrt? Eigentlich gar nichts. Sie zeigen uns die Vielfalt, den Reichtum in uns. Jeden Tag, jeder Moment ist anders. Das einzige Problem ist nur, dass wir es gerne anders haben möchten. Wir möchten am liebsten nur happy sein. Wir möchten unsere Gefühle im Griff haben. Wir möchten die coolen Oberchecker aus der wunderschönen Werbewelt sein. Stets lässig, gut gebaut, immer einen lockeren Spruch parat.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“Annegret Braun“]Wenn wir uns darauf reduzieren, glücklich zu sein, übersehen wir viele Nuancen, die unser Leben bereichern.[/pullquote2]

Doch geht es wirklich so sehr darum, was wir möchten? Oder geht es auch darum, was das Leben von uns möchte? Also mehr Dialog als Monolog. Vielleicht macht es Sinn, achtsam zu schauen, was uns täglich begegnet. Wir wünschen uns doch ein abwechslungsreiches Leben. Dann macht es doch Sinn, uns der Vielfalt zu öffnen. Den Moment in all seinen Farben und Schattierungen aufzunehmen. Und nicht gleich zu sagen: So habe ich mir das aber nicht vorgestellt!

Das Leben zeigt sich uns in all seinen Nuancen. Geben wir den Widerstand auf, das Geschehen an die eigenen Vorstellungen anzupassen und staunen vielmehr über die täglichen kleinen Wunder. Wie viel Kraft wenden Sie jeden Tag auf, um unangenehme Gefühle zu unterdrücken? Können wir diese Energie nicht viel besser investieren? Was bringt es, sich über das Wetter, die Wolken, den Regen zu ärgern? Was haben wir davon, unangenehme Gefühle vertreiben zu wollen?

Wenn ich mich im Spiegel sehe, muss ich manchmal lachen. Da blickt mir jemand entgegen, der tief in Gedanken ist, so viel vorhat und vor allem mit seiner Sicht der Dinge beschäftigt ist. In diesem Zustand bin ich weder besonders empfindsam, noch offen für das was auf mich zukommt. Es zählt in erster Linie, was ich will, wie ich mir den Verlauf vorstelle. Und das es so nicht funktioniert habe ich schon oft, sehr oft zu spüren bekommen. Nachdem ich viel Energie investiert habe, frustriert war, gekämpft und mich geärgert habe.

Und Du glaubst, die Welt steht still

Ist es nun ein großer Gegensatz, im Moment zu sein, zu schauen, was er mir bringt oder Pläne zu schmieden und diese zielstrebig zu verfolgen? Ich glaube nicht. Meines Erachtens sind beide Qualitäten gefragt. Einen Fahrplan, eine Vision zu entwickeln und den Augenblick in sich aufzunehmen. Vorstellung und Realität miteinander abzugleichen. Beides ergänzt sich.

Die Welt steht nicht still, während wir planen. Und wenn wir planen, erfassen wir oftmals nur einen Bruchteil an Möglichkeiten. Wir sind so vermessen, zu glauben, das Universum mit unserem kleinen Gehirn zu erfassen. Klar können wir etwas bewegen. Jeden Tag, Schritt für Schritt. Und dann heisst es wieder, entspannen, aufnehmen, relaxen. Zu erkennen, dass Gefühle unsere Antwort auf die Geschehnisse sind. Sie zeigen, wo wir innerlich gerade stehen und was uns gerade möglich ist. Nicht mehr und nicht weniger.

[pullquote2 quotes=“true“ align=“center“ variation=“orange“ cite=“John Vance Cheney“]Ohne Tränen hätte die Seele keinen Regenbogen.[/pullquote2]

Gefühle sind der Regenbogen in uns. Sie verleihen unserem Leben Farbe, sie beinhalten Weisheit, sind manchmal schwer zu ertragen und bergen gleichzeitig die Lösung für Neues in sich. Warum sollten wir all das unterdrücken? Oder möchten Sie, dass der Regenbogen weniger Farben hat?

Freude, Liebe, Angst, Traurigkeit, Wut, Neid – Sie alle kommen zu Dir, um Dich zu berühren. Sie sind die Melodie des Lebens, sie sind Geschenke, das pralle Leben. Du kannst mit ihnen tanzen oder Dich verschließen. Du kannst sie als Gäste behandeln und lauschen, was sie Dir zu sagen haben.

Das erfordert mitunter Geduld und Vertrauen. Denn jede Botschaft offenbart sich nicht gleich. Seit vielen Jahren ist zum Beispiel die Traurigkeit meine Begleiterin. Sie färbt das Empfinden und ich habe manchmal schwer an ihr zu tragen. Wie eine dunkle Wolke scheint die Melancholie Licht zu absorbieren. Doch je mehr ich mich meiner Traurigkeit zuwende, desto besser vermag ich sie zu verstehen. Ich begreife, dass damit auch Gaben verbunden sein können. So habe ich in meinen dunkelsten Stunden mit dem Schreiben begonnen. Ein Reichtum, den ich nicht mehr missen möchte.

Haben Sie den Mut, Ihren inneren Reichtum, Ihre Weisheit zu entdecken. Lachen Sie, weinen Sie, wundern Sie sich. Gestehen Sie sich Ihre Wut ein, Ihre Angst, Ihre Traurigkeit, denn das gehört zum Reichtum des Lebens.