Ist es nicht merkwürdig, dass wir oftmals einen großen Teil unserer Befindlichkeit ausblenden? Im Alltagsmodus gerät das eigene Wohlbefinden leicht ins Hintertreffen. Wir funktionieren und unser Körper wird auf ein Werkzeug reduziert. Der Blick verengt sich, weil die anstehenden Aufgaben unsere Aufmerksamkeit vereinnahmen. Der Lärm der Gedanken übertönt die innere Stimme.

Doch wie könnte sich der Tag entwickeln, wenn wir mehr Zugang zu unseren inneren Kräften bekämen? Welche Möglichkeiten würden sich eröffnen, sobald wir unsere Qualitäten bewusster leben?

Jeden Morgen beginnt ein neues Leben

Jeden Tag haben wir die kostbare Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten zu entdecken. Beginnen wir den Tag doch einmal anders. Gönnen wir uns zum Beispiel nach dem Aufstehen 5 Minuten und verweilen in uns.

Wie fühle ich mich heute morgen?
Was möchte mein Körper, meine innere Stimme mir mitteilen?
Was brauche ich heute?

Spüren Sie in ihren Körper, ihren Kopf, ihre Brust, ihren Bauch, in die Arme, in die Beine. Welche Empfindungen dürfen sich zeigen? Welche Bilder tauchen vielleicht auf? Manchmal taucht eine Spur von Traurigkeit auf. Ein Teil von mir spürt Traurigkeit. Manchmal wird das Gefühl mit der Zeit tiefer, manchmal verflüchtigt es sich schnell. Manchmal tauchen daneben noch andere Empfindungen auf. Freude, Wut, Neid.

Kann das alles gleichzeitig in mir sein?
Darf das alles gleichzeitig passieren?
Erlaube ich mir das?

In diesen kostbaren Momenten können wir uns einmal anders wahrnehmen. Wir nehmen uns wahr und sind gleichzeitig der Beobachter. Dieser Perspektivwechsel bietet neuen Möglichkeiten und Einsichten. Ich fühle und sehe gleichzeitig. Ich gebe mir Raum, dass was ich sehe, in mir sein darf.

Wo stehe ich überhaupt?

Jede Sichtweise geht auf einen Standpunkt zurück. Wie erlebe ich das Leben, wenn ich meinen Blickwinkel verändere? Was im Urlaub, bei einer Wanderung, ganz selbstverständlich erscheint, funktioniert auch im Alltag. Vor allem können wir einen Bereich im Leben nur eingeschränkt sehen: unseren Standpunkt. Deswegen macht es Sinn, sich dieses Fleck mal von einer anderen Warte anzuschauen.

„Habt Geduld. Habt viel Geduld. Mit anderen – und ganz besonders mit Euch selbst.“ – Trinley Thaye Dorje

Dieses Erkunden gehört für mich zu den wichtigsten Eigenschaften im Leben. Dieses Umkehren des Fokus von Außen nach Innen. Nicht um vor der Welt zu flüchten, sondern um ihr begegnen zu können. Um meine Möglichkeiten, meinen inneren Reichtum zu erkennen.

Deine Gefühle sind Boten – höre auf sie

Das Erkunden der inneren Kontinente geht nicht immer ohne Gefahren einer. Da lauern Unwägbarkeiten, da stürmt es schon mal, vibriert die Erde, tun sich Abgründe auf. Da lässt uns Angst erstarren, macht uns Scham klein, peitscht die Wut uns auf. Und im Auge des Orkans ist es still. Da sitzt unserer innerer Beobachter, kann über das Spiel der gewaltigen Gefühle staunen.

Wir können spüren, was dieses auf und ab mit uns macht. Staunen woher die Wut kommt, wohin sie nach einer Weile geht. All dies ist in uns. Es ist die Vielfalt, der Reichtum des Lebens. Ich bin Held, Schurke, Wohltäter, Nutznießer, Engel und Teufel in einer Person.

Was macht die Angst mit mir? Was ist das Wesen der Angst? Welche Gedanken machen mir Angst? Wie würde ich mich fühlen ohne diese Gedanken?

Da gibt es eine Stimme, die keine Worte benutzt – höre ihr zu

Je entspannter, je absichtsloser wir all dieses beobachten, desto mehr innerer Raum kann entstehen. Wir merken immer bewusster, wir sind nicht unsere Gefühle, sondern haben unsere Gefühle. Wir sind ihnen nicht schutzlos ausgeliefert. Wir schenken ihnen Beachtung, treten mit ihnen in einen Dialog. Wir wollen die unangenehmen Gefühle nicht einfach weg machen oder sie am liebsten ignorieren. Wir versuchen nicht mehr krampfhaft, ständig gut drauf sein zu wollen.

Richten Sie Ihren Fokus für ein paar Minuten nach Innen. Lassen Sie den Atem in den Körper fließen. Spüren Sie Ihren Körper. Fragen Sie Ihr Inneres – Was brauche ich heute? Lassen Sie die der Antwort bitte Zeit. Manchmal kommen mehrere Impulse, manchmal vielleicht auch keiner. Es geht nicht um Leistung, nicht um intellektuelle Geniestreiche. Lassen Sie Antworten bitte stehen. Manche Botschaft eröffnet sich vielleicht erst später. Nehmen Sie es nach Möglichkeit als Hinweis, als Geschenk mit in den Tag.

Spüre Dich. Zumindest für einen Moment. Spüre Deine Füße, den Boden der Dich trägt. Spüre Deine Empfindungen, Deine Gefühle, Deine Stimmung. Nimm es einfach wahr, mache keine große Geschichte daraus.

Mit sich in Verbindung

Diese Haltung der inneren Einkehr, der ZENtrierung, ermöglicht uns einen ganz neuen Spielraum. Wir erleben das Außen und Innen bewusster, können das Wechselspiel erkennen. Wir können bewusst sitZEN, putZEN und tanZEN.

Was wir uns in erster Linie schenken können, sind Aufmerksamkeit und eine wertschätzende, liebevolle Haltung. Nehmen wir unsere Gefühl doch erst einmal wahr, anstatt darüber nachzudenken.

Es geht nicht darum, nur um sich kreisen, sich von der Welt zurück zu ziehen. Doch was passiert, wenn wir den Tag ohne innere Resonanz starten? Wie wollen wir präsent sein, wenn wir uns kaum kennen? Wie können wir unsere innere Stimme wahrnehmen, wenn wir in Gedanken ständig woanders sind? Natürlich bietet uns auch der Intellekt großartige Möglichkeiten. Doch wollen wir unsere anderen Fähigkeiten darüber vergessen?

Was brauche ich heute? Seitdem ich mir diese Frage regelmäßig stelle, wird mir klar, dass es oft nur Kleinigkeiten sind, die mir gut tun. Es sind auf den ersten Blick ganz banale Dinge, wie Zeit für einen Spaziergang, Muße für ein Gespräch, Raum zum Innehalten. Es braucht vielleicht gar nicht die großen Veränderungen, von denen wir hoffen, dann wird alles besser.