Oftmals geht es erst einmal darum, innere Klarheit zu entwickeln. In Kontakt mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu kommen. Denn erst auf dieser Grundlage können für uns stimmige Entscheidungen wachsen.

Elmar Kruithoff ist Diplom-Psychologe und der Gründer des Zentrums für Focusing-Kompetenzen. Er arbeitet mit Menschen daran, ihre Beziehungen, Entscheidungen und Selbstfürsorge zu verbessern, indem sie lernen, ihr inneres Erleben achtsam zu explorieren und ihr inneres Handeln in Richtung Empathie und Akzeptanz zu verändern.

Wie kann Focusing unser Leben bereichern?

Die Idee hinter Focusing ist, dass ich schon jetzt spüren kann, was als nächstes wichtig wird in meinem Leben. Ich kann also spüren, was jetzt im Moment noch nicht in Worte gefasst ist oder noch nicht denkbar ist. Von meinen Klienten höre ich immer wieder Sätze wie: „Die Qualität meines Denkens hat sich durchs Focusing deutlich erhöht.“ Oder „Jetzt stehe ich viel klarer im Leben.“ Je besser ich im Kontakt und im Dialog mit mir selbst sein kann, desto einfach und klarer wird mein Leben.

Focusing bereichert mein Leben mit Klarheit und Einfachheit. Ich lerne die inneren Schritte des Focusing einmal, und kann mich dann über die Zeit mit den vielfältigsten Themen meines Lebens tief auseinandersetzen. Ich verstehe dadurch, wie ich in einer bestimmten Lebenssituation empfinde, kann mich aus alten Mustern befreien und stimmig handeln kann.

Wie bist Du mit Focusing in Berührung gekommen und was fasziniert Dich dran?

Ich habe Focusing an der Universität Hamburg kennengelernt als ich dort Psychologie studiert habe. Damals kam mir das alles nicht so einfach vor, wie ich es heute vermitteln kann. Das Spüren in den Körper fiel mir anfangs auch nicht so leicht. Geschweige denn meine Themen und Konflikte in dieser Zeit, die waren auch nicht sehr übersichtlich.

Mich faszinieren am Focusing vor allem die Einfachheit und die Anwendungsbreite. Denn wenn ich in einem guten Kontakt mit mir stehe, kann ich letztlich in jeder Situation oder bei jeder Entscheidung mein Spüren und Nachdenken dazu nutzen, stimmiger mit mir selbst und den Anforderungen, die an mich gestellt werden, zu leben.

Warum fällt es uns oftmals so schwer, Gefühle zuzulassen?

Das hat sicherlich sehr viele Gründe. Mir begegnen im Focusing-Unterricht oft sehr feinfühlige Menschen, die von sich denken, dass sie nichts spüren können. Ich merke das dann und sage mit einem Augenzwinkern: „Ich glaube, ich spreche gerade nicht mit Ihnen, sondern mit Ihrem inneren Kritiker. Kann es sein, dass Ihnen Ihre Gefühle niemals von jemandem gespiegelt wurden, als Sie klein waren?“.

Meist stellt sich dies als richtig heraus. Wir schneiden uns unsere Gefühle oft schon als Kinder ab, um unsere Mitmenschen nicht damit herauszufordern – und um die oft negativen Konsequenzen nicht zu tragen, wenn die Eltern wütend werden, oder traurig, oder manipulativ.

Oft geht es auch um den Wunsch nach Liebe und Anerkennung. Als Kind bekomme ich die vielleicht nur dann, wenn ich mich innerhalb eines vorgegebenen Rahmens bewege. Dadurch verlerne ich auch, meine eigenen Gefühle wahrzunehmen – weil ich mich eben nur anpasse, um eben die so dringend benötigte Liebe und Anerkennung zu erfahren. Eine Version dieser Dynamik ist das Leisten; ich leiste bis zum Umfallen, will alles perfekt machen, bemerke aber gar nicht, dass dahinter der Wunsch nach Liebe steckt.

Ein weiterer Punkt liegt in der Natur der Gefühle selbst und unserem Unwissen, mit ihnen umzugehen. Denn Gefühle können, wenn ich sie längere Zeit ignorieren musste, mich richtiggehend überschwemmen. Außerdem ist es oft dieser Mythos, dass es mir entweder „gut“ ODER „schlecht“ gehen muss. Aus Sicht des Focusing sind das nur unterschiedliche Zustände der Identifikation mit Gefühlen: Mal pendele ich ins Spektrum der angenehmen Gefühle, mal ins Spektrum der unangenehmen.

Der Witz dabei ist es aber, dass ich dann zu keiner Zeit in einem echten Kontakt mit mir bin. Im Focusing geht es deshalb oft darum, wie ich in eine annehmende Beziehung mit einem bestimmten Gefühl kommen kann. Denn wenn ich eine wertschätzende Beziehung haben kann, dann muss ich mich nicht mehr vor bestimmten Gefühlen verstecken, sie unterdrücken, auf sie mit Ärger reagieren oder sie anderweitig manipulieren, versuchen loszulassen oder zu reparieren.

Wie geht man im Focusing mit widersprüchlichen Gefühlen um?

Im Focusing werden widersprüchliche Gefühle zum Beispiel gleichzeitig und gleichwertig gehalten. Wir benutzen dafür das Wort „Und“, z.B. „Du spürst etwas in dir, dass ist voller Liebe UND du spürst etwas anderes in dir, dass sich schämt.“ Das gleichzeitige Halten dieser Gefühle kann erst einmal herausfordernd sein; es stellt sich dann aber schnell eine Erleichterung ein, denn ich muss mich nicht wechselseitig mit den Gefühlen identifizieren, ich brauche daher das jeweilig widersprüchliche Gefühl nicht mehr ausgrenzen.

Ich konzentriere mich dann außerdem nicht mehr auf den Kampf zwischen den Anteilen und habe auch nicht mehr den Druck, zu entscheiden, welches Recht hat. Beide Gefühle dürfen in mir existieren. Ich interessiere mich dann nicht mehr so sehr für die Kommunikation zwischen den Teilen („wer hat Recht?“), sondern auf die Kommunikation zwischen jedem einzelnen Teil und mir.

Welche Möglichkeiten siehst Du, um Mitgefühl für sich selbst zu entwickeln?

Mitgefühl entwickelt sich dann, wenn ich einen Anteil in mir so gut kennen lerne, dass ich dessen Gefühle, Beweggründe und Geschichte so tief verstehe, dass ich sehen kann: Du bist nicht mein Feind. Der Klassiker hierfür ist der sogenannte „Innere Kritiker“. Erst wenn ich verstehe, dass die Attacken aus Sorge und Hilflosigkeit und mit der Absicht, mich zu schützen, gefahren werden, kann ich an einem gewissen Punkt aus vollem Herzen sagen: „Kein Wunder! Kein Wunder, dass es dir so geht. Kein Wunder, dass du das Gefühl hast, dass du mich nur so schützen kannst“

Es gibt Momente, in denen wir nicht weiter wissen und die Situation ausweglos erscheint. Ebenso liegen die Antworten auf unsere dringenden Fragen in uns. Wie können wir ihnen auf die Spur kommen?

Aus der Sicht eines experientiellen Ansatzes wie des Focusing liegen die Antworten in den Situationen selbst bereit, als implizites WIssen. Mir ist es dabei wichtig anzuerkennen, dass es tatsächlich ausweglose Situationen gibt, d.h. also Situationen, in denen ich wenig Einfluss auf mein Gegenüber habe oder wenig bzw. keine Mittel und Möglichkeiten, um mich (schnell) aus einer Situation zu befreien.

Auch die Suche nach Antworten ist oft schwieriger als zunächst geglaubt, denn oft ist es eine festgefahrene Sichtweise auf die Situation, die den Ausweg verbirgt. Das kann ich im Focusing leicht erkennen, wenn ich zum Beispiel eine „Entweder-Oder“-Frage stelle oder die Entscheidung nur ein „Ja“ oder „Nein“ sein darf. Dann habe ich von vornherein verhindert, die Situation aus einer neuen Perspektive zu sehen, d.h. also als Prozess zu begreifen und mich den Unklarheiten ergebnisoffen zuzuwenden.

In ausweglos erscheinenden Situationen gibt es oft einen Teil, der forciert. Dieser Teil hat die Meinung, dass ich nur dann glücklich oder erfolgreich sein kann, wenn XYZ eintritt der erreicht wird. Dazu gesellt sich dann gerne ein Teil, der zweifelt oder kritisiert. Und oft gibt es dann noch Anteile, die erst einmal unsichtbar bleiben und nur lähmend wirken, z.B. der Glaube, dass ich etwas Bestimmtes nicht kann – oder auch der Widerwille, etwas Bestimmtes zu erreichen. Denn auch Erfolg wird gerne sanktioniert.

Wichtig ist es nun, zu erkennen und zu verstehen, dass alle diese Teile auf meiner Seite stehen. Dies kann ich erkennen, wenn ich nach deren Intention frage, warum sie also pushen, zweifeln oder blockieren; auf dieser Ebene sind die Antworten immer positiv und konstruktiv. Allen Teilen in mir, die diese inneren Dramen anzetteln, geht es um den Schutz der Person, um Sicherheit und um das Vermeiden von Verletzung, Schmerz, Bestrafung, Beschämung oder Bewertung. Sie entstehen immer um eine Verletzung herum.

Die Grundvoraussetzung, um sich über all diese Geschehnisse klar zu werden und ihnen zu helfen, sich zu entwirren, ist es 1) innezuhalten und 2) eine radikale Haltung von Akzeptanz und Annahme zu entwickeln, die sich darin ausdrückt, dass ich 3) bewertungsfrei und mitfühlend beschreiben und unterstützen kann, was immer in mir auftaucht. Dies kann dann 4) zu einer tiefen inneren Begegnung mit den einzelnen Teilen führen. Diese Schritte sind sehr spezifisch und präzise und manchmal subtil; und mir ist es wichtig zu sagen, dass dies nichts damit zu tun hat „positiv zu sein“ oder „loszulassen“ oder „das Bauchgefühl“ zuzulassen. Das wäre zu platt.

Heutzutage werden wir mit vielen Reizen und Informationen konfrontiert, die überwiegend mit dem Kopf verarbeitet werden. Wie wichtig ist Körperarbeit als Gegenpol, um sich besser zu spüren?

Ich empfehle Körperarbeit recht oft, weil mir das in meiner Geschichte immer sehr geholfen hat. Es ist tatsächlich ein wichtiger Gegenpol, allerdings sollte man sich klar darüber werden, welche Art der Körperarbeit wirklich hilfreich ist. Für mich waren das vor allem haltende Techniken im Shiatsu und in Cranio-Sakral und die ganz weichen Bewegungen, wie im QiGong.

Ich selbst habe eine Shiatsu-Ausbildung gemacht, lange QiGong geübt und Vipassana praktiziert. Heute beschränkt sich meine Arbeit auf das Focusing, da mir die Aufmerksamkeit auf den Körper inzwischen sehr leicht fällt – und weil meine Arbeit ja ständig mit Achtsamkeit und Wahrnehmung zu tun hat.

Was sind für Dich Kraftquellen, auf die Du in schwierigen Situationen gerne zurück greifst?

Meine Familie, Freunde, Gespräche, Lernen, Aufsuchen von Hilfsangeboten und Coaching, meine eigene Praxis des Focusing und der Meditation.

Wofür bist Du dankbar?

Heute bin ich dankbar dafür, dass meine Großeltern als Flüchtlinge ohne Kenntnis der deutschen Sprache und ohne Hab und Gut aufgenommen wurden und so die Grundlage für mein Leben legen konnten.

Welche Gedanken kommen Dir bei den Worten von David Hume? Die Schönheit der Dinge existiert im Geist dessen, der sie anschaut.

Das ist sicherlich richtig, aber es hilft nicht, wenn man nicht weiß, wie das gehen soll.

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