Wie können wir Probleme lösen, kreativer sein und unsere Bedürfnisse besser erfüllen? Diese Frage haben sich schon viele gestellt.

Eine hilfreiche Methode hat der 1926 in Wien geborene US-Amerikaner Eugene Gendlin entwickelt. Der Philosoph und Psychologe Gendlin suchte eine Antwort auf die Frage, was erfolgreiche KlientInnen anders machen als diejenigen, die von der Psychotherapie nicht profitieren. Dabei kristallisierte sich ein Prozess heraus, den Gendlin „Focusing“ nannte.

Die erfolgreichen KlientInnen unterschieden sich in mehreren Punkten so deutlich von den anderen, dass Beobachter, die die Kriterien kannten, schon bald vorhersagen konnten, welche KlientInnen ihr Leiden überwinden würden. Es stellte sich außerdem heraus, dass der Prozess, den die Erfolgreichen unbewusst anwandten, lernbar ist, also allen Menschen helfen kann.

Gendlin betont, er habe keine neue Psychotherapie erfunden, sondern eine Methode beschrieben, die weit über Psychotherapie hinausgeht. Jede Psychotherapie wird besser, wenn sie den Focusingprozess integriert. Aber auch wer wissenschaftliche oder alltägliche Probleme lösen möchte, kreativ und künstlerisch tätig ist, benutzt oft (unbewusst) Focusing.

Was hat Eugene Gendlin herausgefunden?

Die wichtigste Entdeckung war, dass erfolgreiche KlientInnen die Weisheit ihres Körpers nutzten. Nachdem sie etwas gesagt hatten, hielten sie inne und prüften, ob der verbale Ausdruck mit ihrem Körpergefühl übereinstimmte. Wenn ja, fuhren sie fort. Wenn nein, suchten sie stimmigere Aussagen zum Problem und seiner Lösung. In dem Moment, in dem sie eine zutreffende Beschreibung ihres Kummers gefunden hatten, empfanden sie eine Erleichterung. Dasselbe passierte, sobald sie einen passenden Schritt zur Überwindung ihrer Schwierigkeiten entdeckt hatten.

Das heißt, nicht der Verstand allein war an der Problemlösung beteiligt, sondern der Körper signalisierte den KlientInnen deutlich spürbar, ob sie auf dem richtigen weg waren.

Im Kern umfasst die von Gendlin beschriebene Methode die folgenden Schritte.

Man fragt sich zu Beginn so etwas wie: „Bin ich im Moment richtig zufrieden?“ und achtet dann auf die Resonanz des Körpers auf diese Frage. Entweder seine Antwort lautet: „Ja, alles läuft bestens.“ Oder er antwortet: „Nein, irgendetwas ist nicht in Ordnung.“

Bei „Nein“ kann man weiterfragen: „Was hindert mich daran, mich richtig wohl zu fühlen?“ Wieder wartet man ab. Nach und nach kommen die Antworten: „Da ist die Sache mit X.“ – „Und das mit Y ist auch nicht gut.“ – „Sonst noch etwas?“ – „Nein.“ Oder: „Ja, auch Z belastet mich.“

Hat man auf diese Art eine Reihe von Problemen identifiziert, fühlt man sich oft schon etwas wohler. Während man vorher nur mit einem vagen, unguten Gefühl herumlief, weiß man nun, was einen bedrückt.

Hat man mehrere Probleme entdeckt, kann man den Körper fragen, welches das Schlimmste ist und wie es sich genau anfühlt: Einengend? (Pause.) Beklemmend? (Pause.) Zusammengezogen? Man bleibt eine Weile dabei. Man lässt sich so viel Zeit, wie man braucht, um zu spüren und einen stimmigen Ausdruck für das körperliche Erleben zu finden. Man geht zwischen Bauch/Gefühl und Kopf/Verstand mehrfach hin und her.

Steckt der Prozess fest, kann man Fragen stellen wie: „Was würde dieses „Zusammengezogene“ brauchen, um sich besser zu fühlen?“ – „Was könnte mir helfen, einen kleinen Schritt nach vorn zu machen?“ Wichtig ist dabei, viel Geduld aufzubringen, bis die Antworten kommen. Ungeduldiges Zerren blockiert den Focusingprozess. Freundliches Warten, Interesse und sogar ein bisschen Neugier auf die manchmal überraschenden Antworten sind wesentlich hilfreicher.

Das Ziel ist erreicht, wenn sich mit der Antwort eine spürbare Erleichterung, ein gewisses Aufatmen einstellt: „Das ist es!“

Die meisten kennen Focusing aus Alltagssituationen, zum Beispiel wenn man sich im Restaurant etwas von der Speisekarte aussucht. Wie findet man das Richtige? Indem man bei jedem aufgelisteten Gericht kurz den Gaumen und den Magen fragt „Würde dir das schmecken?“, „Würdest du dich damit wohl fühlen?“ und auf die Resonanz achtet. Grundverkehrt wäre es, wenn man wegen einer Einladung einfach das teuerste Menü nähme, ohne den Körper vorher um Rat gefragt zu haben.

Focusing ist eine wunderbare Methode, Kopf und Bauch zusammenzubringen.