Vergeben bedeutet auch, den Ärger, die Wut nicht länger mit sich herum zu tragen, denn diese Gefühle wirken in erster Linie auf uns. Vergebung ist vor allem ein Geschenk an das eigene Leben.

Kerstin Hack ist Autorin und Herausgeberin von mehr als 100 Büchern und Impulsheften. Ihre Themen sind zentrale Lebensfragen, kreative Spiritualität und die Bewältigung von Krisen. Kerstin Hack leitet den von ihr im Jahr 2000 gegründeten Down to Earth Verlag in Berlin. Als systemischer Coach begleitet sie Menschen, um eigene Lösungen zu entwickeln.

Manche Ereignisse im Leben verletzen uns so sehr, dass sie uns über lange Zeit beschäftigen. Das können Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre sein. Wir sind in unseren Gefühlen gefangen. Was sind aus Ihrer Erfahrung hilfreiche Schritte, eine andere Perspektive einzunehmen und vergeben zu lernen?

Das Verwirrende sind ja nicht die Ereignisse, sondern die Gefühle, die sie in uns auslösen. Das gleiche Ereignis kann bei der einen Person Verunsicherung, bei der anderen Amüsiertheit und bei der nächsten Angst auslösen. Von daher ist es wichtig, nicht so sehr über das Ereignis nachzudenken, sondern über die eigenen Gefühle. Sich zu fragen: Was fühle ich, wenn ich daran denke?

Jedes Gefühl kann man als einen Hinweis auf ein erfülltes Bedürfnis („positive“ Gefühle) oder ein unerfülltes Bedürfnis („negative Gefühle“) sehen. Wenn man nicht so sehr über die alte Situation nachdenkt, sondern sich die Frage stellt: „Was brauche ich jetzt?“ kommt man der Lösung schon näher. Denn dann kann man weiterfragen: Wie kann ich – durch mich selbst, andere Menschen oder Gott das bekommen, was ich jetzt brauche?

Um den Schmerz nicht zu spüren, versuchen wir uns mit inneren Mauern zu schützen. Kurzfristig mag das helfen. Auf lange Sicht zahlen wir einen hohen Preis, denn Mauern verhindern Wachstum, Offenheit und Erfahrung. Wie können wir es schaffen, unser Herz offen zu halten?

Wenn Schmerzhaftes passiert, machen wir erst einmal zu. Das ist ganz natürlich. Das kann man aus meiner Sicht praktisch nicht verhindern – so wenig wie man verhindern kann „aua“ zu schreien, wenn man sich mit dem Hammer auf die Finger haut. Es ist eher die Frage, wie man es schafft, das Herz wieder zu öffnen. Aus meiner Sicht helfen die oben beschriebenen Schritte auch hier weiter – sind übrigens angelehnt aus dem Ansatz der gewaltfreien Kommunikation.

Wer gelernt hat – im Rahmen des Möglichen – gut für sich zu sorgen, kann sich auch wieder leichter für andere öffnen und ihnen in ihrer ganzen Unvollkommenheit begegnen.

Ist Vergeben vor allem ein intellektueller Vorgang?

Vergeben kann sehr komplex sein. Die bewusste – wenn man will intellektuelle – Entscheidung: „Ich rechne das dem anderen nicht mehr an“ kann ein Teil davon sein. Aber Vergeben kann auch viele weitere Facetten haben. Manchmal braucht man erst Trost, neue Hoffnung, Sicherheit, Klarheit über Abbruch oder Neugestaltung einer Beziehung, bevor man wirklich loslassen und vergeben kann.

In meinem Trainingsheft-Quadro „Vergeben lernen“ habe ich die vielen verschiedenen Aspekte des Vergebens beschrieben.

Viele fühlen sich Stress hilflos ausgeliefert. Wie kommt es, dass einige Menschen gelassener mit Belastungen, Konflikten und Misserfolgen umgehen können? Ist das eher Veranlagung oder hat das auch viel mit Übung zu tun?

Wissenschaftler gehen davon aus, dass etwa ein Drittel unserer Stressbewältigungsfähigkeiten Veranlagung ist, der Rest ist Übung. Ein Teil der Übung geschieht in der Familie. Hat man Eltern erlebt, die auf Herausforderungen panisch und gestresst reagieren, übernimmt man in der Regel diese Muster. Natürlich auch, wenn Eltern einen gelassenen Umgang mit Schwierigkeiten praktiziert haben.

Man kann sich da aber auch auf die Spur kommen, sich fragen, wie man üblicherweise reagiert und neue Muster bewusst einüben. Eher in kleinen Schritten. Also nicht: „Künftig will ich immer gelassen sein.“ Sondern eher: „Bei den nächsten stressigen Anfragen von meinem Chef, werde ich erst drei Mal tief durchatmen. Dann überlegen, wie ich es anpacke. Und erst dann loslegen.“

Ein wichtiger Aspekt, der bei Stress oft vergessen wird ist die Ernährung. Kohlenhydratreiche Ernährung und aufputschende Getränke stressen den Körper zusätzlich. Nahrung, die reich an Gemüse, Salaten und Eiweiß und guten Ölen z. B. in Nüssen ist, reduziert den Stress.

Die vielfältigen Anforderungen heutzutage verlangen uns einiges ab. Doch kommt der Druck nur von Außen? (Inwieweit stressen uns innere Muster wie Perfektionismus, schlecht Nein sagen können, usw.)

Wie viel Druck von Außen, wie viel von Innen kommt, ist von Person zu Person und Situation zu Situation verschieden. Manche Menschen sind schon gestresst, wenn sie ein Geburtstagsgeschenk für jemanden aussuchen sollen, andere kein bisschen.

Häufig ist es so, dass nicht die einzelnen Dinge uns stressen, sondern ihre Vielzahl. Da kann man konstruktiv überlegen: Was kann ich abschalten? Auf welche Informationen (Info-Mails), Aktivitäten und Aufgaben kann ich gut verzichten.

Den inneren Mustern auf die Spur zu kommen und sie durch hilfreichere zu ersetzen, ist eine lebenslange Aufgabe. Perfektionismus oder nicht nein sagen können, wird man nicht durch Kampf dagegen los, sondern in dem man sieht, welches berechtigte Bedürfnis – etwa nach Anerkennung und guter Verbindung zu anderen man sich dadurch erfüllt. Dann kann man nach sinnvollen Alternativen suchen – wie etwa sich selbst Anerkennung für gute (nicht perfekte) Arbeit auszusprechen. Oder Verbindung zu anderen aufzubauen, indem man transparent und echt ist.

 


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Manchmal scheinen wir in der eigenen Routine gefangen. Zum Beispiel wenn wir morgens hektisch aufbrechen, um die anstehenden Aufgaben abzuarbeiten. Bei all der Betriebsamkeit geht leicht die eigene Motivation verloren. Wie wichtig sind für Sie Zeiten der Einkehr?

Schlechte Routinen kann man durch bessere ersetzen. Ich beginne den Tag immer mit einer Tasse Kaffee oder Tee und Gebet. Manchmal vor dem Duschen, manchmal danach. Ich nehme mir einmal pro Monat einen ganzen Tag zum Reflektieren, Beten, Planen. Und einmal oder zweimal im Jahr ein langes Wochenende zur Stille. Ohne diese Zeiten würde ich als sehr aktiver Mensch „zerfransen“ und meine Kraft verlieren. Nicht jeder kann sich so viel Zeit nehmen – aber ein paar Minuten pro Tag sind für jeden möglich.

Inwiefern kann Spiritualität unser Leben bereichern?

Das ist eine riesige Frage, die Hunderte von Autoren vor mir in vielen dicken Büchern beantwortet habe. Für mich ist Spiritualität, die ich in persönlichem Bezug zu Gott, den ich als Vater und Herrn verehre, zum einen Halt, zum anderen Wegweisung für den Alltag und nicht zuletzt Trost und Inspiration. Je nach Lebensphase ist mal das eine, mal das andere mehr im Vordergrund.

Was gibt Ihnen Sicherheit in schwierigen Situationen?

Sicherheit finde ich zum einen im Blick auf das, was ich kann und in der Vergangenheit schon erfolgreich bewältigt habe. Manchmal vergessen wir beim Blick auf eine neue, herausfordernde Situation ja das, was schon an gut bewältigten Schwierigkeiten hinter uns liegt. Und daneben natürlich auch das Vertrauen, dass ein guter Gott mich und mein Leben im Blick hat und vielleicht nicht alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, aber mit mir durch die Phasen gehen wird. Ich bin nicht allein.

Welche Gedanken kommen Ihnen bei den Worten von Rainer Maria Rilke? Alle Kraft, die wir fortgeben, kommt erfahren und verwandelt wieder über uns.

Es bringt mich zum Lächeln. Aktuell engagiere ich mich stark in der Flüchtlingsarbeit. Das kostet Kraft. Ist manchmal auch ziemlich frustrierend, wenn nicht alle Probleme auf einmal gelöst werden können. Und gleichzeitig ungemein bereichernd. Ich lerne wunderbare Menschen aus den verschiedensten Ländern kennen. Und freue mich über die Vielfalt.

Wofür sind Sie dankbar?

Jeden Tag für etwas anderes. Gerade für den ermutigenden Anruf einer Freundin, die strahlende Sonne, die durch mein Bürofenster scheint, die Tasse aus feinem Porzellan, die vor mir steht, die vielfältigen und interessanten Menschen, denen ich begegne.

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Foto: Birgit-Cathrin Duval